Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 2 (Februar 1931)
- Date
- 1931-02-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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15 zu unS. Blättern wir in denr langen Verzeichnis seiner Schriften von 1885 bis 1925, so bewundern wir den Fleiß des Maünes, der sich gern seiner Faulheit rühmte. Stärkstes Interesse erregt dre Einleitung vor: Walter Simons. Vielleicht befremdet es etwas, daß er Preuß unter die Meister des Rechts einreiht. Preuß als Jurist, das erscheint uns einseitig, abstrakt. Ihm war das Recht niemals etwas Losgelöstes, ihm war es eine Seite des gesamten kulturellen und staatlichen Lebens, das als Ganzes tfjn anzog und das et . nicht nur als Gelehrter erfassen und beschreiben, sondern als Politiker und Reformator bilden wollte. Walter Simons zählt ihn deshalb zu den Meistern des Rechts, weil er die Gedanken früherer Meister in entscheidender Stunde praktisch angewendet und durchgeführt hat. Er sieht in ihm den selbständigen Jünger vier großer Persönlichkeiten deutscher Rechts- und Verfassungsgeschichte: Freiherrn vom Stein, Rudolf von G n e i st, Otto von Giercke und Theodor Barth, Zu denen als fünfter Leopold von Ranke tritt. Ter erfolgreiche Kampf für die neue Reichsverfassung wird ihn, so urteilt Simons, auch als Meister des Rechts unsterblich machen. Wertvoll ist der von Simons geführte Nachweis, wie töricht die Kritik ist, die die Weimarer Verfassung „undeutsch", einen Abklatsch westeuropäischer Vorbilder nennt. Sie ruht auf den Gedanken jener deutschen Meister und auf der Arbeit des in seinen Vorzügen wie in seinen Schwächen so ganz deutschen Frankfurter Parlcuneuts. Was voll deul Werk gilt, gilt von dem Mann. „Wer sich in die Werke voll Hugo Prellß ohne Vorurteil hineinliest, muß erkennen, lvie deutsch dieser Mann elupfaud ttitb wie tief er deutsches Weseil erfaßte." Er, der voll Ansailg all int Gegensatz zu Bismarcks Innenpolitik stand, er hat vor allem Bismarcks Erbe, die Reichseillheit, gerettet. Walter Simons erklärt es sür eill verfassüngsgeschichtliches Wunder, daß nach dein Zusammenbruch in so kurzer Zeit die Gestaltung des Chaos zum Kösrnos gelang, und er konllllt zu dem Ergebnis, daß die Rettung des Reiches jenem Bündnis zu verdaukell ist, das in entscheidender Stunde Friedrich E b e r t mit Hugo Preuß und Paul von H i nd e n b u r g geschlossen ■ hat. Er verlangt vorn deutschen Volk Ehrfurcht und Dankbarkeit sür die Männer, die hierbei mitgearbeitet haben, vor allenr für beit eigentlichen geistigen Schöpfer der Verfassung, den Meister Hllgo Preuß. Es ist bemerkenswert, lvie stark an der preußisch-deutschell Verfassuugsgeschichte deutsche Juden positiv fördernd mitgearbeitet haben. Die Gegner der modernen fortschrittlichen Entwicklung haben diese Tatsache zu antisemitischen Angriffen benutzt. In einem der Junkerproteste gegen die Stein-Hardenbergsche Reform wurde vor hundert Jahren die' entrüstete Frage aufgeworfen, „ob mail denn das alte, ehrliche, brandenburgische Preußen in einen neumodischen Judenstaat verwandeln wolle". Fünfzig Jahre später llannte der bekannte „Kreuz^eituugs"-Wagener „die ganze Kaiserrllacherei ein jüdisches Geschäft". Heute schilt man die „jüdische" Verfassung voll Weimar. Die objektive Geschichtsbetrachtung! sieht in diesen Zusammenhängen Belege für die feste, unlösliche Verschmelzung voll Deutschtum lind Jlldentllln. Dr. Ernst Feder. den sie leben. Sie kennen Gottes Wohltaten aus der Vergangenheit des Volkes, sie kennen ebenso die Mißgeschicke aus ihrer Geschichte. Was sie als sogellanntell „Gottesdienst" betreiben, das nennt der Volksprophet eine zusammenhängende Verunehrung Gottes! Nach Gilgal und Bethel konllllen sie gelaufen