Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 1 (Januar 1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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7 Israels Propheten religiös-soziale Sendboten an die Gegenwart biblische Skizzen von Theodor Nappstein . . III. Elia. Die Ueberliefürung hat die Erscheinung des gewaltigen Propheten Elia ins Halbgöttliche verklärt. Solche volkstümliche Erzählungen dramatisieren die Wirklichkeit; sie wollen anch gewiß nicht in erster Linie zuverlässig sesthalten, was und wie es geschah — „uns zu verewigen sind wir ja da", sagt Goethe. Das Volk vergißt seine Helden nicht it -n. d w ü n s ch t, daß die Na ch g eborenen sich an der B e - g e >i st e r n n g i h r e r. V ü t e r entzünden. Die Geschichtsschreibung wird vom Gemüt her reguliert. Doch eine ragende Gestalt wie den Elra erfindet das Volk nicht ohne reale Züge! Elia war ein politischer Prophet. Er stand nicht auf der Seite der Herrschenden; auf seine Umgebung wirkte er ungewöhnlich, überwältigend, unheimlich, so daß man ihm jedes Wunder zutraute. Dem Mose verwandt, der auch mit dem widerstrebenden Volke rang; ein Unheilsprophet wie Amos, Hosea, Jesaia. Er eifert für Gott bei Einführung des Baalkultns, bei dem Justizmord an Naboth für Recht und Gerechtigkeit und für Gottes alleinige Verehrung iit Israel. Die phönizische Religion des Baal wird gebrandmarkt als Unzucht und Zauberei, die Mutter des Königs Ahab wird „Dirne" und „Zauberin" gescholten, die die Männer berückt. Im Taumel der Geschlechtslust llahm der Baalverehrer an dem Leben seiner Gottheit teil. Durch die weiße Magie suchte nmn Böses von sich abzuwenden und argen Zauber zu vereiteln. Elia wütet gegen den Baal und zugleich gegen die Naturreligion, die Israel ans Kanaan mitgeschleppt hatte. Die prophetische Partei, im Lande verspottete die goldenen Kälber und die Bilder der Göttin Aschera. Elia vertritt die alte Gottreligion gegen ihren neumodischen Baaldieüst. Statt weichlicher Kleidung trägt er den rauhen Pelzmantel mit dem Ledergurt und wohnt nicht wie der Bauer auf der Scholle, sondern haust fern von den Wohnungen der Menschen in Schluchten, auf Bergen und in Steppen. Ein Wanderleben. Als Elisa sein Nachfolger lvard, da schlachtete dieser die Rinder, die bisherigen Genossen seiner Arbeit. Elia sucht den Gott nicht in den Tempeln, bei beit kostbaren Bildern, vielmehr in des Horebs wildester Einsamkeit. Sein Gott ist der Kriegsgott der Himmelsheere (I . . . e Zebaoth), zugleich Gott des Rechts. Elia bedeutet eine Epoche für die Religion Israels; bisher war I . . . e großenteils Israels Nationalgott gewesen — jetzt e n t w ä ch st er den Schränken seines Volkes und tritt auch gegen Israel auf. Er wird der Gott der ganzen Welt; hält sich Israel nicht in den Wegen der sittlichen Weltordnung, so liegt es zertreten am Boden. Von keinem anderen Propheten erzählt ntan sich int Volk Geschichten wie über ihn! Vom Hinunel herab soll er nach seinem Tode an den König Joram rn Juda einen Brief geschrieben haben. Der christliche Apostel Paulus beruft die Offenbarung des Elia. El'ia soll als Gottes Vorläufer einst ihm den Weg bahnen zum Endgerichtstage. In den beiden Heroen der Apokalytztik, die mit dem „Tier aus dem Abgrund" xn der letzten Zeit kämpfen müssen, sieht man Mose und Elia. In der christlichen Geschichte bereden sich bei der „Verklärung" Christ:. Mose und Elia mit ihm, die Jünger wollen allen dreien Hütten bauen. Und in der Passion des -Nazareners wird der Kveuzesschrei: „Eli, Eli, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" vom Volk gedeutet: Er ruft den Elia. Das frühe Mittelalter hat den Kampf des Elia mit' dem