Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1931)
- Date
- 1931-05-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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40 Niden int »»Wchea »er SkgMwatt und politische Kultung / Bon Dr. Friedrich Brvdnitz Vorn 13. bis 18. April fand in N l) o n bet © c it f eine Kollfercnz des W e l t st u d e n t e n w e r k e s, der internationalen Orqanisativn studentischer Selbsthilfe, statt, die sich mit der Jndenfrage beschäftigte. Auf ihr hielt das Mitglied des Hauptvorstandes des Centralvereins, Dr. Friedrich V r o d n i h, eine Rede über „Jüdische Weltanschauung und politische Haltung"; wir geben diese Rede auszugsweise hier wieder, da sie die Grundfragen unseres deutschjüdischen Seins in klarer Form darlegt. Die S ch r i f t l e i t u n g. Es nnvb meine Aufgabe sein. Ihnen ein Bild zu geben von dem Kreise der Juden, der seinen Weg durch die Eingliederung in den Knltnrkreis seines Heimatlandes gegeben sieht. Die Jndenfrage steht in Deutschland durch das Anwachsen der nationalsozialistischen Bewegung int Vordergründe des Interesses unt) hat ein erhebliches Meltecho gefunden. Daher wird es auch für die Vertreter anderer Länder von Interesse sein, wenn wir bei unserer Betrachtung von den deutschen Verhältnissen ausgehen. Dr. Stapel hat zwar mit Recht auf die Mängel der historischen Methode hingewiesen. Trotzdem ist ein Verständnis der modernen Judenfrage nicht ohne eine gewisse Kenntnis der historischen Entwicklung möglich. Und da ist zunächst einmal grundsätzlich zu sagen: die Juden sind fast nie Subjekt, sondern Objekt dieser Entwicklung gewesen. Alle Gesetze, die für die Soziologie von Minderheiten gelten, finden auch auf sie Anwendung. Ihre gesamte wirtschaftliche und soziale Struktur ist entscheidend von außen her beeinflußt worden; Gesetze, Zwangsmaßnahmen haben ihr Wesen bestimmt, einzelne Berufe sind ihnen zwangläufig anfgedrängt worden. Als Minderheit wären die Juden stets Objekt der Entwicklung der Staatsauffassungen ihrer Heimatländer. Man vergißt ja überhaupt, heute so oft, wie jungen Datums das moderne Nationalgefühl ist. Die Bildung unserer heutigen Staaten ist nicht nach natürlichen Grenzziehungen vor sich gegangen. Dynastische Interessen, historische Zufälle aller Art, Krieg und Gewalt haben die Grenzen geschaffen, in denen sich allmählich erst ein Volkstum ausbildet. Der Weltkrieg hat ja auch eine ganze Reihe solcher Neuschafsungell mit sich gebracht. Subjekt der Staatsentwicklung werden die Juden erst durch den modernen Verfassungsstaat. Um die Wende'des achtzehnten ulld neunzehnten Jahrhunderts werden die Tore des Ghettos weit aufgemacht, durch die bisher nur einige wenige Individuen, wie Mendelssohn, hinauskvnnten. Jetzt wird für die Allgemeinheit der Jirden das Problem der Einordnung in die Kulturwelt ihrer Heimatländer akut. Sie werden zunächst getragen von der Stimmung der Wettbürgerlichkeit, die die ersten Jahre des neunzehnten Jahrhunderts entscheidend bestimulte. Wenn wir in diese Jahre mit Recht die Entstehung des modernen Nationalgefühls verlegen, so vergessen wir doch leicht als Gegenpol dieser Entwicklung die Neigung zur Weltbürgerlichkeit. Dr. Stapel hat vorhin Fichte in seinen „Reden an die deutsche Nation" zitiert. Es gibt daneben als wichtige Ergänzung aber auch einen Fichte, des europäischen Gedankens. Ich zitiere hier nur die berühmten Sätze aus Fichtes „Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters", einem der schönsten Dokumente in deutscher Sprache: „Welches ist denn das Vaterland des wahrhaft ausgebildeten christlichen Europäers? Im