Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1931)
- Date
- 1931-05-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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SS fein Kompromisseln und keine Positive Mitarbeit mehr, jetzt geht es darum, das Volk aufzurufen zum Endkampf." Am 10. Mai erbittet im Berliner Sportpalast ein Sprechchor in einem Gedicht von Molenaar: „Den Führer segne, Helden ohnegleichen, Der die Gemüter schürt zmn Feuerbrande." Genug von so viel Legalität! Wir haben mit keinem Wort die Legion von Lügenmeldungen erwähnt, von denen bis in die letzten Tage die nationalsozialistische Propaganda lebt. „Wer erdichtete oder entstellte Tatsachen, wissend, daß sie erdichtet oder entstellt sind, behauptet oder verbreitet, um dadurch Staatseiurichtuugen oder Anordnungen der Obrigkeit verächtlich zu machen, wird mit . . . bestraft", bestimmt § 131 StGB. Vor solchen Aufgaben, die die Legalität stellt, wird Herr Hitler zusammenzucken; würden sie beachtet, und würden gar die Paragraphen 130 (Aufreizung zum Klaffeithatz), .166 (Religronsbeschimpfnng), 185—187 (Beleidigung, Verleumdung) ernst genommen, die Mehrzahl der bewährten Hetzer gegen das System und die Inden mühte in Pension gehen. So steht es in Wirklichkeit: der Führer ' schwört, und die Geführten pfeifen aus den Schwur, Der „rauhe Ton", die Brutalität der Sprache und der Gesinnung der Führer haben eine Geisteshaltung erzeugt, die alles andere als legal ist. Hätte man die Macht, man würde den Putsch trotz Blut und Bürgerkrieg nicht scheuen; weil man sich seiner militärischen Schwäche bewußt ist, schaltet man solche Hoffnungen aus. Aber die überzeugte Unterordnung unter das Gesetz, die Anerkennung der sittlichen Kräfte, denen sich alle staatstreuen Deutschen verbunden fühlen, ist der nationalsozialistischen Bewegung fremd. Wenn der frühere Revolutionär Hitler heute aus Kassengründen legalitätsfromm seine Regierungsfähigkeit beteuert, mag er es tum Sollten aber solche Deklamationen das willige Gehör von Verantwortlichen Führern und Parteien finden, die' - die „großen positiv-nationalen" Kräfte der Hitler-Bewegung so rasch wie möglich zu Verantwortlichem Negierungsgeschäft heranziehen möchten, so würden nur Ungeist, Brutalität und Unkultur, die bisher in Deutschland zur Ehre des deutschen Namens mit dem Bann der Illegalität belegt waren, gefördert werden. „Was man nicht deMntmn kann. Mt mn als Sudenschwtndel an" In der Mahlzeit konnte man oft antinationalsozialistische Plakate mit dem Zettel „Judenschwindel" überklebt sehen. Wer damals behauptete, daß hinter der Abstempelung „Judenschwindel" nur Unfähigkeit und Feigheit zu sachlicher Auseinandersetzung stecke, wurde als Lügner gebrandmarkt. Heute sind wir in der Lage, aus einem Rundschreiben der Reichspropagandaleitung der NSDAP, vom 15. August 1930 folgende Anweisung zu veröffentlichen: „Die Gaue wollen dafür sorgen, datz die zahllosen Lttgenmeldungen, die in den Zeitungen über uns verbreitet werden, von den Gauen aus schon, sowie auch von den Ortsgruppen, sofort mit dem Ausdruck ,Judenschwindel' abgetan werden, ohne das; wegen jeder Kleinigkeit bei der Reichsleituug in München angefragt wird." Eine Anfrage an Herrn Dr. Goebbels, der diese Anweisung zeichnet: Werden Sie sich selbst desavouieren und auch..diese Mitteilung als „Judenschwindel" brandmarken? Rei. Giuoienprofeffor Anrath Ein komischer kteiner Nazifilm Es soll auch Juden geben, die anständig sind? Das hat wenigstens ein süddeutscher Lehrer bei eitler Pädagogentagnng behauptet und zugleich gewagt, gegen den Antisemitismus