Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 3 (März 1931)
- Date
- 1931-03-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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24 mit der Heimat, in der man die erstell Kindheitscindrücke empfangen hat. Vnllter war es draußen mW abwechslungsreicher, ltttb doch nimmt lllich der eigenartige Reiz der oberschlesischen Landschaft wieder ganz gefangen. Die Wälder ulld Wiesen an der Peripherie der Städte illld Dörfer lvaren uns doch, die wir durch die spärlichen Kastanienilnd Lindenbänme tin Ort nicht verivöhnt lvaren, schon ein großes Naturerlebnis. Und wie pulsiert das Leben in den Städten! Der Nhythmns der Arbeit, die Einfachheit und der derbe Humor des Arbeiters, der Fleiß und das hohe kulturelle Streben des Bürgers, das alles ist in mir mit dem Begriff „Oberschlesien" verknüpft. Und loie schön war unsere Kindheit, all die kleinen Freuden fallen mir wieder ein: Drachensteigen im Herbst und knisterndes Kartoffelfeuer, ans dem man die köstlichen, knusprigen Kartoffeln herausholte, und Baden im Teich tntb Barfußlaufen und die friedlichen Dämmerstunden auf der Bank vor dem Haus bei den Klängen der Ziehharmonika. Frieden und Vertrauen überall auf dem Lande, wo Bauer oder Arbeiter beim jüdischen Kaufmann am liebsten kaust, weil der ihm . auch Berater ist in schwierigen Lebenslagen, ihm eine Eingabe ans Gericht oder die Militärbehörde macht und ihm auch einmal mit einem , Darlehen aushilft, das am „Geldtag" oder der „Löhnung" zurückgezahlt wird. Im Winter kommt bei seinem Rundgang, der „Kolenda", auch der Pfarrer ins Haus und segnet auch die Juden, die mit den Christen in Frieden und Freundschaft leben, die in der Feuerwehr und der Sanitätskolonne Mitarbeiten, deren Frauen im Vaterländischen Frauenverein, in der sozialen Fürsorge dem Gemeinwohl dienen. Erinnerst du dich noch der freudigen Ueberraschung, die wir erlebten, als ein jüdischer Bürger bei einem Besuche des damaligen Fürstbischofs Kopp eine Ehrenpforte errichtete, deren Transparent hebräisch und deutsch den Vers trug: „Sind wir nicht alle Kinder eines Vaters, hat uns nicht alle ein Gott geschaffen" — und der damals jo selbstverständlichen Zustimmung zu dieser religiösen Friedenskundgebung? Wie heimatlich wurde mir Zumute, als ich bei der Herreise die ersten harten oberschlesischen Laute vernahm und das erste „Wasserpolnisch" wieder hörte, diesen aus ältestem Kirchenpolnisch und Deutsch geformten Dialekt, der seine derbe Ursprünglichkeit auch heute noch bewahrt hat und den wir als Kinder beim „Knöpfespielen" so gut beherrscht haben! Der Tag der Entscheidung, der 20. März, kam heran. Voller Zuversicht gingen wir zur Urne und gegen Mitternacht zogen wir mit unseren Gästen aus Mainz, Frankfurt a. M., Hamburg und Dortmund aimt Kattowitzer Rathaus, von" dessen Balkon die Abstimmungsergebnisse verkündet würden. Mit Jubel nahmen die dichtgedrängten Volksmassen die Meldungen entgegen. 707 000 Stimmen für Deutschland, 479 000 für Polen! Noch hatte man keine rechte Vorstellung über die künftige Gestaltung des Landes, aber wie konnte man daran denken, dieses durch familiäre, wirtschaftliche, kulturelle Bande unlösbar Zusammengeschmiedete Gebiet könnte je auseinandergerissen werden? Nur Zu rasch vergingen die Tage gemeinsamer Freude, gemeinsamer Hoffnung. Unsere Freunde hatten ihre Pflicht erfüllt, sie kehrten ins Reich zurück. Für uns aber begann nach der endgültigen Entscheidung der Kampf um die Erhaltung unseres deutschen Kulturgutes. Einmütig haben die ostoberschlesischen Juden ihr Bekenntnis zum Deutschtum abgelegt und durch diesen Akt den Leidensweg beschrittcn, den im Nachkriegseuropa 