Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1930-11-01 · Heft 11 (November 1930) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1930
Issue
Heft 11 (November 1930)
Date
1930-11-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2571117-2571168-2571178--507-2571845
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

[«ntrot ltrcln Vlätter für öeutfelilum UNv JllfettlMW, Monatsausgabe November 1$30 'dryanöes tentralVereinsöeutfekex^ EtaatsdüryerMöjfeken ölaubens e.v. -XN^smsine ^situntz clss ^>uclsntums Die Verfolgungen -er Deutschen in Gberschleften A. H. An Deutschlands Ostgrenzen leibe« Menschen um ihrer Abstammung, um ihrer Gesinnung willen. Nationalistische polnische Elemente unterdrücken durch Drohungen und Gewalt die den Deutschen Polens verfassungsmäßig zugesicherten Rechte. Doppeltes Leid lastet auf diesen Menschen, denen die lebendige Verbindung mit dem Mutterlande zerschnitten, der kräftigende Austausch mit Menschen gleicher Art unterbunden wurde. Auch das, was sie dürfen, sollen sie nicht tun! Die Deutschen Polens wollen keine S o n - der rechte, sie wollen keinen Staat im Staate bilden. Sie fühlen sich als loyale Bürger ihres Staates, aber sie wollen, ganz iitt Bannkreis des großen Mutterlandes, ihre Eigenart pflegen tmb rhre große Tradition nicht vergessen. Und in diesen Menschen, einer Heilte« Minderheit, sehen die zahlenmäßig um ein Vielfaches stärkeren polnischen Elemente eine Gefahr für den Staat! Mit besonderer Entrüstung wenden sich besonders auch b'ic nationalsozialistischen deutschen Kreise gegen die Unterdrückung stammverwandter Menschen. Aber nur glauben, daß, so echt auch ihr Mitgefühl mit den Unterdrückten ist, ihr Verständnis für die Unterdrücker natürlicher wäre. Denn keine Internationale ist so gleichgerichtet wie die Internationale nationalistischer Gesinnung. Wir deutschen Juden teilen nach Gefühl und Verständnis die Empfindungen der verfolgten . Deutschen. Unsere oberschlesischen Brüder haben, wie der Vorsitzende des Verbandes h e i m a t t r e u e r Oberschlesier mit Genugtuung anerkannte, bei der Abstimmung zu 99 Prozent ihre Stimmen für Deutschland abgegeben. Im polnischen Oberschlesten haben sie, wie einwandfrei durch Feststellungen von polnischer amtlicher Seite belegt werden kann, das Weiterbestehen der deutschen Minderheitsschule durch die Entsendung ihrer Kinder teilweise erst ermöglicht. Aber trotzdem spricht man den deutschen Juden diesseits der Grenze leichtfertig und böswillig das .Nationalgefühl ab, wo bei ihnen doch die wichtigsten Elemente nationaler Eigenart .fehlen, die den Polen noch einen Schein von Recht geben könnten, wenn sie sich gegen die Deutschen Polens wenden. Wir deutschen Juden haben keine andere Sprache als die unserer deutschen Umwelt, wir haben keinen jüdischen Staat, an den wir uns anlehnen könnten, wir haben kein jüdisch-kulturelles Zentrum — wir sind nach Wille und Ueberzeugung Deuts ch e. So gilt den verfolgten Deutschen jenseits der Grenzen unser verständnisvoller Gruß! Fabius Schach: Chanukka. Seite 80. — Dr. Curt Koch, Berlin - Lichterfelde: Entgiftung der Jugend. Seite 81. — 'Dr. H. Stern: Was lasen die deutschen Juden im Mittelalter? Seite 83. — Theodor Kappstein: Israels Propheten, religiös-soziale Sendboten an die Gegenwart. Seite 84 Rritik und Selbstkritik von dr. Müller-lkiau-ius Die Redaktion dieser Zeitschrift hat mich iviederholt eingeladen, einiges niederzuschreiben aus den Beobachtungen über die Gründe der ersichtlich im Wachstum befindlichen und iminer tiefer im volkstümlichen Bewußtsein sich verfestigenden Feindschaft gegen das Judentum und den jüdischen Deutschen schlechthin. Wiewohl ich des öfteren über solche Dinge in kleinen Kreisen gesprochen habe, war es mir doch peinlich, der Einladung nachzukommen, darüber in breiterer.Oeffentlichkeit, also unpersönlicher und in der abkürzenden, verallgemeinernden, vielleicht vergröbernden Form des gedruckten Wortes zu sprechen. Da aber ausgezeichnete und weitsehende Menschen die Meinung hatten, es sei notwendig, einige Dinge offen und unumwunden zur Diskussion zu bringen, über die man vielleicht zu lange schon geschwiegen, die man über das unmittelbar Erregende der Tagesfragen zu lange schon zurückgestellt habe, und es sei ferner nötig, diese Erörterung nicht nur im innerjttdischen Kreise zu führen, sondern freimütig und vor aller Augen gemeinsam zwischen Juden und Nichtjuden gemäß dem Programm der „C. V.