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Central-Verein-Zeitung · 1930-12-01 · Heft 12 (Dezember 1930) · page 6

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1930
Issue
Heft 12 (Dezember 1930)
Date
1930-12-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Die jiddische Sprache Vor nicht langer Zeit hat man die jiddische Sprache über die Achsel angesehen, als ein Kauderwelsch, das sich zusammepsetzte . aus Sprachelenrenten der verschiedensten Volker, in deren Mitte Juden zu gegebener Zeit ihre Zuflucht nahmen und fandest. Aber in der neuesten Zeit begegnen wir einer ganz anderen Würdigung der jiddischen Sprache. Nicht.etwa deshalb, weil Ludendorff gleich im Anfang des Weltkrieges sich in einer jiddisch gehaltenen Proklamation an sein „libben Jiden in Pojen" wandte, sondern weil namhafte Schriftsteller in hochangesehenen Zeitschriften ein warmes Wort für die jiddische Sprache einlegen. So stoßen wir in den „Preußischen Jahrbüchern" in ihrer letzten Nummer auf einen äußerst sympathisch gehaltenen Artikel aus der Feder des Hamburger Professors HeinrichMeyer-Benf e y. Meyer-Benfey trägt sehr lehrreiches Material über die jiddische Sprache zusammen, das wir unsere Lesern unterbreiten wollen, und widerlegt damit eindringlich, wie unberechtigt der gegen sie gemachte Vorwurf eines „Mixtum compositum" in der Reihe der Völkersprachen ist. Mit der Emanzipation der Juden in den westeuropäischen Staaten ist dort ihre jiddische Sprache nach und nach verschwunden; als die Juden aus der geistigen Abgeschlossenheit hinaustraten und mit heißem Bemühen in die europäische Kultur hineinwuchsen, waren sie eifrig bemüht, sich deren Hauptsprachen anzueignen; daneben behielt das Hebräische, das Loschen kaudesch, die sogenannte heilige Sprache, durch religiöse Ehrfurcht und kultische Tradition geweihte Geltung; für die niedrige Volkssprache war neben Hebräisch einerseits. Deutsch. Französisch usw. anderseits kein Platz mehr vorhanden. So ist es gekommen, daß die jüdischdeutsche Sprache in Deutschland selbst bis auf kleine Ueberbleibsel im Laufe des 19. Jahrhunderts erloschen ist. Im 18. Jahrhundert schrieb schon Mendelssohn" seine philosophischen Werke rn vorbildlichem Deutsch, und sein Einfluß und deutsche Schulen bewirkte im Lauf der folgenden Jahrzehnte ein fast vollständiges Verschwinden der jiddischen Sprache in Deutschland. Und das Jiddische wäre überhaupt ausgestorben, wenn es nicht längst vorher außerhalb der deutschen Grenzen ein neues Gebiet, an Umfang viel größer als Deutschland, erobert hätte, in dem es als allgemeine Sprache ein kräftiges, in keiner Weise bedrohtes Leben führt. Dieses Judendeutsch oder das Jiddische, wie man es heute zu benennen pflegt, ist die Volkssprache der Juden in Osteuropa. Sein Gebiet ist das frühere Westrußland mit den angrenzenden Teilen von Oesterreich-Ungarn und Rumänien. -Nach der heutigen Karte machen also Polen und Litauen den Kern dieses Gebietes aus, das sich besonders nach Sttdosten weit darüber Hinalls erstreckt. Hier wohnen rund neun Millionen Juden, zu denen noch 2y2 bis 9 Millionen Auswanderer kommen. Die Hauptmasse der letzteren, über 2 Millionen, haben die Vereilligtcn Staaten ausgenommen, wo allein New Pork üoer 1 Million jiddischsprechende Einwohner zählt, etwa ein Fünftel seiner Gesamtzahl, imt> damit die größte jüdische Siedelung darstellt, von der die Geschichte weiß. Kleinere Kontingente leben in England, Kanada, Palästina und in eilizelllell Staaten Südamerikas, wie in Ar-. gentülien und Brasilien. Diese annähernd 12 Millionen machen heute etwa vier Fünftel aller Jllden der Erde ails. Ihre Sprache ttberwiegt an Verbreitung wie an kultureller Bedeutllng so unbedingt, daß die anderen jüdischen Sondersprachen (Judenspanisch, Judenperstsch usw.) daneben völlig verschwinden, und daß sie mit Recht als „Jiddisch" schlechthin bezeichnet werden kann. Was ist nun diese Sprache in