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Central-Verein-Zeitung · 1931-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1931) · page 9

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1931
Issue
Heft 5-6 (Mai 1931)
Date
1931-05-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
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41 gleichgültig ist, nichts geändert hat. Wir wissen uns in dieser Auffassung im Einklang mit dem Gedanken des nwdernen demokratischen Staates, wie er sich am deutlichsten in den Staatsanffassnngen der westlichen Demokratien widerspiegelt. was ist Assimilation? Wir müssen nun noch Antwort ans die Frage nach dem Ziel geben, zu dem wir als Inden hinstreben. Soll dieses Ziel die völlige Assimilation im eigentlichen Sinne des Wortes sein, d. h. soll sie zur völligen Auflösung des Judentums führen? Wir kommen damit auf den vielmnstrittenen Begriff der Assimilation. Assimilation ist ein Wort, das wir zur Kennzeichnung unserer Nichtung überhaupt nicht sehr gern benutzen. Wir können vielleicht unseren Standpunkt am leichtesten deutlich machen, wenn wir von einer llnterscheidung ausgehen, die einer unserer klügsten Köpfe einmal gemacht hat. Er unterschied Zwischen der Assimilation im Dativ und im Akkusativ, zwischen 86 a88imilar6 und sibi assimilare. Se assimilare, das ist die völlige Aufgabe der Eigenart, die Auflösung in der Umwelt, wie das Wasser eines Flusses im Meer. Das ist der Weg, den wir nicht gehen wollen. Wir assimilieren uns im Dativ, die Elemente, die uns der mütterliche Boden unseres Heimatlandes darbietet. Wir gleichen einer Pflanze, die einmal in lange entschwundenen Zeiten in einem anderen Boden gewurzelt hat, die aber jetzt mit der ganzen Haftkraft ihres Wurzelwerks im heimatlichen Boden wurzelt. und aus der Erde dieses Bodens täglich und stündlich neue Kräfte sangt. Wir glauben, daß diese Bewahrung unserer gewachsenen Eigenart, die gleichzeitig bis in die letzten Verästelungen von heimatlichen Säften durchdrungen ist, die gegebene Lösung unseres Problems darstellt. Und wir können abschließen mit der schönen Formulierung, die einmal Walther Rathen au dafür gefunden hat: „Ich teile die gute Zuversicht, daß die Lösung nur eine Versöhnung sein kann. Eine Versöhnung, nicht eine Verschmelzung. Tenn der farbige Reichtum der Tinge auf Erden ist so herrlich und unberührbar heilig, daß kein schöpferischer Gedanke fordern darf, ein organisch Tiefgegründetes um eines anderen Organischen willen zu opfern." Unser Kampf gegen den Judenhaß. Wir werden hier nicht die robusteste Form der Auseinandersetzung mit den Judengegnern, den Nadauantisemitimus, berühren. Aber es mutz doch gesagt werden, daß das Meer von Schnnltz, durch das lvir beständig waten müssen, manche Ueberempfindlichkeit.auch auf unserer Seite erklärt. Man hat doch in mchtjüdifchen Kreisen kaum eine Vorstellung davon, in welcher tief vergifteten Atmosphäre der junge Jude bei uns heute aufwächst. Daß der Angegriffene sich wehrt, sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Wenn wir diesen A b w e h r k a m p f gegen Hetze und Verleumdung führen, wissen wir, daß das gleichzeitig ein Kampf urn den inneren Frieden unseres Staates ist. Die Unterstützung, die wir in Zunehmendem Maße bei Nichtjuden, insbesondere bei den politischen Parteien der republikanischen Mehrheit finden, zeigt uns, daß man begriffen hat, daß es im Grunde hier nicht mehr um den Juden geht, sondern um die Frage, ob die Meinungsdiktatur einer. Minderheit die geistige und politische Freiheit eines Staates untergraben darf. Daneben geht aber, und soll auch hier gehen, die vertiefte geistige Auseinandersetzung. Sie geht auch hier wieder in erster Linie um den Volksbegriff. Dr. Stapel hat uns seinen Volksbegrisf dnrgestellt. Er steht im Volke ein organisches, nach biologischen Gesetzen bestimmtes Wesen und glaubt, daß das Wesen des deutschen Volkes innerlich mit dem Wesen des Juden unvereinbar sei. Stapel