Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 4 (April 1931)
- Date
- 1931-04-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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27 Wer Kampf für den inneren Frieden Eln-rucksvolle Kundgebung -es «tentral-vereins in Hamburg Die Bluttaten in Hamburg und P r. - H o l l a n d veranlagten den Centralverein, noch weit energischer als bisher die deutsche Oesfeutlichkeit über die gewalttätige antisemitische, das gesamte Vaterland gefährdende Hetze der N a t i ö n a l s o z i a l i st e n aufzuklären und die „Front der Anständigen" zu verstärken. Die erste Kundgebung mit dieser Zielsetzung fand am 26. März in Hamburg, rn der oichtgefüllten Aula des Heinrich-Herz- Realgymnasiums, statt. Neben Rechtsanwalt Dr. Behn, einem der Führer der Hamburger Volkspartei, erblickte man den der Staatspartei nahe st eh enden Bürgermeister Dr. Carl PeLersen. Die Sozialdemokratie war durch den jugendsrischen Hans Podeyn, den Vorsitzenden der sozialdemokratischen Bürgerschaftssraktion, vertreten. Die Zentrumspartei hatte ihren Vorsitzenden, Dr. Clemens Altewischer, entsandt, die R a d i k a l d e m o k r a t i s ch e P a r - tei Richter Dr. Walter Bauer, das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold mehrere bekannte Führer. Nach einleitenden Worten des Vorsitzenden der Versammlung, Rechtsanwalts Dr. Urias, sprach Otto Nuschke (Berlin), Mitglied des preußischen Landtags, über die Nationalsozialisten und tbre Politik im allgemeinen. Er verkenne nicht, baß viele, von vaterländischen Gefühlen geleitete, besonders jugendliche Elemente wähnten, in den Reihen der Partei für den nationalen Aufschwung zu kämpfen. Nur würden diese Elemente von ihren Führern gefährlich irregeleitet. Als Hitler seinen überraschenden Wahlerfolg am 14. September errungen hatte, habe er in der Presse aller Länder seine Loyalität versichert. Er, der „nationale" Mann, habe sich nicht gescheut, in der Nothermere-Presse, deren scharf deutschfeindliche Haltung im Weltkriege berüchtigt sei, zu schreiben. Auf der anderen Seite ziehen Hitler und'seine Mannen die Stresemannsche Politik, die wahra national sei, in den Schmutz. Der Police und finanzielle Schaden, den die Hakenkr'eüzerfolbe des 14. September angerichtet haben, fei unermeßlich. Hitler jongliere in widernationaler Art. Den Geldgebern aus Handel und Industrie gebe er vor, die Macht der Gewerkschaften und den „Marxismus" brechen zu wollen. Den Werktätigen verkünden seine Unterführer skrupellos, den Kapitalismus mit Haut und Haaren ausrotten zu wollen. Die Tatsache, daß National sozialrsmus und internationaler Kommunismus dicht beieinander wohnen, habe der Uebertritt des Reichswehrleutnants Scher in ger, des „Helden" von Leipzig, zur Kommunistischen Partei bewiesen. Dieser Uebertritt sei nur das Schlußglied einer logischen und psychologischen Kette, ein Uebertritt, der keineswegs vereinzelt dastehe. Er sei aber ein unwiderlegbarer Beweis, wie es mit dem Nationalismus der Hitler-Leute in Wahrheit aussehe. Nach Nuschke behandelte Syndikus Dr. Alfred Wiener (Berlin) die antisemitische Seite der nationalsozialistischen Agitation. An Bildern und Aufsätzen des Nürnberger „Stürmers" und des Leipziger „Freiheitskampfes", der Koburger „Flamme" und des Berliner „Angriffs" wres er nach, in welchen nicht mehr zu überbietcnben Niedrigkeiten und Roheiten der judenfeindliche Kampf der Nationalsozialisten