Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1931)
- Date
- 1931-05-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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34 erinnert werden, wie die Leistungen eines Gerhart Haupt mann, die Leistungen eines Thomas Mann von einer beträchtlichen Bevölkerungsschicht deswegen aus das schärfste abgelehnt werden, weil man es ihnen nicht verzeihen kann, daß sie den Begriff des Nationalen anders auslegen, als es etwa den programmatischen Forderungen der Deutschnationalen Volkspartei entspricht. Welcher Entrüstungssturm würde wohl aus dem gleichen Grunde über aufrechte deutsche Männer wie Gottfried August Bürger und nicht weniger über H o f fmann von Fallersleben dahinbrausen, wenn sie ihre von dem Patriotismus der herrschenden Schicht abweichende Meinung wie einst auch heute noch kund tun könnten! „Sie nennen's Kamps ums Vaterland, in welchen sie dich treiben, O Volk, wie lange wirst du blind beim Spiel der Gaukler bleiben? Sie selber sind das Vaterland und wollen gern bekleiden" singt Bürger, und Hosfmann von Fallersleben macht sich in einem Gedicht „Wie ist doch die Zeitung interessant" über die allzu ausführliche Berichterstatttung der Presse über die höfischen Ereignisse lustig und schließt bissig und scharf: „Doch ihr sonstig Tun und Raten, Was sie für die Volker taten. Wird genau verhehlt; L)b sie sonst was Gutes dachten, Ueberhaupt was Gutes machten, Wird auch nie erzählt." Kein 'Zweifel, daß, unter heutigen Zeitstimmungen betrachtet, aus diese Weise selbst der Dichter unseres Deutschlandliedes in den Verdacht des Antigermanismus hätte konunen können. Doch auch aus der Gegenwart gibt es viele Beispiele, die dazu dienen können, die Unsicherheit des Begriffes zu belegen. Wäre es nicht der deutschnationale Führer Ouaatz, sondern ein Vertreter der Linken, der, wie es in der Neuerscheinung „Vor dem Sturm" (S. 121) der Fall ist, aussührt: „In der neueren deutschen Geschichte findet sich kein Beispiel solcher Vereinigung der germanischen Dämonie mit der germanischen Treue, von der man so viel singt, und'die so selten ist" (von mir gesperrt. D. Vers.), so hätte ihn wohl schnell der Bannstrahl der „echt" Vaterländischen getroffen. Da aber diese harten Worte von einem Deutschnationalen gesagt werden, hüllt man sie in Verschwiegenheit ein. Umgekehrt -wieder wird unseren katholischen Mitbürgern, die in der Zentrumspartei vereinigt sind, aus wohlbekannten Gründen ihrer religiösen Auffassung der Vorwurf nationaler Unzuverlässigkeit gemacht. Aus alledem geht hervor, daß der Vorwurf des Antigermanismus auch gegen eine so große, vielleicht eine, überwiegende Anzahl nichtjüdischer Deutscher gerichtet wird oder folgerichtigerweise gerichtet werden müßte, daß es mir unbillig erscheint, den jüdischen Deutschen etwa zuzumuten, sie sollen als jüdische Deutsche eine Einheitsfront bilden, um damit die leider zu unklar als „antigermanisch" bezeichneten Erscheinungen unseres össentlichen Lebens zu bekämpfen. Zu erstreben ist zunächst eine Umgestaltung dar Literarischen Auseinandersetzung, von der alle vornehm denkenden Menschen wünschen, daß sie jede sittlich begründete Anschauung achtet, und daß Dinge, die anderen heilig sind, niemals mit Hohn und feilem Spott bezeichnet werden. Man muß aber vor allem aus eine Versachlichung der Probleme hinarbeiten. Solche Versachlichung kann nur statthaben, wenn völlige Klarheit herrscht über das, was man in Wirklichkeit als national bezeichnet, und wenn man anderseits jedem die Pflicht und das Recht zubilligt, an der einen oder anderere Auffassung selbst schärfste Kritik zu iifcen, wenn sie ihm aus gutem deutschen Herzen heraus als zum Bestand des Vaterlandes notwendig erscheint. Unsere Geschichte lehrt uns, daß wir seit langen Jahren zwischen spekulativ ausschau e n d e n im6 positiv geb u ndenen