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Central-Verein-Zeitung · 1931-02-01 · Heft 2 (Februar 1931) · page 6

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1931
Issue
Heft 2 (Februar 1931)
Date
1931-02-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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14 Ballin und Bülow In diesen Tagen erscheint im Verlage Ullstein der dritte Band der B ü 1 o w - E r i n n c r u it g c n. Wir sind in der Lage, aus diesem Bande die äusserst interessante und geschichtlich wichtige Darstellung Biilows über B a 11 i n, dessen Beziehungen zum früheren Kaiser und dessen Tod, über den noch manches Dunkel schwebt, hier wiederzugeben. Völkische Zeitungen und völkische Schriften konnten sich' eine Zeitlang nicht genug darin tun, Ballin als den verhängnisvollen Ratgeber des früheren Kaisers, als den, wie die berüchtigten „Weisen von Zion" schreiben, Verfrachter von Deserteuren und Freudenhausmädchen darzustellen. Welcher wahre Patriotismus diesen weitblickenden Hamburger Kaufmann erfüllte, welche für Volk und Vaterland guten Folgen es gehabt hätte, würde man wirklich auf seinen Rat gehört haben, zeigt Bülow in neuem Lichte. Auch dass Ballin, dieser grosse jüdische Deutsche, in einen jähen Tod ging, ist lediglich das tragische Ergebnis seiner Einstellung zu Volk und Vaterland. Die Schriftleitung. Albert Ballin gehörte, wie Bülow sagt, zu den wenigen, die ihm, auch nachdem er bei Wilhelm II. in Ungnade gefallen war, die Treue hielten und die wieder und wieder versuchten, ihm an verantwortlicher politischer Stelle ein neues Tätigkeitsfeld zu verschaffen. Im Juli 1914, vor dem Eintritt Italiens in den Krieg, nach dem Rücktritt Bethmanns, nach Michaelis wenig ehrenvoller Verabschiedung, nach Hertlings Abgang und noch im November 1918, als Prinz Max von Baden die Geschäfte übernahm, dachte mail an ihn, und man wird sich auch noch erinnern, daß gewisse Kreise ihn nach Eberts Tod als Reichspräsidenten aufstellen wollten. Nichts von alledem geschah. Außer der Mission in Rom 1914/15 ist Bülow nicht mehr in der politischen Arena erschienen. Das hat er nie verwunden, und so ist es nicht erstaunlich, daß seine „Denkwürdigkeiten" eine einzige Anklage gegen seine „unfähigen" Nachfolger geworden sind, und der Versuch, zu beweisen, daß er in jeder Situation anders und natürlich richtig gehandelt hätte. Zu denen, die unbedingt an seine Fähigkeiten unb an seine diplomatische Geschicklichkeit glaubten, zählte Albert Ball in. Und so kommt es, daß er zu den wenigen Personen gehört, über die Bülow nichts Abfälliges zu äußern weiß. Selbst bei Rathenau ist er nicht immer ganz frei von Gehässigkeit. Der neue Band beginnt mit der Schilderung des Empfangs, den die Hamburger Bevölkerung Bülow bereitete, als er, vom Amt geschieden, sich dort für kurze Zeit vor der Uebecsiedlung nach Rom zur Ruhe setzte. Ballin erwartete ihn am Bahnhof, und noch am gleichen Abend bespricht Bülow mit ihm unb anderen Freunden die politische Lage. Ballin, der stets auf eine deutsch-englische Verständigung in der Frage des Flottenbaus gedrängt hatte, der mit dem Scheiden Bülows die Situation aufs neue kompliziert sah, schlug vor, Tirpitz zur unmittelbaren Verhandlung mit dem englischen Seelöwen Lord Fisher, der im Sommer nach der Schweiz kommen sollte, zu bevollmächtigen. Er ging dabei von der Voraussetzung aus, daß das Militär sich nie gern von den Diplomaten habe bevormunden lassen, daß es aber immer gern diplomatische Erfolge anderer für sich in Anspruch genommen hätte. Wenn die Militärs direkt miteinander verhandelten, seien sie es ihrem Prestige schuldig, nicht ohne Ergebnis auseinanderzugehen. Ballin unterbreitete seinen Plan sowohl Wilhelm I I. wie Eduard V I I. Beide Souveräne stimmten zu. Er scheiterte schließlich, immer nach Bülow, mit Widerstand Bethmann- Hollwegs, der seinerseits den Ruhm der Verständigung nicht seinem Kollegen von der militärischen Seite überlassen lvollte. Vom Anfang des Krieges bis ztt seinem Tod hat Ballin wieder und wieder versucht, seiner warnenden Stimme Gehör zu verschaffen. In zahlreichen Briefen und Unterhaltungen, die Bülow zitiert, tritt er als Warner, der das Unheil Heraufziehen sah, auf. Und so schildert Bülow Ballins Mission im Grotzen Hauptquartier. „Ballin, immer verständnisvoll für andere, meinte, als er i,nir von seinem Mißerfolg (den Kaiser aufzuklären) erzählte:,,Ich will weder die Kaiserin noch den Kabinettsrat von Berg tadeln. Die Kaiserin ist die beste Frau von der Welt, das Ideal einer deutschen Hausfrau. Berg ist ein anständiger und patriotisch gesinnter Mann. Aber beide sind der Ueberzeugung, daß der Kaiser, wenn er die Situation so sähe, Uue sie in Wirklichkeit ist, vollständig zusammenbrechen würde, . und sie fragen sich beide, was uns mit solch einem Kollaps geholfen wäre. Die Folge ist, daß der Kaiser mehr denn je a fool’s paradi&e lebt und ein großer, ja, der