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Central-Verein-Zeitung · 1931-02-01 · Heft 2 (Februar 1931) · page 2

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1931
Issue
Heft 2 (Februar 1931)
Date
1931-02-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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10 Der Netter Kaffee Gttos II. , VLN Dr. Kurt Oppenhei nt. Wenn am Purimfest das Buch Esther verlesen wird, hören wir, wie Mordecha: dem König Ahasveros durch Aufdeckung einer Berschwbrung das Leben rettet und w:e die Erinnerung daran den von Haman gegen Mordechai und die Juden aufgehetzten Herrscher um- -stimmt, wie die Treue belohnt und die Verleumdung zuschanden wird. Auch in der deutschen Geschichte des früher: Mittelalters findet sich der Bericht von der Errettung eines Kaisers durch einen Juden aus Lebensgefahr. In gleich Hellen: Lichte wie Mordechais Tat strahlt jene des Kalonymos, des Gefolgsmanns Kaiser Ottos II., der in aufopsungsbereiter Treue seinen Herrn nuS der Todesnot der Sarazenenschlacht rettete. Der Chronist Thietmar von Merseburg beschreibt in seinem Chronikon bei Darstellung der Geschichte 'des sächsischer: Kaiserhauses diesen Vorgang. Kaiser Otto II. setzte die Politik seines großen Vaters Ottos I., der der eigentliche Gründer des römisch-deutschen Kaiserreichs war, fort, indem er bestrebt war, die Vorherrschaft des neuen Kaisertunis in: Abeudlande zu sichern und die Grenzen in Italien dilrch Eroberung des noch in griechischem Besitz befindlichen Südens zu erweitern und geriet so trotz seiner verwandtschaftlichen Beziehungen 311m Hofe von Byzanz, in die er durch seine Vermählung mit der Kaisertvchter Theophano getreten war, in feindlichen Gegensatz 311 Ost-Nom und den mit den Byzantinern gegen ihn verbündeten Arabern. Diese waren von Sizilien her auf das italienische Festland übergesetzt und drangen nach Norden vor. Der Kaiser zog ihnen lnit einen: aus Jtalienerr: und Deutschen gemischten Heer entgegen, schlug sie in einigen kleineren Treffen und eroberte mehrere Städte. Bei Cotrone warf sich ihn: die Hauptmacht des arabischen Heeres unter dem Emir Abul Kassin: entgegen. In der heftigen Schlacht, die entbrannte, wurden die Araber geworfen. Abul Kastim selbst fiel. Als der Kaiser mit e:nem kleinen Teile seines Heeres nach Süden die Verfolgung aufnahm, stieß er hart an der Küste auf eine neue Schar Araber, und der Kampf entbrannte von. neuen: in der Nähe des Ortes Squillace. Plötzlich brachen hinter Höhen verdeckte zahlreiche Feindesscharen hervor, umringten das kleine Heer des Kaisers und hieben von allen Seiten wütend ein. Thietmar nennt eine ganze Anzahl Namen deutscher Edler, die den Schwertern der Sarazenen zum Opfer fielen. In diesen: Kampfgetümmel wurde das Pferd des Kaisers getötet und sein Gefolgsmann, der Jude Kalonymos aus Lucca, gab ihm das seine, aus den: Otto sich zu retten suchte, indem er sich mit den: Roß ins Meer warf und ein Schiff, das mit mehreren anderen n:cht weit von der Küste vorübersuhr, schwimmend zu erreichen suchte. Er wurde jedoch nicht ausgenommen, und als er sich zur Küste zurückwandte, stand dort noch sein treuer Diener, der sich nicht eher retten wollte, als bis er gesehen hätte, daß fein Herr in Sicherheck sei. Zum zweiten Male versuchte Otto die gefahrvolle Flucht, und das nächste Schiff nahm ihn auf, so daß diesmal die Rettung glückte. Es wird berichtet, daß der Kaiser Kalonymos dadurch belohnte, daß er ihm die Uebersiedlung nach der deutschen Stadt Mainz gestattete, und so wäre die Folge jener wackeren Kriegertatr eine Epoche blühenden jüdischen Geisteslebens gewesen, denn die Familie Kalonynws war von Friedhofsschäri-ung in Tanberbischosshelrrr. Am 18. Februar wurden auf dem israelitiischen