sich austobe. Jedermann habe in Deutschland bas Recht, Gruppen, Klassen, andere Parteien mehr oder minder scharf anzugreifen. Was hier vorgehe, sei kem Kampf mehr gegen das Judentum allein, sondern ein Kampf gegen Anstand und Moral. Dieser Kampf verstoße gegen jedes vaterländische Interesse in seinen Aufforderungen zu Gewalttätigkeiten, in seiner perversen Ausmalung angeblich geschlechtlicher Uebergriffe. .Diese Form des Kampfes treffe nicht die Angegriffenen, er verseuche die Angreifer und rufe einen derart verlogenen und unwahrhaftigen Seelenzustand hervor, daß für die gesunde Entwicklung beachtlicher Teile der deutschen Jugend Schlimmes befürchtet werden müsse. Das sehe man klar bei den fast h u n - dert Schändungen jüdischer Friedhöfe, die oft von Jugendlichen, burch völkische Irrlehren aufgehetzt, vollsührt seien, bei denen mehrmals schon Nationalsozialisten als Täter gefaßt und überführt seien. Gewiß weise auch das deutsche Judentum minderwertige, schädliche Elemente auf, gegen die sich der Kampf der Juden selbst heftig richte. Gewiß seien die Juden keine Gemeinschaft von Engeln, ebensowenig aber auch eine Gemeinschaft von Teufeln. Die Juden seien heute keine Schutzjuden mehr, aber die nichtjüdischen Deutschen hätten trotzdem die Pflicht, gerade im deutschen Interesse so Zügellosen Ausschreitungen des politischen Tageskampses ernstliche Beachtung zu schenken. Bürgermeister Dr. Carl Petersen sprach abgeklärte, von tiefer Besorgnis getragene Worte über die seelische Verfassung des deutschen Volkes in der Gegenwart. Das arme deutsche Volk sei erst durch die Furchtbarkeit des Krieges, dann durch die Furchtbarkeit des Friedens -gegangen. Not und Verelendung herrschen überall. Das könne den zügellosen Antisemitismus nicht entschuldigen. Die Stärke des Antisemitismus sei ein Gradmesser für den Wert der Kultur eines Volkes. Leider schneide das deutsche Volk bei einer solchen Feststellung sehr schlecht ab. Alle Gutgesinnten, alle Vaterlaudsfreunde müßten dein grausigen politischen Radikalismus unserer Zeit scharf entgegentreten. Aehnlich äußerte sich der Vorsitzende der sozialdemokratischen Fraktion der Bürgerschaft, Hans P o d e y u. Die Sozialdemokratie werbe ganz besonders heftig von den Nationalsozialisten berannt. Sie habe den Kampf dagegen energisch ausgenommen. Sie werde stets jeden Radikalismus, nicht zuletzt den antisemitischen, mit aller Macht bekämpfen. Aussehen erregten die Mitteilungen des Führers der volksparteilichen Fraktion der Bürgerschaft, Dr. R. B e h n. Das Tischtuch zwischen der D. V. P. und der D. N. V. P. sei völlig zerschnitte n. Irr einer deutschnationalen Versammlung in Hamburg habe man den volksparteilichen Generalsekretär mit Totschlag bedroht. Der Leiter dieser Versammlung habe „nur aus Zwang heraus" den Volksparteiler geschützt. Die Partei eines Stresemann würde übrigens nie den nationalsozialistischen Antisemitismus mitmachen. Scharf rückten von jedem Radikalismus Dr. Alte- Wischer namens des Zentrums — das Zelltrum lehne schon aus wahrhaft christlichen Gründen jeden Judenhaß durchaus ab —- und Dr. Bauer namens der Radikaldemokratischen Partei ab. Auch Walter F o n s e, der namens des Reichsbanners sprach, hing den Allsschreitungen bes Nationalsozialismus rücksichtslos zu Leibe. Kluge Worte rramens der deutschisraelitischen Gemeinde fand Direktor Engel. Alfred L i s s e r charakterisierte klar die Stellung des jüdischen Deutschen