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Central-Verein-Zeitung · 1931-02-01 · Heft 2 (Februar 1931) · page 4

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1931
Issue
Heft 2 (Februar 1931)
Date
1931-02-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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n Das Heimalerlebliis und die Entscheidung der deutschen Juden Von Or. Müller« Claudius Wir habet! in der Januaruummer dieser Blätter dargelegt, daß das „Hei-matrecht" ein lebensfremder, sinnentleerter, bloß konstruierter, und zwar mit unzureichenden Mitteln konstruierter Begriff bleibt, wenn tvir ihtt nicht auf das Heimat e r l e b n i s znrückführeu. Ztvischen Erleben und Sein besteht ein unmittelbarer, eindeutiger, endgültiger, undiskutierbarer Zusammenhang. Die Stadt, die Landschaft, die Atmosphäre und im weitesten Sinne: das Land, das ich als meine H e i m a t erlebe, i st meine Heimat, ganz gleichgültig, ob es m ir von irgendeiner Theorie der F e i n d - seligkeit abgesprochen wird oder nicht. Man halte an dieser Erkenntnis fest. Mau baue auf ihr Aufklärungsarbeit auf, denn von dieser Erlebnispsychologie kann viel Verstehen .und viel Friede ausgehen. Ebenso aber gilt: Habe ich jenes Heimaterlebnis nicht, so ist dies Land auch nicht meine Heimat im eigentlichen, d. h. seelenhafteu und seelenverbindenden Sinne, gleichviel, ob freundschaftliche Ueberredung und Verschleierung es mir vermöge irgendeiner juristisch-geschichtlichtheoretischen Konstruktion zuspricht oder nicht. Auch dieses muß man festhalten, denn auch hiervon kann viel Friede und neues Verstehen ausgehen. Und viel Mißverständnis ist deshalb im öffentlichen Bewußtsein stehen geblieben, weil man diesen E l e m e n t a r z u s a m m e n - Hang zwischen H e i m a t e r l e b ni s und Beheimatetsein nicht vollständig eingesehen und bekannt hat,, vielleicht, weil mancherlei Menschen die zweite Konsequenz nicht so gern hören wie die erste. Aber in dieser Zeit drängt alles nach Entscheidung, und Entscheidung konnnt nur aus der einfachsten, d. h. schlechthin eindeutigen Wahrheit: denn diese trägt die Entscheidung bereits in sich. Das Chaos droht über uns hereinzubrechen. Die unselige Asfektverirrung des Antisemitismus ist der heiße, verwüstende Sturm, der dem Chaos voranfliegt und das Chaos in die Hirne und Herzen wirft. Wie entgehen wir dem Chaos? Allein durch das schöpferische Licht der Wahrheit, das alles heiligt und in dein auch die Giftstoffe des Antisemitismus verbrennen werden, weil sie in ihm verbrennen müssen. Aber die Wahrheit kann nicht wirken, wenn wir nicht zu ihr kommen mit der s e e l i s ch e n K r a f t, die sie von uns will und braucht: mit dem Mut zur Wahrheit. Wir alle, Juden und Nichtjuden, haben aber noch mancherlei zu tun, um frei zu sein für den Mut zur Wahrheit. * Wahrheit? Nun wohl: schon der Begriff Jude enthält in feiner Kompaktheit mehr Verwirrung als Wahrheit. Die volle Wahrheit liegt erst in der Wahrhaftigkeit der Unterscheidung. Denn es gibt — von subtilen Sonderdifferenzierungen abgesehen — zwei deutlich unterschiedene Erlebnistypen unter den deutschen Juden. Der eine Typus ist dadurch charakterisiert, daß der Inhalt seines Heimaterlebnisses das deutsche Land, die deutsche Kultur, die deutsche Volksgemeinschaft ist. Seine Heimat ist also Deutschland, gleichviel, wie sehr oder von wem sie ihn! bestritten werden mag. Wer sie ihm bestreitet, tut ihm elementares Unrecht. Und wenn der Jude trotz dieses Unrechtes und trotz der hämischen Verleumdungen, die aus diesen! Grundunrecht