Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 11 (November 1930)
- Date
- 1930-11-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Entgiftung der fugend von eurt Noch, Stu-ienrat an -er Staatlichen Silöungsanftalt Sevlin-Lichterfek-e Menschensteinen und -Ziegeln; aber für Gott lassen wir nicht das. allerbescheidenste Plätzchen übrig. Und mit der Göltest de e zerstören wir das Gotteshaus: der aus dem Himmel vertrieben ist, darf auch auf Erden keine Wohnung haben. Ende 1929 bis Anfang 1930 sind innerhalb dreier Monate neben 980 christlichen Kirchen auch 200 Synagogen und Moscheen geschlossen und .profanen Zwecken freigegeben worden; dabei wird von offizieller russischer Seite den Synagogen der zweifelhafte Vorzug bescheinigt, dafz sie neben den lutherischen Gotteshäusern am besten für zivile Zwecke benutzbar sind. — Und mit der Gottesidee und dem Gotteshaus stürzen weiter Gottes L'ehre und sein Gebot. Was das bereits erwähnte Verbot des Religionsunterrichts und der kirchlichen Karitas betrifft, so hat der gewesene Sowjetkultusminister Lunatscharski von sich erklärt, und zwar „mit Vergnügen", daß er, damit beschäftigt, den Sowjetkindern den Glauben zu nehmen, „aus die sadistischste Art dieses Unkraut aus unfern Feldern und Gärten ausjäten" wolle; und so mag groß und klein in Stadt und Land eher verarmen, verwildern und verkrüppeln, eh' daß der Glaube einen Schein seines Lichts und feiner Liebe über zerpflückte, zertretene Seelen und Körper ausgießen darf. Und wie der bolschewistische Scherge darüber wacht, daß die religiösen Symbole vernichtet, die religiösen Kulthandlungen diffamiert werden, das bezeugt neben den Tausenden sakrilegierter Kirchenglocken und Heiligenbilder auch die Anklage gegen die Vorsteher der Moskauer Judengemeinde wegen Beschaffung voir rituellem Fleisch und Osterbrot und ihre Verurteilung zu sechsmonatiger Kerkerhaft... „So steigen wir denn hinab und verwirren ihre Sprache!" Der im Himmel thront, lacht: der Herre spottet ihrer. Er hat beim Babelsturm die Bauleute gegeneinander gekehrt, daß. sie sich laicht mehr verstanden und ablassen mußten von ihrer Himmelstürmerei. Er hat demselben Babel, als seine Herrscher zu Göttern sich gemacht und ihre Stadt zu Mäßen emporgetürmt, die ich heute morgen im Pergamon- Museum staunend bewunderte, er hat demselben Babel verkündigen lassen: „Ob du auch Adlern gleich deinen Horst erhöhst, ich schleud're dich in die Tiefen hinab, .spricht der Herr." Er wird auch am Babel unserer Zeit sein Recht sich zu wahren wissen; und wahrlich, Babel — „Verwirrung" gibt's in Moskau nachgerade schon genug, trotz des eisernen Willens, der den ungeheuren Wagen bald hierhin, bald dorthin reißt. Aber — auf das Wunder dürfen wir nicht warten; wir müssen unserer Pflicht genügen. Wir Diener der Religion und Moral dürfen nicht schweigen, als wären nur einverstanden oder als verstünden wir nicht, was jenseits der Grenze sich vollzieht und auf tausendfachen Wegen uns erreichen kann. „Gottes ist der Orient, Gottes ist der Okzident": wir müssen das Unsrige tun, daß, was Gottes ist, auch Gottes bleibt. Wir bekennen uns alle, Christen wie Juden, zu dem gleichen unendlichen Gott; wir bekennen un§ alle, Christen wie Juden, zum unendlichen Wert der menschlichen Seele. „Wenn i dy nicht für mich bin, wer ist es? Wenn ich nur für mich bin, was bin ich?