Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1931)
- Date
- 1931-05-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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3$ Mtimnis m SitlerErfolgs m Oldenburg Mit Kakenkreuz gegen Wtermittelzvll Von Artur Schweriner Der neue Wahlsieg der Hitler-Partei hat auf die Gegner des Rechtsradikalismus im Reiche weit größeren Eindruck gemacht als aus die Nationalsozialisten in O l d c n b u r g s e l b st. Tenn diese hatten mit einer absoluten Mehrheit im Landtag bombensicher gerechnet. Die Pessimisten unter ihnen waren der Ansicht, daß wenigstens Nationalsozialisten und Deutschnationale zusammen die Mehrheit erlangen würden, und nach dem Ausspruch Oldenburg- Jan usch aus, der in einer großen deutschnationalen Versammlung über seine Stellung zu den Nationalsozialisten gesagt hatte: „Wenn ich nicht Alexander wäre, möchte ich Diogenes sein", konnten sie auf den notwendigen seelischen Kontakt ja auch rechnen. In mehr als tausend öffentlichen Versammlungen glaubten die Nationalsozialisten die Mittelparteien, bis auf das Zentrum, durch einen Husarenritt völlig aufreiben zu können. Gegen die fast uneinnehmbare Zentrumsfestung liefen Hitler und Neichstagsabgeordnete, die auf den Plakaten in Fettdruck ausdrücklich als Katholiken charakterisiert waren, Sturm. So hofften die Nationalsozialisten, dem Zentrum mindestens zwei bis drei Mandate abnehmen zu können. Weshalb konnte Hitler, dessen Wahlsieg nicht im geringsten geschmälert werden soll, der festen lleberzeugung sein, daß er in Oldenburg das erste „richtiggehende" Dritte Reich würde errichten können? Weil die Nationalsozialisten in den nichtkatholischen Landesteilen Oldenburgs durch ihre Agitation die mittleren und kleineren Banern geradezu fanatisicrt hatten. Und das will bei den Oldenburger Bauern, die schwer aus der Ruhe zu bringen sind, etwas heißen. In dem bei Franz Eher, München, erschienenen Heftchen: „Moderne politische Propaganda" wird auf Seite 19 verraten, wie man die Demagogie spielen lassen muß, um Erfolge wie in Oldenburg zu erzielen: „Das Thema der öffentlichen Versammlungen ist so zu wählen, daß die Masse aus Neugierde, aus Wut über politische Geschehnisse, in der Hoffnung, eine Sensation zu erfahren, oder in der Hoffnung, für ihre materiellen Interessen etwas Vorteilhaftes zu hören, hineingeht." Das Zauberwort, das in kleinbäuerlichen Kreisern Ohren und Herzen öffnete, war: „Gibt es keinen Uonng-Tribut mehr, bann gibt es auch keine Fntterzölle mehr!" Man muß den Autopart' der begüterten Hochzollgroßbauern vor den Hitler-Zelten in Jever und Cloppenburg gesehen haben, um die ganze Unwahrhaftigkeit dieser Agitation zu erkennen. Der Kampf gegen die Futtermittelzölle und der wochenlange Einsaß Hitlers sollten die absolute Mehrheit schassen. Hitler aber war trotz der gewaltigen S.-A.-Aufmärsche als Redner ein Versager. Als in Del m e n h o r st ein Mitglied der Volkspartei einen hitlerfreundlichen Mann der Gesellschaft fragte, wie ihm Hitlers Rede gefallen habe, antwortete er: „Man soll an einen Heiligen glauben it it b zu i h m beten, ihn aber nicht sehen!" Vom Sozialismus der Hitler-Partei war aus dem Lande wenig zu merken. Auf den Plakaten und in den Zeitungen verschwieg man gern den radikalen üftmnen der Partei und schrieb unter das Halenkreuz:' „W ä h l t Hitler, L i st e 4". Auch mit j u d e n s e i n d l i ch e n A u s s ch r e i t it n gen hielt m n n im allgemeinen z u r ü ck. In einer Versammlung in C l o p P e n b u r g wurde ein jüdischer Herr aus Quakenbrück erkannt imb von S.