Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 11 (November 1930)
- Date
- 1930-11-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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S3 Sröaurrliches Echo von Thomas Manns Appell an die Vernunft In der Oktobernummer dieser Zeitung haben wir einen Auszug ans Thomas Manns „Appell an die Vernunft" abgedruckt. Der „Völkische Beobachter" stellt in seiner Ausgabe vom 21. November in einem Aussatz von Arno Schimeder, „Thomas Mann als .Politiker", diese Tatsache fest und zitiert einen Teil des Abdrucks aus der „C. V.-Zeitung". Schmieder poleinisiert dagegen und unterstützt seine sachliche Polemik durch den Versuch, Thomas Manns Persönlichkeit als deutscher Dichter dadurch herabzusetzen, das; er ihn „verdächtigt, ein Jude zu sein. In unseren Augen wäre Thomas Mann allerdings ein guter Deutscher, auch wenn er Jude wäre. Es gibt ja genügend deutsch-jüdische Dichter, deren Werke zu den hervorragendsten des deutschen Schrifttums gehören. Der historischen Wahrheit wegen aber sei hier festgestellt, daß der von Herrn Arno Sch,nieder, als „pseudo-deutscher Schriftsteller" bezeichnete Thomas Mann weder Jude noch jüdischer Abstaiunuing ist. Wenn Herr Schmieder ferner m diesem Aufsatz die Frage stellt: „Was wäre jüdische Literatur, wenn sie nur auf das Judentum als Absatzgebiet angewiesen wäre", so verweisen wir nuf die in diesen Blättern schon so häufig nachgewiescne Tatsache, das; gerade jüdische Verleger und jüdische Kritiker deutschen nichtjüdischen Schriftstellern zu höchstem Ruhm und Ansehen verholfen haben. Als wenige, aber überzeugende Beispiele seien nur erwähnt, daß der jüdische Verleger S. Fischer und die jüdischen Theaterdirektoren Otto B r a h m und Max Reinhardt, die Wegbahner. Gerhart H aupt m a n n s, der jüdische Kritiker Julius B a b der begeistertste Kämpfer für D e h m c l, Liliencrvn u. a. mehr gewesen ist. Und ivenn Herr Schmieder vonc „Absatzgebiet" der Kunst spricht, so darf nicht unerwähnt bleiben, das; das jüdische Publikum sich an jeder wahren Kunst, sei es Musik, Dichtung oder Malerei, erfreut und sie fördert, ohne nach der Religion und Abstammung des Künstlers zu fragen. Das; schließlich speziell die Liebe zur deutschen Literatur nicht erst eine Errungenschast der Emanzipation ist, beweisen die nachstehenden Aussätze: „Was lasen die deutschen Juden im Mittelalter?" und „Till Eulenspiegel und Herzog Ernst". Was lasen die deutschen Juden im Mittelalter? Man darf es als ein Verdienst des Cenrrcnvereins buchen, daß er die allgemeine Aufmerksamkeit immer wieder auf die weitgehende Beeinflussung des jüdischen Geisteslebens durch die deutsche Kultur schon im Mittelalter hingelenkt hat, und wenn wir in den letzten Jahren mehrfach wissenschaftliche Arbeiten ans den Fachgebieten der Geschichte, Philosophie und Sprachwissenschaft begrüßen konnten, die auch denr Laienpublikum einen Begriff vom Wesen und vom Umfang der kulturellen Eindeutschung der Juden in ihrer deutschen Frühzeit vermitteln, so ist das Interesse dafür gewiß in nicht geringem Maße auf die Vorarbeit des Central- Dereins zurückzuführen. Kulturhistorisch und auch psychologisch am interessantesten ist wohl die Aufnahme der alten germanischen Heldensagen und -lieder sowie der mittelalterlichen Volkssagen in das jüdische Geistesleben. Denn diese an die breiten Massen sich wendende Volkskunst setzt eine ganz andere seelische Bereitschaft für eine im Grunde doch fremde Kunstgattung voraus als eine abstrakte und damit übernationale Wissenschaft, wie z. B. die Philosophie. Eine der aufschlußreichsten Untersuchungen über die Uebernahme der mittelalterlichen und späteren deutschen Dichtungen durch die Juden verdanken wir Professor Dr. Meier S ch ü l e v; er hat sie als „Beiträge zur Kenntnis der alten jüdisch-deutschen Profanliteratur" in der „Festschrift zum 75jährigen Bestehen der Realschule mit. Lyzeum der Israelitischen Religionsgemeinschaft Frankfurt a. M." (1928) veröffentlicht. Die Ausnahme der deutschen Dichtungen seht natürlich die Beherrschung der deutschen Sprache voraus, die für die breiten jüdischen Massen schon frühzeitig das Hebräische ersetzte und bei ihnen als Muttersprache — „Mammeloschen" — galt. Darum waren auch die meisten jüdischen Erbauungs- und Gebetbücher in deutscher Sprache versaßt, gedruckt allerdings mit jüdischen Lettern. Wie notwendig dies für die Juden war, erhellt aus der Vorrede zu einem solchen Buche aus dem Jahre 1602: „Das Buch wert gemacht tenksch den Weibern mV Mannen die da seien as Weiber mV kennen nit vil lernen ... da Hab ich mich derbarmt und schreib auf teut.sch do mit sie solen auch wissen was ein Mensch is." So wurde selbst das Buch S a m u e l („Schmulbuch") schon früh ins Deutsche übertragen, und zwar in der Nibelungenstrophe;, für