Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 1 (Januar 1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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5 Die ewige Wiederkunft -es Gleichen om gelben Fleck und anderen Ansnahmebestimmnngen Das ^uöenabzeichen von Dr. Selma Ster n Wollte man eine Geschichte des Judenzeichens schreiben, so müßte man eine Geschichte der Juden selber schreiben, eine Darstellung ihrer Leiden, Verfolgungen und Kränkungen in Jahrhunderten, da sie willenloses Objekt des Weltgeschehens waren. Man müßte gleichzeitig eine Geschichte der wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse, der kulturellen, moralischen und religiösen Strömungen bringen, denn mit allen diesen Mächten steht das Judenzeichen in unlöslicher. Verbindung. Es ist das Symbol der Knechtung, der „Fleck der Schmach" auf der einen, das Zeichen des Sieges aufstrebender Finanz- und Wirtschaftsorganisationen und der triumphierenden Kirche auf der andern Seite. Die Zeiten, in denen der Jude mit dem gelben Fleck auf der. Brust, dem gehörnten Hut auf dem Kopf als Zielscheibe des Spottes und der Karikatur ängstlich durch die Straßen schlich, waren gleichzeitig Epochen, in denen Papst- -tum und Kirche ihre Macht stabilisierten oder Städte und Bünde die Konkurrenz des jüdischen Nebenbuhlers beseitigten. In gleicher Weise ist die Geschichte des Judenzeichens die Geschichte des Antisernit i s m u s und eine Soziologie der christlichen Gefellschastvom 13. bis zum 18. Jahrhundert. Wie das Judenzeichen zuerst Ausdruck des religiösen, später des wirtschaftlichen und des gesellschaftlichen Judenhasses wurde, war es ebenso sehr Ausdruck jenes ständischen und sozialen Unterschiedes, der den Adligen vom Bürger, den Bürger vom Bauern, den Patrizier vom Plebejer, den Geistlichen vom Laien, die eine Zunft von der. andern, das Dorf von der Stadt, die Provinz von der Provinz feindselig schied und diesen Unterschied in Stofs und Kleidung, in Farbe und Form nach außen sinnfällig und weithin sichtbar dokumentierte. Als Papst I n n o z e n z III., jener mächtigste, hoheitsvollste, politischste Beherrscher der Christenheit, jener „verus Imperator^, wie ein Zeitgenosse ihn bezeichnete, „der eigentliche Erfüller der. päpstlichen Universalausprüche", auf dem 4. Laterankonzil von 1215 für die Juden aller christlichen Länder das Tragen eines Abzeichens verordnete, folgte er einem alten mohammedanischeu Brauch. „Zur Wahruug der Reinheit des Glaubens, um Vermischung und Verwechslung der Ungläubigen mit den Gläubigen", den Verkehr von Christen mit jüdischen und sarazenischen Frauen, vor: Juden und Sarazenen mit Christinnen zu verhüten, hatte der Kalif Omar II. im Jahre 634 befohlen, daß „die Juden durch eine gelbe, die Christen durch eine blaue, die Magier durch eine schwarze Naht" kenntlich gemacht sein sollten. Daß den Papst Innozenz III. ursprünglich nur relrgi - ö s e Motive leiteten, daß es ihm, dem harten Bekämpfer der Albigenser, darauf ankam, „die fleischliche Vermischung" > von Juden und Christen zu verhüten, geht nicht nur aus den Worten des Ediktes, sondern auch aus andern Aussprüchen des Papstes hervor. Die Juden müßten, schrieb er einmal, wie der Brudermörder Kain unstet und flüchtig, ihre Gesichter müßten mit Schmach bedeckt sein, sie sollten erkennen, daß sie die Sklaven derer sein müßten, die durch Christi Tod frei wurden. Es ist jene Auffassung, aus der heraus die Kirche und der von ihr geleitete christliche Staat den Juden den Zutritt zu allen Aemtern, die Ehe mit Christen, den Besitz von christlichen Knechten und Sklaven verboten, sie als Fremde, als Auswärtige und Nichtbürger ohne Lebensfähigkeit und ohne Anteil an der städtischen Almende gelassen, den Christen den Verkehr mit den Juden, die Beteiligung an jüdischen Festlichkeiten und Gastgelagen untersagt hatten. Die Juden durch das Kennzeichen öffentlich zu entehren, lag ursprünglich nicht in der Absicht des Papstes. Denn er wünschte ausdrücklich, man möge den Juden durch das Abzeichen „das Leben nicht erschweren und sie gesellschaftlich nicht unmöglich machen". Wie stark rein religiöse Motive bei der Abfassung jener päpstlichen Bulle mitspielten, beweist auch die Tatsache, daß Zeiten tiefer religiöser Spannungen und asketischer Hebungen, der Kreuzzugsstimmungen und der Büßpredigten stets von neuem das Tragen des Judenzeichens forderten. Während zum Beispiel den Juden der Stadt Nom jahrhundertelang eine milde Behandlung Zuteil wurde, legten ihnen die gestrengen Päpste der G e g e n r e s o r m a - t i o n nach langer Freiheit die Last des Judenzeichcns wieder auf. Denn es sei völlig absurd und unzulässig, begründete Papst Paul IV. sein im Jahre 1555 erlassenes Edikt, daß die von Gott um ihrer Schuld willen zu ewiger Sklaverei verdammten Juden sich unserer Liebe und Duldsamkeit erfreuten. In Deutschland, wo während des ganzen Mittelalters nur die Judentracht, aber