fließen, unerschüttert dabei verharrt: das Land, aus den! mir Unrecht fließt. ist dennoch ineine Heimat, dies Volk, das mich kränkt, ist dennoch mein Volk, ihm gehöre ich an in Leid und trotz Pein, alles, ioas dies Land anrührt, rührt mich an, weil es mich mitgeprägt hat von Anfang an, sein Schicksal erlebe.ich als mein Schicksal, m diesen! Land ist mein Sein und Sehnen umschlossen , als Deutscher und als Jude — nun denn: dieser Jude ist damit ein deutscher Volksgenosse im tiefsten Sinne, in einem Sinne, der durch Leid und Anfechtung gegangen und bewährt ist; er ist ein lebendiges und organisches Glied der deutschen Berufsgemeinschaft, mit Herzeleid und Herzblut in sie eingewachsen und also doch wohl mit den tiefsten Tiefen des Erlebens. Und denken wir dies zu Ende und sagen mir die vollständige Wahrheit: ein bewährterer Volksgenosse ist er als sehr viele Nichtjuden, die ihre Heimat haben und lieben dürfen ohne dies Leid und Angefochtensein, und also auf eine sehr viel leichtere, mühelose, unbekümmerte und unangefochtene Art. Dies ist die Wahrheit, und wenn dieser Deutsche sich zugleich als Jude weiß, so sagt das gegen diese Wahrheit ebenso wenig wie dies, daß ein andrer Deutscher sich zugleich als evangelisch, katholisch, als Bayer oder Preuße oder als nordisch weiß. Daß aber diese Wahrheit noch sehr verhüllt und wirkungsschwach in der Ecke steht, liegt daran, daß sie nicht genug, von der anderen Wahrheit unterschieden wird, sondern daß zwei Wahrheiten blindlings durcheinandergeworfen werden — nicht nur von den Nichtjuden, sondernauch von den Juden selber, wornit alles Mißverstehen anfängt und woran also die Juden selber sehr viel Mitschuld haben. * Dies aber ist die andere Wahrheit: Es gibt neben dem eben bezeichneten noch einen zweiten Typ der Juden mit einem anderen Heimaterlebnis. Der Inhalt ihres Heimaterlebens ist nicht das deutsche Land, die deutsche Kultur, die deutsche Volksgemeinschaft. Sie bekennen, daß ihre „eigentliche Heimat Palästina ist; sie bekennen ausdrücklich, daß die deutsche Nation nicht ihre Nation, das deutsche Volk nicht ihr Volk ist, sondern die jüdische Nation und das jüdische Volk. Sie bekennen gewiß auch, daß sie gesonnen sind, loyale deutsche Staatsbürger zu sein, und darin ist nicht der geringste Zweifel zu setzen, aber auch darin ist nicht der geringste Zweifel zu setzen, daß sie andere sind als diejenigen, deren Heimat Deutschland ist, andere als die Nichtjuden, andere als die Juden, die mit Herzeleid und trotz aller Anfechtung und Verleumdung das deutsche Land als ihre Heimat erleben. Menschen anderer Heimat sind nach ihren: eigenen Bekenntnis diese Juden des zweiten Typus,, und also in einer tiefen -und elementaren Erlebniszone unterschieden von der deutschen Volksgemeinschaft, deren gemeinsames Erlebnis und seelisches Schicksal eben die g e m e i n s a nt e Heimat ist. Es sind die jüdischen Nationalisten, im öffentlichen Bewußtsein „Zionisten" benannt und geachtet durch die Konsequenz und unverschleierte Aufrichtigkeit ihres Bekenntnisses,!vie überhaupt das volkstümliche Empfinden stets und sofort warn! wird, wenn chm starke, ehrliche, klare Bekenntnisse entgegengerufen werden. Daß wir uns hier nicht mißverstehen: Wir meinen hier und in: folgenden nicht das, was man den charitativen Zionismus nennen könnte, eine durchaus noble Angelegenheit, die an sich mit dem Heimaterlebnis nichts zu tun. hat und auch mit dem deutschen Heimatleben nirgends unverträglich ist. Denn sie steht wie alle echte imb große Caritas jenseits aller