Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1930-11-01 · Heft 11 (November 1930) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1930
Issue
Heft 11 (November 1930)
Date
1930-11-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2571117-2571168-2571178--508-2571846
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

7$ an/jedem Mißerfolg sind die Inden schuld. Das Dogma ist nicht nur bequem, sondern, weil es bequem ist, auch höchst gefährlich. Es enthebt den Menschen der Selbstkritik, des peinlichen Selbstverhörs darüber, was er selbst, sein Stand, seine Gruppe, seine Jnteressenpolitik verschuldet und versäumt hat —- nnd inwiefern er Ich selbst erneuern, straffen, mühen, einsetzen muß, um zum Aufstieg zu helfen. Es enthebt ihn der ernsthaften und tathaften Selbstverantwortung. Das ist das Entsittlichende der Schuldabwälzung, die im Dogma des Antisemitismus liegt. Aber auch die Juden haben ihr Dogma. Es heißt: An allem Antiseniitismus sind nur die Nichtjuden schuld. Auch dieses Dogma ist bequem, denn auch dieses Dogma wälzt die Schuld ab, enthebt diejenigen jüdischen Menschen und Kreise der Selbstkritik, der Selbsterkenntnis, der Selbstverantwortung und damit schließlich der lebendigen Verantwortung gegenüber der Volksgemeinschaft. Es ist sozusagen ein Dogmatismus auf Gegenseitigkeit, und die beiden Gegendogmatiker werden sich niemals verstehen, weil sie sich gar nicht verständigen wollen. Sie halten ja eben gerade das Dogma als Schutzschild der Bequemlichkeit vor Herz und Hirn, weil sie der Mühe der Selbsterkenntnis und der Selbstverantwortung enthoben sein wollen. Hier gibt es weder Zusammenarbeit noch Verständigung. Um so entschiedener und leidenschaftlicher muß sie von denen gesucht und erreicht werden, die gewillt sind, zu Ende zu denken, die nicht auf den Ruhepolstern des Dogmas, das immer nur den anderen verantwortlich macht, ausruhen können, den freien, die jeden Kampf mit Selbsterkenntnis beginnen, in der aller Anbeginn der Ehrlichkeit, der Ritterlichkeit, der Gerechtigkeit, des Verstehens und — der Sachlichkeit liegt. Ich weiß, daß man das nicht allerorten gern hört — bei den Antisemiten so wenig wie bei den Juden. Man hört viel lieber, die Welle des Nationalismus wie des Antisemitismus sei nichts weiter als eine Art Ressentiment, etwas höchst llnvernünftiges und Grundloses, das lediglich genährt wird durch die zeitweilige. Notlage deS Volkes, und was ebenso sicher und schnell wieder vergeht, wenn der deutsche Mensch sich wieder in gesicherten Lebensgrundlagen sieht. Das ist allerdings eine einfache und beruhigende Deutung, die alles vom persönlichen Gewissen fort und auf den günstigeren Mechanismus besierer Zeiten schiebt, die schon „das ihre" tun werden — das heißt das, was man nicht selber tun will. Und eben darum ist es eine falsche Deutung. Denn daß der Hatz so irr und unsachlich, verleumdend und vergiftend aüflodert, ist doch nur möglich, wenn er irgendwie vorher in Bereitschaft gelegen hat, wenn das Gefühl des Mißtrauens und der Fremdheit ein konstantes Moment in der Seelenlage breiter Schichten des Volkstums ist. Mißtrauen und Fremdheitsgefühl sind immer zugleich Bereitschaft zur Aggression, zu Feindschaft und Haß. Die äußeren Motive, die aus dieser Bereitschaft gegenwärtige Leidenschaft machen, sind durchaus sekundär gegenüber den Gründen, die allererst die Bereitschaft selber -bewirkten. Diesen müssen wir uns - zuwenden. Gemeinsam. Ohne dogmatischen Schutz und Vorbehalt. So müssen wir hoffen, zu einer tieferen und wesentlicheren Auffassung des Begriffs der Aufklärung zu kommen. Es genügt nicht, daß sie sich nur immer auf das bezieht, was gerade jeweilig an Irrtum und Verleumdung ins öffentliche Leben gezerrt wird, sondern auf die tieferen und älteren Gründe, die das volkstümliche Denken so überaus aufnahmefähig für Lüge und Verleumdung auch in beit irrsten Formen macht. Gegenseitiges Verstehen und wirksame Zusammenarbeit haben zur Voraussetzung, daß auch der jüdische Deutsche willens ist, eine gewisse Oberflächenstimmung und Oberflächendeutung des Antisemitismus zu überwinden und die Untergründe zu verstehen. ' Um den Juden ist eine vielfältige Legendenbildung geschehen nnd int volkstümlichen Glauben eingewurzelt — eine widerwärtige, ungerechte, das kritische und politische Urteilsvermögen des Deutschen — des jüdischen wie des nichtjüdischen! — trübende Legendenbildung. Aber die Gründe liegen nicht nur am Gegner, nicht nur an schicksalhaften geschäftlichen Vorgängen, sondern auch inr deutschen Judentum selber. Es sind zuweilen tragische Momente dabei im Spiel, die ein ehrliches Verstehen und also eine entschlossene Aufklärung bei dem Gegner nötig machen — und andere, die nicht minder ein ehrliches Verstehen bei den jüdische!! Deutschen erheischen. Im Sinne einer solchen vertieften gegenseitigen Verständigung und einer festeren Zusammenarbeit sind die kurzen Darlegungen gedacht, die diesen Zeilen folgen Zrieöhofsschändungen In der Nacht vom 