Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1931-01-01 · Heft 1 (Januar 1931) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1931
Issue
Heft 1 (Januar 1931)
Date
1931-01-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2571117-2571180-2571181--531-2571870
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

6 Juden durch die Marktkommissäre dienen sollte. Es ist sicher auch kein Zufall, daß ed gerade die deutschen Städte des 15. und 16. Jahrhunderts waren, die am energischsten aus die Durchsührung der kanonischen Bestimmungen drängten. Während die deutschen Kaiser des Mittelalters ihren „Kammerknechten" das Judenzeichen erlassen hatten, und noch Kaiser Friedrich 111. den Papst Nikolaus V. darauf hinwies, das; das von Nikolaus--.von Eusn desohlene Inden- Zeichen den Christen selber Zun; Schaden gereiche, führten W ü r z b u r g, Augsburg, Köln, Frankfurt, Erfurt, N ü r n b e r g, K o nstanz, Trier und viele andere Städte das Zeichen ein. Es waren jene Jahrhunderte, in denen die aufblühenden Städte mit allen Milteln die Konkurrenz des unbequemen jüdischen Kaufmanns und Geldhündlers bekäinpften oder sich durch gewaltsame Austreibungen ihrer Nebenbuhler entledigten. Die von Kaiser Karl V. im Jahre 1530 zum ersten Male für das ganze Reich erlassene Verfügung, „das; die Juden einen gelbe;; Ning an dem Nock oder Kappen allenthalben zu ihrer Erkentnis öffentlich tragen sollten", spiegelt jene Stimmung Wider. Farbe, Form und Art des Judenzeichens waren allem Anschein nach dem Beliebe;; der einzelnen Fürsten, Bischöfe und Städte überlassen. Ludwig der Heilige von Frankreich verordnete in; Jahre 1269, das; das Zeichen aus safrangelben; Filz bestehen, vier Finger groß sein, die Form eines Rades haben und auf der Brust wie auf dem Rücken getragen sein sollte, „damit die Gebrandmarkten von alten Seiten kenntlich seien". Das Rad, bald in roter, bald in gelber Farbe, war auch das Abzeichen der Fuder; Aragoniens, Ungarns, einzelner italienischer und südpolnischer Provinzen, während England zwei Tafeln von weißer Leinwand oder Pergarnent, später aus safrangelbem, sechs Finger langem und drei Fmger breiten; Filz einführte. In Venedig, Parma und Verona war das sogenannte „0"-Zeichen eingesührt, in einzelnen deutschen Städter; ein gelber Ring oder Fleck oder gelbe Fäden, in Oesterreich ein Ring aus gelben; Tuch, der in; 16. Jahrhundert durch ein „rundes Häubl", in Prag zur Zeit Maria Theresias durch einen gelben Kragen erseht wurde. Ebenso verschieden waren die Verordnungen über die Kleidertracht. Die Regentin Kastiliens, die Mutter des unmündigen Don Juans, verordnete im Jahre 1412, daß die Juden neben dem roten Zeichen lange, bis auf den Boden reichende, von der üblichen Landestracht verschiedene Kleider und Mäntel tragen sollten. In Aragonien warder Kappenmantel in Gebrauch, in Polen gelbe Mützen, in Ungarn rote, mit einem ringförmigen Lappen besetzte Mäntel, in Frankreich einige Zeit ein an der Mitte der Kleidung angeheftetes Horn, in einigen italienischen Städten ein gelbes Barett, später ein schwarzer Hui mit roten Haaren, in Rom ei;; gelber Hut für die Männer, ein viereckiges Stück gelbes, um den Kopf zu tragendes Stück Tucb für die Frauen. Für Deutschland war der Judenhut charakteristisch, dessen ursprünglich zuckerhutsörunge Gestalt vom Konzil Wien (1267) in ein hvrnartiges Aussehen verwandelt wurde, während das Salzburger Konzil (1418) für die Franenlleiduug das Aubringen schallender Glöckchen verordnete, damit man ihr Kouunen schon von weiten; bemerke. „Und ioU mir einen langen.bart lan wahsen grise haare, Ich;oil in alter jndenleben;nich hinan tmv wert zieh;;. Mein Mantel, der sol wesen lank tief unter einem Huot." besang der jüdische Minnesänger S ü s; k i n d von Tri;;; berg die Judentracht des 13. Jahrhunderts. Während die Judentracht im allgemeinen wohl, ähnlich der Tracht der Ritter, der