Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1931)
- Date
- 1931-05-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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42 wohin geht Sie Ingen-! /?Ä4V°"« von StuSienrat De. Nu-olf Zwetz (KafTcl) (5lirche unfc Nationalsozialismus, die sich, wenn man auss Programm sieht, ans das entschiedenste bekämpfen müßten, leben an vieler: Orter: friedlich nebeneinander. Arrf diese sehr starren, meist gefühlsmäßigen Zusammenhänge wirft die irr: folgendennntgeteilte Unterredung, die der Verfasser mit einem Geistlichen der evangelischen Landeskirche hatte, ein bezeichnendes Licht.) Pfarrerr Ich hätte schon seit -langen: gern einmal mit Ihnen, Herr Doktor, über die Lage unserer Jugend gesprochen. Ich verschob es immer wieder, denn ich sagte nur: Dr: mußt dabei Dinge berühren, die dem Lehrer deines Jungen nicht angenehm zu hören sein werden. Und dann kam die Weihnachtszeit, das Fest des Friedens, und die Besprechung unterblieb. Man will doch schlieszlich auch nicht, daß der Junge Schwierigkeiten . . . Sie verstehen — — Lehrer: Ich bin für sachliche Kritik immer empfänglich, auch wenn Politische Frage:: berührt werden. Ich bedauere, Herr Pfarrer, daß Sie meine Objektivität in Zweifel ziehen. Pfarrer: Aber ich bitte Sie, Herr Studienrat, das habe ich doch nicht gesagt! Sie können versichert sein, daß wir alle Ihren Unterricht durchaus schätzen. Nein, lassen Sie uns doch einmal vorurteilsfrei von Mann zu Mann d:e Lage prüfen. Sehen Sie, mein Walter ist ein stiller, grüblerischer, in sich gekehrter Junge, der an politischen, zumal parteipolitischen Dingen gar kein Interesse nimmt. Er hat in letzter Zeit mehrfach darüber — ja, rnan kann schon sagen g e klag t, daß in der Schule, auch im Unterricht recht oft und recht ausgiebig über politische Geschehnisse gesprochen werde. Und ich weiß nicht, ob Sie mir nicht zustimmen müßten, wenn ich meine: Jungen in diesem Alter sind doch noch in keiner Weise reif zu politischer Urteilsbildung. Warum sie also mit Polit:k behelligen? Lehrer: Ich danke Ihnen für Ihre offene Kritik, Herr Pfarrer. Vielleicht interessiert es Sie zu hören, daß Ihr Sohn Walter vorgestern in einem eingehenden und recht gutenNeferat über die nationalsozialistische Versammlung mit dem Thema: „I u d e n t u m und Deutschtum" der Klasse berichtet hat? Pfarrer: —? —? — Lehrer: Ja, ich stimme Ihnen durchaus bei: dieses politische Interesse der Jungen halte ich auch für ganz erheblich verfrüht. Und ich beobachte immer wieder, daß es sich durchweg nach der gefühlsmäßigen Seite hin orientiert. Für klare Erfassung politischer Begriffe sind sie noch nicht reif, also laufen sie der radikalen Reklame nach. Zumal die Idee des Füh rertums hypnotisiert sie. Ist das nicht auch irgendwie mit echter Jugendlichkeit verknüpft? Pfarrer: Sie sagen, mein Walter hätte-? Lehrer: Darf ich nun vielleicht Ihre Aufmerksamkeit auf das zweite Anlockungsmittel des Nationalsozialismus lenken, das ebenfalls auf die Gefühlssphäre unserer Jungen wirkt: den Antisen:itismus? Fraglos sind Sie als Beamter unserer Kirche mit mir als evangelischem Christen darin einig, daß diese judenfeindliche Haltung einer einMßreichen politischen Gruppe im Interesse des konfessionellen Friedens tief zu bedauern ist? Und nun sehen Sie unsere Jungen, auch Ihren Jungen an: sie bekommen von den Nationalsozialisten dieses Rezept: „M a r^ x i st e n und Juden — jüdische Marxisten — sind schuld an Deutschlands Unglück!" Wie bequem! Wie handlich! Wie rasch auszufassen! Alles, was ' wir Schlimmes erdulden, Arbeitslosigkeit, Waffenlosigkeit, Tribute — all das ein Werk der in geheimer Weltorganisation verschworenen Juden. Das muß auf die Gesühlslage der Jungen Nürken, nicht wahr? Als ich z. B. zur Reichsverfassung kam, hieß es erst in Andeutungen, dann — als ich diesen