zur Gegenwart, dem kein Haß und keine Feindschaft die Liebe zum Vaterland je rauben könnten. Im kurzen. Schlußwort nannte Dr. Wiener diese ernstweihevolle Veranstaltung für Wahrheit, Gerechtigtkeit und Friede eine Heiligung des göttlichen Namens. Ein Wort des 33. Psalms, den Frieden zu lieben, ja, hinter ihm her zu jagen, eine Diktatur des inneren Friedens zu errichten, sei die hehre Aufgabe jedes Besuchers dieser machtvollen Kundgebung für ein gerechtes Deutschland. Sodann erklärten sich alle Versammelten einstimmig für folgende Entschließung: Die zu der Kundgebung des Centralvereins deutscher Staatsbürger j ü d i s ch e n G l a u b e n s am 26. März 1931 Versammelten erklären: Die kürzlich in Halnburg begangenell schweren politischen Verbrechen sind nur die Früchte der hemmungslosen und rohen Verhetzung, wie sie durch fortgesetzte Beschimp- Schluss von Seite 26. die allen Menschen das Heil zu bringen gewillt ist — und diese Katholizität nimmt ja auch die evangelische Kirche für sich in Anspruch — kann niemals völkische Gedanken als berechtigt anerkennen. Warum wir davon an dieser Stelle sprechen? Unsere Gegner werden uns Schadenfreude unterschieben, werden glauben, wir buchen diese Aeußerungen der Kirchenvertreter als einen Erfolg. Sie mögen sich beruhigen. Es ist hierbei gleichgültig, ob es uns angeht oder nicht. Die Auslassungen sind nicht uns zuliebe erfolgt, sie enthalten ja auch keine ausgesprochene Verurteilung des Antisemitismus, die allerdings aus den vorgetragenen Gedanken ohne weiteres geschlossen werden kann. Die höchste Stelle der katholischen Kirche hat im Jahve 1928 ganz unzweideutig den Antisemitismus als unchristlich gebrandmarkt. Für uns ist das Gefühl der Verantwortung bemerkenswert, das sich in den Kundgebungen ausspricht, einer Verantwortung gegenüber der inneren Wahrheit der christlichen Religion, ja auch gegenüber der Menschheit. Die Kirchen erheben den Anspruch darauf, die Menschen zu leiten, die führende Macht im Leben darzustellen. Schwer genug ist diese Aufgabe und sie ist seit dem Beginn der Neuzeit nur unvollkommen erfüllt worden. Aber den Anspruch darauf, zu führen, haben die Kirchen niemals aufgegeben, und sie haben hier in Erfüllung ihrer Führer- Pflicht den Mut gehabt, auszusprechen, was sie wahrscheinlich im Augenblick nicht populärer macht, zll zeigen, daß sie sich nicht ins Schlepptau einer noch so starken Bewegung und Zeitströmung nehmen lassen. Es wäre ja auch zu merkwürdig gewesen: christliche Theologen haben wiederholt der jüdischen Religion den Vorwurf gemacht, sie sei national beschränkt, ihr fehle der Zug ins Universelle, der dem Christentum eigen, sie lehre nicht die volle uneingeschränkte Liebe, die erst das Neue Testament gebracht habe. Wir brauchen das gewiß nicht an dieser Stelle zu widerlegen, aber es wäre doch ein groteskes Bild gewesen, wollte heute das Christentum in Verbindung mit Anschauungen treten, die an nationaler Einseitigkeit nicht übertroffen werden können, die das Gebot der Liebe als Ausfluß der Schwäche betrachten. Die Kirchen haben mit Politik nichts unmittelbar zu tun, aber sie beweisen einen offenen und tiefen Blick auch für das politische Leben, wenn sie zu einer politischen Bewegung, die sie ins Weltanschauliche hinübergreifen und zu einer Gefahr werden sehen, Stellung nehmen. Sie haben sich durch das Wort des Evangeliums warnen lassen: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen."