Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 11 (November 1930)
- Date
- 1930-11-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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SL bestehen diese Kinder davon, nummt es eigentlich geht, und welche Schuld laden wir. die Reifen, die augenblicklich Verantwortlichen, damit auf uns? Zuckt es einen: nicht in der Hand, wenn ein Haufe Füuszehn- bis Sechzehnjähriger daß Aeltere dabei sind, ändert daran nichts! plötzlich auf der Straße „Nieder mit Zion!" schreit? Wo bleibt da die G e s a n: t a n t o r i t ü t, die wir in unserer Gesetzgebung immer wieder betonen und ausdrücken? Also laßt die Jugend fort aus der Parteipolitik! Zun: mindesten: Weg mit ihr von der Straße!! Es ist selbstverständlich, daß der Staatsbürger vor Erreichung der Wahlmündigkeit!lolitisch soll heißen „staatsbürgerlich" — gechult werder: muß, mehr jedenfalls, als wir keltere geschult wurden. Er muß also die Progranune der verschiedenen Parteien kennenlernen, er muß politisch geschult, aber er darf nicht parteipolitisch aus genutzt werden! Damit ergibt sich für jeden, der es mit seinen: Volke ernst mein, die selbstverständliche Pflicht, beizeiten dafür zu sorgen, daß unsere Jugend andere Auffassungen versteht, andere Weltanschauungen achtet und würdigt. Daß es geht, dafür ein paar Beispiele unter vielen aus der Praxis. Es war nach der Proklamierung des Königreichs Polen Ostern 1918. Der Direktor eines größeren Alumnats hatte in die Untersekunda bei: Sohn eines gefallenen Offiziers ausgenommen, an sich nichts Besonderes. Um dem Zungen, der aus den: Elternhause kam, das Sicheinleben zu erleichtern, nahm ich mich seiner besonders an und sagte der Klasse: „Wir haben wieder einmal Familienzuwachs bekommen. X kommt direkt aus dem Elternhause. Also erleichtert ihm diesen Wechsel und übt gute Kameradschaft." Die Jungen verzogen keine Miene, ich sah kein Zeichen der Zustimmung. Das war ausfällig. Die Ursache entdeckte ich leider erst später. Die Klasse mied in der Folgezeit den „Neuen", er stand in den Pausen allein herum, und wenn ich mich mit ihm unterhielt, ihn im Unterricht fragte, sahen die anderen feindselig zu ihm hin. Dieser Zustand schien mir gefährlich, zumal sich in mir das Gefühl verstärkte, daß diese deutliche Abneigung sich im engen Zusammenleben noch ganz anders auswirken, würde. Mein Verdacht bestätigte sich. Der „Neue" wurde in der häßlichsten Weise beschimpft, gemitzhandelt und am Arbeiten gehindert, wie er mir nach langen: Sträuben eines Tages unter Tränen gestand. Und weshalb? Weil er Pole war, — Pole dem N a m e n nach, denn die Familie stellte seit Generationen der preußischen Armee Offiziere. Die politischen Ereignisse hatten den Jungen den Blick getrübt, der polnisch klingende Name hatte genügt, ein Verdikt auszusprechen. Ich mußte handeln, und zwar schnell und durchgreifend. Selbst Kind einer Polin, sagte ich bei Beginn der nächsten Stunde: „Ich habe das Gefühl, daß ihr X links liegen läßt, weil er Pole ist. Stimmt's?" Niemand rührte sich. „Dann müssen wir den Verkehr miteinander leider auch abbrechen, denn meine Mutter ist ebenfalls Polin, eine geborene N." Noch an demselben Tage erzählte mir der Junge, seine Stubenkameraden hätten ihm versprochen, sich schützend vor t ihn zu stellen, wenn er wieder angegriffen würde.! Der Fall war erledigt. Deutsche Jungen hatten sich wiedergefunden. Und der Schlußstrich unter dem Akt wurde — am Tage der Reifeprüfung gezogen. Ich fand in der „Bierzeitung" mein Bild, um den Kops einen Heiligenschein, auf dem stand Polnisch Blut". Noch ein anderer Fall. Vor zwei Jahren befand ich mich mit einer Prima auf einer mehrtägigen Fährt durch die Sächsische Schweiz. Ich hatte eine Jugendherberge bei Königstein für den Rasttag gewählt. So zogen wir 25 also, vom Hockslein kommend, in das „Haus der Naturfreunde" ein. Schön lag's, und sauber und freundlich war's auch. Wir waren recht zufrieden. Leider sollte es bald anders kommen. Der Tagesraum füllte sich zum Abend; es kam ein starker Trupp 18- bis 20jähriger junger Leute, in der SAJ. organisiert, wie