allgemeinen ist es Europa, insbesondere ist es in jedem Zeitalter derjenige Staat in Europa, der auf der Höhe der Kultur steht. Jener Staat, der gefährlich fehlgreift, wird mit der Zeit freilich untergehen, demnach aufhören, auf der Höhe der Kultur Zu stehen. Mögen dann noch die Erdgeborenen, welche in der Erdscholle, dem Flusse, dein Berge, ihr Vaterland anerkennen, Bürger des gefunkenen Staates bleiben; sie behalten, was sie wollten und was sie beglückt: der sonnenverwandte Geist wird unwiderstehlich allgezogen werden, und hin sich wenden, tvo Licht ist und Recht. Und in diesem Weltbürgersinne können wir dann über die Handlungen und Schicksale der Staaten uns vollkommen beruhigen, für uns selbst und für unsere Nachkommen bis an das Ende der Tage." Die Entwicklung geht nunmehr auf verschiedenen Wegen. Der Osten Europas bleibt zunächst gänzlich zurück. Und als schließlich große Katastrophen, wie der Weltkrieg und die ihm folgenden Umwälzungen, einen Wandel der politischen Verhältnisse und damit auch der Situation der Juden bringen, da entsteht gleichzeitig eine wirtschaftliche Krise, die noch schlimmere Zustände schasst als bte bisherige politische Rechtlosigkeit. Das Judenproblem in der Neuzeit. Die westlichen Länder nehmen eine ganz andere Entwicklung. In ihnen verwirklicht sich die politische und kulturelle Freiheit der Juden nahezu vollkommen. In Frankreich tritt, nachdem der Fall Dreysus ein letztes Ausslackern des Antisemitismus gebracht hatte, eine völlige Gleichstellung der Juden ein. In England baut ein Disraelr das englische Imperium auf, ein Jude wird Vizekönig von Indien. In der Politik finden sich Juden an führender Stelle gerade in den konservativsten Richtungen, wie der verstorbene Lord Melchett. In Italien wird der König von Italien von einem Juden, dem späteren Kriegsminister Ottolenghi, erzogen. Uoberall find sie gute Patrioten, werden auch als solche angesehen, nicht obwohl, sondern weil sie außerdem gute Juden sind. Die komplizierteste Entwicklung nimmt M itteleuropa. Nachdem das Jahr 1813, das Jahr der Befreiungskriege, mit seinem Gemeinschaftserlebnis einen Aufschwung des Emanzisiationsgedanlens gebracht hatte, bringt die Politische Reaktion allmählich wieder eine Verschlechterung der Lage. Die Verbrüderungsstimmung der literarischen Salons Berlins findet allmählich tausend Hemmungen. Die Jn- [tituttonen des öffentlichen Lebens werden zwar demokratisiert. Die Menschen aber kapseln sich mehr denn je in Kastenvorstellungen aller Art ab. Dazu kommt der Einfluß, den der absolutlstische Staatsgedanke Hegels auf die geistige Entwicklung des Preußischen Staates und dann Deutschlands nimmt. Schließlich setzen im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts die ersten antisemitischen Bewegungen demagogischen Charakters unter A h l w a r d t und Stöcker ein, nachdem durch die Rassetheoretiker der Boden vorbereitet ist. Welchen Weg gehen nun die Juden, die znm ersten Male zur aktiven Stellungnahme in einer Politischen Entwicklung kommen? Wir haben hier eine doppelte Entwicklung, die einsetzt, als die antisemitische Bewegung der Emanzipation der Juden den ersten großen Rückschlag bringt. Auf der einen- Seite den Zionismus, der, gewachsen aus ' dem Erlebnis der antisemitischen Bewegung, unter weitgehender Uebernahme des rassemäßigen Volksbegriffs zu einer großen Bewegung geworden ist. Darüber ward in dem zweiten Korreferat noch von berufener Seite eingehend gesprochen werden. Der Weg der Mehrheit. Um so ausführlicher muß ich Ihnen den Weg schildern, den die Mehrzahl der d e u t [ d) e tt Jude n gegangen ist. Organisatorisch