Friedhof in Tauberbischofsheim rohe Verwüstungen festgestellt. Sechs Grabsteine waren von ven Sockeln gerissen und an die Friedhofsmauer mm gelegt. Ein Grabstein war umgeworfen und gebrochen, von zwei Grabsteinen waren die Spitzen abgeschlagen, ein anderer ist gänzlich Mit Schmutz besudelt. Der Polizei und Staatsanwaltschaft, ebenso dem Bürgermeisteramt ist Meldung erstattet. Hoffentlich gelingt es, die Tater fcstznstellen und der verdienten Strafe zuzusühren. größtem Einfluß für die Entwicklung der jüdi-, scheu Gemeinde vor: Mainz, wo ganze Generationen von Gelehrten dieses Namens in den nächsten Jahrhunderten wirkten und auch andere rheinische Gemeinden geistig befruchteten. Als im Sommer 1930 die geistigen und sozialistischen Menschen in der'NSDAP, die Hitler-Partei verließen kehrte in den Auseinandersetzungen der spötnsche Vorwurf der Sczessionisteu immer wieder: Die Partei des Dritten Reiches verschmäht es nicht, Spezialisten für Ritualuwrd und ähnliche Narren als Führer zu feiern. Eine Zeitlang schien es so, als ob sich Hitler und seine Mannen ihrer übersteigerten Judenhetze selbst schämten. Besonders als nach der Mahl Hitler sich als kommender Main: fühlte und sich dem Ausland als Politiker von Format, ,als Diplomat, als Beherrscher urbaner Forchen und Träger einer neuer: nationalen Sittlichkeit vorstellen wollte, sank das Barometer der judenseindlichen Agitation. Hitler versicherte einen: englischen Blatt, daß er gegen die „voeent joivs" nichts habe. (Sehr gnädig!) Organe wie der „Stürmer" lebten zwar auch in dieser Uebergangsperiode vom Sexualantisemitismus, aber in der übrigen Presse stellte man sich auf maßvollere Haltung ein. Ja, Herr Goebbels mußte, weil man die taktische Schwenkung in der Partei kritisiert hatte, im Sportpalast versichern, daß man nach wie vor überzeugter Antisemit geblieben se:, wenn man auch von seinem Judenhaß weniger spreche. Seit zehn Wochen ist das anders geworden. Jetzt hagelt es wieder judenseindliche Argumente und die ältesten Ladenhüter werden säuberlich entstaubt einem sensationshungrigen Publikum serviert. Varmat, Sklarek und Kutisker marschieren wieder auf, das Schreckgespenst des jüdischen Bolschewismus wird beschworen, einzelne Preßorgane wie der „Donaubote" veröffentlichen Listen jüdischer Bürger, Plakate verbieten nunmehr nicht nur den Juden den Zutritt, sondern sie schließen gleichzeitig auch „Judendirnen" vom Versammlungsbesuch aus. Die geschickten Agitatoren hüten sich vor offener Anreizung zum Klassenhaß: sie spitzen ihre Pointen so zu, daß das Publikum mit freundlichen Aufforderungen wie „aufhangen", „an die Wand stellen" quittiert. Es widerstrebt uns zwar, eine Blütenlese aus nationalsozialistischen Versammlungsreden zu geben. D:e nachfolgende Auswahl soll aber denen, die aus politischer Verirrung am 14. September Hitler gewählt haben, und andern, die ihn für einen würdigen Koali'twnsgenossen halten, zeigen, in welcher Gesellschaft sie sich befinden: Aus -er Rede eines R.S.-Abgeordueten am 11. Februar, Berlin. „Den Juden ist die Hauptsache: saugen. Hinter allem stehen sie. Schon vor Tausenden von Jahren gab es das Reichsbanner, schon zur Zeit Pharaos. Als die Juden den Christen genug Silber und Gold abgenommen hatten und zun: Teufel gejagt wurden, kamen sie in die Wüste, und mck ihnen, wie sie selbst sagten, Pöbel, der vorher ihr Schutz war. Also'war der Pöbel das Reichsbanner." Dr. von Keers am 3. Februar, Berlin. „Was jetzt noch in der KPD. ist, ist ein stinkender Srunpf, der von den Hebräern ausgenutzt wird. Was sitzt in der KPD.