Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 11 (November 1930)
- Date
- 1930-11-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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84 Geschichte der Juden in Deutschland", die seinerzeit von Ludwig Geiger herausgegeber: und jetzt dankenswerterweise von den Herren Elbogen, Freimauu und Freu der:- thal fortgesetzt wird, gelesen hat, dein werden in den Jahrgänger: verschiedene umfangreiche Aufsätze begegnet sein, die sich mit dieser Gattung jüdisch-deutscher Literatur befassen; sie enthalten z.' V. stattliche Sammlungen von Volksliedern ans alten verklungenen Zeiten in hebräisch-deutscher Sprache — ein Beweis, wie ‘ innig verknüpft- Fühlen und Denken, aber auch die Geschmacksrichtung der Inden des Ghettozeitalters mit dem ihrer deutschen Umgebung war. Da treten Volkslieder auf, wie sie durchaus in alten Sanunlungen deutscher Volkslieder stehen, ' als ob es keinen Unterschied zwischen solchen Liedern der Ghettojnden und denen der deutsche:: Umgebung gäbe. Leider sind solche hochinteressanten und sür die innere Verbundenheit mit ihrer deutschen Umgebung wertvollen Zeugnisse noch lange nicht genug erforscht. Mt den Bibelübersetzungen hat sich Professor S t a e r k in Jena besaht. G r ü n - bäum hat auf diesein Gebiete nmnches-Wertvolle bearbeitet. In alten 'Jahrgängen der . „Monatsschrift, für Geschichte undWissenschaft des Judentums" befinden sich ' Abhandlungen darüber, aber im allgemeinen ist eine durchgreifende Untersuchung bisher nicht vorgenommen worden, und in verschiedenen Bibliotheken, so in München, ruhen köstliche Schätze, die behoben zu werden verdienen. Wer sich schnell, aber eindringlich, unterrichten will, greise zu Riegers „Hennatsrecht der deutschen Juden", der diese Literatur kurz und übersichtlich behandelt. Es ist ein großes Verdienst des Centralvereins und des Herrn Dr. H. Stern, unsere Aufmerksamkeit auf. diese interessanten Fragen gelenkt 31t haben. Dr. Gotthold Wolf. Tiefe des Volks. Und doch haben sie sich in einer inneren' sozialethischen Uebereinstimmnng bewegt; sie haben sich ohne Ausnahme für das M e n s ch e n r e ch t ' des U n t e r d r ü ck t e u in leioenschaftlichenr Zorn gegen die äußerlich überlegene!: Machthaber gewendet. Doch wiederum nicht so, das; sie dem Armen um jeden-Preis recht gaben und den Neichen um seines Neichtuins willen verdammten, sondern sie stellten das ganze Volk unter die ethische Pflicht des jüdischen Gesetzes und sie verbanden alle Glieder der Gemeinde 'zu einer Bruderschaft in gegenseitiger Hilfeleistung^ Ein religiöses Näturrecht, gar die Revolution als Selbsthilfe der von den Tpnmner: gequälten Massen, -7davon stand nichts im Programm der Propheten. Denn sie waren allesamt T h e 0 - traten. Kein Prophet hat auch eigentlich ein sozialpolitisches P r 0 g r a m rr: e n t w i ck e l t. Ihre sozialethischen Forderungen quellen einfach aus der praktischen Anwendung des Gebots: Es ist dir gesagt, Mensch, was recht ist undwas Gott von dir fordert. Nämlich sein Gesetz halten und Liebe üben und in Demut wandeln unter, seinen Augen. Die. Propheten in Israel waren keine vom Staat oder der Gemeinde besoldeter: Beamten mit Gehalt und Pension. Die Unentgeltlichkeit ihrer Sprüche und ihr unregelmäßiges Auftreten von Stoß zu Stoß unterschied sie grundsätzlich von jedem geregelten priesterlichen Dienst. Und ihre Gemeinde-:?waren von Fall zu Fall lose Gruppen von Anhängern ohne festen Hnsammenschluß. Wenn die Propheten gegen die Schnldsktaven sich wende:: und die Pfändung der Kleidung bekärupfen, so gewann ihnen dieser Schutz des kleinen Mannes durchaus nicht etwa die Bauernschaft, so