ich später seststellte. Auch das Haus selbst war Besitz der Organisation. Ich wußte von alledem' nichts. Wir saßen an getrennten Tischen und aßen unser Abendbrot. Nach dem Essen fingen meine Zungen an, zu singen. Schlichte Volkslieder. Es sang zwar keiner von den anderen mit, aber es störte auch anscheinend niemand. Da stimmten die von mir entfernt sitzenden Jungen ein Lied an, das, ohne jede Tendenz, für harmlosen- Text unglücklicherweise die Melodie „Siegreich woll'u wir Frankreich schlagen" verwertet. Sofort änderte sich das, Bild. Die Urnsitzenpen wurden unruhig, singen an zu lärmen, und plötzlich, wie aus Kommando, wurden wir mit der „Internationale^ zugcdeckt. Meine Jungen schienen, gar nicht zu merken, daß das eine Kampsansage war. Ich schickte unauffällig einen der Primaner aus meiner Nähe zu den singenden Kameraden und ließ sie bitten, aufzuhören. Der Gesang brach sofort ab; die Internationale wurde mit noch mehr Stimmaufwand zu Ende gesungen. Ich fürchtete jeden Augenblick einen Zusammenstoß; die Lage war gespannt. Unter den zu einem Fortbildungskursus im Hause untergebrachten Arbeitslosen — solche waren cs — war mir einer als tonangebend ausgefallen. 9(n ihn wendete ich mich, während meine Primaner sich weiter unterhielten. „Ich nehme an, daß dir das Lied, das meine Jungen anstimmten, nicht paßte. Märe es nicht anständiger gewesen, mir das direkt zu sagen, statt uns in solcher Form niederzubrüllen? Jht habt Wohl vergessen, daß wir eure Gäste sind? Ich kann dir nur sagen, meine Jungen, die noch immer nicht wissen, was sie angevichtet haben, wollten euch gewiß nicht verletzen. Der Text zu dem Liede ist ganz harmlos und sollte vor allem kein Angriff gegen unsere Gastgeber sein, dazu find meine Jungen zu taiktvoll. Wir fühlen uns als eure Gäste; vielleicht behandelt ihr uns auch so!" Das etwa sagte ich zu dem fremden Jungen, freundlich und ohne alle Schärfe. „Wir wollen aber keinen Krieg mehr!" stieß er hervor. „Andere auch nicht. Was weißt du denn übrigens vom Kriege? Wie alt bist du denn?" Und ich erfuhr, daß der Neunzehnjährige als arbeitsloser Tischler hier an politischen Kursen teilnahm, die irgendeine Organisation in diese Sommerfrische vor den Toren Dresdens gelegt hatte. Ich bat ihn, seine Kameraden zu beruhigen und Mr Söhne fielen... Irr Berthold von Deimlings soeben im Uttstein-Berlag erschienenen Kebenserinnernngenr „Ans der alten in die nene Zeit" lesen wirr . .. „An: 24. Juni 1922 ließ eine neue Mordtat die ganze Welt empört auffahren. Ein Mann von europäischer Bedeutung, Walter Nathenau, dessen Verständigungsversuche als Außenminister gerade begannen Früchte zu tragen, wurde von zwei jungen Burschen erschossen, als er im Begriff war, in sein Ministeri.um zu fahren. Die Folgen waren verheerend. Das Vertrauen des Auslandes zur politischen Konsolidierung Deutschlands erlitt einen schweren Stoß, der durch die Zerstörung unserer Währung allen fühlbar wurde. Der bittere Groll der Massen richtete sich gegen die Geheimbünde. Ihren Geist machte man für die Mordatmosphäre verantwortlich. Auch gegen Philipp Scheidemann wurde ein Attentat unternommen, und nur durch einen Glücksfall entging er dem gleichen Schicksal nüe Erzberger und Nathenau. Diese Geheimorganisationen, wie Orgesch, Oberland, Roßbach, Consul, Schwarze Reichswehr u. a., waren militärisch aufgezogene Verbände. Ihren Kern bildeten ehemalige Militärs, deren Existenz durch, den Zusammenbruch entwurzelt war und die nicht die Energie hatten, sich auf einen bürgerlichen Beruf umzustellen. Sie wollten lieber so eine Art von Landsknechtleben führen und waren innerlich vielleicht davon überzeugt, einen: edlen, patriotischen Zweck zu dienen. Sie warfen die Schuld an dem ganzen Elend nicht auf den verlorenen Krieg, sondern auf die Republik, auf die „Novemberverbrecher" und auf die Juden. Aus Kreisen der Industrie und des Großgrundbesitzes wurden sie finanziell unterstützt, um als Kampftruppe gegen die linksradikale Bewegung zu dienen. Mit der Festigung der staatlichen Gewalt gingen die Geheimverbände zum Teil ein oder zerfielen von selbst oder wurden