Grenzen, mciX sie Ethos und also überzeitlich, übernational und selbst überreligivs ist. Auch der Gustav-Adolf-Verein der evangelischen Kirche, gegründet „zur brüderlichen Unterstützung in Not geratener protestantischer Gemeinden in und außer Deutschland", recht ausdrücklich über die Nation hinaus, ohne-daß er zu irgendeiner Zeit und in irgendeiner Nation als Gegensatz zu, den: volkhasten Verbundenheits- und Heimatgefühl empfunden worden wäre. Wir meinen vielmehr den ganz konsequenten jüdischen Nationalismus. Die Heimat der jüdischen Nationalisten ist nicht Deutschland, meiX sie es nicht als ihre Heimat e r l e b e n. Sie wünschen auch ehrlicherweise nicht, daß Außenstehende ihnen mit wohlmeinender und beschwichtigender Miene dennoch Deutschland als ihre Heimat theoretisch Anerkennen. Sie wollen keine Halbheit und Heuchelei. Sie Nüssen: Heimaterleben ist Heimatbesitz, und da der Inhalt ihres Heimaterlebnisses nicht Deutschland ist, so sprechen sie die Wahrheit, wenn sie sagen: Unsere Heimat ist nicht Deutschland, sondern Palästina. Sie sind Gäste, gewiß ehrenwerte, pflichtbewußte Gäste des deutschen Volkes, aber nicht organisch verbundene Glieder der deutschen Volksgemeinschaft, und sie wollen auch nicht so genannt sein; denn chr tiefstes Heimat- und Gemeinschaftserlebnis gehört ihrer Nation, der jüdischen Nation, und mit keiner Silbe wollen sie diesem Erlebnis untreu werden. Sie bezeichnen also die anderen Völker der Erde ausdrücklich als ihre „Wirtsvölker", und wie sehr sie sich von der deutschen Volksgemeinschaft unterschieden wißen und also außerhalb ihrer stehen fühlen, das hat Gerhard H o l d h e t m, ■ ein repräsentativer Schriftsteller der jüdischen Nationalisten, in seiner Schrift „Palästina, Idee, Probleme, Tatsachen" (Verlag C. A. Schwetschke & Sohn, Berlin, Seite 27/28) unumwunden gesagt: „Palästinaaufbau ist kein Hilfswerk für notleidende Juden; sein immanenter Sinn ist Erlösung des ganzen Volkes von dem Druck der Heimatlosigkeit." Damit ist also von den Juden ausgesagt, daß sie sich in den „Wirtsvölkern" heimatlos fühlen; von den^- deutschen Juden ist eindeutig gesagt, daß sie das deutsche Land, sein Volk, seine Kultur zu keiner Zeit als ihre Heimat!m physischen oder seelischen Sinne erlebt haben. Es ist das gleiche, nur in letzter Konsequenz zu Ende gedacht und zu Ende gesagt, wenn der jüdische Nationalist Jacob Klatzkin bekennt: „Wir sind niemals gute Juden und gute Deutsche, gute Juden und gute Franzosen: die eine Güte schließt die andere aus, es sei denn, wir beginnen die Frivolität, die Begriffe Deutscher Franzose ihres historisch-nationalen Gehaltes zu entleeren und sie in einem formell staatsbürgerlichen Sinn zu gebrauchen. Heißt es nicht falsches Zeugnis ablegen, wenn sie den Wirtsvölkern ängstlich versichern: Wir sind gute deutsche, französische usw. Patrioten? .... . Welchen hohen Grad muß die nationale Entartung erreicht haben, daß auch Nationaljuden deutsche, französische, englische Patrioten sein oder sich als solche gebärden konnten?" ... Man sagt mir, diesem Autor werde selbst von den Nationalisten vorgeworfen, daß er „zu weit gehe" und daß er in keiner Weise als maßgebender Vertreter des zionistischen Gedankens angesprochen werden dürfe. Nun wohl, es ist immer so, daß inan erschrickt, wenn einer konnnt imb ganz klar und ohne diplomatische Ausbiegungen zu Ende denkt, was man unklar angefangen hat zu denken. Im klaren Endgedanken wird aber nur die Gefahr des unklaren Anfanges offenbart, auch wenn die

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