mit Opferzehnten und Gaben und können kaum, warten, bis der Sabbat zll Ende, der Neumond vorüber, aufs neue zu feilschen und zu betrügen. Gottes Zensur lautet: „Hört mir nur auf mit dem Liedergeplärr und Harfenrauschen! Lieber wollt' ich, Recht und Gerechtigkeit wären bei euch wie ein sprudelnder Quell!" Man flieht vor dem Löwen, und der Bär sttzßt auf den Flüchtling; er läuft ins Haus und lehnt sich aufatmelld gegen die Mauer, da sticht ihn die Schlange. Es kann nicht besser werden, wenn nicht Recht und Gerechtigkeit wieder zu Ehren gelangen, die Achtung der Persönlichkeit in jedem Volksgenossen als Voraussetzung für das Heil. Amos ist der ungefüge Waldreuter der Prophetie im älteren Israel gewesen. Das Land konnte ihn nicht ertragen — so mächtig und wuchtig war dieser Hüter der Maulbeerfeigen und feiner Schafe in dev Prärie. Volk, Staat und Religion in -ihrer Entartung greift er gleichzeitig an und fordert mit dem Urrecht des redlichen Sinnes den Untergang der entarteten Religion. Diese Kritik war „radikal", denn sie grub bis zur Wurzel hinab und zeigte den morschen Baum. Die Lieder und Sprüche des Propheten, die mündlich ausflogen und vielleicht auch in losen Flugblättern sich verbreiteten, .sind später (nicht ohne literarische Redaktion) zu unserm Amosbuch gesammelt worden. Kleine Gedichte in verschiedenen Versmaßen und in . gleichmäßigen Strophen, die über das rauhe Naturgefüge ihres originalen Sprechers sich in die Kunst hineinspielen. Doch hat Bernhard D u h m, mein verewigter Lehrer in Basel, durchaus recht, wenn er in seinein meisterlichen Werk „.Israels Propheten" (Tübingen, Verlag Siebeck-Mohr, zweite Auflage 1922) Amos einen herrlichen Dichter nennt: „Er spielt nicht mit schönen Worten und sein erfundenen Bildern — wie ließe ihm sein Zorn Zeit und Lust au dergleichen! Dafür hat er die Klarheit! des sittlichen Widerspruchs, die diesen ältesten Propheten uns heute verständlicher macht als manche jüngeren, hat er die mit sich fortreibende Beredsamkeit «der Entrüstung, die unfehlbare Treffkrast im Angriff, eine imrnderbare Gabe der Steigerung und des Kontrastierens, die unverzagte Derbheit im Ausdruck, mit der er, der Mann aus dem Volke, der lasterhaften lleberfeinerung zu Leibe geht. Ein Reformator, ein Dichter, ein Redner, der trotz aller Verschiedenheit von Volk, und Zeit merkwürdig au den deutschen Reformator erinnert." Dagegen hat Max Maurenbrecher in denr stark anregenden Werk seiner Durchgangsstnfe als Sozialdemokrat („Biblische Geschichten in zehn Israels Propheten religiös-soziale Senöboten an die Gegenwart Biblische Skizzen von Theodor Uappstein IV. fimos Im Jahre 765 vor Christo, zwei Jahre vor einem Erdbeben und einer Sonnenfinsternis, die lange schreckhaft in der Erinnerung nachwirkten, steht ein einfacher Landmann in Israel als Prophet gegen die herrschenden Mächte auf. Der Eroberungskrieg, der die Lande zwischen Libanon und Aegypten nach seiner Ueberzeugung verwüsten wird, erscheint ihm als Gewitter, das die kreisende Flamme des Gottes in die Burgen ihrer Hauptstädte niederzucken läßt, um sich anr schwersten über Israel selbst zu entladen. Die Blütezeit des tüchtigsten Königs von Nordisrael, des zweiten Jerobeam, bildet den äußeren Nahmen sür den ältesten« Propheten Amos, eine der charakterreinsten Prophetengestalten. Er gehörte keiner Zunft von Prophetenschülern an, war auch nicht eigentlich ein Mystiker. Dieser Besitzer von Sykomorenpflanzungen und Schafzüchter unternahm im Handelsinteresse weitere Reisen, bei denen er in eigener Beobachtung sich fern Urteil bildete über die sittlich-religiösen Zustände im Reich. Doch beheimatet müssen wir ihn uns denken auf den sonnendurchglühten Kalkbergen« des östlichen Juda, also