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Central-Verein-Zeitung · 1930-11-01 · Heft 11 (November 1930) · page 3

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1930
Issue
Heft 11 (November 1930)
Date
1930-11-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Der geschändete Trebnitjer Friedhcf ES Gibt keim..DroWjMn! „Der Stürmer", Julius Streichers berüchtigtes Blatt, nimmt die Begnadigung Philipp H a l s m a n n s zum Anlaß eines Aussatzes, der in großer Aufmachung die Ueberschrift „Der jüdische Vatermörder" trägt. (Nr. 42 dom Oktober d. I.). Die Auslassungen in diesem Aufsatz übertrefsen selbst das beim „Stürmer" gewohnte Maß an Unverfrorenheit dermaßen, daß ihre Anprangerung notig ist. Als handele es sich um wirkliche Tatsachen, wird da berichtet: „Juden haben gegenüber alten und gebrechlichen und kranken Alkgehörigen eine eigentümliche Auffassung. Sie schellet!, um sie zu beseitigen, selbst vor einem Morde nicht zurück." Es dürfte selbst dem „Stürmer" und seinen .Schreiberlingen llicht ganz klar sein, wie diese Behauptung in Einklang zu bringen ist mit der sonst auch von den fanatischsten Judeuhassern zugegebenen besonderen Hochachtung und Ehrerbietung, die die jüdische Religion alten Leuten gegenüber borschreibt. Es lohnt auch knapp, so fanatischen Entstellungen gegenüber auf die Bestimmung hinzuweisen, daß die Speiseborschriften und alle Zeremonialgesetze übertreten werden dürfell, wenn dadllrch einem kranken Menschen geholfen werden kann. „Der Stürmer", der solche Märchen seinen Lesern borzllsetzen wagt, führt — wie zum Hohn — den stolzen Untertitel „Nürnberger Wochenblatt zum Kampf um die Wahrheit"! Aber „Der Stürmer" weiß noch mehr 31t berichten. Er „kennt" genau die Art, wie alte Leute beseitigt werden: „Dabon weiß der Nichtjude 31t erzählen, der die Tätigkeit des sogenanntell ,Drossetjuden' kennt. Nach einer alten jüdischen Anschauung dürfen an jüdischen Feiertagen in jüdischen Häusern keine Leichen liegen. Siegt nun irgendein alter Jude krallk darnieder und es geht auf einen jüdischen Feiertag zu und man gtallbt, der Kranke lvürde doch nicht mehr lange leben, so holt man den Drosseljuden. Der rnacht kurzen Prozeß, erhalt seinem Klienten den Hals zu und der Kranke ist tot." Also: nach der Behauptllng des „Stürmers" soll es bei den Juden Berufsmörder geben, deren Dienste man wie die eines Arztes in Anspruch nehmen kann! Durch den Hinlveis auf Menschen, die „die Tätigkeit des Drosseljuden kennen" (!), soll dieser ausgemachten Lüge der Anstrich der Wahrheit gegeben werden. Man könnte fragen: ttxmnit macht sich der „Stürmer" zum Mitschulotgen von Verbrechern, warum bringt er diese „Drosseljuden", deren Tätigkeit er doch zu kennen bor¬ 7§ lichen Feststellungen boll drei Allgehörigen der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei begangen ltitb reiht sich eitler großen Zahl gleichartiger Verbrechen all, die tu den letzten Jahren innerhalb der deutschell Reichsgrenzen verübt wurden. Keill anderes Land kennt derartige Taten. Der Name Doirtschlairvs und sein Ansehen in der Welt wird dadurch geschändet. Die Versammlung fordert die Negierung ans, mit allen gesetzlichen Mitteln gegen die politische Agitation und die planmäßige Verhetzung einzuschreiten, die solche Taten Hervorrufen." Die Leichenhalle in Trebnit$ HEILHITLER 1 Juda. Verreck. gibt, nicht zur Anzeige? Der „Stürmer" scheut sich nicht, seinen Lesern den haarstreubendsten ltnftnu borzusetzeu, wenn es gilt, geloissenlvse Hetze zu treibell. Die Behauptllng, all jüdischen Feiertagen dürftell feine Leichen in jüdischen Häusern liegen, ist ebenfalls eine dreiste Unwahrheit. Wenn jemalld v o r dem Festtage stirbt, wird er lnöglichst lloch b o r dem Feste beerdigt. Die am Feiertage selbst Gestorbenen kommen nach dem Fest zur Beerdigung. Die Behauptllng des „Stürmers" gehört ebenso in das Reich der Erfindung lute das oft wiederholte Märchen, die mn Feiertag Verstorbenen würden an doll Füßen durch das Haus geschleift, und ähnlicye sinlllose Erzähtullgell. 