ist diese Mehrheit zusammengefaßt im Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Entstanden aus einer Rechtsschutzbewegung des. deutschen Judentums, hat er sich allmählich zu der Organisation entwickelt, die alle deutschen Juden umfaßt, die eine Lösung der Jndenfrage nur auf dem Boden ihrer deutschen Heimat sehen können. Die Synthese von Deutschtum und Judentum, die Zusaunnensassung deutschen und jüdischen Wesens im einzelnen Individuum und in der Gruppe ist das Motto ihrer Arbeit geworden. Diese Gruppe hat nun eine doppelte Ortsbestimlmtng nötig. Sie muß sich erstens gegen den Standpunkt des Zionistmt§ ab grenzen, und sie mich ihren Standort gegen die Judengegner verteidigen. Die Abgrenzung zum. Zionismus kommt im Entscheidenden auf eine Diskussion über den Volksbegriff hinaus. Das „jüdische Volk" ist ein vielumstrittener Begriff. Wir haben alle den rationalistischen Standpunkt von 1890 längst verlassen, daß das Judesein lediglich durch die Eintragung in die Matrikel des Standesbeamten. als Mensch jüdischen Glaubens bestimmt sei. Wir sind uns alle klar darüber, daß 2000 Jahre gemeinsamer Geschichte, gemeinsamen Religionserlebnisses, gemeinsamer Wirtschaftsformen und gemeinsamer Leiden einen bestimmten Menschentypus geschaffen haben. Auf der. anderen Seite hat man heute ganz allgemein in allen ernst zu nehmenden Kreisen, auch der Judengegner, den Begriff der reinen Raste vollkommen verlassen. Es gibt in der abendländischen Welt überhaupt keine reinen Rassen mehr, und die Juden machen. von dieser Regel keine Ausnahme. So liegt eigentlich die Differenz der Auffassungen zwischen einem Zionisten und uns nicht in einer Differenz des Begriffs vom Wesen dessen, was jüdisch ist. Entscheidend ist die Differenz in der Zielsetzung der Zukunft. Ich kann diesen Unterschied vielleicht so .formulieren: Ich kann nicht anerkennen, daß es mehrere qualitativ voneinander verschiedene „Judentümer" gebe. Es gibt nur ein Judentum, das in all denen lebt, für die es ein inneres Erlebnis ist. Der wichtige Unterschied liegt nur in der Quantität, in dem Umsang, den dieses Judentum in demLeben des einzelnen annimmt. Während für mich und meine Freunde das Judentum allein me ausreichen könnte, um darauf allein ein individuelles- oder Gruppenleben aufzubauen, sondern für uns die Verbundenheit mit dem Erleben unseres Vaterlandes ein ebenso wichtiges Lebenselement darstellt, hat der Zionist den Wunsch, auf den jüdischen Elementen seines Wesens, wenn nicht für sich, so für seine Kinder allein seine geistige und materielle Existenz auszubauen. Die Diskussion über diese VerWedenheit der Aufsastungen hat deshalb so oft zu großen Mißverständnissen geführt, weil es sich um eine Entscheidung handelt, die nicht diskutierbar ist. Es gibt kerne objektiv richtige Antwort, wie überhaupt auf alle wirklich tiefen menschlichen Fragen, sondern es gibt nur subjektive Bekenntnisse ehrlicher Menschen, die einer sorgfältigen Analyse ihrer geistigen Situation nicht answeichen. Jeder hat seinen Glauben an eine bestimmte Gestaltung der Zukunft, und jeder kann beanspruchen, daß ihm die Ehrlichkeit dieses Glaubens von Freund und Feind zugebilligt wird. Auf welchem Standpunkte der einzelne steht, ist völlig unabhängig von dem Beifall oder dem Mißfallen dritter. Wenn wir die Formel „deutscher Staatbürger jüdischen Glaubens"', die an sich aus einem anderen Stadium der Entwicklung unserer Bewegung stammt, and) hellte noch gebrauchen, so bringen wir damit zum Ausdruck, daß sich an unserer entscheidenden Grundaufsafsung, daß unsere Zugehörigkeit zum Jildentum für den Staat letzten Ende- 9999999