Geistlichen, der Adligen, der Patrizier die sozialen Schranken, den ständischen Unterschied widerspiegeln sollte, wurde das Judenzeichen, ähnlich den; Abzeichen der Dirnen und der Aussätzigen, von Inden und Christen als öffentliche Vrandmarkung, als schändliche Entehrung empfunden. So wunderten, um nur ein Beispiel zu nennen, die Juden Kastiliens in großer Anzahl aus, als man das Judenzeichen dort einführte. Die Juden Roms kleideten sich einige Zeit in Gelb, damit das gelbe Judenzeichen nicht zu sehr ausfiel. Es wird immer wieder berichtet, daß die Juden den Regierunden große Sununen anboten, damit man ihnen das Zeichen erlasse. Die Juden Roms verpflichteten'sich im 16. Jahrhundert, die Sunune von 40 000 Scudi zu Zahlen, wenn der Papst sie vom Zeichentragen befreie. Wir hören noch im Jahre.1713, das; die preußischen Juden Friedrich Wilhelm I. gegen das „Erlassen eines gewissen Zeichens" 8000 Reichstaler überließen. Der jüdische Dichter David A s c o l i in Ron; schrieb eine so glühende Anklageschrift gegen das Zeichen, daß man ihn ins Gefängnis warf. „Er führte", schrieb ein jüdischer Zeitgenosse über Papst Paul IV., als er 1559 starb, „den schimpflichen Judenhut ein und brachte soviel Leiden über Israel, wie es seit der Zerstörung des zweiten Tempels nicht geschehen." Erst das Zeitalter des Nationalismus, die Vorstellung des Naturrechts vor den eingeborenen, unveräußerlichen, freien und gleichen Rechten der Menschen, die Gedanken der Aufklärungsphilosophie von der Würde und Freiheit der menschlichen Persönlichkeit hoben das Judenzeichen auf, zu gleicher Zeit, in der die Gesellschaft die stünoischen und sozialen Unterschiede, der Staat die wirtschaftlichen und politischen Schranken aufhoben und den Juden Zlnn gleichberechtigten Träger der Staatsgelvalt machten. Uor 3« Jahren Die „Braunschweigische Landesz e i t it it g" veröffentlicht zum Svjtthrigen Jubiläum des Blattes in Neudruck die am 28. November 1880 crfchieueue P r o b e u u m m c r. Im sehr interessauien Inhalt dieser zu weit Über lokale Bedeutuug herausgewachscncii Zeitung befindet sich ein Aufsatz „Die antisemitische B e w e g u u fl u n d ihre K o n s e q u e n z e n". Dieser Aufsatz ist so aktuell, und ine Einstellung, die oic „B r a u n s ch w e i g 1 s ch e Landeszeitun g" zu dem Problem nahm, so erfreulich, das; wir im nachstehenden einige Sätze daraus abdruckeu. Die S ch r i f t l e i t u n g. „Zur Schmach einzelne r Antisemiten treten jetzt eine Menge Ausschreitungen zutage, für die allerdings die Mehrzahl der Christen ebensowenig verantwortlich gemacht werden kann, als man die Mehrzahl der Inden für einzelne früher oder später unter ihren Gtnnbensgenossen vorgekommene Frevel zur Verantwortung ziehen darf. Wenn wir die Schan;röte nicht ganz und gar verlernt haben, so müssen Nur uns gestehen, das; Vorgänge wie die auf den israelitischen Kirchhöfen in Mecklenburg und Malchow, in welch letzterer Stadt man die steinernen Denkmäler umwarf, heranszog, beschmutzte und zerschlug, zu den unerhörtesten Freveln gezählt werden müssen, für die es eben keine Entschuldigung gibt, stelle man sich nun auf den Standpunkt, auf den man auch wolle. Die Schuld wird auf diejenigen zurückfatlen, die die an sich mehr oder weniger gerechtfertigte Bewegung nach Kräften geschürt und so das. Oel ins Feuer gegossen haben." Weiter wird ausgeführt, „daß die Israeliten auch das ihrige tun, wo es gilt, tatkräftig tn den Weiterbau unseres Staatslebens einzugrmfen. Diejenigen Redner, die im Berliner Abgeordnetenhause hervorhoben, daß ein gar nicht geringer Teil von Neid aus der ganzen antisemitischen Bewegung spreche, trafen ohne Zweifel den Nagel auf den Kopf. Lasse man also jedem seine Berechtigung, solange er den Boden des Rechtes nicht unter den Füß-en verliert, damit endlich einmal Frieden in die Bevölkerung komme, während so die Gereiztheit überhändnehmon und zu den