Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1930)
- Date
- 1930-12-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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das wertvollste, vitalste, aktivste, so hat es mid) die deutschen Werte allererst geprägt; es hat die nicht nordischen Stämme erst kulturfähig gemacht. „Entnordung" der deutschen Stämme ist also die eigentliche Gefahr, „Aufnordung" die dringendste Pflicht. Geschichte wird hier Wille, Motiv der Isolierung, der Selbstlvertung und Abwertung -er anderen —- ein antinationales Motiv also, denn nicht Gemeinschaftsarbeit ist mehr die wesentliche ethisch-politische Forderung, sondern di^ Trennung zwischen Herren und Hörigen, gebenden und nehmenden, prägenden und geprägten Stännnen. Nicht der deutsche Mensch (im nationalen, d. h. volkumfassenden Sinne), sondern der nordische Mensch (Int isolierenden, also widernationnlen Sinne) rückt in die vorderste Linie der Verpflichtung. Die scharfen Proteste, die der nordische Gedanke von wachen deutschen Menschen erfahren hat, sind bekannt, am bekanntesten wohl der spontane, zornig-scharfe Protest des Franken M e r k e n s ch l a g e r. Widersinniges und im nationalen Sinne Gewissenloses hat sich in der Blütezeit des „nordischeil Gedankens" ereignet: das Buch des deutschfeindlichen Amerikaners M. G r a n t über die „große Rasse" ward übersetzt -und propagiert, ein Symptom dafür, mie leicht geschichtliche Reflexion isolieren, das Interesse des Stammes über Interesse und Ansehen der Ration stellen kanu. Seither ist es stiller um die nordischen Berkünder geworden. Es haben sich offenbar auch in den Kreisen des nordischen Eigenbewußtseins zwei Gruppeil gebildet: eine kleine, die den: isolierenden Wege des nordischen Gedaickeils folgte, rlnd eine weitaus größere, die diesen Weg aus tiefer verwurzeltem Erlebnis des deutschell B o l k s b e w u ß t s e i u § ablehnte. Hier hat das Urgefühl der volkheitlichen Verbundenheit gesiegt über das wesentlich auf abstraktem Wege gewonnene Gefühl der isolierenden Nassenverantwortung. Der nordische Gedanke ist in seiner krassen Konsequenz über die -Sphäre pro-fessoraler Deduktion, über die Sphäre der theoretischen Naturen, der Intellektualisten also, nicht hinausgedrungen. Es bedarf keiner Erörterung, daß hier eine deutliche Parallele vorliegt zur doppelten Geschichte des Mischen Deutschen. Die spezifisch Mische Gesmichte ist nur sehr viel Plastischer als die mühsam archäologisch erschlossene nordische Geschichte. Sie zeigt große Persönlichkeiten und Schicksale, das Ringen mit Gott rnld Menschen, Könige und Propheten, Werden und Vergehen und zeigt das alles auf einem geschlossenen nationalen Boden, in geschichtlichem Rallm, der überdies mit der abendländischen Kultur . verbunden ist rrnd einig bleibt durch die Bibel, die ebenso untrennbar von der gelsttgen Entwicklung des Abendlandes ist wie das Werk Platos oder die Konzeption deS romanischen Staatsgedankens. Gewiß haben auch alle anderen deutschen Stämme irgeMvann in grauer Vorzeit einen nationalen Eigenraüm gehabt, ehe sie in die Synthese eintnten, die Deutschland heißt. Aber sie kennen ihn nicht. Sie wissen llicht, welche Wonnen des Glaubens, Höffens, Sehneus lmd Lebens ihm einst entsprossen sind. Manchmal ahnen sie es — die Geschichte aber schweigt. Ihre Geschichte fangt erst an zu reden, als sie zugleich deutsche Geschichte ist. Sie haben nicht das Glück und nicht die Gefahr der doppelten Geschichte. Aber auch nach dem Verlust des nationalen Raumes, ist die jüdische Geschichte in allen ihren Zweigen der glänzendste Beweis von der Lebens-- eneraie eines Menfchenstammes, den die Weltgeschichte kennt. Nie hat in gleicher Weise, verhängnisvollsten Schicksalen prersgegeben, ein Menfchenstamm sein GlaubenSgut — gleichviel, ob gegenwärtig