-A.-Leuten an die Luft gesetzt. Sonst hat man von Anrempeleien usw. nichts gehört. Der Oldenburger Bauer ist nie ein Judenfeind gewesen, und dem hat man in der Agitation Rechnung träger. müssen. Er hat aus Haß gegen die F u t t e r in i t t e l z ö l l e Hitler gewählt, und nicht aus Haß gegen d i e I u d e n. Man wird aber jetzt vielleicht an den Wählern „Erziehungsarbeit" zu leisten beginnen, und es wird unsere Ausgabe sein, aufzupassen, was geschieht. Mit dem „Dritten Reiche" in Oldenburg ist es den Nationalsozialisten also vorbeigelungen. Sie werden alle Mühe haben, einen Vertreter in die Beamtenregierung hineinzubekommen. Nach den Erfahrungen im Wahlkantpf wird das ausschlaggebende Zentrum kaum Lust empfinden, sich mit einem Nationalsozialisten an den Negiernngstisch zu setzen. Bedingung wäre in jebem Falle, daß der von den Nationalsozialisten präsentierte Minister e i n E i n h e i m i s ch e r wäre, und von den Oldenburger Hitler-Führern kommt für ein Beamtenkabinett kaum einer in Betracht. lieber der verhältnismäßig nicht ungünstigen Gesnmtlage Oldenburgs auch nach dem 17. Mai darf man natürlich den Ernst des Wahlergebnisses nicht vergessen. Die Nationalsozialistische Partei ist die größte des Landtags geworden; in weitem Abstand erst folgen Sozialdemokratie und Zentrum. Nichts liegt uns ferner, als die bequeme Schuldfrage aufzurollen. Aber: wer diesen Wahlkampf von Anfang bis zn Ende mitgeinacht hat, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, das; die hitlergegnerischen Parteien mit den Vorbereitungen siir einen wirkungsvollen Gegenstotz viel zn spät begonnen und ihn nicht mit dem nötigen Nachdruck dnrchgeführt haben. Die Mittel moderner Wahlpropagauda wurden allein von den Nationalsozialisten restlos ausgenutzt. Am Wahlsonntag bemerkte man außerhalb von Stadt Oldenburg, Rü st rin gen und Delmenhorst nur nationalsozialistische Pro- Spanien Die nationalsozialistische Presse hat neuen Stofs, mit dem sie ihre sensationshungrigen Leser füttert! Die Wirren in Spanien, Revolution, Neubildung der Negierung, Plünderung und Zerstörung kirchlichen Besitzes füllen seit Beginn der Unruhen die Spalten vieler nationalsozialistischer Zeitungen. Alle Artikel und Berichte, die sich mit diesen Vorgängen befassen, haben, was uns nicht so sehr verwundert, eine ausgesprochen scharfe Spitze, — die natürlich gegen die Inden gerichtet ist; sie sollen an der Entstehung der Revolution schuld sein, sollen den maßgebenden Einfluß in. dem neugebildeten spanischen Kabinett besitzen und sollen sogar die Zerstörung kirchlichen Eigentums zu verantworten haben. Spanien ist ein judenarmes Land. Erst in der neuesten Zeit haben sich kleine jüdische Gemeinden in den größeren Städten gebildet. Marranen sind Spanier, die von Inden abstannnen, die vor Jahrhunderten, um der Vertreibung ans Spanien zu entgehen, zum Christentum übergetreten sind. Von solchen Marranen- Abkömmlingen, die besonders in Spanien im Gegensatz zu den portugiesischen Marranen auch nicht den leisesten Zusammenhang mit dem Judentum mehr haben, befinden sich einige unter den spanischen Ministern, — und was macht der „Völkische Beobachter" daraus? Er schreibt in seiner Ausgabe vom 14./15. Mai n. a.: „ . . . aber noch interessanter ist es, daß die neue republikanische Regierung Spaniens