größte Teil des deutschen Volkes mit ihm/ Was H i n d e n - bürg und Ludendorff nicht gelungen war, dem Kaiser reinen Wein einzuschenken, gelang auch ihm nicht, weil es ihm nicht möglich gewesen war, den Kaiser ohne Zeugen zu sprechen." Im Anschluß hieran kommt Bülow auf die Persönlichkeit BallinS zu sprechen: „Es war bei unserer letzten Unterredung, daß Ballin so zu mir sprach, mit dem ich während zwei Jahrzehnten oft Gedanken ausgetauscht, viel erlebt hatte. Wenige Menschen sind mir so sympathisch gewesen, f ü r w e n i g e habe ich eine so aufrichtige Achtung gefühlt. Ballin war sehr klug, er hatte aber nicht nur einen scharfen Verstand, sondern auch, was in Deutschland seltner ist als in Italien, einen Verstand voll Ressourcen. Er suchte und fand meist einen Ausweg. Er war durch und durch praktisch, was der. Deutsche seltner ist als der Engländer, als der Amerikaner und selbst als der Franzose, und dabei hatte er, ganz Autodidakt, tiefes Verständnis für geistige Kultur. Er hatte vor allem ein goldenes Herz, und groß ist die Zahl derer, denen er mit Rat und Tat geholfen hat, ohne jemals eine Gegenleistung zu verlangen oder auch nur Aufhebens davon zu machen... Er verkörperte wie k a u m ein anderer den kühnen, wagemutigen, immer von neue ni sich a u f r i ch t e n d e n, immer vorwärts st reden den Genius der mächtigen deutschen Hafen- und Handels st adt, des alten und i m m e r j u n g e n H g m b u r g." lieber den Tod Ballins bei Ausbruch der Revolution 1918, dessen Ursachen nie voll geklärt wurden, äußert sich Bülow so: „Man sagte, er lvollte sterben. Und doch war nach meiner Ueberzeugung von einem eigentlichen S e l b st m o r d keine Rede. Der Zusammenbruch des Vaterlandes erschütterte ihn bis ins Innerste. Er glaubte, tute mir seine liebe und gute Frau nach seinem Tode sagte, sein Lebenswerk sei zerstört. Auch das Schicksal des Kaisers ging ihm nahe, mit dem er nicht immer einverstanden war, dem er aber trotz allem treu ergeben blieb, für den er, ich möchte sagen, väterliche Gefühle empfand. Daß er seinem Leben nicht mit Bewußtsein ein Ende setzen lvollte, dürfte daraus hervorgehen, daß er mir 24 Stunden vor seinen: Tode einen längeren Brief schrieb, in dem er die Grundlinien für den wirtschaftlichen Wiederaufbau Deutschlands, auch auf dem Gebiete der Schifffahrt, in großen Zügen skizziert hatte. . Bülow erzählt dann, wie Matrosen in das Hapag-Gebäude eingedrungen seien und den bereits kränklichen Ballin körperlich bedroht hätten und fährt fort: „Ballin, der an intensiver Schlaflosigkeit litt, hatte ein starkes Schlafmittel auf seinem Tisch stehen. Als die Einbrecher sich entfernt hatten, leerte er in der furchtbaren Erregung des Augenblicks den ganzen Inhalt des Fläschchens. Unmittelbar nachher von Reue ergriffen, telephonierte er selbst an seinen Arzt. Dieser erschien und fand den Fall nicht hoffnungslos, erklärte aber, der Magen müsse ausgepumpt lverden. Es» empfehle sich, daß Ballin mit ihm zu Fuß in seine Klinik ginge, die kurze Bewegung würde ihm gut tun. In dem Augenblick, in dem Ballin in dem Krankenhaus anlangte, sank er, von einem Herzschlag getroffen, leblos zu Boden." Es ist charakteristisch, daß Bülow, der sich nie ganz mit der Revolution von 1918 aussöhnen konnte, das Ende seines Freundes als von den aufrührerischen Elementen jener Tage mittelbar veranlaßt ansieht. Wie dem auch sei, auch Bülow bestätigt, daß Ballin am unglücklichen Ausgang des Krieges zerbrach. Or. Meister öes üeutsthen Rechts Ein Denkmal für Hugo Prentz Der Kampf gegen die Weimarer Verfassung, der jetzt in Deutschland tobt, ist zugleich ein Kampf gegen den Vater der Verfassung Hugo Preuß und gegen das Judentum. Eine Flut des Antisemitismus, stärker als je in der modernen Geschichte, wälzt sich über die deutschen Lande, Unrat aufrührend und Schlamm, den deutschen Namen befleckend. Zu den Ehrentiteln des deutschen Judentums gehört es, daß einer der besten deutschen Juden an diesem Verfassungswerk deutscher Einheit führend mitgeschaffen hat In einer kleinen Schrift, die soeben erscheint, wird Hugo Preuß sein Platz angewiesen unter den Meistern des deutschen Rechts. Verfasser des Buches ist der frühere Neichsgerichtspräsident Professor Walter Simons, der lange Zeit als oberster deutscher Richter die Anwendung des deutschen Rechts überwacht und nach dem Tode Eberts als stellvertretender Reichspräsident den höchsten Posten der deutschen Republik musterhaft verwaltet.hat. (Walter Simons „Hugo Preuß", Verlag Curl Heymann, Berlin, Sammlung: Meister des Rechts.) Sehen wir das Bild an, das die Schrift schmückt, so ist uns, als wolle Preuß, den wuchtigen Kopf leicht vorgeneigt, den Mund wieder öffnen zn beredter Ansprache. Lesen wir in den geschickt gewählten Auszügen aus seinen juristischen und politischen Werken, Broschüren und Artikeln der Tagespresse, so spricht er lebendig

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