20 Millionen Menschen gehen müssen, den Weg der nationalen Minderheit. Im Vertrauen auf die vom polnischen Staate feierlich übernommenen Verpflickstnngen blieben oie meisten Juden der Heimat treu, in der sie durch die Tradition vieler Generationen und Jahrzehnte eigener Arbeit verwurzelt waren. Ihre Haltung hat bei den Polen Verständnis und Achtung, bei den Deutschen volle Anerkennung gesilndeu. - Hoffen wir, daß das zweite Jahrzehnt der dignng und des friedlichen Zusammenlebens der europäischen Geschichte nach den großen polibeiden Nationen stehen wird, ohne die eine ge« tischen Ilmwälzungen im Zeichen der Verstäiideihliche Entwicklung Europas nicht zu denken ist! Von Heidelberg nach Oppeln Fahrt in die Heimat / Von Cva Reichmann-Zungmann Ich hatte vorher lange mit dem Gedanken gespielt, das Sommersemester 1921 in Freiburg zu verbringen, also in derjenigen deutdeutschen Universität, die von meiner oberschlesischen Heimat am weitesten entfernt lag. Die Abstimmungsfahrt stand ja bevor, und es reizte mich, sie auf einer möglichst langen Strecke auszunutzen, die ganze Diagonale durch Deutschland hindurch sollte es sein! Am Ende jedoch siegten Vernunft und Studienplan, und schließlich war ja auch Heidelberg noch weit genug, um eine lohnende Fahrt in Aussicht zu stellen. Schon wochenlang vorher begann die Sammlung der versprengten Oberschlesier in dem Verein , der Heimattreuen, und es war für mich eine stete Quelle des Erstaunens, loie aus allen Ecken und Winkelnder geliebten Universitätsstadt Landsleute sich zusammenfanden, die entschlossen waren, den' Weg zur Erhaltung der Heimat zu gehen. Nicht für alle loar das eine so'. selbstverständliche und vergnügliche Angelegenheit wie für mich. Die Verbindung zwischen dem äußersten Osten und dem deutschen Südwesten ist und war besonders damals äußerlich recht locker. Keine Spur von den engen. Persönlichen Beziehungen, wie sie zwischen Oberschlesien und Berlin, Oberschlesien und Mitteldeutschland, ja sogar bis hin zum Rheinland bestehen. Die Abstimmungsberechtigten in Heidelberg waren vereinzelt, eigentlich recht zufällig dorthin gekommen, oft genug vielleicht, weil verwandtschaftliche und heimatliche Bindungen nicht fest genüg mehr gewesen waren, um sie an ihren ursprünglichen Wohnsitzen festzuhalten. Dazu kamen dann wir Paar Studenten. Ich wußte wohl: Wir waren keine echten Abstimmungsreisenden, keine, die aus einer neuen Heimat in die alte fuhren. Wir hatten ja unfern Wohnsitz noch in unfern oberschlesischen Vaterstädten, und nur unsere Studien hielten uns Zeitweilig fern. Aber das war nur eine äußerliche Unterscheidung. Im Grunde aber fühlten wir uns genau so stolz, genau so sehr als „Heimkehrer" wie unsere Landsleute. Am 16. März ging die Fahrt los. Alle ohne Ausnahme waren erschienen. Es bildete einen eigenen Reiz, in lebhaftem Durcheinander die wohlbekannten Laute des oberschlesischen Dialektes an das Ohr dringen zu hören: Wie oft hatte ich im Kreise meiner Kollegen durch die Nachahmung dieser eigenartigen, stark von der polnischen Klangbildung beeinflußten, aber doch in ihrem Wortschatz rein deutschen Sprechart Interesse und Heiterkeit erregt. Nun war sie hier unverfälscht und urwüchsig, sozusagen auf einer Sprachinsel, rund um den Bahnhof zu hören. Die zurückbleibenden, nichtabstimmungsberechtigten Angehörigen brachten uns ein fürstliches Geleit. Musik, Gesang und —nicht Zu vergessen — eine Flasche Wein pro Person sollten uns die Reise aus dem schon in wärmster Frühlingssonne lachenden Neckarland in unsere strengere, kargere Heimat erleichtern. Unsere Fahrt erschien allgemein als ein großes Wagnis. Uebertriebene Nachrichten von polnischen