in der herben reinen Wüstenluft unter armen und unkultivierten Hirten. Dieser verständige Bürger und Arbeitsmann übt und lieb! den Fleiß und die Redlichkeit und die kleine Pflicht; der Prunk und Lärm des großstädtischen Lebens sind ihm ein Greuel. Dieser Judäer aus Thekoa wurde der Anwalt der abhängigen Kleinbauern in Israel. Der Karawanenverkehr seiner Heimat und die Nähe Jerusalems ließen ihn Nachdenken und machten ihn unruhig. In der Hauptstadt Samariens blühten Prunk und Wohlleben, sorglos-sicheres Protzentum blähte sich anstößig. Wmterhäuser und Sommerlustsitze, zeigten außen und innen die Weltseligkeit der oberen Schichten. Die Stände sind unüberbrückbar zerspalten in herzlose Schlemmer und in ohnmächtige Arme. Der Frevel, sitzt auf dem Thron und Unrecht verwaltet das Rechts der Rechtsschutz wird dem Bedrängten zu Gift, so daß man lieber schweigend duldet. Von Samarien wandert Amos, den die Angst packt und der innere Gesichte schaut, nach Bethel zum Heiligtum des Königs und dem Tempel des Reiches, wie der Priester rühmt. Die feiernde Menge lärmt an der heiligen Stätte, Zechgelage sind die Opfermahlzeiten, Tempel und Markt erfüllen Rauschmusik und die Lieder der Sängerinnen«. Tempeldirnen treiben ihr Gewerbe wie bei den Kanaanitern. Die freche Sünde der Großen streckt sich auf der Decke, die sie gegen das Gesetz den: Armen abgepfändet haben, und pflegt sich mit dem Wein, den sie «ihm durch ungerechten Erlaß auspressen. Unser Landmann drängt sich in den Mittelpunkt des Erntefestes und wirft seine gellende Totenklage mitten hinein in die Menge: „Gesa llen ist sie und wird nicht wieder aufstehen, die Jungfrau Israels, liegt hingestreckt auf ihrer eigenen Flur, keiner richtet sie aus! Verheert wird das Land, hinweggescheucht das Kreischen der Lüstlinge; Israel zieht m die Gefangenschaft!" Der Oberpriester meldete dem König den Skandal, die Entscheidung lautete auf Verbannung aus Israel. Der Präsident des Oberkirchenrats vollzog den Bann und Amos reckte sich in seiner Prophetengröße aus mit Verwahrung gegen die Ankläger: „Ich bin kein S-eminarzögling und weissage nicht um Geld. Gott selbst hat mich von der Herde weggeholt. Wenn der Löwe brüllt, wer sollte nicht zittern? Wenn er redet, wer sollte nicht weissagen?" Amos erlebt Visionen: über den Alltagsdingen schwebt etwas Ungeheuerliches, das Schicksal brütet darin. Heuschrecken drohen dem Bauern das Grummet auszufressen; er nmß aufschreien und für sein Volk um Gnade bitten. Die Schleuder mit göttlichem Blitz steht er durch die Wolken schwingen, er tritt wiederum mit Priestersinn gegen das drohende Unheil ein. Er sieht ein Lot an eine Mauer gelehnt, also soll dte«bausällige Mauer abgebrochen werden — die Schonzeit für das Volk ist vorüber? Ein Korb mit Obst schreckt ihn als Unheilszeicheu, die Wortverwandtschaft von „Obst" und „Ende" in seiner Sprache deutet auf Gericht. Und er sieht den Allherrn bei dem Altar stehen, vor dem sich die opfernde Menge drängt. Der Herbst ist gekommen, der Gärtner will die Früchte lesen und in die Herzen der Opferer schauen. Gerechakeit und Wahrheit gehen ihren Gang über die elt, ungeschaffen von Menschen, alle Menschen überleuchtend wie die Sonne. Das Recht nmß sich durchsetzen: damit steht und fällt dieser seltsame Mann. Niemals hat Amos Gott den „Gott Israels" genannt, wie uns das nationalistische Gerede von dem Privilegierten „deutschen Gott" in den Ohren dröhnt — d o ch «i st Israel GotteS Volk: durch Gottes Recht wird Israel, das von Seiner Güte lebt, sterben, wenn es Gottes Recht verletzt. Totenklage auf den Märkten und in den Weinbergen; „denn ich will durch eure Mitte schreiten". Nur wenn sie Gott suchen, ben Weltgott der Heerscharen und aller Völker, wer¬