Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1931)
- Date
- 1931-05-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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35 Oie Breslauer 6. V.-Kundgebung der 2000 Ein ganz großes Erleblüs — eines, das in dieser Wucht und Geschlossenheit das jüdische Breslau noch nicht gesehen hatte — war diese Kundgebung des Ceutralvereins. Schon vor Oesfnung des Saales standen die Menschen in Mauern. Dann waren im Nu die Sitzplätze des großen Konzerthaussanles gefüllt. Und noch vor Beginn der Veranstaltung sperrte die Schutzpolizei den Raum, und Hunderte mnßten leider umkehren. Kundige schätzten die Teilnehmerzahl aus weit über 2000. Und. das Bezeichnende: Alle Schichten, alle Richtungen der Breslauer jüdischen Bevölkerung waren vertreten: Universttätsprofesfor und Kaufmann, Arzt und §aittnoet:fei:, Großindustrieller und Angestellter, alt und jung. Unter den Vertretern der Reichs-, der staatlichen, der städtischen Behörden, den Rektoren der Schulen, den Lehrern und Lehrerinnen, den maßgebenden Beaiuten sah man den Polizeipräsidenten von Breslau, den Kommandeur der Schutzpolizei, den Bürgermeister der Stadt Breslau und viele andere. Warum dieser Zustrom? Bei vielen Besuchern spielte sicher der Wunsch eine Rolle, den im Kampf gegen nationalsozialistische Beleidigungen und Uebergriffe so mutigen Berliner Polizeivizeprästdenten Dr. Bernhard Weiß persönlich kennenzulernen. Entscheidend aber war das elementare Bedürfnis, denr gepreßten Herzen Luft zu machen, zu hören, was die Berliner Redner als Sprachrohr deutsch-jüdischen Gefühls über die niederträchtigen Friedhofsschändungen, die unaufhörlichen Beschimpfungen der jüdischen Religion, der religiösen Schriften, der jüdischen Sittenlehre, des jüdischen Familienlebens zu sagen hatten. Die Erbitterung und Entrüstung von mehr als 2000 deutschjüdischen Menschen über die Zügellosigkeiten und Gewalttätigkeiten des politischen Kampfes, wie sie nur Deutschland kennt, sollte übergehen auf oie christliche Umwelt in der Erkenntnis, daß der Krieg gegen Niedertracht und Roheit nicht nur ein jüdisches, sondern ein deutsches Erfordernis sei. Der Massenbesuch war aber auch wesentlich ein Vertrauensbekenntnis zum Centralverein und seinen Grundanschauungen. Er ist und bleibt die gewaltige und unersetzliche Notgemeinschaft der deutschen Juden. Welchen überragenden Einfluß er hat, wie Hunderte und mehr als zweitausend seinem Rufe folgten — das lehrte der Blick vom Vorstandstisch in den Riesenraum, der vom Parkett bis zur Decke von Menschen wimmelte. In dieser Kundgebung wurde nicht, wie bei unseren Gegnern so oft, geschimpft oder gar gehetzt. Ruhig und würdevoll vertraten wir unsere Sache. Daß diese Kundgebung in ein warmes Bekenntnis zum deutschen Vaterlande in all seiner Not mündete, ist bei der Grundeinstellung der deutschen Juden etwas Zwangläufiges. Diese Kundgebung war aber auch eine Anerkennung des Jüdischen, das in uns lebt, dessen Pflege niemandem zuliebe und niemandenr zuleide vielen in unserer Zeit wertvoll ist. Mögen andere mit verhetzenden Schlagworlen und blutigem Schlagring Politik machen — wir deutschen Inden lassen uns weder Arbeit und Leben auf deutscher Heimaterde verekeln noch unser Judentum beeinträchtigen. Wir sind keine Schutzjuden mehr und aussen uns selbst zu verteidigen, lieber hundert geschändete jüdische Friedhöfe und ähnliche Heldentaten in Wort und Bild treffen nicht die Angegriffenen; diese Schmach fällt auf die Angreifer und besonders auf die zurück, die Haßgeist zu säen für Lebenszweck und politische Klugheit halten. Den Schaden aber trägt das gesamte deutsche Volk. Verlauf der Versammlung Der Vorsitzende der Ortsgruppe Breslau, Dr. Georg Tarnowski, stellte nach kurzen Begrüßungsworten den Zwech der Kundgebung klar: Gegen die Zügellosigkeiten im politischen Tageskampfe. Wer das Judentum bekämpfen will, möge das tun. Was aber hier vorgehe, sei eine Kulturschande. Der erste Redner, Polizeivizeprästdent Dr. Weitz (Berlin), stellte zuerst die Propaganda, Organisation und Disziplin, die der Hitler-Partei wesentlich zu ihrer großen Anhängerschar verholfen hätten, dar. Wenn aber für den Tageskampf von Führern der Partei jede Skrupellosigkeit gebilligt werde, so könne man sich nicht über die Folgen wundern. Im Programm der Partei stehe manches Schöne. Wie aber werde es in die Wirklichkeit umgesetzt? Gemeinnutz solle vor Eigennutz gehen. Und die Führer der Partei Wersen sich gegenseitig vor, daß sie Eigennutz vor Gemeinnutz stellten. Das Anwachsen der Partei sei gewiß ernst zu werten. Trotzdem sei kein Pessimismus angebracht. Kadavergehorsam und Disziplin, wie sie die Hitler- Partei verlangt, widersprächen dem demokratischen Grundzuge des deutschen Volkes. Das deutsche Volk werde erwachen. Die deutschen Juden sollten nicht überempfindlich sein; sie sollten sich aber mutig verteidigen, wenn sie angegriffen werden, und im Centralverein, dem alle angehören müßten, ihre Rechte wahren. Ministerialdirektor Dr. K. Spiecker (Berlin) feierte als Katholik die- Religion als Hort und Trost gegen Not und Verelendung. Der religiöse Mensch sei am besten gegen alle Zügellosigkeiten und Gewalttätigkeiten des Tageskampfes gewappnet. Der Katholizismus wisse aus eigener Erfahrung, was religiöse Verfolgung bedeute, und verstehe daher durchaus die Erregung der jüdischen Bevölkerung. Daß sogar bei den Jubiläumsfeiern der oberschlesischen Abstinunung, so in Gleiwitz, die Juden gekränkt wurden, sei um so verwerflicher, als er aus eigener Erfahrung bezeugen ftiiinc, daß das vberschlesische Judentum vor zehn Jahren nicht nur seine Schuldigkeit getan, sondern Gilt und Blut für das Vaterland eingesetzt habe. Dr. Spiecker entwarf sodann ruhig und überlegen ein Bild von der Wirtschastsnot und den anderen Ursachen, die dem Nationalsozialismus entscheidend zugute gekonnnen wären. Er betonte unter lebhaftem Beifall den ruhigen Kurs der preußischen Staatsregierung, die gerade, zielbewußte Linie der Reichsregierung unter Brünings Führung. Beide Tatsachen haben uns über den schweren Winter hinweggeholfen. Dr. Spiecker verlangt aber angesichts der Tatsache, daß wirtschaftliche Not und seelische Verzweiflung dem Radikalismus rechts und links die Anhüngerscharen zu-, führten, von jedem.einzelnen, mit der Demokratie Ernst zu machen und dafür einzutreten, daß die Güter, Schönheiten und Segnungen dieses Lebens möglichst allen zugänglich gemacht werden. Erst dann, wenn jeder Herz und Magen einigermaßen sättigen könne, werde dem Radikalismus der entscheidende Stoß versetzt sein. Der letzte Redner, Dr. Alfred Wiener (Berlin), Syndikus des Ceutralvereins, wies darauf hin, daß kein Tag vergehe, an dem nicht Tote und Verletzte die Zügellosigkeit des politischen Kampfes beweisen. Nur in Deutschland werden die als antinational angeprangert, die eine bestimmte politische Richtung nicht vertreten. Stresemann, Marx, Koch-Weser, Ebert — alle die Männer, die ihr Bestes dem Vaterlande gegeben haben, werden schamlos als Landesverräter ausgerufen. Be-- sonders arg treiben es aber nationalsozialistische Redner uno Zeitungen mit den Juden. Der Redner las Zitate aus dem „Stürmer" in Nürnberg, dem „Donauboten" in Ingolstadt, dem „Freiheitskampf" in Dresden vor, die die erregte Versammlung mit lebhaften Pfuirufen quittierte. Als der Redner ausrief: „Wrr wollen nicht nur diese Tatsachen hier bekanntgeben, wir klagen an, daß gegenüber den schamlosen Uebergriffen, den Friedhofsschändungen, den religiösen Kränkungen ein großer Teil der deutschen Oeffentlichkeit schweigt, die Presse zu wenig Notiz davon nimmt, die Behörden nicht energisch eingreifen"; als er hinausrief, wie verbittert der deutsche Jude ob dieser Vorgänge sei, wie er für deutsches Ansehen und für die deutsche Jugend fürchte — setzte minutenlanger Beifall der Versammlung ein. Es sei unerhört, den Juden noch Prasserei und Wohlleben vorzuwerfen, obwohl jede Woche jüdische Selbstmorde aus wirtschaftlicher Verzweiflung zu beklagen seien. Dr. Wiener behandelte die Stellung zu deutschem Volk und Vaterland. „Wir selbst entscheiden und müssen so entscheiden, weil wir aus tiefstem Herzensgründe heraus gar nicht anders können, als Deutsche zu sein und zu bleiben." (Sdiluss von Seite 34) lastet, daß wir — aus Anlaß einer mehr oder weniger gemeinsamen Abstamnmng — nicht nach Gesinnung und Handlungen, sondern nach Unterscheidungen, die man in der Tierwelt zu wählen pflegt, als eine völlig einheitliche Gruppe angesehen werden. Auch hier fordern wir Versachlichung. IV. Nun noch ein paar Betrachtungen über den sogenannten Kunst betrieb. Heute liebt das Publikum Sensationen und ergötzt sich an Dingen, deren tieferer Wert mit Recht bestritten wrrd. Wenn wirklich jüdische Theaterdirektoren dem Zeitgeschmack in ungebührlicher Weise Rechnung tragen, so tun sie das, um in dem Existenzkampf — oem der aus öffentlichen Mitteln subventionierte Direktor einer staatlichen oder städtischen Bühne nicht ausgesetzt ist — wettbewerbsfähig zu bleiben. Abhilfe von diesem Mißstand kann nur für uns ebenso wie für die Nichtjuden die Bildung eines guten und edlen Geschmackes, die Vertiefung unseres menschlichen und nationalen Seins bringen. Werden oie Menschen allgemein erhoben, so wird der Geschmack an den Sensationen verringert werden; wird das innere Leben befriedet, so wird auch mit der Vertiefung der Bildung eine Vertiefung des Geschmackes einhergehen, und alle die geschäftstüchtigen Theaterdirektoren werden sich derjenigen Gattung zuwenden, die auch ihrem inneren Empfinden vielleicht stärker entspricht. Dr. Fechter hat die zu starke Betonung der in Frankreich herrschenden Kunstrichtung durch moderne Kunsthandlungen mit jüdischen Inhabern in Berlin gerügt. Ich glaube, er hätte in München nach dieser Richtung andere Erfahrungen machen können. Auch für die Kunsthändler ist aber ganz allgemein der wirtschaftliche Erfolg, d. h. also die Nachfrage zum mindesten stark mitbestimmend. Anseinem eigenen wirtschaftlichen Zusammenbruch hat niemand Freude und niemand hilft dem, der aus einer noch so idealen Gesinnung heraus Dinge zur Schau stellt, die keinen Absatz finden. Darum scheint mir dieses der letzte Sinn des angestrebten gentlemen-aAreemsntZ zu sein: Versachlichung und Verinnerlichung bei allen, Juden wie Nichtjuden; freie Meinung jedem, der in Wahrheit nach Erhaltung des Ganzen und nach Förderung der deutschen Gemeinschaft strebt, Duldung und Achtung vor der Anschauung auch des politischen Gegners!