unerquicklichsten Konsequenzen führen muß; denn wohin geraten wir, wenn die Ausschreitungen einzelner Heißsporne auf der einen wie auf der anderen Seite sich mehren sollten? Von allen Seiten laufen Berichte ein, die darauf hindeuten, daß vorläufig noch von keinem Ende des Streites die Rede ist. Also Friede;;nd Versöhnung. Duldung aller bei gleichen Pflichten und gleichen Rechten! Das ist das, was wir jedem, der in; Begriff steht, den Kampfplatz zu betreten oder schon betreten hat, Zurufen möchten, denn der eine wie der andere Teil schädigt sich, wenn der unselige Zwist noch weiter hmnnsgesponnen;vird . . rückkam, um wichtige politische Missioneu, insbesondere im Getreideeinkanf in Rumänien, abzuwickeln, bis er wieder kriegsverwendrmgsfähig war und der Front Zueilte. Schließlich, als der Krieg verloren war, war er einer derjenigen, die sich gegen die Wterzeichnung des Versailler Vertrags gestemmt haben, und noch heute arbeitet er unermüdlich an der Umgestaltung jener Diktate. Zielenziger läßt Bilder von einundzwanzig Persönlichkeiten an uns vorüberziehen. Es würde zu weit führen, sie alle anfznzühlen; neben den schon Genannten seien jedoch erwähnt: Hermann T i e tz, I n l i n s Berger, Jakob Goldschmidt u. a., deren arbeitsreiches Leben im Dienste der deutschen Wirtschaft hier geschildert wird. Doch hat der Autor ganz bewußt sich auf einzelne Personen beschränkt, um dem Leser nicht zu viel auf einmal zu bieten. Wenngleich Nebensächliches oft bewußt stilisiert 'ist — es kommt Zielenziger nicht so sehr auf das Individuelle an —, so weiß er doch rneisterhaft das Charakteristische und Typische hervorzuheben. Neben diesen Charakterbildern ist die Einleitung des Buches besonders hervorzuheben, weil in nnrsterhafter Weise in; engen Rahmen von 28 Seiten ein Entwicklnngsbild der deutschen Juden feit der französischen Revolution, also ein Abriß der Geschichte seit der Emanzipation gegeben wird. Dieser Abriß der Gerichte der Enmnzipation ist zugleich die Gechichte der Inden in; Wirtschaftsleben. Vorher stehen die Juden abseits. Beschränkt auf bestimmte Erwerbszweige, bilden sie einen Staat in; Staat; denn sie sind zwar Einwohner der Städte, in denen sie leben, aber nicht deren Bürger. Im Mittelpunkt ihrer Tätigkeit steht das Geldgeschäft. Vom Handwerk und vom Handel waren sie ausgeschlossen. Erst in die Wirtschafts- und Bevölkernngspolitik des Merkantilismus beginnt mm; die Inden bewußt einzureihen. So nah;;; der Große Kurfürst noch vor der Emanzipation in Preußen die Juden bereitwillig in semem Staat auf. Seine Nachfolger folgten ihn; auch in der milderen Behanolung der Juden, aber von einer Emanzipation im eigentlichen Sinne konnte danmls noch nicht die Rede sein. Doch sobald der Kapitalisinns die Welt reorganisierte, ergab sich für die Juden, die von Zünften und Gilden ausgeschlossen waren, eine neue unpersönliche Produktions-;veise. Mit Recht zitiert Zielenziger Brentano: „Nicht wo Israel hinkommt, sprießt ein neues Leben empor, sondern wo ein wirtschaftlicher Aufschwung stattfindet oder zu erwarten ist. Zieht Israel hin." Die jüdische Bauernwelt Palästinas dachte ganz unkapitalistisch. Die Einrichtung des Jubeljahres und der Schnldenaufhebung waren eher sozialistischen Gedankengängen entsprungen. Durch eine in Jahrhunderten erworbene Einstellung auf bestimmte Berufe entwickelte sich die Begabung, die sie an die Stelle setzte, in der man sie zu Begun; der neuen Entwicklung in ihren; Verlauf findet. Aber nur wenigen ist es vergönnt, sich über die nainenlose Menge zu erhoben. Von;venigen dieser wenigen ist die Rede in dem Zielenzigerschen Buche. Das Goethe- Wort, mrt dem das Schlußwort des Buches beginnt: „Deutsche gehen nicht zugrunde, so wenig wie die Juden, weil sie Individuen sind", kann nicht besser veranschaulicht werden als durch die Zielenzigersche Arbeit.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.