das; sie sich auf die Landbevölkerung politisch hätten stützen körmen. Und nie fanden sie Rückhalt beim König, auch :oer:n einer aus ihren: Kreise, als Berater und Arzt an: Königs- Hof aus und ein ging. Unerschrocken haben sie der: Fürsten und dem Adel ihr Wehe! zugerufen, wenn der König ein Kind war und von Weibern geleitet wurde; bis zu raser:der: Ausbrüchen der Verachtung können sie sich steigerr: gegen der: Mißbrauch der gottgeliehenen Gewalt wrder das Volk, roeiin das Zepter kein Hirtenstab war, sondern die brennende Geißel. Und die Körrige vergalten den Propheten diese Abneigung. Die Grnndanschannng der Propheten ging dahin, daß ein Gotteswunder wie einst die Errettung an: Schilfmeer, nicht die eigene Militürrnacht dereinst die politischen Hoffnungen Israels verwirklichen rvürde. Bündnisse zuln Schutz gegen die Großkvnige empfunden sie als Frevel der Bolksgemeinde, deren König Gott war. Kulturfeindlich darf man die Propheten nicht schelten, gewiß nicht im Sinne persönlicher. Knltnrlosigkeit. Denn sie waren durchaus nicht ohne Bildung, :vie sie alle schriftkundig waren, und offenbar (einigermaßen) vertrant mit der ägyptischen und mesopotamischen Kultur; sie wussten etrvas von der Gestim-kunde und kannten den Gebrauch der heiliger: Zahlen. Indische Weltflucht und wahneifernde Kulturfeindschaft bleibr ihnen eigentlich fremd. Aber natürlich bewegen sie sich ans gar verschiedenen Bildungsstufen. je. nach ihrer Herkunft. Das ungeheure religiöse Pathos der Propheten schloß wiederum den Ausgleich ihrer Kräfte zur persönlichen Harmonie aus; sie uurßten sich innerlich befreien von den: quälenden Druck, der sie aus ihrer Bahn schleuderte und auf den Markt trieb, un: zu trösterr, wo keine Hoffnung zu sein schien, um zu warnen und zu drohen'mitten in der: Frieder: und in den sorglosen Genuß hinein. I s r a e l s P r v p h e t e n s i n d u n st e r b - liche Sendboten an unsere Gegen- .wart, B 0 l k s s ee l s 0 rg e r de r sozialen Mission zum F r i e d e rr der K l a s s e n, Massen, Nassen. (Weitere Aufsätze folgen.) Verlag: Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens e. B., Berlin W 15, Emserstr. 42. Hauplschriftleiter: Dr. Ludwig Holländer. . Derantwortlich: Dr. Margarete E d e l h e i nt.. Beide Berlin W 15. — Druck: Rudolf Masse, Berlin SW 100. * Israels Propheten religiös-soziale Senöboten an -ie Gegenwart Siblifche Skizzen von Theodor Rappstein l. K e n n z e i ch n n u g. Nicht Wahrsager sind Israels Propheten gewesen. Sie sagten den Zeitgenosse!: ihres Volkes die Wahrheit, und sie sagten Wahres. Schlecht würden diese Mystiker als sogenannte „Weissager" vor der Geschichte bestehen; denr: sie Hader: Richtiges und Verkehrtes von der nahen und fernen Zrrkunft gefürchtet und gehofft. Weder Weissagung noch Wunder bezeichnen das Wesen dieser gottbegersterter: Männer, der geistgetragenen Sprecher Gottes. Nicht im Ersinnen neuer Lehren und in der Durchführung neuer Verbände liegt ihre Bedeutung: vielmehr in dem durchdringender: Blick, der unbeirrt vor: den am Schein der Dinge haftenden Herdenlosungen der Gewöhnung, der Uebereinkunft, der Mode, der Zunft, der Schlagworte die Dinge sieht wie sie sind. Der: Propheten erscheint das Nichtige nichtig, das Wesenhaste wesenhaft, das Edle edel, das Gerneirre gernein. Ihr * schauendes Auge erkennt über der Wirrfal des scheinbar nur von Erdenkräfter: bewegter: Menschengetriebes das Walten einer unverbrüchlichen, ewigen Ordnung, an deren Wirklichkeit alles Zerschellt, was nicht als lebendig sich zu behaupten und durchznsetzen vermag.' Der Prophet -deutet unbewegt, von Furcht und Gurrst das in ihm brennende Licht der Erkenntnis