religiös oder weltanschaulich geformt — und seine schöpferischen KMte erhalten. Diese eigene Stammesgeschichte ist Gnade und Glück — und zwar nn elementar-biologischen Sinne. Ans. ihr schöpft der einzelne Regeneration 4 des Selbstbewusstseins, wenn dieses angegriffen wird, hierher flieht er wie ein Verdurstender zum Quell, der ihn wieder aufrichtet. Und doch ist es ein gefährliches Glück. Mit dem Glück lst die Gefahr bereits gegeben. Es ist aufs Haar die gleiche Gefahr, die der nordische Gedanke in sich trägt. Es ist kein Zufall, daß der gerade nach dein Kriege propagiert und anisgenvnnnen wurde. Auch er ist Flucht und Zuflucht aus dem Chaos gewesen, aus dem drückenden Gefühl der Niederlage in die „Edelrasse", deren Geschichte das Bewußtsein des Wertes und der Stärke znrückgibt. So wird das PersönlichkeiLsgefübl wieder aufgerichtet —- aber aufgerichtet auf einem Umweg, der gesährlicherweise aus der Schicksalsgemeinschaft der ganzen deutschen Nation heraussührt, auf einem romantischere, abstrakten, isolierenden Wege; denn das ist die Gefahr jedes Historismus, daß er einwurzelt ins Gestern und Einst durch Flucht vor bem Heute, d u r ch Entwurzelung ans dem wichtigsten Acker, dem heiligsten und freilich mühevoll st e n P f l i ch t a ck e r der B e r a n t - w o r t u n g für das Jetzt u n d Hier, für die heute und um das Morgen k ä m p f e n b c Bolksgemeinschaft alle r D e u t s ch e n. A l l e r! * * Nun haben die jüdischen Deutschen nicht weniger als alle anderen Deutschen einen tief innewohnenden Hang zur Romantik, zur Weltfremdheit, zum Einkapseln ins Historische, zum Schwärmen für die gute alte Zeit, zum Pochen auf die gute alte Zeit und zum Versuch, sie kultisch zu pflegen oder gar an Stelle der Gegenwart (rmd der Zeitpfllchten) zu setzen, den emirreut unpolitischen Hang, vom Heute ins Gestern sich zurückzuziehen und das Gerneinschaftsbewußtsein, das Nationalgefühl, das Vvlksbürgertum vom Gestern her zu tönen. Das ist gefährlich, wie es für alle Menschen und Völker gefährlich ist unv zu allen Zeiten gefährlich war. Wir sagen nicht damit, daß Geschichte hintenan gehalten sein soll. Im Gegenteil. Sie soll sein. Das Wahre soll der Merrsch wissen und nicht verschweigen. Er soll stolz sein auf die Väter durch alle Generationen hin. Dies ist nicht Eitelkeit. Eitelkeit ist vielmehr der Werglaube, der Merrsch sei nichts als Gegenwart, ganz nur er, ganz nur aus sich selbst vechändlich. Wir alle sind Erben. Damit fängt alle Selbsterkenrrtnis an. Aber wir sind nicht rr u r Erben. Damit fährt alle Selbsterkenntnis fort zur Pflicht und Gerechtigkeit. Wir sind nicht nur Verwalter des Gewesenen, sondern der Gegenwart. Jede Epoche ist unmittelbar zu Gott, sagt Ranke. Auch die Gegenwart. Das ist es. Man soll nicht geschtchtlich-selbstg e n ü g s a m werden, nicht das Recht aus der Geschichte ablesen und — warten, daß es „sich" verwirkliche, das heißt: daß die anderen es verwirklichen. Geschichte zieht leicht hinter den Ofen, in den Schmollwinkel, oder sie berauscht und macht blind für Gegenwart. Dann ist sie Gefahr. Sie ist Glück und Wert nur, wenn sie stärkt für die Gegenwart, für die Aufgaben bei den Menschen heute rmd mit uns. Zweifellos gibt es nicht kleine Kreise unter ben Mischen Deutschen/ die der Gefahr des Historismus unterlegen sind, darin also sehr eng verwandt den nordischen Kollegen. Angewidert und verletzt durch die Lügen der Gegenwart, haben sie sich zurückgezogen zur jüdischen Geschichte und damit der deutschen Gegenwart entfremdet. Kein Zweifel, daß das lebendige Hin und Her des Verstehens, und zwar des gegenseitigen, ja selbst des inner- Mischen Verstehens dadurch erschwert wird. Es smdet dann ganz allmählich eine Art gefühlsmäßiger Absonderung statt, eine resignierte Uninteressiertheit am-Umfassend-Gegenwärtigen, es