Antichrist verschmolzen mit gerinanischem Mhthus von Götterkampf und Weltbrand. Die Dichtung „Muspilli" sagt von Elia aus: Der Antichrist wird mit Elia streiten um das ewige Leben. Die Gottesentscheidnng auf dein Karmel endet mit der gründlichen Niederlage des Heidentums. Beide Religionen treten scharf auseinander. Hier ist alles dramatisch bewegt. Die Szene wird in sich ablösende Auftritte auseinandergezogen. Der sinnliche Taumel der N a t n r r e l i g i o n und die W ü r d e d e r G e i st e s r e l i. g i o n geben die Partner ab, durch das Ganze weht ein heldischer Zug. Elia ist trotzig und herrisch, selbstbewußt itttb unduldsam bis aufs Blut. Dann betet der Gvttesmann, nach dein Sieg über Gottes Feinde, Regen herab auf das durstende Land. Wiederum steht alles auf dem Spiel, wie beim Karmelopser und feiner Feuerprobe. Füllt jetzt kein Regen, nachdem das Volk sich zu Gott zurückfand, so ist er nicht der Bnndesgott...! Schon hört Elia das Rauschen des Regens, er kauert auf dein Berggipfel, das Gesicht zwischen den Knien, erdetet mit Leib und Seele. Seinen Knappen sendet er zum Ausblick aus das Meer. Sechsmal kehrt der Bote ohne die ersehnte Nachricht von der Regenwolke zum Meister zurück. Endlich steigt eine Wolke wie Menschenhand aus dem Meere auf, im Handumdrehen wird der Himmel schivarz — und nun strömt der hintmlische Guß, nach dreijähriger Plage. Elia, llchft, so schildert die Volkslegenve, geistergriffen durch Sturm und Regen, vor dem jagenden Gespann des Königs, der sich vor dem Unwetter bergeit will. Das ist der religiöse Heros: die Großen des Reiches zittern vor ihn:, er befiehlt dem König, das Volk verstumntt, die Baals- Pfaffen höhnt er mit ihren Götzen; sie rasen und er redet, er verschließt den Himmel, ertötet und macht lebenoig, öffnet die Schleusen des Himmels — ist Gottes Sachwalter auf Erden. Das Gegenbild darf nicht fehlen. Jeder Hochstimmung folgt die Abspannung, wie im Leben eines Volkes, so im Dasein des einzelnen. Die Geistreligion ward verfolgt. Die Altäre sind niedergerissen, die Propheten sind gefallen; allein blieb Elia zurück, er muß fliehen. Sein Lebenswerk ist gejajeitei't, er hadert mit Gott, er ist nicht besser als seine Väter, er wünscht sich den Tod. Im Ginsterbusch erscheint dein seelisch Gebrochenen Gottes Engel, der ihn zum Beug Horeb beruft zur Zwiesprache mit Gott. Der Kampf ward den: gewaltigen Manne zu schwer — Gottes Sache ist nicht siegreich; „es ist genug, nimm nun nteine Seele...!" Müd vor Trauer schläft er ein. Mit Himmelsspeise wird er erquickt, daß er den weiten Weg wanderit kann; der Krug mit Wasser labt ihn. 40 Tage ititb 40 Nächte, also überaus weit ttnb beschwerlich, geht d:e Reise. Elia betritt die Höhte, in der schon Mose Gott sah, dessen Licht niemand schauen darf, ohne zu sterben. Er bleibt über Nacht am Gottesberg. Der Allherr zieht an ih:n vorüber — wo wohnt Gott? Ein starker Sturm und imterirdisches Krachen, das die Felsen zertrümmert — Gott ist nicht in dem Sturm, nicht im Erdbeben, auch nicht im Feuerstronr. Gott selber naht im leisen Wehen, im linden Sausen. Vulkanmöglichkeiten; eine langsam sich nähernde Lichtmasse ist vorgestellt, der Berg brennt von Feuer, seine Lohe schlägt hoch gen Himmel. Gott ist so mächtig und sein Diener so ohnrnächtig! Die Gottgestalt der.Mosezeit ist überwunden: Gott weilt hinter dem lodernden Element, auch wenn er Strafgerichte ansagt. Elia tritt aus der Höhle, verhüllt sein Haupt und trägt seine Klage vor. Bescheid: Gottes Sache, die er vertritt, kann nicht untergehen. Er darf beruhigt sterben, sein Testament beglaubigt sein Lebenswerk. Der Bauernsohn Elisa wird seinen Zaubermantel