für die Menschen, die irr: stummen All umherirrend in ihren lichtloser: Träumen befangen sind. Israels echte Propheten haben alle großen Fragen, vor die ihre Zeit sie stellte, unter den: Gesichtspunkt gewertet, daß Leben oder Tod des Volkes an ihnen hängen. Sie wenden den: stürmenden Geschlecht, sagte »nein akademischer 'Berliner. Lehrer Paul Kleinert, das Haupt zurück, der: Tod zu sehen, der ihm auf den Fersen sitzt. Und der billige Spott, als sei die Religion nur da^u da, Mühselige ur:d Beladene durch Vorspiegelung eines Jenseits hinwogzuläuschen über das Elend des Diesseits, muß vor ihnen zu Boden fäller:. Gewiß: daß ein Prophet der: leuchtenden Gedanken, der in ihn: lebendig wurde, zum Ausdruck brachte, ist Jnnenschau und Eingebung (Inspiration), also Erleuchtung ttt einer Schöpfer stunde des Geistes. Doch viele Geschlechter mußten mit Geist und Gemüt und Gewisser: daran arbeiten, diese religiöser: Kräfte in sich zum Leben zu wecken, ehe solche prophetischen Gesichte den Mittelsmann fandet:, der sie zu fassen vermochte und die Hörer, die sie verstanden. Aus dem noch imgebrochelm: Boden der Gerneinfreiheit in Israel, in: 9. Vorchristlisten Jahrhundert, erwuchs jene Volksgelneinschaft, in der jeder Bürger sich wirksam betätigen uwchte am Wohl und Wehe des Ganzen. Nur so kor:r:ten die Propheten als gottbeseekte Männer zu Rednern Gottes erwachsen. Die Art und Wirkung jedes einzelner: Propheten trägt persönliche Züge. Hinreißend ist ihre Gottesgewißheit und hoher als alle Vernunft. Wahrheit ist es, die sie uicht g e ru acht Haber:, die i h r e r m ü ch t i g w u r d e u -r: d sie mit oder wider ihre Neig u n g in ihre u Dier: st z \v a n g. Ir: diesem Glauben ohne Wanken gründet die freimütige Kühnheit und der unbeugsame Trotz, der den Propheten von den: Schmeichler der Menge und dem Bnckter vor der Gewalt unterscheidet. Die Propheten Israels als Politiker in i t religiöser Orientierung wurden u:ehr m:d weniger, je nach ihrer Zeit und «auch nach ihrer Natur, hineiugerissen in die Parteileideuschaften und in die öffentlichen Konflikte. Un: Sein oder Nichtseir: des nationalen Staatswesens, so betont Max Weber im dritten Bande seiner meisterhafter:, von ihm eigentlich begründeten „Neligionssoziologie" („Das antike Judentum", Tübinger: 1923, im Verlag Mohr — Paul Siebeck), handelte es sich gegenüber der assyrischen Weltmacht und der ägyptischer: auswärtigen Politik. Da konnte niemand irr: öffentlicher: Leber: atrnen, ohne Partei zu ergreifen. Nun haben die Propheten zwar zu den politischer: Problemen ihrer Tage Stellung genommen; doch die bester: unter ihnen blieberr dabei, rücksichtslos gegen ihr eigenes Ergehen, der religiösen Missi 0 rr tren, die sie in sich fühlten. Man kann sie weltpolitische Demagogen und auch Publizisten nennen; doch in ihrer: Persönlichkeiten waren sie (kaurr: oder fast) niemals politische Parteigänger oder gar käuflich zu Haber:. Niemals hat die Prophetie etwas über einer: bester: Staat ausgesagt oder gar versucht, sozialpolitische Ideale durch Beratung von Machthabern verwirklichen zu helfen. Der Staat nr:d fett: Treiber: l>ewegten sie mcht um seiner selbst willen. Sie waren eben durch und durch r e l i g i ö s e Naturen. Der Wille Gottes hatte die realer: Machtverhültnisse gestaltet, seine Allrnacht konnte sie ändern. Und mancher Prophet hat nach seinen, inmrer: Gesichter: Ratschläge gegeben, die jede realpolitische Wahrscheinlichkeit ins Unrecht setzten. Wrr werden bei der Skizzienn:g oer einzelnen israelitischen Propheten auf diese ihre Einstellung zu achten Haber:. Die Propheten kamen aus gar verschieder:en sozialer: Schichten, durchaus nicht nur aus der