Sabbat-Lieder wurde schon im 14. Jahrhundert der „H e r z o g - E r n st - N i g u n", das Versmaß des Epos vom Herzog Ernst von Schwaben, verwandt. Beweise dafür, daß den Juden die mittelalterlichen Dichtungen der Deutschen im allgemeinen bekannt waren. Für die Uebertragung dieser Werke waren verschiedene Gründe maßgebend. Zunächst sollten vor allem die „Weiber und Meidlich" (Mädchen) lesen und richtig sprechen lernen. Ausschlaggebend war aber wohl das Unterhaltnngsbedürsnis bei den Inden, vornehmlich bei dein weiblichen Geschlecht — „man kann nit alle Zeit in göttliche Bücher lesen" — und endlich war es auch der ethische und lehrhafte Grundgehalt vieler Erzählungen. Bei manchen Autoren war auch das Geschäftsinteresse maßgebend, was in den Schlußstrophen zu den einzelnen Dichtungen manchmal ganz offen zum Allsdruck gebracht wird. Uebertragen wird schon vom 15. Jahrhundert ab ans allen Literaturgattungen: u. a. alls den Sagenkreisen des Königs Artus, Dietrichs und Hildebmuds, später von den alten Volksbüchern „Kaiser, Oktavian", „Die schöne Magelone", „Flor und. Blancheslor", „Fortnnatus", „Die sieben weisen Meister"; der „Til Eulenspiegel", die „Schildbürger", von allsländischen Stoffen „Preziosa" und Teile des „Dekamerone". Dazu Balladen,. Volkslieder auf Kriege, Pest, Verfolgungen, Kaiserkrönungen, Prinzengeburten llslv., Schlager Ulld Fabelsammlungen. Wie jede Uebertragung geistiger Güter alls einem Kusturkreis in den andern mit einer mehr oder minder gewaltsamen Anpassung ver» bnndeü ist, so müßten sich auch die deutschen Dichtungen hin und wieder leichte, aber auch gewaltsame Acndernngen gefallen lassen. So werden oft religiös gehaltene Einleitung?- und Schlnßstrophen angesngt, letztere in der Regel in die Zionslmd Mefstashvffnnng eiumünbnfb. So z. B. die Einleitung znm „Artllshos": Got alein die ehr Den er is der ganzen Welt ein her, Er dat bischafn himl am* erd, Drum is er lob, Preis mV eron werd. Und der Schluß: Do mit hat das buch ein end Das uns got lnoschiach send bimhero (bald)' amen. Daß alles Christologische ausgemerzt nnd ins Allgemein-Religiöse umgebogen lvird statt zu Christus wird zu Gott gebetet— erscheint selbstverständlich. Mit einer gewissen Naivität sind aber airch nicht selten solche Partien Ins Jüdische umgesetzt, so daß sich manchmal ganz kuriose Situationen ergeben; so z. B., wenn eine Heidin statt zum Christentum sich zum Judentum bekehrt, was im Zusammenhang sinnlos wirkt. Auch werden hin und wieder, wie die oben angeführten Beispiele zeigen, hebräische Wörter aus der Umgangssprache eingeflochten. Jedoch ist die so entstehende Sprache der jüdischen Uebertragungen vom „Jiddisch" noch lveit entfernt. Uebrigens haben die Juden sich auch wissenschaftlich an der Entwicklung der mittelalterlichen Ependichtnng beteiligt. So stattet der Parzivat-Fortsetzer Philipp Collin im Jahre 1336 dem Inden Sampson Pine seinen Dank dafür ab, daß er ihm bei seinem Werke behilflich war, indem er den (französischen) Urtext Ins Deutsche übertrug. Es wird heute in den Auseinandersetzungen .um die Jndenfrage von nichtjüdischer Seite oft mit denr Argument operiert, die kulturelle Randstellnng der deutschen Juden sei u. a. auch auf den Umstand zurückzusühren, daß die Juden die entscheidenden Epochen der deutschen Entwicklung nicht miterlebt hätten. Das trifft in vieler Hinsicht gewiß zu. Anderseits beweist aber die. Verjüdischnng der großen Kunst- und Volksdichtung der Deutschen zur Zeit, als die Juden völlig außerhalb des sozialen und politischen Lebens in Deutschland standen, eine Fähigkeit und einen Willen zur Eindeutschung, wie man es wohl nicht zum zweiten Male in der Kulturgeschichte findet. Und diese Tatsache läßt eine Ahnung davon ausdämmern, welcher! Verlauf die kulturelle Entwicklung bei den deutschen Juden wohl genonnnen hätte, wenn ihr nicht von der anderen Seite künstliche Schranken und Dämme entgegengesetzt worden wären. Dr. H. Stern. „Till Tulensplegel und „Herzog Trnft" in Jstdisch-ventsch Zu dem Aufsatz von Dr. H. Stern wird uns geschrieben: Der Aufsatz von Dr. H. Stern hat sicher vielen Ihrer Leser eine freudige Ueberraschung gebracht. Wer ahnte, daß schon vor Hunderten vor Jahren, als die Ghettomauern, wie wir glaubten, jeden starken Strom, und gar literarischer Art, von außen hinderten, Bücher, tute „Till Eulenspiegel", „Die Schildbürger", „Kaiser Oktavian", „Die schöne Magelone", die wir Don unserem Gustav Schwab her kennen und in unserer Jugend mit Freude und Genuß läsen und die große deutsche Dichter und Künstler zu bedeutungsvollen Werken begeisterten, von unseren Vorfahren in deutscher Sprache, mit hebräischen Buchstaben geschrieben, gelesen worden sind. Wer sich allerdings in die Geschichte der deutschen Juden einmal vertieft hat. und dabei die „Zeitschrift für die