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Central-Verein-Zeitung · 1930-10-01 · Heft 10 (Oktober 1930) · page 7

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1930
Issue
Heft 10 (Oktober 1930)
Date
1930-10-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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75 „Du sollst alle Völker fressen" Von D. Laible (Rothenburg o. d. Tauber) Der nachstehende Aufsatz des bekannten Gelehrten ist zuerst in dem „Evangelischen Sonn tagg.blatt aus Bayern" erschienen. Wir drucken ihn ab, da wir annehmen, daß die wertvolle Auslegung der bekannten Vibelstette unsere Freunde interessieren wird. Dieser im Alten Testament stehende Sah wird von den Antisemiten dick unterstrichen. Da hat man's, sagen sie, der Judengott Jahwe (Jahwe ---- Jehova) befiehlt seinem teuren, auserwählten Volk Israel, alle anderen Völker der Erde zu verschlingen. Schlägt mau aber die Bibel auf und steht sich da den Spruch — er steht 5. Mose 7, 16 — im Zusammenhang an, dann ist man erstaunt über den antisemitischen Bibelmitzbrauch. Es ist nämlich dort von den kanaanitischen Völkern, und nur von diesen, die Rede. Alle diese kanaanitischen Völker soll das auf Befehl Gottes in Kanaan einrückende Volk Israel fressen, d. h. vertilgen. Es ist ein Gericht Gottes, welches Israel an diesen zu Abrahams Zeiten noch nicht (siehe 1. Mose 15, 16), jetzt aber gerichtsreif gewordenen Kanaanitern vollziehen soll. Im 3. Mose 18 findet sich eine (nicht vollständige und aus anderen alttestamentlich.en Stellen zu ergänzende) Liste von Greueln, vor denen sich Israel hüten soll. „Ihr sollt euch", heißt es dann Vers 24, „in dieser keinem verunreinigen, denn in diesm allen haben stch vrunreinigt die Heiden, die ich vor euch her will ausstoßen, und das Land dadurch verunreinigt ist, und ich will ihre Missetat an ihnen heimsuchen, daß das Land seine Bewohner ausspeie." Alle diese Völker Kanaans hatten das Maß ihres Frevels vollgemacht, und so sollte sie das von Gott verhängte Gericht der Ausrottung durch die Israeliten treffen, welche dann ihr Land in Besitz nehmen sollten. Dabei sollen aber die erobernden Israeliten sich vor der Einbildung wohl hüten, als ob ihnen Gott etwa um ihrer Verdienste willen Kanaan geben wolle. Mit aller Deutlichkeit wird ihnen gesagt (5. Mose 9, 4 und 5): „Wenn Jahwe, dein Gott, sie (die kanaanitischen Völker) vor dir ausstößt, sollst du nicht sprechen in beinern Herzen: Um meiner Gerechtigkeit willen hat mich Jahwe hereingeführt, dieses Land einzunehmen, da vielmehr ihres ruchlosen Wesens halber Jahwe diese Völker vor dir her austreibt. Nicht um deiner Gerechtigkeit und Herzensredlichkeit willen kommst du hinein, ihr Land in Besitz zu nehmen, sondern Jahwe, dein Gott, verdrängt diese Völker vor dir her um ihrer Ruchlosigkeit willen." Wie's mit der „Gerechtigkeit", die sich die Israeliten ja nicht einbilden sollen, aussieht, steht Vers 6: „Wisse, daß Jahwe, dein Gott, dir nicht um deiner Gerechtigkeit willen dies gute Land gibt einzunehmen, sintemal du ein halsstarriges Volk bist." Warum Gott ihnen trotz ihrer Unwürdigkeit das durch das göttliche Strafgericht über die ruchlosen Kanaaniter herrenlos gewordene Land zum Besitz gibt, verdanken die Israeliten lediglich der göttlichen Verheißungstreue gegen die Väter: „Daß er (Jahwe) das Wort halte, das er geschworen hat deinen Vätern Abraham, Isaak und Jakob" (Vers 5). — Der Widersinn der Behauptung, in 5. Mose 7, 16 sei von Gott den Israeliten der Befehl gegeben, alle Völker der Erde zu fressen, wird besonders handgreiflich, wenn man die gegen Israel gerichteten Drohungen Jahwes liest, welche von einem Gefressenwerden Israels durch feine Feinde handeln. Man lese die vielen Drohungen int 26. Kapitel des 3. Büches Mose von