8. W. Jaeger. Nationalsozialisten überfallen srieöliche Mische öürger in Ottelsburg und Rathenow Am 3. Nobeulber falld in Ortelsburg eine Neichsbannerversammlung statt, die ruhig verlief. In der Aussprache warf der Nationalsozialist Behrendt (Schwentainen) dem Hauptredner bor, daß er die Heuchelei von den Juden gelernt habe. Nach dieser Diskussionsrede verließen die Nationalsozialisten den Saal und luurbcn auch durch die Polizei alls dem Vorraum des Saales herallsgedrängt. Als der jüdische Kaufmann Seelig Prellß sich mit seinem Sohne nach der Versammlung auf den Weg zur Bahn begab, um feine Frau abzuholen, wurde der junge Preuß plötzlich von einer Horde jugendlicher Nationalsozialisten umzingelt. Als sein Vater ihm zu Hilfe eilen wollte, kam alls einer Seitenstraße noch ein Trupp Nationalsozialisten, die diesen gefährlich zurichteten; Herr Prellß erlitt Schulter- und Armbrttche. Der junge Prellß hat einige Täter erkannt und die Angelegenheit der Polizei übergeben. In der Nacht vom 2. zlnn 3. November ..wurden die Fensterscheiben eines eillem jüdischen Kallfmann gehörigen Geschäfts in Ortelslnirg von Nationalsozialisten eingeschlagen. Während in diesem Fall die Schuldigen festgestellt ilnd angezeigt wurden, konnte die Polizeiverwaltung die Rohlinge, die bereits am Abend des 25. Oktober ein Fenster der Privatwohnung des Kantors Saler cinluarfen, bisher nicht ermitteln. Am 14. November wurde unser Mitglied, Lehrer Abraham, in Rathenow in einem Eafo von Nationalsozialisten belästigt und später alls der Straße von ihnen überfallen. Die Täter sind zwei als Raufbolde bekannte Nationalsozialisten alls Rathenow bzw. aus Potsdam. Sie kvnllten polizeilich sestgestellt, und es konnte Strafantrag gegen sie erhoben werden. Es ist eilt trauriges Zeichen der Verrohung in Deutschland, daß es möglich ist, harmlose Mitbürger, die lveder durch Rederr provozieren noch sich eines auffälligen Benehmens schuldig lnachen, derart anzugreifen. „Mord und Naubmord" und was in Wahrheit vorfiel Zn den letzten Maitagen war die alte Weserstadt Hmneln, lvie wir in der „C. V.-Zeituug" Nr. 23 vout 6. Juni d. I. mitteilten, in starker politischer Erregung. Was war vorgefallen? Ein jüdischer Viehhändler, Herr Löwenstein aus Hess.-Oldendorf, hatte einen Nationalsozialisten verhauen, und die Nationalsozialisten überschütteten daraufhin die Stadt mit roten Handzetteln, die die Ueberschrift „Mordversuche an dem Nationalsozialisten W. in Hameln" trugen. Auch die „Niederdelltsche Zeitung", Ausgabe Hameln, trug ihr Teil zu der Verhetzung der Öffentlichkeit bei; sie wußte gar Volt einem „Mord und Raubmord, der viehischen Tat eines Viehhändlers" 31t berichten. Aut 27. Oktober standen nun alle Beteiligten vor deut erweiterten Schöffengericht in Hameln. Wie David und Goliath wirkten der Viehhälldler Löwenstem alls Hess.-Oldeudvrf und der angeblich säst erschlagene Bankbeamte Wellpott. Nur die politische Ausschlachtung hatte veranlaßt, daß der Naufhaudel nicht auf deut Wege der Privatklage erledigt wurde. Die Zeugenaussagen ergaben eindelltig, daß der Nebenkläger Wettpott unter deut Einfluß des Alkohols seilten telltonischen Mllt nicht hatte zügeln fünnen. Trotz Warnung guter Freunde hatte er den „kleinen Juden" Löwenstein durch ballernde Hetzreden und Beleidigungen schwer gereizt. Er hatte wohl allch dessen körperliche Kräfte lmterfchützt. Bei Eintritt der Polizeistllude, als die Gäste gemeinsam das Lokal verlasseit mußten, war „die Geduld Löwensteins zll Ende". Leider ließ sich Löwenstein bei der folgelldert Rauferei zu Fllßtritteu Hinreißen; von der Anwendung eines Messers oder eines sonstigen lebensgefährlichen Gegenstandes, wie die gegnerische Seite behallptet hatte, konnte llichts erwiesert werden. Der Vertreter der Staatsanwaltschaft Hannover, der Erste Staatsanwalt Krallse, beantragte gegen Löwenstein eine Geldstrafe von 50 Mark. Seine Ausführungen ließen erkennen, daß er beit Nebenkläger für nicht weniger schuldig hielt als den Angeklagten selbst. Der Vertreter des Nebenklägers versuchte diesen zu entschuldigen, indem er aus die angeblichen, tief eingewurzelten Unterschiedlichkeitelt zwischen Deutschen und Juden hinwies, die besonders bei den Nationalsozialisten zu dem bekannten Haß führten. Der Verteidiger des Angeklagten, Rechtsanwalt Dr. K a tz e n st e i n (Hameln), stellte in überaus eindrucksvoller Weise die jahrelangen Verhetzungen und Beleidigungen dar, die auf die Seele der deutschen Juden einwirkten und die man Zlnn Verständnis für die Erregung Löwensteins heranziehen müsse. Nur so könnte mau sich dessen Selbsthilfe, sogar deren Neberschreitllng erflären. Das Gericht schloß sich -deut Strafalltrage der Staatsanwaltschaft an. Lölvenstein ging als moralischer Sieger ülier Wellpott aus der. Verhandlung hervor. So blieb von Mord und Raubmord nichts übrig, nur der Beweis Verantivortungslosester politischer Verhetzung wurde erbracht!

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