linguistischer Betrachtung?, so fragt Heinrich Meyer-Benfey, und seine Antwort lautet: Der erste Blick, das erste Hören zeigt unverkennbar, daß sie Deutsch ist, echtes Deutsch von besonderer Art. Kein entartetes Deutsch — das alte Vorurteil gegen das „Mausckieln" ist nur ein Rest jener Aufklärung, die in der Volkssprache, der Mundart, nichts als verderbte Schriftsprache sah. Gewiß ist es. daß das Jiddische nicht von der neuhochdeutschen Schriftsprache ausgeht, sondern ihm liegt wohl der mittelhochdeutsche Lautstand zugrunde, wie allen heutigen Gestalten der hochdeutschen Sprache. Aber das Jiddische hat die entscheidenden Wandlungen, die zum Neuhochdeutschen führten, mitgemacht. Doch hat das Jiddische Eigentümliches, das es vom Deutschen unterscheidet, nicht sowohl in der Grammatik, die durchaus deutsches Gevräge hat, als im Wortschatz, hauptsächlich in den hebräiscl)en und armenischen Bestandteilen. Diese sind an Zahl nicht größer als die Lesewortbestände mancher anderen Sprachen. Aber sie sind sehr gebräuchlich. Damit hängt auch die hebräische Schrift zusammen, die die Juden in früheren Jahrhunderten von der Heiligen Schritf her kannten und lesen konnten, wodurch sich aber für Deutsche beim Erlernen des Jiddischen große Schwierigkeiten ergeben. Ins Jiddische sind aber in zunehmendem Maße Lesewörter aus dem Slawischen und auch aus dem Lateinischen und Griechischen ausgenommen. Zum Unterschied, von dem Neuhochdeutschen trägt noch folgender Umstand bei. Das Jiddische ist in einem ungewohnten Grade eine lebendige, frei wachsende Sprache, die im Mundendes Volkes und nicht auf dem Papiere lebt. Das heißt nicht, wie Mever-Benfey bervorhebt, daß sie regellos und der Willkür prersgegeben wäre. Sie hat geradezu ihre feste Grammatik, wie irgendeine andere Volkssprache. Aber ihr stilistlscher Charakter ist spontan, unterwüchstg, Nlcht rationalisiert lmd dressiert, nicht selten launisch und eigenwillig. Der erquickende Hauch quellfrischer Natürlichkeit, der den Reiz der Mundart ausmacbt, weht uns auch, und noch vielleicht in noch höherem Grade, aus dem Jiddischen entgegen. Das Jiddische ist als gesprochene Volksprache entstanden uno lebt als solche. Jedoch hat es auch schon früh literarische Verwendung gesunden, besonders für die Frauen, denen das Studium des Hebräischen im Allgemeinen verwehrt war uno die doch auch ihren Anteil an den geistigen Gütern ihres Stammes haben wollten. Es liegt in der Natur der Sache, daß diese Bücher zumeist im Dienste der Religion standen. Bibelübersetzungen und freie Nacherzählungen, Legenden, Erbauungsbücher, Gebete und Gesänge. Doch wurde auch weltliche Unterhaltungsliteratur früh ausgenommen, wie der „Artushos", eine Dichtung in Reimpaaren. Die moderne jiddische Literatur, lange von der Aufklärung zurückgehalten, beginnt erst um 1860, hat jedoch einen erstaunlich raschen und stolzen Aufschwung genommen lind besitzt heute eine Anzahl bedeutender Dichter und Erzähler, wie die bekannten I. L. Perez, Scholem Aleichem, Schalom Asch und andere, deren Werke ins Deutsche übertragen sind. Auch ein reicher Schatz von Volksliedern mit eigenartigen, zum Teil herrlichen Melodien ist in der jiddischen Sprache enthalten. Seinen interessanten und aufklärenden Artikel schließt Meyer-Benfey mit einem warmen Appell, die Erforschung des Jiddischen und seiner Literatur als wichtige Aufgabe der Wissenschaft anzusehen. Schon an sich als Sprache eines Zwölfmillionenvolkes hat das Jiddische ebensoviel Anspruch auf Beachtung wie irgendeine andere Sprache von ähnlicher Ausbreitung. Sodann ist es ein eigentümlicher Zweig am Baume der deutschen Sprache, gehört zu einer vollständigen Anschauung von dieser hinzu und wird manches zu ihrer völligen Aufhellung beitragen können. Zugleich aber ist es ein Gefäß jüdischer Kultur und Tradition, und die heute kräftig aufblühende Wissenschaft vom Judentum findet in seiner Kenntnis ein wertvolles