29. zum 30. Oktober sind auf dem jüdischen Friedhof in Tilsit acht Grabsteine umgestttrzt worden. Die Täter entkamen unerkannt. Die Kriminalpolizei bemüht sich eifrig — leider bisher aber erfolglos — um die Feststellung der Täter. Eine Belohnung von mehreren hundert Mark ist für die Erfassung der Täter ausgesetzt. Auf dem jüdischen Friedhof in Trebnitz i. Sch l es. wurden 34 Denksteine mit großen Hakenkreuzen besudelt und die Fenster der Leichenhalle vollständig zertrümmert. Die innere Wand der Halle wurde mit drei rotgemalten Kreuzen, die die Inschrift: „Heil Hitler, Juda verrecke" enthielten, beschmiert. In der Mitte war ein Galgen gezeichnet, an dem ein Jude gehängt wnrde. Unter den geschändeten Gräbern befand sich auch das Grabmal -des Kaufmanns Julius H i l l e r, dessen Stiftung die Stadt ihr Bürgerheim verdankt. Die Bürgerschaft war in begreiflicher Erregung über diese Untat, und dadurch sah sich auch die nationalsozialistische Ortsgruppe veranlaßt, im „Trebmtzer Anzeiger" eine Auslobung für die Ergreifung der Täter auszusetzen und von ihnen abzurücken. Das Inserat hieß: Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei duldet, keine Denkmalsschänder in ihren Reihen. Sie zahlt daher 50 Reichsmark Belohnung demjenigen, der die Schmierfinken, die auf dem jüdischen Friedhof das Hakenkreuz für ihr niedriges Treiben mißbrauchten, so namhaft macht, daß sie ihrer Bestrafung zu geführt werden können. Mitteilungen sind zu richten an Herrn L. Fechner jnn., Trebnitz, Wassermühle. Die Suche nach den ruchlosen Tätern, die von der Polizei sogleich ins Werk gesetzt worden war, hatte erfreulicherweise Erfolg. Noch nicht.24 Stunden nach Veröffentlichung jener begrüßenswerten Anzeige entpuppten sich ein viernndzwanzigjähriger Maler und zwei Burschen jugendlichen Alters als die sollen. Sie sollen von einigen Erscheinungen her die Ursachen zeigen, die ein gewisses M i ß t r a u e n, das die immer wache Disposition zu Angriff und Haßentladung ist, ins volkstümlich-unkritische,. bildhaft-anschauliche Denken geleitet haben. Sie wollen einladen zum Der st e h e n dieser Disposition, und zwar von ihren Ursachen her. Dabei wird es sich nicht um irgendeine Art überheblichen Moralisierens handeln, also auch kaum unr konkrete Vorschläge zu irgendwelchen Maßnahmen. Dazu ist der Verfasser nicht berufen. Vielmehr dürfen solche Ausführungen nicht den Nahmen allgemeiner psychologischer Darlegungen und Beobachtungen überschreiten. Diese freilich sollen ungeschrninkt gegeben werden. Sie werden niemals angreifen. Aber sie werden auch nicht das Opiat der vorschnellen und unsachlichen Beruhigung enthalten. Wir wollen uns verstehen und zusammenstehen. Also nrüssen wir auch das sagen, was wir ungern sagen, und das hören, was wir ungern hörcm. Die Grundlage des Verstehens ist nicht eilfertige Bejahung, sondern daß wir nach bestem Wisien und Gewissen sagen, was wir sehen und was wir also sagen müssen. Nur so stehen wir alle im Dienst der Verständigung und des Ideals echter Volksgemeinschaft, von dem uns jeder Akt, jede Zeile, jedes Wort der Verhetzung täglich weiter entrückt. in Tilsit und Trebnitz Täler, die, wie sie selbst zugeben, eingeschriebene Mitglieder der Ortsgruppe Trebnitz der NSDAP, find. Protestkundgebung -es Reichsbanners in Trebnitz Am 23. November veranstaltete das Reichsbanner Schiwarz-Not-Gold eine Kundgebung gegen, me Trebnitzer Friedhofsfchäudung. Der große Saal des Trebnitzer Konzert- Hauses, der 600 Personen faßt, war bis auf den letzten Platz gestillt. Ms Redner traten auf das Mitglied des Reichsbanners, Rechtsanwalt F v e r d e r ans Breslau, der auch dem Haupt- Vorstand des Eentralvereins nngehört, und der Geschäftsführer des Reichsbanners, Gau Mitte'lschlefien, Herr Steiner, Breslau. Rechtsanwalt Foerder beschäftigte sich in seiner Ansprache mit der Ausführung der Tat selbst nnd den Umständen, die derartige Exzesse veranlassen. Er beklagte es, daß die Spitzen der Kreisnnd Stadtbehörden es nicht für nötig gefunden hätten, der Aufforderung der Bersammlnngseinberufer zn folgen, in ein paar Worten vom rein menschlichen Standpunkt zn der Tat öffentlich Stellung zn nehmen. Der La n dr a t hatte erklär b, er sei verhindert; der Bürgermeister, er lvürde da d u r ch die Unparteilichkeit (!) des Magistrats gefährden. Das sei um so weniger begreiflich, als auch das Grab eines bekannten Wohltäters der Stadt Trebnitz, des verstorbenen jüdischen Mitbürgers H i l l e r, geschändet worden sei, welcher der Stadtgemeinde ein, Bürgerh e i n: errichtet habe. Am Schluß der eindrucksvollen Veranstaltung nahm die Versammlung einstimmig nachstehende Entschließung an: „Die von dem Reichsbanner Schlvarz- Rot-Gold arn 23. November 1930 einbernfene Versammlung der Einwohner von Stadt und Landkreis Trebnitz spricht ihre Empörung und ihren Abscheu über die Schändung des Friedhofs der jüdischen Gemeinde in Trebnitz ans. Diese Untat wurde nach den Polizei,-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.