in den Schulen zu protestieren. Es war allerdings ein kleiner Fehltritt dieses Lehrers, aber znm Glück gibt es noch eine Stelle im deutschen Blätterwald, die solchen Fehltritten in der zackigsten Weise zu begegnen weiß. Die Stelle, ein Musterbeispiel nngetarnter Publizistik, ist ein Bayreuther Blättchen mit dem schönen Namen „Kampf", und das kernige Neckenauge, das da über solche Fehltritte deutscher Lehrer wacht, gehört einen: Manne namens Adolf (Adolf!) Neißinger, der selbst ein Lehrer ist. Wenigstens zeichnet er feinet Erguß über die „anständigen" Juden mit seinem Namen und den: Titel „Studienprofessor". Was aber mag er für ein Lehrer sein? Deutsch kann sein Fach nicht sein, denn er kann nicht Deutsch; er würde sonst nicht schreiben, die Revolution von 1848 sei den Juden „nicht ganz so weit geraten, als es die Urheber sich's gedacht hatten". Französisch wird sei:: Fach nicht sein können, er wäre sonst der bedauernswerteste Nationalsozialist tu Lokis Schattenreich. Und Mathematik? Aber da muß man ja logisch denken können, und ein Geburtsfehler des Herrn Studienprofessors scheint sein Mangel an Logik und Konsequenz zu sein. Was für ein Lehrer ist er also? Dem: daß er, wenn auch kann: mit Jugenderziehung, so doch gewiß mit der Schule schon eine intimere Bekanntschaft gemacht hat, :st nicht zu bezweifeln; denn der Herr Studienprofessor kennt und rühmt in seinem „Kampf"- Anfsatz die „Hakenkreuze auf den Fließblättern und den Heftumschlägen"! Also weiß er doch, wie es in einer richtigen Schule zugehen muß. Und da er selbst das Anbringen von Hakenkreuzen aus den Fließblättern nicht bloß für die Schule, sondern auch für das Leben gelernt hat, beweist er nun seinen: fehlgetretenen Kollegen in dem Bayreuther Weltblatt. (bei der süddeutschen Tagung kam der Herr Studieuprofessor anscheinend nicht zu Worte, Wotan weiß, warum), daß die Sache mit den. „anständigen" Juden nicht stimmt: es gibt gar keine anständigen Juden. Es scheint allerdings so, meint er, als ob es „anständige" Juden gibt, aber in Wirklichkeit ist die Anständigkeit auch bloß wieder so ein jüdischer Trick. Die Juden tun nämlich so, als ob sie sich anpassen, (wem denn, Herr Studienprofessor?), während sie gerade mit dieser Anpassung „die Nichtjuden um so sicherer den nationaljüdischen Träumen und Zielen zuzuführen" gewillt sind. Nun weiß man endlich, was los ist: die Juden, vor allen: die deutschen Juden, haben also die feste Order von den Weisen von Zion, ganz Deutschland (die großen' Adolfe, Hitler wie Neißinger, mitinbegrrffen) dem nationaljüdrschen Ziel zuznführen. Demnach wird der kleine Adolf aus Bayreuth bald die Ehre haben, den: großen Adolf, dem Meister Hitler, die zackige Rechte in Palästina zu drücken. Diese Zukunftsaussicht ist nicht zu kühn, wenn man bedenkt, wieder Herr Studicnprofessor sie sozusagen beweist. Was die „anständigen" Juden sind, beweist er, das kam: man nur erkennen, wenn man ihre Stimmzettel betrachtet. Was wählen die „anständigen" Juden? Marxistische und demokratische Parteien. „Wer hat diese Parteien gegründet und großgezogen? Der Jude! In welcher Absicht? Um seme nationaljüdischen Interessen inmitten des Fremdvolkes sicherzustellen." Jetzt ist es klar, diese Beweisführung ist zwingend, Juden, die nicht „nationaljüdisch^ sind, gibt es ja nicht, und Hitler wird nach Palästina gebracht werden. Wozu sonst die Parteien? Ueberhaupt diese Parteien! Das deutsche Volk muß ja, das ist einer von den nationaljüdischen Träumen, zersplittert werden. Von wem? „Unser leidiges Parteiwesen", klagt der Stndienprofessor mit Recht, „ist