Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 3 (März 1931)
- Date
- 1931-03-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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23 Zwei Unvergessene Rudolf Haase (Rybnik) war bei den Vorbereitungsarbeiten für die Abstimmung eifrig tätig und wurde auf Grund seiner Betätigung für Deutschland von polnischen Insurgenten verhaftet und, 15% Jahre alt, noch Primaner, erschossen. zwei fürchterlichen Wochen Gefängnishaft sah er die Freiheit wieder. Kaufmann Jakob N o t h m a n n aus Hin - denburg wurde am 2. Juli in Morgenroth von drei Insurgenten aus dem Zuge herausgeholt und erschossen, weil er den: deutschen Selbstschutz angehörte. Kaufmann F. aus M i k u l t s ch ü tz wurde ausgeplündert und so schwer mißhandelt, daß seine Frau vor Schrecken starb. Der 21jährige Max T. mt§ Beuthen, Krakauer Straße, wurde verschleppt und schwer mißhandelt. Mit einer Eisenstange wurde ihm das rechte Bein zerschmettert, so daß er für den Nest seines Lebens Krüppel blieb. Kaufmann Albert T. aus Benthe n, Krakauer Straße, hatte auf dem Dache seines Hauses, in dem er wohnte, ein deutsches Maschinengewehr in Stellung bringen lassen. Als die Polen davon erfuhren, schleppten sie ihn nachts aus dem Bett, mißhandelten ihn und stellten ihn mit gefesselten Händen an die Mauer, um ihn zu erschießen. Durch das Dazwischentreten eines früheren Schulfreundes gelang es ihm im letzten Augenblick, dem Tode zu entgehen. In E i ch e n a u wurde einer der angesehensten Juden, ein Mann in den sechziger Jahren, von Insurgenten „verhaftet", grausam mißhandelt, nach Sosnowice über die nahe Grenze in das frühere Russisch-Polen verschleppt und wochenlang unter menschenunwürdigen Bedingungen festgehalten. Ein Zweiter entging nur mit Hilfe eines christlichen Mitbürgers dein gleichen Schicksal dadurch, daß er einige Tage und Nächte in der Räucherkammer einer Fleischerei zubrachte. Der junge Sohn eines jüdischen Gastwirts, Schneidermeister S. in B i t t k o w, zog nur 3. Mai 1921, dem ersten Tage des ober schlesischen Ausstandes, aus die Kunde vom Herannahen aufständischer Trupps an der Spitze weniger gleichgesinnter Mitbürger den Insurgenten entgegen. Er wurde mit einigen seiner Kampfgenossen ergriffen und in geradezu bestialischer Weise ermordet. Diese Liste darf keinen Anspruch auf Aollständigkeit erheben. Hoffentlich regen diese Zeilen aber dazu an, das bisher Versäumte nachzuholen und eine Liste der jüdischen Opfer au§ der Abstimmungszeit auch aus dem übrigen Oberschlesien aufzustellen. In besonderer Herzlichkeit sei hier noch des Selbstschutzführers Rechtsanwalts Max Böhm ans Peiskretscham, eines edlen Deutschen und Juden, gedacht. Peis- Herbert Cohn meldete sich bei Beginn des oberschlesischen Aufstandes freiwillig beim Schwarzen Korps, fiel bei der Erstürmung des Annabergs am 31. Mai 1921 und wurde auf dem' jüdischen Friedhof in Neustadt beigesetzt. kretscham ist ein idyllisch gelegenes Städtchen am Eingang zum oberschlesischen Jndustrierevier. Während des Aufstandes 1920 war die deutschgesinnte Bevölkerung dort völlig schutzlos; die französischen Besatzungstrup- Pen begünstigten die Insurgenten in jeder Weise. Rechtsanwalt Böhm stellte deswegen den General de Brantes auf dem Marktplatz vor versammelter Mannschaft zur Rede und erließ sodann einen Aufruf zur Bildung eines örtlichen Selbstschutzes. Er selbst wurde Mitbegründer dieser Organisation, die die Bewachung der Stadt übernahm. Aus solchen zunächst örtlich beschränkten Anfängen entwickelte sich dann der allgemeine oberschlesisch e S e l b st s ch u tz, dessen Führung für den Bezirk Peiskretscham Böhm übernahm. Im Februar 1921 wurde unser Freund Böhm vom Verbände h eim a t t r e u e r O b e rs ch l e - sier mit der organisatorischen Leitung für die Durchführung der Abstimnntng in Peiskretscham und Umgegend beauftragt. Als im Mai 1921 die Polen wieder durch einen Aufstand das zu holen suchten, was sie im Wege der friedlichen Abstimmung nicht hatten bekommen können, wurde Böhm täglich in energischer Weise bei dem französischen Stadtkommandanten vorstellig und erreichte, daß die Stadt eine Woche lang von den Insurgenten unbesetzt blieb und dadurch Leben, Gesundheit und Eigentum der Bürger erhalten wurden. Als dann nach dieser Frist die Stadt doch von den Polen besetzt wurde, legte er in seiner Eigenschaft als Magistratsmitglied in einer öffentlichen Versanunlung der städtischen Körperschaften