übersieht, daß Völker nicht Produkte der Natur sind, sondern der Geschichte mit all den Zufälligkeiten ihrer Entwicklung. Gerade Deutschland hat im Lause seiner Entwicklung so viele Einwanderungen fremden Bolkselementes in sich ausgenommen, daß von einer biologischen Einheit als Fundament des deutschen Volksbegriffes gar nicht die Rede sein kann. Es ist eben des deutschen Volksbegriffes gar nicht die Rede sein kann. Es ist ein grundsätzlicher Fehler, Betrachtungen aus der Welt der Natur in die Sphäre menschlicher Entwicklungen zu übernehmen. Die Pflanze, das Tier unterliegen dem Zwang ihrer Art Der Mensch ist, wie es Herder einmal gesagt hat, der erste Freigelassene der Schöpfung. „Querverbindungen," 1 Nun hat Dr. Stapel die sehr gefährliche These ausgestellt: Wenn man vom deutschen Juden sein Deutschtum abzteht, dann bleibt ihm immer noch sein Judentum; der Deutsche hat nichts als sein Deutschtum. Das ist zunächst eine logisch falsche Beweisführung. Sie setzt eine Existenz, des „deutschen Menschen" im sozusagen luftleeren Raume voraus und übersieht, daß jeder von uns in tausend ZusammerMnge übernationaler Art hineingestellt ist. Ten Gläubigen der kathoWhen Kirche hat man die gleichet: übernationalen Bindungen zum Vorwurf gemacht, den ,/nationalen" Industriellen aller Länder hat inan diese Verflechtung schon weniger übelgenommen. Spengler hat im ,,Untergang des Abendlandes" auf die geistige und soziale Gleichförmigkeit der Bauernschichten ans der ganzen Erde hingewiesen. Und für den nwdernen Europäer wachsen täglich neue „Querverbindungen", die nur der beanstanden kann, der prinzipiell sich und sein Volk mit chinesischen Mauern nbschließen null. Eine spätere Zeit wird es einmal nicht mehr verstehen, daß man aus der Gemeinsamkeit, lute sie Katholizismus, Sozialismus, Freimaurerei, Judentum und viele andere solche Gemeinsamkeiten schassen, eilte nationale Verdächtigung gentacht hat. Gewiß ergeben sich ans solchen Gruppenzugehorigkeiten unb der Staatszugehörigkeit gewlsse Spannungen. Aber so, wie ein Einzeltnensch ohne Spannungen sehr langweilig ist, wie nur die Polarität des WesenS den Menschen produktiv macht, so ist es auch mit den Staaten. Sie werden um so produktiver, je mehr solcher gesunder Spannungen ste in sich bergen. Was das Verhältnis von Staat und Weltreligion anbelangt, so möchte ich hier nur die Worte eines der fciitfiut Köpfe des deutschen Judentums, Leo Baecks, zitieren: „Der Mensch der Weltreligiott lebt in der zweifachen Sphäre, in der seines Staates und in der seiner Religion. Velden gehört er durch Geschichte, Geschick, Wille, Arbeit, Treue, Hoffnung zn. Er ist auch hienieden gleichsam der Bürger zlveier Welteil. .Und es ist lvahr, es ist oft eitle Spannung darin belvirkt, aber es ist die Spannung, ans welcher menschlicher und geschichtlicher Segen, Segen auch für den Staat geboren wird." Es ist die objektive Volkstheorie Dr. Stapels also nicht zll halten. Wenn das Tier objektiv zoologisch bestimmbar ist, so rst für den Menschen in seiner Existenz der subjektive Wille maßgebend. Dieser Wille, Glied eines Volkes zu sein, ist objektiv nienlals meßbar, man kann ihn nur bekennen. Und man muh voll dem Staate fordern, daß er dieses Bekenntnis, wenn es der Ausdruck ehrlicher Ueberzeugung ist, ohne Inquisition hinnimmt. Objektiv feststellbar sind nur zwei Dinge: die positiven Leistungen kultureller Art, die ein Mensch oder eine Gruppe vollbringt, und die Opfer, die sie für die Gesamtheit 511 bringen imstande sind. Beides lst voll den Inden als Gliedern des deutschen Volkskörpers überreichlich belegt lvorden. Es widerstrebt mir hier aufs tiefste, gegenüber den Ausführungen Dr. Stapels den Beweis für die kulturellen Leistungen der deutschen Juden zu erbringen. Es gibt genug solcher von Judetl geschaffenen Kulturwerte, die man überall dort, wo deutsche Kultur als Wert gilt, als spezifisch deutsche Leistungen empfindet. Namen, wie Heinrich Heine itnd Max Liebermann sprechen