Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 4 (April 1931)
- Date
- 1931-04-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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LH richtiger der Ohnmacht Deutschlands. Tie Dinge liegen sogar tatsächlich so, daß „den tscher Pazifismus" nichts ist als der billigste, aber nicht der unwirksamste Bestandteil der ungeheuren militärischen Rüstung derjenigen, unter bereit eiserner Faust heute die Menschheit und am meisten wir Deutsche selbst zusammenbrechert.. Zunächst kommt es für Deutschland darauf all, lo e n i g st e n s beit Grad der Wehrhaftigkeit 31t erringen, das; es in dev Lage ist, wie z. B. die Schweiz, in einem Kriege zwischen ben Starken seinen Boden zu schützen und seine Lebensinteressen zu wahren. Dieses Ziel muh auch unsere Einstellung zu unserer Wehrmacht bestimmen, vielleicht sogar über luauche berechtigten oder unberechtigten Empfindlichkeiten hinweg. Allerdings wird es allmählich auch h ö ch st e Zeit, das; unsere nichtjüdischen Volksgenossen, die für Kräftigung deutscher Wehrmacht eintreten, ein sehen, das; ein ganz weseullicher^Bestandteil unserer Wehrkraft, heute mehr als je iu möglichster Vermeidung aller Nisse im Innern besteht. Auch der Weltkrieg wäre für lllls ailders verlaufen, wenn man zu dieser Erkenntnis nicht erst am 4. Allgust 1914, sondern einige Jahre vorher gekommen wäre. Ich glaube, das; gerade bei der heutigen Art der Rüstung die deutschen Juden der deutschell Wehrkraft nicht nur dllrch Stellung ihres Kontingentes zum Heere, sondern auch durch ihre besondere geistige Eigenart für die wirtschaftliche und technische Wehrkraft Deutschlands w e i t m e h r leisten könnten, als ihren; flcincn Anteil von 0,9 Prozent an der Bevölkerung elltspricht. Dazu wäre allerdings e i ll Pazifislllus dringend durchzusetzen, nämlich ein Pazifismus gegen den Krieg und ben Haß i n n erhalb der deutschen Grenzen. Kirche und Politik Von Rabbiner Dr. Baerwald, München Ist es ein Zufall, daß in den letzten Wochen mehrere Stimmen aus kirchlichen Kreisen sich zum Thema „Christentum und Nationalsozialismus" haben vernehmen lassen? In der C. V.-Zeitung ist von dem Vortrag berichtet worden, den Kaplan F a h s e l kürzlich in der Berliner Singakademie gehalten und in den; er dem Nationalsozialismus seine Grenzer: gegenüber der Religion gezeigt hat. Bedeutsamer ilud wichtiger noch erscheint es, wenn die b a y e r i - s ch e n Bischöfe zur gleichen Zeit eine gemeinsame Kundgebung erlassen, in der es u. a. heißt: „Der -Nationalsozialisrnus enthält in seinem kulturgeschichtlichen Programnr Irrlehren, weil er darin wesentliche Lehrpunkte des katholischen Glaubens ablehnt oder schief auffaßt und weil er nach Erklärung seiner Führer eine neue Weltanschauung an die Stelle des christlichen Glaubens setzen will. Führende Vertreter des Nationalsozialisrnus stellen die Nasse höher als die Religion. Sie lehnen die Offenbarungen des Alten Testaments und sogar die mosaischen zehn Gebote ab . . . Was der Nationalsozialismus Christentum nennt, ist nicht mehr Christentum Christi. Die Bischöfe müssen also als Wächter der kirchlichen Glaubenslehre vor dem Nationalsozialisrnus warnen, solange er und soweit er Auffassungen kundgibt,. die mit der katholischen Lehre nicht vereinbar sind. Ten katholischen Geistlichen ist streng verboten, an der nationalsozialistischen Bewegung in irgendeiner Weise mitzuarbeiten." Eine ähnliche Kundgebung haben auch die Bischöfe der Kölner K i r ch e n p r 0 v i u z erlassen, in der sie auf