trage::. Feuerrosse am feurigen Wagen — in: Sturm fährt Elia in Gottes Staatskarosse gen Hinunel. Theodor Mlüecke gestorben 8. W. Im hohen Alter von 94 Jahren starb vor wenigen Tagen der Nestor der Orientalisten, Professor Dr. Theodor N ö l d e ck e. Fast alle Zweige der ausgedehnten Wissenschaft vom Orient verdanken seinen grundlegendeit Arbeiten reiche Förderung. Nvldecke, 1836 in Harburg geboren, lehrte zuerst in Göttiilgen und Kiel und war dann von 1872 bis 1906 ordentlicher Professor für semitische Philologie an der Universität Straßburg, Nach den: Kriege lebte er in stiller Zurückgezogenheit in Karlsruhe. Die engeren Fachgebiete Nöldeckes waren arabische und syrische Philologie sowie Jslamkunde; aber auch den Problemen -des Alten Testaments und der biblisch-talmudischen Wissenschaft widmete er wertvolle Untersuchungen. Aus der langen Reihe seiner größeren Werke seien nur einige angeführt: „Geschichte des Korans" (1860), „Das Leben Mohammeds" (1863), „Untersuchungen znr Kritik des Alten Testaments" (1869), „Die semitischen Sprachen" (1887) und „Beiträge zur Geschichte des Alexander-Romans" (1890). Neben diesen Büchern hat Nöldecke mehr als sechshundert Arbeiten in wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht, die von der erstaunlichen Produktivität des Gelehrten Zeugnis oblegen. — Nöldecke war ständiger Mitarbeiter von Theodor Barths berühmter Zeitschrift „Die Nation". Nvldecke war stets bereit, seine wissenschaftliche Autorität in die Waagschale zu werfen, wenn es galt, für Wahrheit und Gerechtigkeit einzutreten. Seine meisterhafte Beherrschung des Hebräischen und der jüdischen Wissenschaft setzte ihn instand, den Angriffe!: gegen die Lehre des Judentunts entgegenzutreten. (Vgl. Bloch, „Israel und die Völker.") — Während der Ritualmordprozesse der letzten fünfzig Jahre wurde Nöldecke nicht müde, der Welt ins Gewissen zu reden: er zeigte, daß die Blutanklage eine Lüge ist, die ins finsterste Mittelalter gehört. Schon 1882, bei Gelegenheit des Prozesses von Tisza-Eszlar, erhob er seine Stiunne gegen die furchtbare Anklage. Aus dem dainals erschienenen Sammelband „Christliche Zeugnisse gegen die Blutbeschuldigung der Juden" seien die beherzigenswerten Worte des großen Orientalisten angeführt: „Es ist traurig, daß immer noch Veranlassung ist, die von der Bosheit und Unwissenheit gegen die Juden erhobene Anklage, daß dieselben zu irgendeiner religiösen Feierlichkeit Menschen- resp. Christenblut gebrauchen, ernsthaft zurückzuweisen. Die Anklage ist aber ganz .grundlos; ja, solche Greuel sind allen Grundsätzen des Judentums durchaus zuwider. Juden, die so etwas begangen hätten, müßten unbedingt aus der religiösen Gemeinschaft des Judentums ausgeschlossen werden. Die, welche solche Märchen glauben oder nachsprechen, sollten wissen, daß solche Vorwürfe von heimlichen - Menschenopfern, ritueller Verordnung von Menschenblut und anderer Scheußlichkeit in: Orient von altersher wiederholt ganz verschiedenen Religionsparteien geworden sind; religiöser Haß und falsche Auslegung mysteriöser Bräuche haben dies bewirkt. Auch über andere christliche Sekten ist dergleichen von anderen Christen behauptet worden, und an den heiligen Schriften der Mandäer (Johannes-Christen) ließe sich eine schaudervolle Darstellung der Dinge geben, welche die Christen überhaupt zur Feier des heiligen Abendmahles gebrauchten. Wer behauptet, die Juden verwendeten zu irgendeiner Feierlichkeit Menschenblut, der steht aus dem Standpunkt des rohesten orientalischen Religionshasses und Aberglaubens. Herrenalb im Schwarzwald, den 10. August 1882. Dr. .Th. Nöldecke, ord. Professor an der Kaiser- Wilhelm-Universitüt Straßburg."