Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 2 (Februar 1931)
- Date
- 1931-02-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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16 Heften" im Berliner Verlag der Buchhandlung Vorwärts 1909) mit der ihm immer eigen gewesenen leidenschaftlichen Uebertreibung seines jeweiligen Standpunktes bis zu seinem Tode als Nationalist sich vergeblich bemüht, den jüdischen Propheten Amos zum Banernkriegführer einer proletarischen Bewegung abzustewpel;;. Daran ist etwas Wahres, doch alle Vorzeichen sind verkehrt und d a m i t wird das Bild selbst verzerrt. Für demagogische-Hehpredigterl läßt sich der slannnende religiös-sittliche Erlist jener Männer llicht mißbrauchen; denn dem Propheten Amos war die Religion in keinen; Sinne Privatsache! Münze, Mas; .und Gewicht des öffentlichen Lebens, ebenso Denken, Fühlen und Wollen des. persönlichen Lebens dnrchprüste der unbestechlich wahrhaftige Volksfreiind auf ihre Echtheit. Und nieurand wurde verschont wegen seilles hohen oder niederen sozialen Stalldes. Die einzige Partei, die Amos allerkennk, ist die Partei der treuen Herzen. Lin jüdisches Leben des vorigen Jahrhunderts von Pfarrer vr. Lurt tzorrr „Es ist ein grosz Ergötzen, sich in ben Geist der Zeiten zu versetzen." Gerade uns Menschen einer ruhelosen Zeit ist es wohl ein großes Ergötzen, in das vergangene Jahrhundert mit seiner ruhigen Gelassenheit zu schallen. Daruul lesen wir so gern Lebenserinnerungen alls jener Zeit. Welchen Eindruck haben die „Jugenderinnerungen des alten Mannes" auf uns gemacht, wie tief wirkt auf uns „Leberecht Hühnchen", Heinrich Seidels unvergängliche Schilderung! Gerade weil wir nicht mehr Zurück können, spannt sich desto inniger unsere Sehnsucht wie nach einem Märchenlande. Weil wir von all der Unrast und Gehässigkeit unserer Zeit selbst zu Zerrissenen Menschen werden, richten wir uns an solchen in ihrer Einfachheit innerlich geschlossenen Menschen auf. Und ohne der Phantasie von einer nur guten, altenund einer nur bösen Zeit uns hinzugeben, werden wir doch innere Lebenskräfte von solchen Persönlichkeiten der vergangenen Tage uns holen können. Dell „Lebenserinnerungen des aUcn Mannes" stellt unsere Arbeit die Lebensschicksale eines jüdischen alten Manes gegenüber. Man kann wohl diese beiden nebeneinanderstellen. Auch hier ist es ein groß Ergötzen, diese Persönlichkeit auf sich wirken zll lassen, zu der ein einfacher Mann gereift ist. Es ist gewiß kein „großer Geist", den uns der Enkel, der frühere Posener Stadrat Arthur Kronthal, in Heft 22 bis 24 der Zeitschrift „Jüdische Familienforschung" vorstellt. In die jüdischen Kreise der verlorenenStadt Posen versetzt uns die Schilderung. Ein Stück heimatlicher Welt tut sich uns auf, die wir auf dem Boden der deutschen Ostmark zusammen gelebt und gearbeitet haben. Nicht Gehässigkeit von heute, nicht materielle Sllcht nach eigenen Vorteilen, hat uns entzweit. Als Deutsche haben wir uns gemeinsam gefühlt und für den deutschen Gedanken gearbeitet. In dankbarer Erinnerung gedenken wir dabei der intellektuellen Juden', mit denen wir in Arbeitsgemeinschaft und Freundschaft verbunden waren. Was haben wir einem Manne wie Geheimrat Warschauer zu danken, dessen Heimgang uns eben diese Dankespflicht vor Allgen gestellt hat! Was bedeutete für die deutsche Kultur in Posen der Verfasser unseres Artikels, dessen wissenschaftliche Akribie auch in unserer ffetttcit Arbeit hervortritt; und um eines Arztes zu gedenken, was hat uns an ethischen Werten der zu früh für uns in die Ewigkeit gerufene Karl Kassel gegeben! Aber die Bedeutung unserer Arbeit liegt auf anderer Linie. Schließlich wird der nicht völlig durch antisemitische Tendenz Verblendete zugeben, daß der intellektuelle Jltde für -die deutsche Sache seine Bedentllng hat. Aber — wird man bald einwenden — was bedeutet der kleine