Bemerkungen nachging — auch offen: Die Aerfassung vor: 1919 ist ein Werk des Judeutulus. Und so fort durch die ganze neueste Geschichte hindurch. Pfarrer: Und da haben Sie meinen Sohn beauftragt, sich über die Ansichten der Nationalsozialisten zu orientieren —? Lehrer: Ganz im Gegenteil, Herr Pfarrer! Ihr Walter war von vornherein einer von den entschiedensten Vertretern dieser Ansicht, und ich freute mich eigentlich dieser fugen wichen Entschiedenheit. Er versicherte, bis zu dm: kürzlich ergangenen ministeriellen Verbote eine ganze Anzahl nationalsozialistischer Versammlungen besucht zu haben. Pfarrer: Aber wie ist das möglich! Er geht ja abends kaum ans, höchstens mal gelegentlich zu einen: Freund zun: Schachspiel oder zun: Musizieren? Lehrer: Ich verstehe Ihre Enttäuschung, Herr Pfarrer. Aber den Fall haben wir ja häufig, daß Jungen in diesem Mer eine Art Doppelleben führen. Das klingt so gefährlich, ist in: Grunde aber nur eine Feststellung der Jugendpsychologie, mit der noch nicht einmal über den sittlichen Charakter des Jungen ausgesagt ist. Ich sehe ja, wie die aktive, radikale Erinnerungen an General W. Reinhardt Von Rabbiner Dr. Italiener (Hamburg). Der vor einigen Monaten erfolgte Tod des Generals Reinhardt weckt in mir die Erinnerung an die beiden letzten Kriegsjahre, in denen ich Gelegenheit hatte, das Wirken dieses hervorragenden Mannes aus unmittelbarer Nähe zu beobachten. Reinhardt war Anfang des Jahves 1917 — dem militärischen Range nach erst Oberstleutnant —- als Chef des Stabes zu dem Oberkommando der 7. Armee gekommen, dem ich als Feldrabbiner zngetellt war. Schon eine flüchtige Begegnung mit Reinhardt lieft empfinden, daß man einem geistig und charakteristisch besonders wertvollen Menschen gegenüberstand. Der Vorwurf der Unnahbarkeit, den man oft den Generalstäblern des ulten Heeres - gemacht hat, traf für Reinhardt nicht zu. Er besaß eine natürliche Freundlichkeit und — wohl ein Erbteil seiner süddeutschen Heimat — eine besondere Kunst der Menschenbehandlung. Vor allem aber war er durch Mut und Gerechtigkeitssinn ausgezeichnet. Reinhardt hatte nicht nur den für einen Berufssoldaten eigentlich selbstverständlichen Mut vor dem Feinde, der ihn häufig — zur Besorgnis seiner Umgebung —, ohne Deckung zu nehmen, die Stellungen in vorderer Linie besichtigen ließ, sondern auch den Mut vor dem „Freunde", sür den Bismarck bekanntlich die Bezeichnung „Zivilcourage" geprägt hat. Das bittere Wort, das während des Krieges unter den Mannschaften im Uml-auf war: „Gleiche Löhnung, gleiches Essen, war' der Krieg schon längst vergessen", bestimmte Reinhardt, sich wiederholt an der Offizierstafel das Ma>nnschaftsessen seines Burschen austragen zu lassen, während er diesem die eigene Portion zukommen ließ. Auf die verwunderte Frage des neben ihm sitzender^Oberbesehlshabers: „Was essen Sie denn da, Reinhardt?", erfolgte prompt die Antwort: „Exzellenz, ich bin bei meinem Burschen zu Gast."- Der Gerechtigkeitssinn Reinhardts zeigte sich auch in seiner Haltung gegenüber den jüdischen Soldaten feiner Armee. Die jüdische Feldseelsorge war für ihn nicht etwa eine „quautitö nägligcable“. Dankbar -erinnere ich mich, mit welchem warmen Verständnis Reinhardt meinen Ausführungen zu folgen gewillt war, als ich ihm die schmerzliche Enttäuschung schilderte, die die vom Kriegsministerium angeordnete sog. Judenzählung vom Oktober 1916 seinerzeit bei den jüdischen Soldaten ausgelöst hatte. Unvergessen ist mir auch folgende Episode geblieben. Im Herbst 1918 wurde ich von Jugendpsychologie, mit der noch nichts einmal spekulativen Anlage urn Ausgleich ringt. Wie schwer :nag seinen: Drang nach Wahrhaftigkeit dieses Verbergen, dieses Ulnschätten gewesen fein! Pfarrer: Was Sie tun können, dresen Ausgleich zu beschleunigen, tun Sie doch, bitte! - Lehrer: Sehr gern. Eber: dieser Absicht