jene der bayerischen Bischöfe ausdrücklich verweiserr und auch das „Offene Mahnwort zur Jahreswende" des Breslauer Kardinal-Erzbischofs zitieren. Auch in der evangelischen K i r ch e werden ähnliche Stinunen laut. Kirchenpräsident v. B e i t, d a s O b e r h a u p t d e r evangelischen Landeskirche Bayerns, führte in einem vielbeachteten Vortrag, nach einem Bericht der „M ü n ch e n e r N cueften Nachrichte n", unter andern; aus: „Bestrebungen sind an; Werk, die das Christentum umbilden und umgestalten und es loslösen wollen von den geschichtlichen . Grundlagen, die Gott ihm gegeben hat. Es sind Gedanken, die von der immer stärker auflebenden völkischen Bewegung her kommen, die den;, der es mit christlichen; Glaube;; und der Gottesoffenbarung ernst meint, ernste Sorge erwecken u;uß. Nicht mehr in demütigeu; Gehorsam will man lauschen auf Gottes Wort des Alten und des Neuen Bundes, sondern aus den Tiefen der eigenen Seele heraus sucht inan feine reinsten und edelsten und besten Gedanken, deren eben der deutsche Geist und das deutsche Gemüt fähig sind, und formt sich daraus etwas wie eine Religion, die man wohl als Christentum bezeichnet, aber kein Christentun; ist." Aeußerungen wie diese verdienen unsere ernsteste Beachtung; es kann uns nicht gleichgültig fein, wie sich die Kirchen zum Nationalsozialismus stellen; nicht so sehr deswegen, weil diese Tinge ja auch uns irgendwie berühren, als vielmehr, weil, wie wir glauben, hier eine bedeutsame geistige Auseinandersetzung beginnt; die kirchlichen Verlautbarungen zeigen, daß inan die geistige Gefahr erkennt und ihr entgegentritt. Für die kirchlichen Stellen sind es begreiflicherweise nur die von ihrem eigenen Standpunkt aus bestehenden Besorgnisse, die ausgesprochen werden, und so könnte man uns entgegenhalten, warum wir uns mit solchen innerkirchlichen Dingen befassen. Wer seine eigenen religiösen Angelegenheiten von fremdem Einsluß freigehalten wissen will, inuß taktvoll und klug genug sein, sich nicht in fremde zu mischen. Diese Erkenntnis soll doch aber wohl nicht ausschließen, daß n;an mit Interesse die Tinge in; „andern Lager" verfolgt. Das kirchliche Leben ist viel zu sehr ein Exponent unseres gesamten Kulturlebens, als daß wir ohne Anteilnahme daran vorübergehen dürften. Ja, es wäre vielfach besser, wenn wir den geistigen Strörnungen innerhalb der Kirchen mehr Ausmerksainkeit schenken wollten, als es für gewöhnlich der Fall ist. Wenn wir auf die obengenannten Aeußerungen verweisen, handelt es sich keinestvegs nur um die Registrierung einer Tatsache, die in den Tagesblättern vielfach unbeobachtet verschwindet, sondern unrein Faktum von geistesgeschichtlicher Bedeutung: der Geist setzt sich den; Ungeist, dem Pseudogeist gegenüber zur Wehr. Der Nationalsozialismus ist jung und er hat mit der Stoßkraft der Jugend, begünstigt durch die Zeitumstände, unleugbar Erfolge erzielt, mehr Erfolge, als er selbst wahrscheinlich erwartet hatte. Die Mittel, deren er sich bedient, sind ja allesamt alte nationale, völkische und antisemitische Ideen, soweit man bei letzteren überhaupt von Ideen sprechen kann. Das ist, .wie gesagt, alles nichts Regest aber', nach faschistischem Rezept zusannneugebrant, haben sich bidfe Jngredenzren zu kinem Opiat vereinigt,, dessen benebelnde Wirkung mm; am 14, September deutlich genug sehen konnte. Aber der unverbildete Sinn des Volkes fühlt sich doch nicht recht wohl dabei. Man ist in weiten Kreise;; der Bevölkerung erfreulicherweise religiös genug gesinnt, uu; bald leiser, bald lauter