Jude? Und die Vorstellung des polnischen Juden wird gleich in einem Zerrbild lebendig. Darin liegt der Wert uilserer Arbeit, daß Kronthal an dem Beispiel eines einfachen Mannes zeigt, welche hohen sittlichen Werte auch in ihnen lebendig sein konnten, sittliche Werte, die ihn einerseits mit feinem Volkstum verbinden, anderseits ihn aber zu einer eigenen Persönlichkeit erheben. Simon Kronthal kan; aus dem eben geöffneten Ghetto. Das „Milieu" haftet ihn; zweifellos an. Er ist gewiß einerseits der Typus des ostdeutschen Juden. Das im jüdischen Charakter ausgeprägte Intellektuelle ist bei ihm deutlich. Aber gerade dieses Intellektuelle erhält persönlichste Ausprägung. Er gibt sich keinem Optimismus hin. Als in der Zeit des Stöckerschen Auftretens einige ihre Hoffnung auf den Kronprinzen, den späteren Kaiser Friedrich, setzten, der die Hoffnung aller liberal Denkenden war, äußerte er sich: man solle um keinen ucitett „Meloch" (Kömg) beten; bei dem alten wisse man, was man habe, bei dem neuen nie, was komme. Mer es war nicht fruchtloser Pessimismus, der ihn beseelte, sondern e;n gesundes Selbstvertrauen, das Menschen klaren Wollend und treuer Pflichterfüllung auszeichnet. Nie hat dieser Mann die Flinte ins Korn geworfen, er ist unbeirrt feinen Weg gegangen, ohne jede Eitelkeit, aber im Bewußtsein seines eigenen Wertes. Das war aber nur möglich,, weil neben dun Intellektualismus in dem alten Kronthal etwas noch Besseres wohnte: ein Herz voll Güte. Die kleinen Züge, die der Enkel von ihm erzählt, zeichnen uns doch ein Charakterbild innerer Große. Im Familienleben, das traditionell von den Juden gepflegt wird, äußert sich diese Güte zuerst. Auch hier in der Familie tritt zuerst der intellektuelle Zug nach Klarheit und Ordnung hervor, aber auch hier tritt gerade die Mischung mit Herzensgüte vor Augen. Das führt ihn zu der Anlegung einer Familienstanuntasel, weil er den Familiensinn bei der späteren Generation nicht mehr zu finden glaubte. So sucht er die Beziehungen bis in Ausland, zu den holländischen Verwandten Kann, woraufhin der alte holländische Herr ihn in Posen besucht, und die Tochter Kanns ihm jene Tefillinbeutel stickte, deren einer eine Krone mit einem „K", also den Namen Kronthal zeigt, während der andere eine Kanne aufweist,die hier nicht das Priesterzeichen, sondern der Hinweis auf den Spender ist. Die Herzensgüte, die der entfernte Verwandte empfunden hat, empfanden in erster Linie seine Kinder. Bezeich-- nend ist eine kleine Geschichte, die nicht in dem Heft erzählt wird, die mir der Verfasser selbst berichtete. Als einer seiner Enkel als Mediziner vom Studium heimkehrte, mußte t Großvaters Zunge besehen. Auf die' stellung, daß sie auf beste Gesundheit deuA?Hav der alte Herr den; jungen Arzt einen Tal^ der Begründung: er wisse selbst, daß er Asimd sei, aber der Enkel habe sein erstes Arzthonorar von ihn; verdienen sollen. Solche Züge einer von einem gewissen Humor gewürzte!;, Güte werden uns reichlich berichtet; einen besonders tiefen null ich noch erwähnen. Simon Kronthal hielt wohl sparsam das Geld zusammen. Er hat nicht wie sein Sohn weite Reisen unternommen. Als dieser einmal sich ziemlich schnell zu einer Fahrt nach Spanien und Afrika entschloß und den Vater fragte, ob er etwas einzuwenden habe, war der alte Herr doch wohl ein wenig chokiert und ließ dies fühlen. Kurz darauf aber rief er den Sohn wieder zu sich und sagte ihn;, er habe ihn; angesehen, daß seine Worte ihn; etwas von der Freude an der Reise genommen hätten. . Aber er habe sich'S überlegt; wenn der himmlische Vater ihn in nächster Zeit abberufen würde, so würde er ihn fragen, was er von der schönen Gotteswelt gesehen habe. Und wenn er dann würde sagen müssen, daß er nur in Lissa und Bojanowo, höchstens zur Kur in Warmbrunn und zum Besuch in Dresden' geniesen sei, dann würde der Ewige sägen: Habe ich dich dazu über 90 