nicht das Judenzeichen bekannt war, führte erst das religiös tief aufgewühlte, von Mystik und Wunderglauben erfüllte Jahrhundert vor der Reformation den gelben N i n g o d e v Fleck und die gelben F ü - d e n ein. Damals erklärte der berühmte und fanatische Nikolaus von Cusa auf der Provinzialsynode zu Bamberg, daß alle Christen der Strafe der Exkommunikation verfallen sein sollten, die nicht auf das Judenzeichen achteten. Da man aber den Juden des Mittelalters nicht nur von der religiösen Seite her als Ungläubigen, sondern auch vom wirtschaftlichen und finanziellen Standpunkt als nutzbares Regal, als dankbares Steuerobjekt betrachtete und gleich dem Münz-, dem Zoll-, dein Bergwerks-, dem Mark-, dem Geleitsregal tm Interesse des Staates ausbeutete, wurde das Judenzeichen als willkommenes Mittel angesehen, den jüdischen Steuerträger, von der übrigen Bevölkerung abzusondern, ausfindig zu machen und zu bewachen. Zu gleicher Zeit verwandte man das Judenzeichen-als neue und willkommene S t e u e r q u e l l e. Denn es kam häufig vor, daß man der ganzen Judenschaft das Zeichen gegen Zahlung hoher Abgaben erließ oder einzelne reiche Hofjuden, Finanzagenten und Aerzte gegen Geld oder Dienstleistungen von ihm befreite, oder daß man, wie es Philipp IV. von Frankreich einmal tat, das Zeichen, ähnlich andern Regalien, an den Meistbietenden verkaufte. Zu diesen Motiven religiöser und finanzpolitischer Art kamen rein wirtschaftliche Beweggründe dazu. In Wien wurde in einem Mandat des 16. Jahrhunderts offen darauf hingewiesen, daß das Judenzeichen zur Erkennung der Oie Juden in der deutschen Wirtschaft Betrachtungen zu Kurt Zielenzigers neuem Buch Von Professor Theodor Plaut (Hamburg) Juden finden sich heute in allen Lagern der deutschen Wirtschaft als große Industrielle, als Kaufleute, als Handwerker, als Angestellte, als Arbeiter. In manchen Wirtschaftszweigen stärker als in anderen. Dies sagt also nichts aus über die Rolle, die sie in der Wirtschaft spielen; hört man aber auf das Geschrei der Gegner, voran der Apostel der völkischen Bewegung, dann beherrschen sie die deutsche Wirtschaft, dann raffen sie nur und schaffen nichts. Stimmt das? Die Anhänger dieser Auffassung können sich dabei nur auf S o m b a r t stützen, der ja nnt recht untauglichen Mitteln versucht hat, ihre Rolle in oer gegenwärtigen Wirtschaft klarzulegen, ja. sie zu Vätern des Kapitals ernennt, wobei allerdings noch offen bleibt, ob es ein Vorwurf wäre, den Kapitalismus geschaffen zu haben. In der Tat wird man fragen: Waren es nicht jüdische Männer, die führend die Entwicklung der modernen Wirtschaft beeinflußt, ihr die Wege gewiesen haben auf dem Gebiete des Geldwesens (Rothschild), der Industrie (Rathenau, Loewe, Orenst e i n), der Schiffahrt (B a l l i n)? Stammen nicht von jüdischen Männern Schöpfungen, die als vorbildlich zu gelten pflegen, z. B. die größte deutsche Handelsflotte, die ausgebreitete Elektrizitätswirtschaft? In der Tat geht S o m b a r t zu weir, viel zu weit. Seine Behauptungen sind schon von Brentano zurückgewiesen worden. Man könnte also fragen, was soll ein neues Buch, dem diese Problemstellung zugrunde liegt? Handelt es sich etwa nur um eine allgemeinverständliche Darstellung der Sombartschen These und ihrer Widerlegung durch Brentano u. a.? Nein. Zielenziger will bewußt eine Lücke ausfüllen, ohne den Nahmen der Sammlung, in der das Buch*) erscheint, zu sprengen, ein streng wissenschaftliches Werk schreiben, obschon er sich mit seinem Buch an alle gebildeten Deutschen wendet. Denn er ist ein wissenschaftlicher Autor, kein Feuilletonist. Er hat einen flüssigen Stil, der sein Buch für ») Erschienen im Welt-Verlag, Berlin 1930, jedermann lesbar macht, aber er schreibt nichts, über dessen wissenschaftlichen Gehalt er nicht Rechenschaft zu geben in der Lage ist. Der wissenschaftliche Gehalt liegt hier in der Methode. Sombart, wie Brentano u. a., haben das Problem der Juden in der Wirtschaft historisch und theoretisch angefaßt. Zielenziger greift eine Reihe typischer Gestalten aus dem Wirtschaftsleben heraus, schildert ihren Werdegang und ihre Bedeutung für die deutsche Wirtschaft, wie sie geholfen haben und in die Bresche gesprungen sind, wo Not am Mann war, für Deutschlands Größe Schulter an Schulter mit ihren nichtjüdiAen Mitbürgern eintretend: um auf diese Weise dem alten Problem eine neue Seite abzugewinnen. Wir erfahren, wie Ballin stets bemüht war, die Wolken zu zerstreuen, die den Weltfrieden bedrohtenwie er stets für Frieden und Deutschlands Ehre und Weltgeltung gerungen hat und wie er, als der Zusammenbruch unabwendbare. Tatsache geworden war, freiwillig die Augen schloß, da er Deutschlands Fall nicht überleben wollte. Zielenziger schildert, um ein weiteres Bei? spiel herauszugreifen, wie Carl Melchior bei Kriegsausbruch mit seiner Truppe ausgerückt ist; wie er, durch einen Unglücksfall kriegsuntauglich gemacht, in die Heimat zu-