-Zeitimg": „Für Deutschtum und Judentum", war es selbstverständliche Pflicht des Verfassers, alle Bedenken zurückzustellen und dieser freimütigen und vorbehaltlosen Aufforderung zur Zusammenarbeit ebenso freimütig und vorbehaltlos nachzukommen. Denn diese Zusammenarbeit nicht nur im Tageskampf (in dem sie eine sekundäre Rolle spielt), sondern mehr noch in der Erkenntnis der tiefsten Ursachen, die Haß und Kampf des Tages erst möglich machen, ist von der erheblichsten Bedeutung. Gerade sie ist in der letzte.! Zeit in den Hintergrund getreten, wiewohl sie programmatisch unablässig gefordert wurde. Vielleicht liegt das nicht zum wenigsten daran, daß gerade diejenigen Probleme, die von sich aus ein Zusammenarbeiten erfordern und vorbereiten und die noch vor drei Jahren etwa unbehindert in den Strom der Erörterung traten, stark zurückgestellt wurden zugunsten des Kampfes gegen den Pöbel- und Straßenlärin, zugunsten des Kampfes gegen Symptome statt des Kampfes gegen Gründe, der der schwerere Kampf ist — aber auch der geistigere und darum' der, der die verantwortungsbewußten geistigen Menschen aus jüdischen, nichtjttdischen — und selbst gegnerischen Kreisen immer wieder zusammenftthren kann und wird. Denn daMM^Mx^Mü^Wort mehr zu. vertieren Notlage des deutschen Volkes, die verzweifelte Lebensunsicherheit breiter Volksschichten sind nicht etwa „schuld" an der volkstümlichen Bewegung der Feindschaft gegen das Judentum. Zweifellos bewirkt die politisch-wirtschaftliche Depression besonders grelle Entladungen dieser Feindschaft, wie Not überhaupt die Massen für jede Art heftiger Aggression besonders empfänglich und bereit macht. Aber diese akuten wirtschaftlich-politischen A n l ä s s e sind nicht zu verwechseln mit tieferen U r s a ch e n. Man muß nufhören, die aktuellen Gründe zu verwechseln mit tieferen und nicht nur zeitgebundenen Unt e r g r ü «den des Antisemitismus, mit Untergründen, die auch keineswegs nur in dem Mangel an Verstehen, in der „Böswilligkeit und Zugeschlossenheit des deutschen Denkens, auch nicht nur in den gewissenlosen Verhetzungsmethoden des deutschen öffentlichen Lebens beruhen, sondern darin, daß von seiten der jüdischen Deutschen und ihrer Organisa- ' Hotte« nicht alles eingesehen ist, was im volkstümlichen . Denken entfremdend wirken konnte — oder mußte und also auch nicht alles geschehen ist, was dieser Entfremdung entgegenwirken könnte. Der Antisemitismus ist nicht erst ein Produkt der Verhetzung, sondern die Verhetzung ist erst möglich und wirksam dadurch, daß im volkstümlich-unkritischen Bewußtsein ein Gefühl der Fremdheit gegenüber dem jüdischen Deutschen verblieben ist. Dies Fremdheitsgefühl kann man nicht aufheben durch Aufklärungsarbeit, die sich immer nur an die rationalen Ausdrücke dieses Gefühls, an die intellektualistischen Argumente tuenden kann, die von Tag zu Tag wechseln, nie aber an die irrationale Wurzel des Fremdheitsgefühls, ohne das alle nationalen Ausdrücke und Argumente jede Evidenzverlieren würden. Dies Fremdheitsgefühl wird man nie aus dein volkstümlichen Denken ausschalten können, ehe der Augenblick gekommen ist, in dem man mit dem rücksichtslosen Willen zur Selbsterkenntnis sich die Frage vorlegt: Was habe ich dazu beigetragen, . daß dieses Fremdheitsgefühl ist und bleibt? Ganz gewiß eine Frage, die jeder deutsche Mensch, dem es ernst ist mit dem Ideal der Volksgemeinschaft, sich vorlegen sollte — ganz gewiß aber auch eine Frage, die nicht weniger der jüdische Deutsche sich vorlegen .sollte. . Juden und Nichtjuden, beide haben ihr großes,-volkstümliches und bequemes Dogma. Das der Nichtjuden heißt: An allem Unglück,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.