Unruhen hatten die Gemüter in Aufregung versetzt. Ohnehin kann kein Westdeutscher. an Oberschlesien denken, ohne daß ihm dabei die abenteuerlichsten Vorstellungen von halbasiatischer Unkultur aussteigen. Nun aber erst, da es sich um ein hartumkämpftes Land handelte, ein Land, in das wir fuhren, um sein Schicksal zu entscheiden — nun erst recht erschien unser Tun in einem ganz ungerechtfertigt heroischen Licht. Wie Helden -wurden wir behandelt. In Mannheim wurde unser Zug zusammengestellt. Die Heimattreuen aus ganz Baden stießen zu uns. Nun waren wir schon eine stattliche Menge. Das hob Stimmung und Siegesgewißheit, und man fing langsam an, sich in die Ehrungen hineinzufinden und sie als etwas Wohlverdientes zu empfinden. Bevor die Reise weiterging, wurden wir zum ersten, aber nicht zum letzten Male bewirtet. An Niesentafeln nahmen wir Stärkungen entgegen. Dann wieder Musik und Zurufe, und die Eisenbahn setzte sich in Bewegung. Der Zug fuhr langsam durch die deutschen Lande. Ich hatte Zeit genug, auch ohne die Strecke Freiburg—Heidelberg, die Fahrt zu genießen, und ich tat es in vollen Zügen. Nicht, daß ich der Schicksalsschwere vergessen hätte, die immer und immer den Hintergrund bildete. Aber ich war jung genug, und der Himmel war blau genug und meine Zuversicht unerschütterlich genug, um das ernste historische Geschehen, vor dem sich unser Tun abhob, vielmehr m seiner Größe als in seiner Tragik zu empfinden. Zum erstenmal in meinem Leben durfte ich mit Geschichte machen! Mehr als einmal drängte sich mir in Wehmut der Gedanke an die Kämpfer auf, die einst im gleichen Bewußtsein ins Feld gezogen waren. Aeußerlich ähnelte unsere Reise in vielfacher Beziehung dem ersten Ausmarfch unserer Feldgrauen. Ueberall der' gleiche Jubel, die Fülle der Liebesgaben, die gleiche Hochstimmung eines echten deutschen G e m e i n s ch a f t s e r l e b n i s s e s. Achtundzwanzig Stunden sauste unser Zug quer durch deutsches Land, und jeder Ort, den wir berührten, wetteiferte mit dem nächsten in dem Bemühen, uns Liebes und Ehrenvolles zu erweisen. An Nachtruhe war natürlich nicht zu denken. Als ich einmal gegen drei Uhr nachts gerade den schüchternen Versuch gemacht hatte, mich etwas hinzulegen, weckten uns Volkslieder und Klampfentöne: Trotz schwärzester Nacht hatte es sich eine Wandervogelgruppe nicht nehmen lassen, uns beim Uebergang über die schlesische Grenze ihre Grüße zu bringen. Wieder flogen Süßigkeiten und Erfrischungen in unsere Wagen. Der Schlaf war endgültig dahin, aber wer hätte darum trauern mögen? Jede Minute wollte ja bewußt durchlebt werden. Jedes Gespräch mit Mitreisenden vermittelte Einblicke, bleibende Werte. Ob nun die Fragen der hohen Politik vom Standpunkt urwüchsiger Heimatliebe oder die Liebesgabenhoffnungen, die sich mit der nächsten Station verknüpften, erörtert wurden, immer ergab sich, im Primitiven wie im Höchsten, eine weitgehende Uebereinstimmung, die froh machte. Viel zu schnell waren die Stunden dahin und mit ihnen ein großes, einmaliges Erlebnis. Als dann der begeisterte und begeisternde Empfang in der Heimat die Reiseeindrücko beschloß, aber nur um eine neue Kette von Geschehnissen einzuleiten,. da hatte ich einen inneren Besitz gewonnen, von dem ich.wußte, daß ihn-mir nichts, auch nicht die-drohende Ungewißheit des Wahlausfalles würde rauben können: das Erlebnis meiner Abstimmungsreise quer durch Deutschland. Verlag: Centralverein, deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens e. V., Berlin W15, Emserstr. 42. Haupt, schriftleiter: i. V. Dr. Alfred Wiener. Der. antwortlich: Dr. Margarete E d e l h e i m. Beide Berlin W 15. — Druck: Rudolf Mosse, Berlin SW 100, .