Ausfassungen eine innere Auseinandersetzung haben. Beide können in fruchtbarem Widerstreit zu einer Besserung der Verhältnisse führen. Aber falsch ist es, etwa die Juden als solche für die eine oder für die andere Auffassung in Anspruch zu nehmen bzw. die gesamte deutsche Judenheit als zu einer oder zu der anderen Auffassung gehörig zu bezeichnen. Wenn sich jüdische Schriftsteller vielfach in kritischer Weise gegen solche Anffassungen weichen, die namentlich in den früher herrschend gewesenen Kreisen gepflegt wurden und heute noch gepflegt werden, so sprechen sie weder für die gesamte Judenheit, noch werden sie etwa in ihren Auffassungen von allen Juden gedeckt. Es ist ein leichtes, hier eine große Reihe von Schriftstellern anzusühren, die, jüdischer Abkunft, sich mit einem starken und bewußten Wollen für die geschichtlichen Werte deutschen Schrifttums, deutscher Philosophie eingesetzt haben und noch emsetzen. Ich weiß, daß diese Tatsache Dr. Fechter bekannt ist. Er beachtet sie aber nicht und sieht nur einige jüdische „Prominente", die in der Tat, insbesondere in formaler Beziehung, berechtigte Gefühle andersdenkender Gruppen verletzt haben. Würden sie ihre Anschauungen in anderer Form vorgetragen haben, so möchte ich ihnen das Recht zu der Aeußerung ihrer Kulturaussassung nach keiner Richtung hin bestreiten, insofern sie sich den Wunsch nach Erhaltung und Förderung des deutschen Zukunftswillens zu eigen machen. Ich weiß, daß dies viele tun, die sich in der Form sehr stark vergreifen. Erst kürzlich fand einer der schärfsten und verfemtesten Rufer im Streite, Tucholsky, in seinem neuen Roman „Schloß Gripsholm" starke Worte voll Wärme für den geliebten niederdeutschen Teil dieses Landes, „das zu lieben es einem so schwer macht". Und es darf auch auf der anderen Seite nicht vergessen werden, daß diejenigen jüdischen Deutchen, die auf dem Standpunkt des Dr. Fechter tehen und für geschichtliche Werte volle Würdigung aufbringen, es infolge der heutigen politischen Stimmung sehr schwer haben, in Zeitungen und Zeitschriften zu Wort zu kommen, da diese von vornherein in dem jüdischen Mitarbeiter eine Belastung erblicken. Kritische Leser, die die Zeitung des Centralvereins verfolgen, wissen, daß diese sehr häufig für die deutschen Werte im Sinne Dr. Fechters die Lanze bricht. Allerdings werden ihr solche Aeußerungen durch die Haltung der unbedingt antisemitischen Anhänger dieser Gedanken zumindest zu erschweren versucht. Wenn ein deutscher Student jüdischer Abstammung sich heute im akademischen Leben im Fechterschen und in meinem Sinne betätigen will, so findet er an den meisten Stellen hohnvolle Ablehnung. Man stelle feste Begriffe auf anstatt der flüssigen, vermeide das Wort „anti", sei es gegen die Juden, sei es gegen die Nichtjuden gerichtet, und stelle fest, was nationale Forderungen und nationaler Wille an positiven Werten von den - einzelnen verlangen. Dann stehen sich klare Fronten gegenüber. Das Ressentiment wird schwinden, und diejenigen werden leicht überwunden werden, deren rohe Formen und Empfindungen anständig gesinnte Andersdenkende verletzen. Darum keine Einheitsfront gegen bestimmte jüdische Literaten, sondern eine Einheitsfront aller, seien sie Juden oder Nichtjuden, gleichgültig auf welchem Boden sie stehen, zur A u f r e ch t e r h a l t u ng des g e m e i nsamen nationalen Willens und zu einer sachlichen Austragung der nun einmal vorhandenen und notwendig miteinander ringenden Gegensätze. II. In höchstem Maße bedenklich erscheint nur, trotz seines aufrechten Willens, die Meinung Dr. Fechters in dein folgenden Einzelfalle zu sein: Ein Berliner Zeitungsverlag antwortet auf die Anfrage eines Buchverlages, warum seine Bücher, die sich mit der deutschen Vergangenheit beschästigen, nicht besprochen würden, die Deutschen sollten sich mit der Gegenwart und nicht mit