^ Wenn nicht jetzt, wann denn?" Darum aus in dieser Stunde, jeder an sich, alle miteinander, für Gott it n d f ü r die M e \v schheit! Wie ist es möglich, die herrschenden Gegensätze int deutschen Volke auszngleichen, Trennendes also zu überbrücken und Verbindendes zu fordern? Das bringt kein Ministerialerlaß und keine Verfügung irgendeiner Zentralstelle zustande, das muß in der Familie, der kleinsten Zette des Staates, begonnen werden. Das ist möglich, wenn, der Begriff Autorität, den der Staat für sich in Anspruch nimmt und nehmen muß, auch von seiten der Eltern dein Heranwachsenden Menschen nahegebracht wird. Das Elternhaus muß denr Kinde zeigen, daß denr Mitnrenschen die Achtung gebührt, die inan selbst verlangt, es mag' sich handeln, mit was es wolle. Es gilt, im Kinde Verständnis zu erwecken, auch für Andersgeartetes, Andersgerichtetes, den: der junge Mensch, sich darum nicht ohne weiteres anzuschl.ießen braucht. Gewiß ist es beispielsweise ärgerlich, wenn Fritzchens Freund Sonntags! nicht gleich frühmorgens mitkommt zum Paddeln — allein ist es langweilig und der Zweier fährt sich schwer —,. und das, weil er vielleicht zur Kirche geht. Fritzchen war selbst noch nie Sonntags zum Gottesdienst und steht der Absage verständnislos gegenüber. Er muß seinen schonen Plan aufgeben; murrend geschieht es. Und was sagen die Eltern dazu? Blasen sie in dasselbe Horn, dann mögen sie sich hinterher nicht wundern, wenn der eben Dreizehn- bis Vierzehnjährige als Jüngling verrannt und unduldsam geworden ist. Sie Habels das Unglück groß gezogen, sie banden sich selbst eine Rute. Das find Binsenweisheiten, die schon galten, als oas schreckliche ^chlagwort von. „der Zukunft, die der Jugend gehört", noch nicht geprägt war. Die Jugend hat stets die Zukunft und muß sie naturgemäß haben, ihr gehört aber nicht, und niemals — der A u g e n b l i ck. Der gehört den Erfahrenen, den Reifen, und die sollten wissen, was der Jugend, den Unreifen, frommt, und sollten sie entsprechend leiten bzw. anleiten. Scheinbar sind solche kleinen Verständnislosigkeiten für das Denken und Handeln anderer belanglos, gehen'die Allgemeinheit, den Staat etwa, gar nichts an. Zunächst sicher nicht, denn den maulenden Fritz, der auf Fragen kaum noch Antwort gibt, der mit mürrischem Gesicht ben „Sonnenschein der Familie am Sonntag" darstellt, bloß weil der Freund nicht sofort mitgehen wollte, trägt die Familie. Aber auch den Jungen, das Mädel, das ohne Verständnis für die Arbeit im Elternhaus ruhig sortgehen darf, obwohl es darauf aufmerksam gemacht ist, was noch alles zu erledigen ist. Und warum geht das Kind, obwohl die Mutter es vielleicht zubleiben bittet? Weil das innere AchUmgsverhältnis, das Kinder mit Eltern verbinden soll, nicht mehr da ist; es ist verlorengegangen bzw. die Verhältnisse haben es zerstört. Da gilt es aufzubauen. Was Elternhaus, was Geschwister nicht können, muß von der Schute, von denr Lehrherrn, kurz, jedem Aelteren, der nrit der Jugend zu tun hat, nachgeholt werden, und je schneller das Nebel erknnnt wird, um so eher ist Abhilfe möglich. Ich habe noch nie gefunden, daß Kinder, bis zu z,wölf Jahren etwa, nicht auch — oder oft vielleicht gerade — vom Fernstehenden beeinflußbar seien. Schwieriger liegt der Fall in der ^tufe des anschaulichen Verständnisses, wie R i ch e r t sie nennt, bei Kindern von etwa 12 bis 16 Jahren. Diese Zeit verlangt besonderes Verständnis, das selbst Eltern, die