die Gretchenfrage zu stellen: „Wie hältst du's mit der Religion?" Es ist die heikelste und verfänglichste Frage, die den; Nationalsozialismus gestellt werden kann. Konsequente Rasseutheoretiker und -Politiker können nie und nirnmer sich mit einer Religion absindeu, die die Gleichheit alles dessen,;vas Menschenantlitz trägt, verkündet, die Opsersinn, Geduld, deinütige Menschenliebe predigt, die sogar — horribile dictu! — aus dem Judentum hervorgegangen ist und der die hebräische Bibel als eine Ofsenbarungsurkunde gilt. Ta muß reiner Tisch gemacht werdend es kam; nur eine deutsche Religion geben, erwachsen aus den; Denken, Fühlen und Ahnen nordischer Menschen. Man lese nur als Beispiel, was D i n t e r , wohl der folgerichtigste Verkünder einer solchen Lehre, der deshalb auch von den Nationalsozialisten aus der Partei ausgeschlossen lvurde, schreibt. Den; Nationalsozialismus ist das außerordentlich unbequem. Er weiß, wie es in der deutschen Volksseele aussieht, die mit den; Christentum eng verbunden ist. Der offizielle Nationalsozialismus wist die große Kluft, die Zwischen seinen Anschauungen und denen der christlichen Religion unüberbrückbar klafft, nicht sichbar werden lassen; er schüttelt einen Dinter ab, der nur konsequent ausspricht, was nach völkischer Ideologie unvermeidbar ist. Er dekretiert: der Natwnalsozialismus steht auf dem Boden des positiven Christentums. Sieht man sich freilich die Aeußerungen an, in denen sich namyafte Vertreter des Nationalsozialismus nut dem Christentum auseinandersetzen, so sieht man die Verlegenheit, in der der Nationalsozialismus zwischen der Scylla der Konsequenz und der Charybdis der Opportunität hindurchzusteuern sich bemüht. Wollte n;an aus den Voraussetzungen der völkischen Idee vor den Augen des christlich gesinnten Volkes die richtigen Folgen ziehen, dann wäre es mit den Erfolgen vorbei. So kommt es zu den merkwürdigen Eiertänzen auf dem Gebiete der Religionsgeschichte und -Philosophie, wie den Behauptungen, daß Jesus -Arier gewesen sei, daß das' Christentum eine wesentlich deutsche Religion und mit dem Volkstun; verwurzelte Macht sei usw. Unbestreitbar haben diese Konstruktionen bei so manchem ihre Wirkung getan und ihn; den Nationalsozialismus als eine christlich verbräumte Weltanschauung erscheinen lassen. Darüber hinaus haben wohl viele andere, und nicht die Schlechtesten, den Traum von einer deutschen Volksreligion und Volkskirche verwirklicht geglaubt. Sogar Geistlichen hat dies Trugbild vor Augen gestanden, und sie haben gemeint, sich dem Nationalsozialislnus nicht versagen zu dürfen. In dieser Situation treten die schon erwähnten hervorragenden Kirchenvertreter auf den Plarwund weisen auf die Gefahren hin, die um so größer sind, als sie sich hinter Idealismus verstecken. Es hieße die Bedeutung dieser Kundgebungen abschwächen, wollte man sie i;u einzelnen erläutern. Insbesondere der bayerische Bischofserlaß ist so eindeutig und bestinunt, wie er sein muß, so behutsarn, wie' er sein kann. Es handelt sich bei all diesen Verlautbarungen, das steht deutlich zwischen den Zeilen, nicht um die Besonderheiten der katholischen oder evangelischen Kirche, es handelt sich um die a l l g e m e i n e n G r u n d l a g e n der ch r i st l i ch e n Religion. Klar und überzeugend wird ausgesprochen, was ist: Kirche und Nationalsozialismus vertragen sich wie Feuer und Wasser. Eine Religion, der die Liebe oberstes Gebot ist, kann sich mit einer Lehre des Hasses nicht verbinden, eine Kirche, der alle Menschen gottgeschaffen sind,