der Aergangenheit beschäftigen. Dr. Fechter weist diese Stellungnahme mit folgenden Worten zurück: „Wir halten es aber doch für taktvoller, )oerm inan diese Sorge uns selbst überließe", d. h. doch deutlich ausgedrückt: Wenn jemand jüdischen Stammes ist, darf er seine Meinung nicht sagen. Auch ich halte die Aeußerung des Berliner Zeitungsverlages für völlig verfehlt und für töricht. Aber eines scheint doch gänzlich abwegig zu feilt: einein jüdischen Deutschen eine Antwort deswegen zu verbieten, weil er Jude ist. So irrig auch der Standpunkt des Verlages ist, so darf man es niemandem übelnehmen, wenn er in sachlicher Form feine Meinung ansspricht. Es ist unmöglich, daß man hier mit zweierlei Maß mißt. Wenn ein nichtjüdischer Zeitungsverlag etwas derartiges ausgesprochen haben würde, so könnte man ihm doch nicht antworten: „Du kannst machen, ivas du willst. Wärest du ein Jude, so hättest du deinen Mund zu halten." Heben wir die Bedeutung geschichtlichen Verständnisses, sorgen wir dafür, daß das Vergangene in allen Kreisen als Vorläufer für die Gegenwart angesehen wird, dann wird auch eine solche Antwort nicht mehr möglich sein. Wird aber in der Erörterung die Aufsassnng laut, daß gerade in dieser Frage keine Meinungsverschiedenheit herrschen dürfe, so darf es nicht heißen: Die Juden sollen sich hüten, dieses oder jenes auszusprechen, sondern: Alle müßten sich davor hüten, ob sie Juden sind oder nicht! III. Unbedingt ist Dr. Fechter beizupflichten, wenn er aussührt, daß häusig ein gewisser Dilettantismus von jüdischen Schriftstellern gefördert wird, wenn es sich um Juden oder um Juden nahestehende Menschen handelt. Hier liegt in der Tat eine gefährliche Cliquenwirtschaft vor, die aber bei Nichhuden ebenso wie bei den Juden herrscht. Man denke nur an die „Vetternwirtschaft" bei der Besetzung von Aemtern vor dem Kriege. Aber das entschuldigt die herrschenden Uebelstttnde nicht, sondern es muß hier eben für alle Kreise der Satz gelten: „Protektion, Bekanntschaft irgendwelcher Art haben in der Kritik unter allen Volksgenossen unbedingt auszuschalten." Abwegig ist aber wieder, wenn Dr. Fechter von Werken, Arbeiten und Leistungen spricht, die denr jüdischen Gefühl und der jüdischen Weltbetrachtung entsprechen und nahestehen. Gibt es denn überhaupt ein e i n h e i t l i ch e s jüdisches Gefühl? Gibt es eine einheitliche jüdische Weltbetrachtung? Wer ein einigermaßen guter Kenner der jüdischen Menschen ist und ohne irgendeine Parteibrille diese Menschen ansieht, kann von einer Einheitlichkeit des Gefühles nicht sprechen. Jede Anschauung von den DingenderWelt ist unter den Juden genau so vertreten wie unter den N i ch t j u d e n. Ein Blick in eine wirklich jüdische Zeitung beweist uns jeden Tag, daß in allen entscheidenden Fragen, die unsere Kultur, unsere Gegenwart und unsere Zukunft betreffen, innerhalb der jüdischen Deutschen in sehr großem Umfange Unterschiede vorhanden sino. Lediglich in einem Punkte besteht Uebereinstimmung, nämlich darin, daß auf uns allen schwer das Unrecht Oer Reichsinnenminister gegen die Frie-Hofsfchänder Der R e i ch s m i n i st e r des Innern hat in der Frage der Verhütung der Schändung von Friedhöfen kürzlich folgendes Schreiben an die Landesregierungen gerichtet: „Nach zuverlässiger Mitteilung sind im Deutschen Reiche in den letzten Jahren nicht weniger als 100 Fälle von Schädigungen jüdischer Friedhöfe vorgekommen. Unter Hinweis hierauf darf ich den Landesregierungen erneut nahelegen, die Landesbehörden anzuweisen, um die Anfklärnna und Verfolgung von Störungen des Gräbersriedens nachdrttcklichst bemüht zu sein. Ich halte schärfstes Einschreiten gegen solche verabschennngswiirdigen Straftaten fnr nötig und bin nach den Erfahrungen der letzten Jahre der Auffassung, daß es nicht möglich ist, ihnen ohne empfindliche Strafen mit Erfolg entgegenzntreten."