in Gegenwart der Jnsurgentenführer dagegen schärfsten Protest ein und legte sein städtisches Ehrenamt für die Dauer der Besetzung nieder. Die Quittung folgte am nächsten Tage. Er wurde von den Insurgenten verhaftet und verschleppt. Dem italienischen Kreiskontrolleur gelang es durch sein Eingreifen, Böhm wieder freizubekommen. Dieser begab sich dann ohne polnischen Passierschein, „Przepustka", durch die Polnischen Postenlinien hindurch nach Gleiwitz. Dort wurde er Mitarbeiter des Plebiszitkommissariats und verfaßte das Weißbuch des Kreises Tost-Gleiwitz: „Der polnische Aufstand in Oberschlesien". ' Sämtliche Protokolle dieser heute noch lesenswerten und hochinteressanten Schrift sind dort ihn: persönlich ausgenommen worden. Der 3. Juli 1922 brachte das Ende der Leidenszeit des oberschlesischen Volkes. Die französische Besatzung rückte ab. Der letzte Transportzug passierte am Nachmittag dieses Tages den Bahnhof in Peiskretscham. Hier aber kam es zu einem ernsthaften Zwischenfall. Der deut- S Lokomotivführer wollte beft Truppenrsportzug nicht weitersahren, weil die Franzosen fünf junge Deutsche als Gefangene mit sich führten. Der Zug stand ohne Lokomotive da, uitb der französische Major gab dem Stationsvorsteher zehn Minuten Bedenkzeit zur Herbeischnsfung einer Maschine. Böhm, der inzwischen — wie immer in solchen Fällen — bott seinen Selbstschutz-Leuten herangeholt worden war, griff in diesen: Augenblick ein und erklärte dem Major, die Deutschen würden keinesfalls dulden, daß die fünf jungen Menschen von den Franzosen weygeschafft würden. Er sei aber selbst bereit, mit einigen Kameraden vom Selbstschutz mit dem Zuge bis nach Groß-Strehlitz mitzufahren. Der Major ging darauf ein und gab die fünf mitgesührten Deutschen frei. Böhm ließ an der inzwischen herangeholten Maschine die deutsche Fahne befestigen und fuhr mit einigen Kameraden im Zuge bis Groß-Strehlitz mit. Unterwegs erhielt er die Meldung, daß eine französische Panzerautokolonne gleichfalls fünf junge Deutsche in Richtung Groß-Strehlitz verschleppt habe. Böhm ließ daraufhin mit seinen Kameraden den Transportzug von Groß-Strehlitz nicht weitersahren, bis sich der. Major mit den: Kommandeur der Panzerwagen in Verbindung gesetzt hatte und die Freilassung der fünf deutschen Geiseln mitteilen konnte. Als Böhm mit seinen Leuten anr Abend nach Peiskretscham zurückkehrte, hatten inzwischen die Jäger vom Heydebreckschen Freikorps den Bahnhof besetzt. Sie trugen das Hakenkreuz, das damit zum erstenmal in dieser schicksalsschweren Zeit in Peiskretscham austauchte . . . Es folgten böse Zeiten wirtschaftlichen Niederganges, es kam zu Ausschreitungen des von landfremden Hetzern aufgewiegelten Straßenpöbels gegen die Juden. Der Heldenfriedhof in Beuthen wurde als erster jüdischer Friedhof in Deutschland durch ein Handgranatenattentat geschändet. Die Gäste kommen! Erinnerungen von Dr. Otto Aronade Oberschlesien . . . Abstimmung! Es geht wie eine Parole von Mund zu Mund, läßt die Herzen höher schlagen und setzt die Volksmassen in Bewegung. Eine Richtung, ein Ziel, Oberschlesien, die alte, liebe Heimat, soll uns, soll dein Reiche erhalten bleiben! In Breslau strömen die „Heimattreuen" zusanrmen, aus Nord und Süd und West, um sich von hier aus über das ganze Abstimmungsgebiet zu verteilen, . von Kreuzburg bis Natibor, von Patschkau bis Myslowitz. Jeder hat seine Quartierkarte, in jedem Ort sorgt ein Ehrenausschuß für Unterkunft und Verpflegung. Man kommt zu Verwandten oder Freunden oder, wenn man lange nicht in der Heimat war, zu Unbekannten, bei denen man sich aber bald zu Hause fühlt. In den größeren Gemeinden haben sich jüdische Ausschüsse gebildet, die sich ihrer Glaubensgenossen annehmen, auf dem Lande wohnen die Gäste oft, ebenso herzlich begrüßt, bei 'christlichen Landsleuten. Wie die Kinder einer großen Familie kehren sie heim, die Alten und Jungen, zu den Eltern oder auch nur zu den Gräbern der Vorfahren, die unter den ersten Pionieren waren und das Ihrige geleistet habeir in Handel und Industrie, in Kunst und Wissenschaft. Die alten Judenfriedhöse sehen seltene Besucher, Fromme und Unsromme füllen die Synagogen und Betstätten, und an den Abenden sitzt man am Familientisch und tauscht alte, vergessen geglaubte Jugenderlebnisse aus. So etwa schildert mir ein Jugendfreund, der seit 20 Jahren im Westen des Reiches lebt, seine Eindrücke. Man erlebt in diesen Tagen besonders intensiv das Gefühl tiefer Verbundenheit