für sich selbst. Ebenso ist die Opserbereitschaft der Juden im Dienste ihres Vaterlandes überreich zu belegen. Die 12 000 Gefallenen, die allein das deutsche Judentum tut Kriege hat darbringen müssen, erheischen Respekt vor der Opserbereitschaft im Dienste des Vaterlandes. Wir sehen überhaupt in den Auseinandersetzungen über den Volksbegriff eilten Kampf zwischen dem Staatsgedatlken von gestern und von morgen. Wir glauben, daß die staatliche Entwicklung mit Notwendigkeit auch bei mts dahin gehen muß, wohin sie zum Teil in den Ländern des Westens bereits gegangen ist. Der Staat fragt nur nach dem Bekenntllis des einzelnen zur nationalen Kultur und nach der Opserbereitschaft. Aber er verlangt nicht mehr die uniformierte Gleichheit der geistigen Existenz seiner Untertanen. Das bedeutet keine Minderbewertung des Begriffes einer ttationalen Kultur. Aber es bedeutet eine Beschränktmg des absolutistischen Staatsbegriffes aus den Begriff eines Staates des modernen Menschen, der in übernationalen Bindungen, der in der Bewahrung von Sondereigenarten keine Gefährdung der nationalen Geschlossenheit eines Staates mehr sieht. Wir glauben an den Sieg der Idee. Sie werden, meine Damen und Herren, im Lause dieser Konferenz eilte Reihe von jüdischen Rednern und Richtungen kennenlernen, und Sie werden vielleicht zunächst die Verschiedenheit der Meinungen, die Ihnen da entgegentreten wird, dazu benutzen, um den weitverbreiteten Irrglauben von der völligen Einheit des Judentums zu korrigieren. In einem Gedanken allerdings werden Sie alle jüdischen Vertreter hier und alle Inden überhaupt vereinigt sinden: in dem Glauben an den schon alttestamentarisch in uns verankerten Gedanken der friedlichen V ö l k e r v e r st ä n d i g u n g. Und wenn man, im Gegensatz zu manchem anderen, was Sie hier gehört haben, mit diesem Appell an die Förderung friedlicher Verstänoigungsmöglichkeiten zwischenden Menschen schließt, so glaube ich, daß ein solcher Appell am wirkungsvollsten fein wird, wenn er von denen ausgeht, denen er s ch w e r f ä l l t. Ich glaube, daß es uns deutschen Juden wohl ganz besotlders schwer fällt, einen solchen Appell zu erheben. Als Juden sind wir fett 2000 Jahren ständig in unserer Existenz mehr oder minder gewaltsam bedroht und angegriffen worden. Und uns als Deutsche ist es auch nicht ganz leicht, sich zum Gedanken der Völkerverständigung zu bekennen. Denn dieser Gedanke beruht, wenn er wirksam sein soll, auf einem stabilen Verhältnis der Völker untereinander. Und Ulan darf es, ohne in die Gebiete der hohen Politik hinabzusteigen, wohl auch in diesem Kreise aussprechen, daß für uns Detttsche, die bitrcfj den Versailler Vertrag geschaffenen Verhältnisse das Bekenntnis zur friedlichen Völkerverständigung nicht gerade leicht machen. Aber so, wie lvir als Juden aus unserer Geschichte wissen, daß die Kraft eines gewaltlosen Gedankens 2000jährige Gewalt übersteht, fo sind wir auch als Detttsche davon überzeugt, daß der Gedanke der Völkerverständigung sich mit der Kraft jedes großen Gedankens durchsetzen muh. Eine Weltordnung, die die Welt in Herrschende und Beherrschte spaltet, ist für unsere Vorstellung von der Gleichheit des Menschen vor Gott, nicht akzeptabel. Wir glauben, daß alle großen Fragen des politischen Zusammenlebens der Menschen nte durch Machtanwendnng, sondern dllkch ^friedlichen Wettkampf der Ideen gelöst werden können, und lvir glauben, daß auch die Judenfrage ihre Lösung nie durch Diktat einer größeren oder kleineren Gruppe, sondern nur durch Verständigung und Ausgleich sinden kann. Wenn diese Konferenz sich um einen solchen Allsgleich auf dem wichtigsten Teilgebiete politischer Fragen, als das wir die Jlldensrage ansehen können, bemüht itttb mit diesen Bemühungen Erfolg haben wird, fo wird sie einen wichtigen Stein geliesert haben zn dem Gebäude, an dem alle guten Europäer heute bauen, zu dem Hause des Völkerfriedens.

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