entsprang ja mein Bemühen, den Jungen in unseren Aussprachen begreiflich zu machen, daß zunächst einmal eine selbständige Vegrisfsbilduug erfolgen müsse, -ehe mar: Stellung nimmt. Und um auf diesem Wege einen erste:: praktische:: Schritt zu tun — denn es drehte sich ja nteift um die Frage des Antisemitismus —> gingen w i r in di e Sy na g o ge. Pfarrer: Ach richtig! Ich sah zunächst den Zweck nicht ganz ein. Aber es ging wohl um Aufklärung in: Geiste Lesstngscher Toleranz —? Lehrer: Um mehr! Aufklärung — gewiß. Aber „Aufklärung" bedeutet ja nicht, daß man den eigenen Standpunkt aufgibt und auf den des andern tritt. Vielmehr wird man bei solchen: Vergleich der Kultforme:: neben vielen: Gerneinsamen deutlich das Trennende erfassen. Und aus dieser Bewußtheit erwächst die Sicherheit eigener Glaubensüberzeugung, die es nicht nötig hat, ja ablehnt, andere, die ebenso fest in: Erlebungsgrund ihrer Überzeugung wurzeln, um solcher Verschiedenheit -willen anzugreifen. -- Was ist denn der ganze Antisemitismus weiter als ein Produkt einer inneren Unsicherheit? Sehen Sie, und zu dieser Bewußtheit möchte ich unsere Jungen führen.? meiner damaligen Heimatgemeinde Darmstadt reklamiert. Meine Gemeinde, die durch meine Tätigkeit im Felde mehr als vier Jahre lang ohne Rabbiner gewesen war, drängte auf die Heimkehr. Demgemäß wollte ich mit Eintreffen meines Nachfolgers abreisen, um somehr, als wegen der dauernden Bewegung der Truppen der Rückzug war in vollem Gange — unsere Tätigkeit als Feldriabbiner damals schon auf ein Minimum herabgedrückt war. Da ist es Reinhardt geioesw, der darauf bestand, daß ich noch blieb. Ich sollte —. das war sein ausdrücklicher Wunsch — erst meinen Nachfolger, der aus der Heimat kam, in die ungewohnte Tätigkeit eines Feldgeistlichen etwas hineinwachsen lassen. Diese Anteilnahme an der jüdischen Seelsorge bekundete Reinhardt zu einer Zeit, in der Kopf und Nerven auf das höchste angespannt waren, und da er durch, die sich täglich verschlechternde Kriegslage stündlich vor die schwersten Entscheidungen gestellt war. Mitte Oktober 1913 stand ich zum letzten Male vor Reinhardt. ES war in einem französischen Flecken in einem kleinen Zimmer, in das von der Straße der Lärm der zurückflutenden Truppen drang. Der Chef sah bleich und übernächtigt aus. Er dankte mir für meine- Tätigkeit und sagte: „Sorgen Sie, daß die Menschen in der Heimat den Mut nicht verlieren. Es mag sein, daß unser deutsches Volk Fehler gemacht hat, aber unsere Feinde sind die letzten, die uns dafür zur Rechenschaft ziehen dürfen. Wir sind einem Höheren verantwortlich." Reinhardt war einer der wenigen Ofsiziere, die sich nach der erfolgten Umwälzung in Deutschland der neuen Negierung mutig zur Verfügung stellten. Ich hielt es für meine Pflicht, Reinhardt dafür zu danken. Ich schrieb ihm, daß seine Haltung im Frieden den Eindruck bestätige, den ich während des Krieges von ihm empfangen hätte. Reinhardt, der inzwischen Kriegsminister geworden war, gab mir am 20. März 1919 folgende eigenhändig geschriebene Antwort: „Sehr verehrter Herr Rabbiner! Ihre freundlichen Zeilen vom 27. Febaruar freuten mich besonders. Haben Sie herzlichen Dank. Wo so vielerlei Untreue ist, wirkt Treue und Kameradschaft doppelt segensreich! Mit den lebhaftesten Grüßen bin ich Ihr ergebener Reinhardt." „Wo so vielerlei Untreue ist . . ." Die letzten Worte des Briefes erscheinen jetzt nach dem allzu frühen Heimgang Reinhardts wie ein Vermächtnis, gerichtet an alle Glieder des deutschen Volkes. In dieser haßerfüllten Zeit liegt die Gefahr nahe, klein und verbittert zu werden. Da ist es gut, von Zeit zu Zeit den Blick auf Menschen zu richten, die voll Treue in stillem, ernstem Dienst der Pflicht ihren Weg gehen. Solch ein Mann ist derjenige gewesen, dem diese Zeilen als ein Zeichen dankbaren Gedenkens gewidmet sind.