sich ihrer' Kinder sehr annehmen, oft nicht haben. Das Kind entwächst ihnen. Für den Jugendpsychologen, für den Lehrer, sollte auch ein Jugendlicher in diesen schwierigen Jahren kein Rätsel sein. Es gibt stets einen Weg zum Herzen des Jugendlichen. In, diese Jahre fällt aber «reiner Meinung nach auch die Entscheidung. Was bis dahin seinen Anlagen nach nicht richtig entwickelt ist oder gar unentwickelt, ungeweckt geblieben ist, bringt keine Ewigkeit «lehr hervor. Der Jugendliche erlebt ja nicht inehr naiv, was um ihn herum vorgeht, er beginnt vielmehr in diesem Alter, es mit Verständnis nrit zu er leben. Hat der Mensch bis dahin nicht gelernt, was Toleranz ist, weiß er bis dahin nicht, daß Politik nicht gleich. Partei- Politik ist, lehrt tmm ihn nicht, Andersglärdbige oder Andersartige zu achten, so wird er das Opfer derer, die sich ihm in einem Augenblick der Ratlosigkeit am überzeugendsten nahen. Diesen Augenblick nützen die politisch Radikalen in geschickter Propaganda aus. Zunächst etwas Grundsätzliches. Mit den schärfsten Mitteln — und ein Staat, der fest nuf seinen Fundamenten steht, hat dazu die Macht! — muß gegen die Ausnutzung jugendlich Unerfahrener bei parteipolitischer Propaganda, bei Umzügen und bei ähnlichem eingeschritten werden. Was sollen Zehnjährige auf der Straße mit (Ähildern „Gebt uns Brot", „Wir wollen m die weltliche Schule". Wie kann eine Gesamtheit dulden, daß uureife Kinder demonstrierend fordern, daß Lehrer N. wieder eingestellt wird, nachdem ihn die staatliche Autorität nach reiflicher Üeberlegung aus dem Amt entfernt hat? Welch jugendlichen Größenwahn enthält das Plakat von 25 Schulbuben: „Wir streikenden fordern .. . .?" Was soll aus solchen Kindern denn einmal werden? Was der Nobelpreisträger Karl Lan-steiner Zum viertenmal ist der Nobelpreis für Heilkunde einem großen jüdischen Mediziner verliehen worden. Wie. die drei ersten, Dr. Paul Ehrlich (1908), der Oesterreicher Professor Dr. Robert B ä r a n tz und der Berliner Physiologe Professor Dr. Metzerhof (1928), ist auch Professor Dr. Karl Landst e i n e r , der vor wenigen Tagen mit dem medizinischen Nobelpreis für 1990 ausgezeichnet wurde, deutscher Herkunft. Geborener Wiener, hat Landsteiner bis 1910' an einem Krankenhaus seiner Heimatstadt gewirkt, bis ihn nach vorübergehender Tätigkeit im Haag das Rockefeller-Jnstitut nach New Dork berief. Der Name Landsteiner ist eng verbunden mit der Blutgruppenreaktion, die die Grundlage für die moderne Transsustonstherapie geschaffen hat. Der Völkerbund hat die Bezeichnung „Ländsteinersche Reaktion" in diesem Sommer zur internationalen Artwendung empfohlen; die Zuerkennung des Nobelpreises gilt vornehmlich dieser Entdeckung. Die Bluttransfusion war feit Jahrhunderten ein Heilmittel, das nur in verzweifelten- Millen angewandt wurde, weil es oftmals tötete, anstatt, zu helfen. Die Ursache der heimlichen Unglücksfätte konnte trotz vieler Bemühungen nicht ausgefunden worden, bis Landsteiners Entdeckung das „Rätsel der Transfusion" löste. Jetzt verdanken viele Menschen dieser Methode die Erhaltung ihres Lebens. Karl Landsteiner eröffnet würdig das zweite Dutzend der jüdischen Nobelpreisträger. Ihm voran gingen sieben deutsche und fünf ausländische Gelehrte jüdischen Glaubens, und zwar außer den schon genannten Aerzten drei Chemiker, vier Physiker, ein Philosoph und zwei Friedenssördcrer. 138517147550170949888