von der Regierung aufgelöst. Zn jener Zeit ging wieder einmal eine starke antisemitische Welle durch die deutschen Lande, die mich als alten Soldaten verpflichtete, für die jüdischen Frontkameraden einzutreten. Vor allem bezichtigte man die jüdischen Kriegsteilnehmer der Drückebergerei, ueberall seien sie zu sehen gewesen, nur nicht ihnen klarznttinchen, daß wir keine feindlichen Absichten gehabt hätten, auch wären wir dann schwerlich in so kleiner Zahl angerttckt. Im übrigen mögen sie bedenken, daß sie als Dresdener und wir als Berliner desselben Stammes seien, mithin sollten sie nicht von Verbrüderung sprechen, wenn sie nicht einmal zu Brüdern des eigenen Volkes einen Weg fänden. Wieder am Tisch meiner Jungen, setzte ich ihnen auseinander, was sich inzwischen zugetragen hatte, und verlangte von ihnen, daß sie einzeln mit den jungen Leuten bei passender Gelegenheit Fühlung suchen sollten. Die Nacht verlief ohne Störung. Wir hatten mit lautem „Gute Nacht" als erste den Tagesraum verlassen, meine Jungen schliefen, während ich voll Unruhe mein Zimmer aussuchte. Wer beschreibt mein Erstaunen, als ich am nächsten Morgen in aller Frühe — ich war vorsichtshalber schon um vier Uhr im Waschranm — bereits die feindlichen Parteien friedlich bei der Morgentoilette vorfanid, vereinzelt sogar in ernstem Gespräch miteinander. Ein paar Primaner, die auch körperlich den verineintlichen Gegnern gewachsen waren, hatten beschlossen, die Dresdener einzeln abzufangen und in ein Gespräch zu verwickeln, und der Versuch war gelungen. Ich sah sie an demselben Tage zusammen in der Elbe baden, Spaziergänge unternehmen, gemeinsam Proviant einkaufen. Auch hier hatten sich bis auf wenige, die abseits stehen blieben, nach Ausschaltung des scheinbar Trennenden zwangslos und der Natur entsprechend, deutsche Jünglinge gefunden. Wohl dem, der der Jugend so nahe stehet, daß er sie beeinflussen kann; wahrhaft glücklich ist nur der, den Konfession und Politik dabei nicht leiten! in: Schützengraben. Nun habe ich als Kommandierender General die Erfahrung gemacht, daß die jüdischen Soldaten und Offiziere ihre Pflicht und Schuldigkeit genau so getan haben Um rhre Kameraden von anderen Konfessionen. Manchem Juden konnte ich das Eiserne Kreuz übergeben, einigen sogar das der ersten Klasse. Es war nicht schwer, die Vorwürfe zu entkräften, denn die Statistik redete eine zu deutliche Sprache. Danach haben 80 000 jüdische Soldaten an der Front gestanden, von denen 12 000 auf den Schlachtfeldern geblieben sind. Etwa 35 000 haben Kriegsauszeichnungen erhalten, 23 000 sind befördert worden, darunter 2000 zu Offizieren. Im Flugdienst waren viele hundert jüdischer Soldaten. Auch der mit dem Pom* le m<§rite ausgezeichnete und gefallene Jagdflieger Leutnant Frankl war ein Jude. Im ganzen haben die deutschen Juden das gleiche Blutopfer für das Vaterland dargebracht wie die anderen Konfessionen. Mir selbst ist der Fall bekannt, daß eine jüdische Witwe vier Söhne im Felde hatte, von denen drei, fielen. Sie reklamierte darauf den vierten für eine Verwendung hinter der Front. Bevor ihr Antrag zur Ausführung kommen konnte, siel auch dieser vierte und letzte Sohn. Die Judenhasser mögen sich einmal klarmachen, was in der Seele einer solchen Mutter vorgeht, wenn sie immer und immer wieder hören muß, die Juden seien Drückebergergewesen. Als ich in dieser Zeit einmal in Nürnberg in einer demokratischen Versammlung sprach, wurde mir zu Beginn ein Brief übergeben. Darin stand: „Herr General! Gegen Sie ist ein Attentat geplant wegen Ihrer judensreundlichen Haltung. Man nimmt in nichtjüdischen Kreisen an, daß Sie von Juden gekauft und bestochen seien. Es würde mir leid tun, wenn Sie einer derartigen Verschwörung zum Opfer sielen. Ein aufrichtiger Kamerad und Warner von Arnim." Natürlich habe ich meine Rede genau so Srlten, wie ich es mir vorgenommen hatte, bin erst recht ivarm für die jüdischen Kameraden emgetreten. Angesehen von kleinen Störnngsversuchen hat sich auch nichts ereignet. Der Brief wird wohl nur ein Bluff gewesen sein, mit: dem man glaubte, mich einschüchtern zu können."