eine Schöpfung des Inder: —." Na also, jetzt erklärt uns wenigstens dieser Nationalsozialist, der es doch wissen muß, wer die vielen Parteien und besonders die NSDAP, „gegründet, und großgezogen" hat: die Juden. Aber, Herr S t'u d ienp ro fe s s o r, dann wäre ja der Hitler, dann wären ja der Herr Studier: Professor persönlich n u ch e i n „rn i t freundlich kriechender M i e n e sich e i n s ch l e i ch e n d e r Jude" — um Hitlers willen, wir beschwören Sie, Herr Studienprofessor, Ihre Logik ist beängstigend, Sie hätten doch Mathematiker werden sollen! Wir fürchten, Herrn Hitler vor Trabanten, warnen zu müssen, die so scharf denken wie dieser Studienprofessor, der sich da in die nationalsozialistische Parte: „mit freundlich kriechender Miene" (wie kriechen Mienen?) eingeschlichen hat und erklärt,, die Juden machen die Revolutionen, während er in Wirklichkeit voll trabischer Ironie seinen: Herrn und Meister ems auswischt. Denn wer sonst könnte gemeint sein als der nichtdeutsche „Staatsbürger" Adolf Hitler, wenn der Herr Studienprosessor loslegt: schon damals, 1848, „sollten alle deutschen Fürsten verschwinden. Merkwürdig, der, welcher um Ausnahme in ein Haus bittet (Erwerbung der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung!), fühlt sich sogleich dazu berufen, dieses Haus umzustürzen oder so umzugestalten, wie er es in seiner grenzenlosen Anmaßung zu haben wünscht." Da kann sich Hitler ja noch auf Ueberraschungen gefaßt machen. Er kommt da so einfach irgendwoher, ist noch kein deutscher Staatsbürger und will schon das deutsche Haus in seiner grenzenlosen Anmaßung umkippen. Aber noch lebt der Studienprofessor mit den Hakenkreuzen auf den Schulheften. Vielleicht hatte er doch nicht die Mathematik wählen sollen, sondern Deutsch, denn, wen auch immer er mit „der Jude" meinen mag, er schreibt Sätze, deren Deutsch es verdient, den Kindern eingetrichtert zu werden, zum Beispiel: „Der Jude unter den Völkern ist gerade wie eine Spinne, die man unter Mücken hineinsetzt ... und sie reden unter sich ganz anders als mit Nichtjuden — Mimikry* nennt es der Biologe. Auch der ,anständige* Jude ist eine wandelnde Lüge." Wer sind nun die Kronzeugen solcher geharnischten Sätze? Der Philosoph Fichte, der gesagt haben soll: „Die Juden sind eine einzige Kette, vom Schnorrer bis hinauf zun: jüdischen Minister." Welchen jüdischen. Minister hat Fichte da eigentlich gemeint? Denn zu Fichtes Zeit gab es unseres Wissens insgesamt siebenundstebzig jüdische Minister in Deutschland, - wie ja überhaupt schon damals die Weisen von Zion anfingen, das deutsche .Volk durch Zersplitterung in viele jüdische Fürstentümer mit lauter jüdischen Extraministern, „Kulturlosigkeit verbreitend, Leichensteine und Wüsten zurücklassend" „automatisch" zu zerstören. Nun ist es ja fo weit gekommen, daß „der Oberjude Rathenau", „des jüdischen Sieges gewiß", diese Geheimnisse der Weisen von Zion nicht einmal mehr vorzuenthalten für nötig hielt und — immer noch gibt es Leute, die an die wandelnde Lüge von den anständigen Juden glauben? „Ein solcher möge sich von den Juden selbst belehren lassen", schließt der Studienprofessor, von diesen: Juden, der „über alle. sonstigen Bildungen lächelnd zur Tagesordnung übergeht und nur einer die Ehre erweist, sie' sonst ernst zu nehmen; das ist. die Gefolgschaft von Adolf Hitler!" Ernst zu nehmen? W:r fürchten fast, Ihre Schüler nehmen Sie nicht einmal ernst, fondern so, wie man einen Hintertreppenkomiker eben nehmen muß. Oder haben Sie das Glück, die unbegabtesten Jungens der ganzen Welt zu unterrichten?