von drei Inden beherrscht wird...". paganda. In V a r e l z. B. war an acht oder zehn Stellen mit Riesenbnchstaben ans das Straßenpflaster: „Wählt Liste 4" gemalt; jede Straßenecke war beklebt. Wir sahen in ganz Varel, der Hochburg Hitlers, nicht ein einziges Plakat einer anderen Partei. Das von unseren Oldenburger Freunden geschaffene gute Material konnte naturgemäß diese große Lücke nicht füllen. Der 17. Mai richtet an den Selbsterhaltungstrieb der Parteien die große Mahnung: „Kümmert euch mehr um das flache Laud, vor allem auch nach einem Wahlkamps!" Jetzt muß z ofort der neue Aufkläruugsfeldu g in Oldenburg gegen Hitler beginne n. Auch der Centralverein, dessen Wahlarbeit von unseren Freunden in Stadt und Land unterstützt und anerkannt wurde, wird noch intensiver als bisher dem Lande seine Aufmerksamkeit zuwenden müssen. Ich habe unsere Freunde in den kleinsten Orten Oldenburgs aus meinen Agitationsreisen ausgesucht und bei dieser Gelegenheit vier Ortsgruppen gründen können. Wie dankbar sind diese Menschen, die nicht, wie die Großstädter, an den Kolonnen der Braunhemden vorbeisehen können, wenn man sich nur ein wenig um sie kümmert. Sie arbeiten gerne mit und sind opferbereit. Sie hatten politisches Verständnis für die aufmunternden Worte des rührigen Vorsitzenden unseres zentralen Oldenburger Wahlausschusses: „W e n n unsere Arbeit erreicht, daß nur ein einziger Nationalsozialist weniger gewählt wird,kannsiebedeuLungsvoll sein!" Und im neuen Landtag fehlt den Nationalsozialisten wirklich dieses eine Mandat! Die Oldenburger Wahlen haben aufs neue bewiesen, daß Wirtschaftsnot und Phrasenreichtnm immer wieder die Anhängerschaft Hitlers vermehren. Lassen wir uns nicht kampfesmüde oder gar kampfesunlustig machen. Politischer Kamps ist ein Kampf ohne Bilanzstrich, ist ein Kampf auf weite Sicht. Wer hoffen will, mutz arbeiten. Hitler hat in Oldenburg eine neue Schlacht gewinnen können. Mit dem Judenhaß hätte er es nicht geschafft. Die Futtermittel waren willkommener Ersatz. Oldenburg braucht uns also nicht zu entmutigen. Es lebe der Kampf! wobei er auf den Präsidenten der Republik, Zamora, den Innen- und den Justizminister anspielt. Daß die völkische Presse sich wieder in den üblichen Verallgemeinerungen ergeht und, trotzdem kein Zusammenhang mit dem Judentum besteht, aus den drei Marranen „Alljuda" macht, entspricht ihrer Gewohnheit. Wer die Stürme auf die Klöster, die jeder Kulturmensch, gleich welcher Religion und welcher Nationalität, mit tiefster Empörung verfolgt hat, inszeniert hat, wissen wir nicht. Es ist eine Frage, die uns in diesen Blättern nichts angeht. Was wir mit Empörung zurückweisen müssen, ist der Versuch der völkischen Presse, diese barbarischen Taten irgendwie mit den Juden in Zusammenhang zu bringen und die Behauptung des „Völkischen Beobachters", daß irgendeine als sogenannte „jüdische Presse" verschrieene Zeitung sich über diese Klosterschändungen gefreut hätte. Er versteigt sich zu dem Satz: „Wir rufen ganz Deutschland auf zum Kampf gegen den gesamten Marxismus und das uns alle verhöhnende Judentum. Die Zeichen stehen auf Sturm." Keine Religion hat so unter Verfolgung ihrer Anhänger und ihrer Einrichtungen zn leiden wie das Judentum« Niemand kann und wird daher die Verfolgung anderer Religionen mit stärkerem Bedauern mitfiihlen als die Inden. An dieser Tatsache werden auch die Verleumdungen und Hetzereien der völkischen Presse nichts ändern.