Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 3 (März 1931)
- Date
- 1931-03-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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/ 71 Gedenken wir! / Von Dr. Spicker, Ministerialdirektor im lleidisministerium des Innern Ich kam fremd ins Land, als ich Ende November 1919 vom Staatskommissar für öffentliche Ordnung nach Oberschlesien entsandt wurde, um vor dem Abrücken der deutschen Truppen und der Preisgabe des oberschlesischen Volkes an ein Regime, über dessen Wirksamkeit niemand etwas im voraus wusste, auf das wir aber nur geringe Hoffnungen setzen durften, gewisse Vorkehrungen zu treffen, die unser n oberschlesischen Brüdern von Nutzen sein sollten. Heberraschend schnell ist es dem Rheinländer gelungen, iin oberschlesischen Volk und Land Freunde zu finden und Fuss zu fassen, und als ich nach zwei Jahren Oberschlesien wieder verliess, glaubte ich eine Heimat zu verlassen und von Menschen Abschied nehmen zu müssen, mit denen mich engste Freundschaft und Verwandtschaft verband. Es waren zwei Jahre reichsten Erlebens gewesen, zwei Jahre, die mir soviel Kameradschaft, Freundsc haft, Opfer sinn und Vaterlandsliebe offenbart hatten, dass ich sie als die reichsten und schönsten meines Lebens bezeichnen kann. Kein Teil unseres deutschen Vaterlandes ist nach dem unglückseligen Ausgang des Krieges so arg mitgenommen "worden, wie das oberschlesische Abstimmungsgebiet. Nirgends hat sich die Parteilichkeit der Besatzungstruppen so nachteilig gegen die deutsche Bevölkerung ausgewirkt wie in Oberschlesien. Nirgends ist mit so verwerflichen Mitteln gegen das Deutschtum gekämpft und gewütet worden wie in Oberschlesien. Nirgends aber haben nach Krieg und Revolution der deutsche Gedanke und die Liebe zum Vaterland solch erhebenden Sieg davongetragen wie in dieser unglücklichen oberschlesischen Südostecke Deutschlands. Ich habe meine Aufgabe nie darin gesehen, die deutsch sprechenden und deutsch gesinnten Oberschlesier noch enger au Deutschland zu binden und sie gegen die polnische Infektion immun zu machen. Dieser Aufgabe haben sich andere mit viel Geschick und gutem Erfolg unterzogen. Der Eindruck war grossartig und überwältigend, als am Abstimmungstag viele Hunderttausende von Oberschlesiern aus ganz Deutschland in ihre Heimatorte strömten, um dort für das Deutschtum ihrer Heimat Zeugnis abzulegen. Mir oblag es, mehr still zu wirken, an die heranzukommen, die im deutschen Sinne gefährdet schienen, die nach Sprache und Abstammung Neigung verspüren konnten, sich für Polen zu entscheiden. Weil die Erfüllung dieser Aufgabe meine vielen Freunde und mich immer wieder dorthin führte, wo um das Deutschtum ein vielleicht stiller, aber um so hartnäckigerer Kampf geführt wurde, weiss ich, wie gross und schön der Sieg des Deutschtums gewesen ist, den Oberschlesien am 20. März 1921 errungen hat. Nach den preussischen Statistiken, die ganz Oberschlesien umfassten, war die Bevölkerung dort nur zu 40 Prozent deutsch sprechend und zu 60 Prozent polnisch sprechend. Das Abstimmungsgebiet umfasste aber eine Reihe völlig deutscher oberschlesischer Kreise nicht, und trotzdem ist es gelungen, am Abstimmungstag das Sprachverhältnis umzukehren: 60 Prozent der Oberschlesier stimmten für Deutschland und nur 40 Prozent für Polen. Welchen Leidensweg aber hat das oberschlesische Volk zurücklegen müssen, um endlich zur Urne schreiten zu können, und wieviel unsägliches Leid hat es dann noch über sich ergehen lassen müssen, ehe trotz des unzweifelhaften deutschen Sieges das Genfer Urteil gegen Deutschland und für Polen fiel. Die Zeit des Abstimmungskampfes in Oberschlesien wird für alle Zeit ein trübes Kapitel in der Geschichte Polens und seiner französischen Schutzmacht bleiben. Bei einer zehnjährigen Gedenkfeier sollen nicht der Schmerz und nicht der Zorn aufgewühlt werden, die sicher in vielen, die Oberschlesiens Schreckenstage miterlebt haben, noch lebendig sind. In den zehn Jahren, die seither vergingen, ist manche Wunde verharscht, und viel Hass und Feindschaft sind erstorben. Dennoch ziemt es sich, auch heute der nationalen Geschlossenheit und des gesunden Abwehrwillens zu gedenken, die damals unser oberschlesisches Volk so glänzend betätigt hat. Vergessen soll auch nie werden, wie das ganze deutsche Volk in der Stunde der oberschlesischen Not, trotz aller Zerrissenheit und inneren Gegnerschaft zusammengestanden hat, um die oberschlesischen Brüder gegen Willkür und Vergewaltigung zu verteidigen. Es ist uns nicht leicht