und unentbehrliches Interesse. Daß diese Anregungen Meyer-Benfeys in deutschen und besonders in jüdischen Kreisen zur Verwirklichung gelangen, ist auch unser heißester Wunsch. Dr. Julius Rothholz. ZranMa Mann die Dichterin und Menschenfreundin Ein Gedenkworl anlSsjttch ihres Todes- , tages Am 8. Dezember jährte sich der Todestag von Franziska Mann zum drititenm-al. Als sie starb, war für viele Hunderte vereinsamter, vom Schicksal hart geprüfter Menschen die Welt ärmer geworden. Franziska Mann wurde am 9. Juni 1859 in Kolberg als Tochter des Sanitätsrats Hermann Hirschfeld geboren. Menschenfreundlichkeit und Güte lagen ihr wohl vom Vater her im Mut, denn ihm, dem Mitbegründer des Bades Kolberg und des jüdischen Kurhospitals, dem aufopferungsvollen, hilfsberevten Arzt, haben die dankbaren Bürger KolbergS ein Denkmal errichtet. Franziska Manns reines Menschenrlum kannte nur eine Religion, die der großen, alles verzeihenden Menschenliebe. Mit f.lbstverständlicher Würde und Sicherheit verkehrte sie in vielen Patrizierhäusern, wo man es sich zur Ehre anrechnete, die seltene Frau zu empfangen, aber die Gartenhäuser und Hofwohnungen waren ihr lieber. Vorurteilslos, verstehend, voller mütterlicher Wärme nahm sie sich jeder Hilflosigkeit an. Der Gedanke, einen Mitmenschen in Not und Bedrängnis zu wissen, war ihr unerträglich. Sie überlegte, grübelte und schrieb. Wie viele Briefe, eindringlich mit ihren schönen, sicheren, aufrechten Schriftzügen geschrieben, fanden den Weg zu den Herzen der Menschen, wie viele aufrüttelnde Artikel sind Jahr um Jahr in den Tageszeitungen erschienen und haben warmen Widerhall gefunden. Denn der Glaube von Franziska Mann, ihr unbeirbarer, unerschütterlicher Glaube an das Gute, das Wertvolle in jedem Menschen erweckte auch träge Herzen aus ihrer dumpfen Gleichgültigkeit. Ihre Einstellung 3nm Judentum prägte sich am deutlichsten aus in ihrem sozialen Wirken. Die „Hilfsbekleidungsstelle", gleich nach Kriegsausbruch von ihr gegründet, verschaffte vielen Hunderten durch den Krieg verarmten Menschen, Flüchtlingen aus allen Teilen Deutschlands, Künstlerndie brotlos geworden waren, kostenlos Kleidung, Stiesel, Wäsche usw. lieber Franziska Manns sozialer Arbeit standen die Worte: „E n t h n s i a s m u s mit) Disziplin", und sie waren das Geheimnis ihrer großen Erfolge. Franziska Mann liebte keine Dereinsarbeit; sie warb mit Wort und Tat, uner- „ müblich und unbeirrbar für ein Ziel, das sie sich gesteckt hatte, und sie erreichte immer dieses Ziel. Nie ist ein Ruf von ihr ungehört verhallt. 1922 gründete sie mit mir gemeinsam die „Lichten Sonntage". Es waren völlig kostenlose Veranstaltungen für die vereinsamlten, verarmten Frauen des gebildeten Mittelstandes, die in jener Zeit schwerster, wirtschaftlicher Bedrängnis am härtesten getroffen waren, denen sie zu einer geistigen Nothilfe wurden, wie sie wohl auch in der heutigen Notzeit wieder geschafften werden sollten! Mehr als 500 Frauen ist auf diese Weise in jedem Winter während acht Jahren etwas Sonnenschein in ihr umdüstertes Leben getragen worden. In den „Lichten Sonntagen" hatten die Insassinnen der jüdischen Altersheime friedfertig ihre Plätze neben den Damen auS den adligen Stiften, saßen die Damen des Israelitischen Lehrerinnenheims freundschaftlich nebewdenen aus dem Heim der Ofsizierstöchter. Franziska Mann fragte bei der Auswahl unserer Gäste weder nach dem Glaubensbekenntnis noch nach der politischen Einstellung. Sv ist es unter den vielen Hun^ derten Frauen.verschiedenster Richtungen kaum jemals zu Reibungen gekommen. Franziska Mann hat wenige Monate vor ihrem Tode unter dem Titel „Mehr als Lichte Sonntage" und.„Erholungswochen für Einsame" Artikel veröffentlicht, in denen sie darlegte, daß die „Lichten Sonntage" allein ihr nicht mehr genügten. Es war ihr tiefschmerzlich, die vereinsamten Frauen im

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