Jahre alt werden lassen? Dann aber würde er antworten können: Lieber Gott, ich habe dazu gespart, daß 'mein Sohn die weite Welt sehen kann. Dann würde der Herr gnädig verzeihen — der Söhn tue also mit seiner Fahrt noch ein gutes Werk! Diese innere Güte des Herzens wächst aus einem tiefen Pflichtgefühl, das er auch dem preußischen Vaterlande gegenüber als neuer Staatsbürger fühlt. Es ist die Zeit, in der endlich die Juden die preußische Staatsangehörigkeit erhielten. .In den achtziger Jahren ließ sich der Enkel als Geschworener einmal ablehnen, -um für der; Tag frei zu kommen. Das' war nicht nach des alter; Kronthal Sinn. „Wenn Christen", sagte er, „die sich schon immer der Staatsbürgerrechte erfreuen, sie auch einmal als Last empfinden, so ist dies schon verwerflich. Um wieviel schlimmer aber ist es bei uns Juden, die die Staatsbürgerrechte nach jahrhundertelangem Ausschluß endlich erlangt haben, wenn wir sie nicht als Kostbarkeit betrachteten und besonders gewisienhaft und reudig sie nusübten!" Daß bei solcher Geinnung dieser Mann sich der höchsten Mertchätzung auch in den christlichen Kreisen, selbst i; der; polnischen, erfreute, kann nicht wunder-' nehmen. Gern kamen zu ihn; in den Laden Beamte und Offiziere, wie der Oberst von Willi s e n, der Rittmeister von R o s e u t h a l (der Posener Leiter der bekannten Berliner Hosbuchdruckerei Decker), der Generalarzt' S ch w i k - kart, unseres Reichspräsidenten Großvater, und dessen beide Onkel, Major K n i f f k e und Medizinalrat Cohen v a n B a r e n. Besonders häufig kam der Polizeipräsident von M i n u t o l i, der uns durch seine Zeichnungen das Bild des alten Posen der dreißiger Jahre aufbewährt hat. Auch der Oberpräsident von F l ö t t w e l l und der bekannte polnische Arzt Dr. M a r c i n k o w s k i, der Führer des polnischen Mittelstandes, waren, gelegentliche Be-, sucher. Man kannte noch keine widerwärtige Gehässigkeit. . Im letzten Grunde aber wurzelte die innere Größe des alten Mannes in seiner tiefen Frömmigkeit. Auch diese war nicht nur intellektuelle Gesetzestreue, sondern vor allem Herzenssache. Er lebte in der Bibel, sein Leben stand ganz in der Gewißheit des 23. Psalms: „Ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir, dein Stecken und' Stab trösten mich." Nur'eine kleine Geschichte sei als Beispiel hier wiedergegeben. Die Söhne hatten dem alten Herrn, um ihn im Gottesdienstbesuch zu entlasten, eine kleine Haussynagoge eingerichtetin der sich regelmäßig: mit ihm zum Sabbat 20 und mehr Herren versammelten. Im Jahre 1881 bat er an einem Sabbal seine Mitbeter, ihn heute' die Lesungen aus Thora und Haftara sprechen zu lassen. Nach dem Gottesdienst gab er dafür folgende Erklärung: Der Ewige habe dem Menschen 70 Jahre zum Biele gesetzt. In dieser Woche sei er;83 Jahre, alt geworden. In einem .neu begonnenen Leben habe er damit mit 13 Jahren wieder das Alter der Barmizwoh erreicht. Darum habe er heute Segen und Lesungen sprechen wollen wie ein junger Konfirmand. Es ist wirklich ein groß Ergötzen, sich in diesen Geist der Zeiten zu versetzen. In manchem inöchte u;an sich auch ein bißchen darüber' schänden, wie wir's in bezug auf Gesinnung heute so herrlich weit gebracht. Dies Shämen geht beide, Juden und Christen, an. Vielleicht hilft das Heftchen mehr als ein großes Buch theoretischer Erörterungen über Ralsenkunde usw., die rechte gottgefällige Lebensrichtung zu finden., Ueber diesem Leben steht die Verheißung von Daniel 12,3: - - - . „Die Lehrer werden, leuchten wie des Himmels Glanz, und die, so. viele . \ zur Gerechtigkeit weisen, wie. die Sterne immer und ewiglich." - ' \ Verlag: Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens o. B., Berlin W15, Cmfevftt. 42. Haupt- - schriftleiter: Dr. Ludwig Holländer. Verantwortlich: Dr. Margarete G d e l h e i m. Beide Berlin W 15. — Druck: Rudolf Mpsse, Berlin SW 100. ' -