geworden-, den Oberschlesiern Waffen in die Hand zu geben, damit sie ihr Leben und ihre Heimat gegen räuberischen Ueberfall verteidigen konnten. Aber das Recht zur Notwehr war so klar und der Schrei nach Hilfe gegen die Gewalt so elementar, dass niemand gewagt hat, gegen die Notwehraktion des oberschlesischen Volkes zu sprechen. Es gab nur eine Abwehrfront, in der alle waren, die menschlich, gerecht und deutsch fühlten. Wir unterschieden nicht zwischen Katholiken, Protestanten und Juden, nicht zwischen rechts und links, nicht was menschlich ist: Leben, Familie, wir standen zusammen, weil wir Deutsche und Brüder waren und weil wir das Höchste zu verteidigen hatten, was menschlich ist: Leben, Familie, Heimat und Vaterland. Am zehnten Gedenktag des deutschen Abstimmungssieges in Oberschlesien müssen wir alle des heldenhaften Kampfesdesober schlesischen Volkes um sein Deutschtum gedenken. Gedenken vor allem der vielen Toten, die dieser Kampf gekostet hat, der vielen Flüchtlinge, die ihre Heimat verloren haben, der Brüder, die durch das Genfer Diktat aus Deutschland verwiesen worden sind. Die Opfer, die der deutsche Sieg vom 20. März 1921 gekostet hat, dürfen nicht umsonst gebracht worden sein; dem ungerechten Genfer Spruch muss eines Tages ein gerechter folgen! Was entschied — Wut oder Aut? Von Dr. med. Paul Immer wahr, Polizeimedizinalrot in Gleiwitz. Ganz Deutschland gedenkt jetzt mit Oberschlesien der zehnjährigen Wiederkehr des Abstimmungstages. Trotz aller trüben Prophezeiungen der Deutschenfeinde und der Pessimisten im eigenen Lande stimmte damals eine große Mehrheit der Bevölkerung für Deutschland, ohne Rücksicht auf Partei, Religion und „Nasse". Wirtschaftliche Gründe konnten nicht maßgebend sein; denn Deutschland ging es ganz besonders schlecht, während Polen günstigere Aussichten zu bieten schien; aber das Nationalgefühl, die Zugehörigkeit zum deutschen Kulturkreise war für die große Mehrheit entscheidend. Gerade jetzt in Erinnerung dieses nationalen Ereignisses ist es interessant, zu untersuchen, wie die völkischen N a s s e n t h e o r i e n sich gegenüber der oberschlesischen Bevölkerung auswi,rken müßten. Die Masse der Oberschlesier hat in dieser Hinsicht nicht viel Gutes zu erwarten. Bekanntlich erteilt der völkische Rassenschriftsteller H- F. K. Günther (zurzeit Professor der Nassenkunde in Jena) den Nassen Zen- {uren, durch die er die Wertigkeit der Nassen ür das deutsche Volk bestimmt. Am wertvollsten oll die nordische sein, am wenigsten wertvoll von den europäischen Nassen die ostische. Ganz gefährlich ist nach Günther die j ü d i s ch e R a s s e n m i s ch u n g, weil sie einen vorderasiatischen, also europafremden Einschlag hat. Dabei umgeht Günther geschickt die Tatsache, daß im östlichen Deutschland, besonders auch in Oberschlesiien, ein anderer, europafremder Nasseneinschlag stark vertreten ist, der m o ng o l i s ch e. Nach Eugen Fischer, dem zurzeit führenden Anthropologen Deutschlands, ist nämlich der sogenannte „slawische Typ", den man ja in Oberschlesien besonders häufig findet, eine nordisch-mongolische Mischung, also ein Nassengemisch europäischer Nassen, mit europafremden Elementen; um im Güntherschen Jargon zu reden, eine Nassenschande höchsten Grades. Wie aber oben angeführt, zieht Günther selbst diese Konsequenzen nicht. Er scheut sich sichtlich, von mongolischen Nassenelementen zu sprechen, und schreibt stets nur von einem ostischen bzw. ostbaltischen Einschlag in Oberschlesien, obwohl ihm diese sogenannten „slawischen Typen" nicht verborgen bleiben konnten. Um so interessanter ist das kürzlich erschienene Buch „Oberschlesien rm Ringen der Völker" von Dr. Helmut Nikolai (Oppeln), in dem ein Kapitel der Rassenfrage in Oberschlesien gewidmet ist. Nikolar bekennt sich darin als überzeugter Günther-Anhänger und führt die Günthersche Nassenkritik in bezug auf die oberschlesische Bevölkerung bis zur letzten Konsequenz durch. Was dabei herauskommt, wirst ein eigenartiges Licht auf die angebliche Sympathie der Nationalsozialisten für Oberschlefien und die O st m a r k überhaupt. Zunächst zieht . Nikolai eine Grenzlinie durch die Provinz Oberschlesien, etwa entlang der Ostgrenze der Kreise G r o t k a u und Neisse. Alles, was östlich dieser Grenze lebt, also das eigentliche Abstimmungsgebiet, ist weitgehend „minderrassig" und von „negativer Bedeutung" für das deutsche Volk. „In der wasserpolnischen Bevölkerung (so nennt er die Oberschlesier östlich seiner Grenze) gibt es ganz offenbar mehr Menschen mit sogenann-