kommt der resignierte Zustand des Derantwortlich-Aiachens statt des Verantwortlich-Seins. Es liegt am Tage, daß die wachsten Kreise der jüdischen Deutscheil am Werk sind, diese Gefahr abzuwerrden. Je mehr sie es tun. um so «lehr Brücken des Verstehens und der echten Gemeinschaft bauen sie. Doppelte Geschichte ist erst d a n n Glück o hn e Gefahr, m e n n s i e auch d o p p e l t e n Stolz erweckt:den StolzdeSJuden im b d e rr Stolz des Deutschen, beide im Einssein, im Zugleich und Ineinander. Das ist llicht Theorie, sondern auch dies ist geschichtliche Wirklichkeit. Dieser doppelte Stolz hat Preußen ausgezeichnet. Er ist heute am sinnfälligsten lebendig im Bayern, der sich weder nur als Bauer noch llur und allgemein als Deutscher, sondern als bayerischer Deutscher weiß. Und da dars ich ein Beispiel nennen. In der letzten Numnler der „C. V.-Zeitung" findet sich ein Aufsatz von Dr. H. Stern: „Was lasen die deutschell Juden im Mittelalter?" Nun, das ist ein dankenswerter Hinweis auf das, was geschehen soll, zu wenig geschehen ist llnd an höchst bedeutungsvollen neuerl Wegen einer vertieften Aufklärung vorhanden ist. Geschichte kann isolieren — sie kann aber auch einenwenn sie sich nämlich denl Gemeinsamen zuwendet, der organischen (und' das ist immer: nationalen) Wechselwirkung zwischen jüdischen und nichtjüdischerl Deutschen. Nicht nur auf literarischem Gebiet etwa. Ganz unverwertet sind lloch die Dokumente, die zeigen, wie etwa das mlentstellte urwüchsige Stammesbewußtseill der alten Franken die Juden nicht nur nicht verstieß, sondern rief. Kaiser haben sie. gerufen, Bischöfe, Grafen, Bürgermeister, Städte. Und das heißt denn doch» daß die Juden eine nationale Sendung in Frankreich hatten und erfüllten. Nicht nationale Leidenschaft, nicht irgendeine Art von Stannnesbewußtsein sonderte die Juden ab, sondern — später erst — eine übernationale Welle religiösen Fanatismus'. Und dast dies und vieles andere noch nicht herausgearbeitet und ills volle Licht der Geschichte gestellt ist — das heißt, daß man sich der einenden Wahrheit noch sehr säumig nur zugewandt hat. Beispiele führen ins Weitläufige. Aber dies sollte geschehen, daß die andere Seite der Geschichte energischer gepflegt wird, die einende Geschichte, und nicht nur die isolierende. Quellen liegen unausgeschöpft da. Sie sollten sichtbar vor aller Augen zum Fließen gebracht werden. Das kann nicht einer, gelegentlich dieser oder jener. Aber eine Forschungsgesellschaft könnte es, die sich der einenden Geschichte zuwendet und dadurch einem Wahrheits- und Lebensdienst voll unabsehbarer Bedeutung. Denn sie brächte ins öffentliche Bewußtsein die Wahrheit einer deutschen Nationalgeschichte der Juden, einer Geschichte ihrer deutschen nationalen Sendungen, Anteile, Gestaltungen- und sie stünden damit hinter der Geschichte keines anderen deutschen Stammes zurück. In dem Matze, in dem solches geschichtliches Wissen zunächst in das wissenschaftliche Bewußtsein und von diesem in das volkstümliche Wissen eingeht, werden Millionen von Fremdheitsgefühlen zerstäubt, wird das Bewußtsein uralter gemeinschaftlicher Verbunderlheit geformt — in Juden und Nrchtjuden. Von beiden ist es vielen nötig. Denn die Hasser brauchen es nicht weniger als die Resignierenden. Diese noch kaum begonnene Arbeit all der Wahrheit der einenden Geschichte ist langwierige, aber Zielsichere Arbeit zugleich an der Verwirklichung der Humanität. Denn Humanität ist nicht idealistisches.Schwärmen, sondern Humanität ist Arbeit. Hartnäckige, bittere, entsagungsvolle Arbeit an der Wahrheit. Gar nichts sonst. Und an dieser Arbeit fehlt manches. Nicht, nur nichtjüdische, sondern auch jüdische Deutsche haben es daran fehlen lasten. Die es fühlen, wissen, sehen, sollen danach tun. Miteinander. PitWrMjt Loniuo! iSpt'Uet/p.Ri)*