Vers 14 an. Eine derselben lautet (Vers 38): „Ihr sollt (aus dem von Gott euch ohne euer Verdienst geschenkten Land Kanaan wieder vertrieben) umkommen unter den Heiden, und das Land eurer Feinde s o l l e u ch f r e s s e n." Es ist so und nicht anders: neben den Segensverheißungen gehen durchs ganze Alte Testament Fluchandrohungen gegen das auserwählte Volk einher, Fluchandrohungen, die tatsächlich verwirklicht wurden, wie bereits aus der alttestamentlichen Geschichte Israels und aus den alttestamentlichen Propheten zur Genüge sich erkennen läßt. Der angebliche Gottesbefehl, Israel solle alle Völker der Erde fressen, existiert nicht; es ist eine in die oberflächlich gelesene Schrift hineingelegte antisemitische Idee. Verdächtigungen des Alten Testamentes sind heutzutage an der Tagesordnung. Eine Spezialität vor allem der Antisemiten neueren Schlages. Der ältere Antisemitismus eines Eisenmenger wußte davon noch nichts. Dagegen muß man das gotteslästerliche Buch des Leipziger Buchhändlers Fritsch lesen, welches betitelt ist: „Mein Beweismaterial gegen Jahwe." Was sich dieser bei den Antisemiten angesehene Dilettant in der Schriftmitzhandlung leistet, geht ins Unglaubliche. Natürlich kümmert sich Fritsch nicht um die Autorität, welche das Alte Testament bei Jesus und beit Aposteln genießt („Es steht geschrieben"), nicht darum, daß in der Kirche das Alte Testament für Gottes Wort gilt und kanonische Autorität hat wie das Neue. Darüber ist Fritsch hinaus, und er kann, wenn er Lust hat, stch sogar ans gewisse Theologen berufen. Der Berliner Theologieprofessor H a r n a ck schreibt in seinem neuesten Buch „Mareion": „Das Alte Testament wird nicht eher richtig gewürdigt werden, als bis ihm die kanonische Autorität, die ihm nicht gebührt, entzogen ist." Harnack ist der bekannte Verfasser des vielgelesenen Buches „Wesen des Christentums", von dem einer treffend geurteilt hat, daß es vom Wesen desselben „so viel enthält wie der leere Beutel von den 10 000 Dukaten, die einst in ihm waren". Der Leipziger Theologieprofesior Rudolf Kittel ferner, von: Gericht zu einem Obergutachten im Gotteslästerungsprozeß Fritsch aufgefordert, hat zwar den Dilettantismus des Fritsch an den Pranger gestellt, zugleich aber zugegeben, daß „das sittlich Gute nicht den Kern des Charakters Jahwes ausmache, nicht restlos sein Wesen ausfülle". Damit kann Fritsch zufrieden sein. Friedrich Delitzsch, Assyriolog und Kollege Harnacks an der Berliner Universität (zu unterscheiden von seinem frommen Vater Franz Delitzsch, gestorben 4. März 1890), hat im Jahre 1920 ein Buch herausgegeben: „Die große Täuschung", worin er zu beweisen versucht, daß von Jesus an bis heute dir Kirche bezüglich des alttestamentlichen Gottes Jahwe sich in einer ungeheuren Täuschung befunden habe. Es ist ihm unerträglich, daß der alttestainentliche „Schandgötze" der Juden auch in der christlichen Kirche als der wahre Gott verehrt wird. Statt des Alten Testaments, welches für die christliche Kirche „vollkommen entbehrlich ist, sollte, meint Friedrich Delitzsch, die „Germanenbibel" von Wilh. Schwaner als Erbauungsbuch benutzt werden, wo „die tiefen Gedanken unserer deutschen Geistesheroen (z. B. Goethes) über Gott und Jenseits und Unsterblichkeit trefflich ausgewählt und geordnet zusammengestellt sind". Auch sollte, schlägt Friedrich Delitzsch vor, das Alte Testament nicht länger einen Zweig der christlichen Theologie bilden, sondern „der orientalischen Philologie und allgemeinen Religionsgeschichte überlassen werden". Mit Jubel wurde bei den Antisemiten diese gotteslästerliche Schrift begrüßt. Ehrenrettungen des Alten Testaments, welche gläubige Theologen erscheinen lasten,.werden totgeschwiegen. So die von dem Theologie- Professor E o. K ö n i g verfaßte