-Versammlnng am Vorstandstisch? Nur die Hebräer, angefangen aus Gal:z:en bis zu denen vom Kursürstendamm. Alle Plattsußindianer haben aber. ihre krummen Synagogennasen. Von her KPD., bis Au Herrn Goldschnndt haben sich jetzt plötzlich alle' gegen uns verbrüdert.. Ja, die Hebräer haben es raus, das In jedem Falle aber steht diese Tat des Inden Kalonymos unter den Beweisen deutscher Mannestreue, die uns in Geschichte und Sage des Mittelalters überliefert sind, würdig da, wohl wert, daß ihrer gedacht werde. Volk zu verhetzen. Wenn wir erst an der Macht sind, dann werden diese Burschen eine gründliche Abrechnung zu gewärtigen haben." (Zwischenruf: Aufhängen.) Reichstagsabgeordneter Hinkel am 23. Januar, Berlin. „Als Rathenau ermordet wurde, stimmten die Blätter um Ullstein und Mosse ein Wehklagen au. Mag Rathenau auch einer der tüchtigsten der Juden gewesen sein, so war er doch nur ein Jude." ' Daß die nationalsozialistische Presse aus diesen Ton eingeschwenkt ist, versteht sich von selbst. Der „Eisenhamrner" veröffentlicht Leitartikel: „Der Mädchenhandel ein jüdisches Geschäft", der „Freiheits^arnpf" spricht von jüdischen Schweinen, der „Völkische Beobachter" gibt sich vornehm und veröffentlicht Notizen über die Verjudung des deutschen Theaters und ruft nach Reitpeitschen für die Auseinandersetzung mit den Parasiten. Ein deutsches Geschästsadreßbuch unterstützt die Boykottpropaganda aller Blätter, und die neue satirische Wochenschrift „Vrennessel" tut das ihre, um in Karikatur und angeblichem Witz in den Chor von Judas Schuld und Verbrechen einzustimmen. Erkläret mir, Graf Oerindur . . . Warum wohl Schweigen in Hitlers Blätterwald im September, Oktober, November und jetzt Plötzlich Rauschen und Brausen? Ein echter Hitler- Mann mag keinen Inder: leiden; aber es scheint da eine wechselnde Skala des Gefühls zu geben, bald leise, bald lauter.' und lärmend. Hitler schlägt jetzt die Judentrommel heftiger, weil. er nach dem Scheitern seiner Negierungspläne nicht mehr sein diplomatisches, sondern sein Verserkergestcht zeigen will. Er braucht nicht mehr nach dem Ausland zu schielen, ihm kommt es jetzt stärker auf Erhaltung seinerMacht in Deutschland am Und ihrer fühlt er sich nicht mehr sicher. Die Erbitterung und Enttäuschung der alten Nationalsozialisten, die trotz aller Versprechungen und trotz des ungeheuren Wahlsieges vom 14. September 1930 nicht den geringsten politischen Erfolg, nicht , einmal den Versuch ernsthafter politischer und wirtschastspolitischer Anregungen sehen, steigt täglich. Mit Fanfaren kann man ein hungerndes Volk nicht sättigen. Und lauter und bohrender als die Versammlungsfanfaren, die die nationalsozialistischen Trabanten blasen, klingen die kritischen Töne der eigenen alten Anhängerschaft, besonders der S. A. ' Deshalb der Ausweg, den man schon so oft gegangen ist: Stärkere Betonung'der antisemitischen und antibolschewistischen Agitation. Vielleicht hilft wieder einmal der Juvenschwindel, vielleicht lenkt er die murrenden Massen von der Unfähigkeit der Führung ab, vielleicht begnügt man sich mit den pornographischen Bildern des Herrn Streicher und vergißt Arbeit und Brot zu fordern. ' - Auf einer nationalsozialistischen Fühvertagimg in München ist die taktische Schwenkung in der Haltung zur antisemitischen Agitation beschlossen oder besser besohlen Worden,' und seither rinnt^ die Schlammflut wiederio dick wie zu jenen Anfangszeiten der NSDAP., als n:an politisches Wissen durch ein paar kräftige antisemitische Schimpsworte ersetzte. Leider findet mancher Phrasendrescher noch innner Beifall, wenn er Jüdenmärchen und Judenmätzchen bietet. Aber vielleicht wird gerade die Uebersteigerung der Agitation Menschen mit Gervissen und politischem Verständnis sehr rasch zu den ernsten politischen Parteien' zurückfuhren. ÜeZ. Neue scharfe Irröenhetzr in -er Hitler-Partei Die Zührer beschließen -lesen Rurs

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