Gegenschrift gegen das oben erwähnte Kittelsche Obergutachten: „Das Obergutachten im Gotteslästerungs- Prozeß Fritsch beleuchtet" (Dresden 1918, Ader u. Borel); so die schon in den sechziger Jahren erschienene Schrift des gelehrten bayerischen Pfarrers I. L. Füller in Frankenheim bei Schillingsfürst: „Das Alte Testament dem Zweifel und dein Anstoß gegenüber" (gekrönte Preisschrift, 2. Auflage, Basel 1869). Die Beschimpfung des Alten Testaments hat gegenwärtig, wie in dem sehr ernsthaften Aufsatz „Auswüchse des völkischen Gedankens" (Sonntagsblatt Nr. 14, S. 113) ausgeführt wurde, da und dort Eingang gefunden. Es sind vor den letzten Wahlen Reden gehalten worden, die bei sonst nicht eben judenfreundlichen Hörern Anstoß erregt haben wegen der eingestreuten Angriffe aufs Alte Testament im Sinne von Fritsch und Konsorten. Ist das Alte Testament Gottes Wort und ist der alttestamentliche Gott der dreimal Heilige, dann mögen seine Verächter, gleichviel ob Theologen oder Laien, vor diesem Gott auf der Hut sein. „Wer mich ehret, den will ich auch ehren; wer mich aber verachtet, der soll wieder verachtet werden" (1: Sam. 2, 30). Seine Verächter mögen zusehen, daß sie nicht seine Widerverachtung herausfordern und ihr Teil beitragen zur Verschärfung der auf Deutschland lastenden Ungnade Gottes. Sabbatstille in Haigerloch Im Feuilleton der „Neuen Zürcher Zeitung" vom 12. Oktober dieses Jahres beschreibt Felix Burckhardt das auf der Schwäbischen Alb malerisch gelegene, uralte hohenzollernsche Städtchen Haigerloch. Nach einem Rückblick auf die wechselvolle Geschichte dieser preußischen Exklave und einigen das Stadtbild charakterisierenden Bemerkungen schildert der Verfasser „ein Erlebnis gantz eigener Art", von dem er sagt, daß es wohl noch lebendig sein werde, wenn die Umrisse des malerischen Bergstädtchens schon in seiner Erinnerung verwischt seien. Der Artikel schließt nämlrch mit den Sätzen: „Es war an einem Samstag, am frühen Nachmittag, als ich die Gasten durchstreifte. Das Leben einer ländlichen Kleinstadt pulste darin mit Hammerschlag und Kaufladenklingelton, mit dem Knarren und Kreischen der gebremsten Wagenräder in den steilen Gasten und dem Brüllen des Viehs in den Ställen, die ausgemistet wurden, mit Kinderlärm und nachbarlichem Getratsch der Frauen. Ein paar Schritte weiter tat sich, auf halber Höhe der Felswand vorgelagert, ein weiter Platz auf, von einstöckigen Häuschen umgeben. Was war denn da plötzlich anders geworden? Ach ja, das war's: eine tiefe Stille, kein Mensch draußen vor den Häusernnur hinter halb vorgezogenen Gardinen ein paar ruhige, alte Gesichter. Ich las die Namenschilder an den Haustüren, über den paar Kaufläden: Behr und Hirsch, Levi und Löwenstein waren da zu Hause. Ich war ins Judenviertel von Haigerloch geraten, und es war dre feierliche Ruhe des Sabbats, die mich umgab. Nicht in einem finsteren Ghetto hinter Tor und Mauer, sondern als Kind seiner toleranten Zeit hat Fürst Joseph vor 170 Jahren seine Haigerlocher Juden in einem freundlichen grünen Winkel seines Städtchens angesiedelt, und noch heute ist dieser Stadtteil, „im Hag" genannt, ausschließlich von ihnen bewohnt. Die Stille war fast beklemmend. Hier erneuert sich jede Woche das, was wir nur noch als Titel von Erbauungsschristen kennen: die Sabbatstille, geboten durch das Gesetz von Sinai. Wahrlich, im Judenviertel von Haigerloch gelten noch die Worte des Dekalogs: Gedenke des Sabbattdges, daß du ihn heiligest. Da sollst du kein Werk tun, noch dein Sohn, noch deine Tochter, noch dein Knecht, noch deine Mago, noch dein Vieh. — Und ich, der Fremdling in den Toren Israels, setzte meine Füße behutsam auf, um diesen wundersamen Fetertagsfrieden nicht zu stören." ...

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