Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1930)
- Date
- 1930-10-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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7ö Die kurhesslschen Juden in den Freiheitskriegen 1813-1815 In Vem „HanNutschen Magazin, Mott a t s b l S t t e t fttr Hetrnatknnd e", S. Jahrgang, 1930, Nr. 4 und 5, finden wir einen Aufsatz von Max Schwab: „Die Freiheitskriege von 1813/18 und die knrhesstschen Inden." Dlesew wichtigen Beitrag zur Heimatgeschichte der deutschen Inden entnehmen wir folgende Ausführungen: . . . Wenn man sich als vaterländisch gesinnter Deutscher in die Geschichte der Freiheitskriege vertieft, so ist es wohl selbstverständlich, daß man all die großen Männer jener glorreichen Zeitepoche, die führend gewesen sind, mit einer wehmutvollen Ergriffenheit im Geiste von seinen Augen vorüberziehen sieht: Die Dichter linb Denker, die durch Wort und Tat großen Anteil hatten an der Erhebung des deutschen Volkes aus niedrigster Schmach, die schlachterprobten Armeeführer, die Offiziere, die sich an die Spitze der neugebildeten freiwilligen Jägerkorps stellten und diese zum Siege führten, die deutschen Männer jedweden Glaubens: Studenten, Kaufleute und Handwerker, welche sich in edler Begeisterung für b t e Befreiung des deu tschen Vaterlandes zusammengefunden und nur das eine hohe Ziel vor Augen hatten, für ihr ge» meinsames Vaterland zu kämpfen, zu siegen und zu sterben. Ebenso selbstverständlich ist es aber auch, daß es nicht meine Aufgabe sein kann, diesen großen Helden neue Lorbeeren zu winden. Ich will mich vielmehr darauf beschränken, zu erzählen, wie auch schon damals die jungen Männer jüdischen Glaubens Schulter an Schulter mit ihren christlichen Kameraden ihre vaterländische Pflicht erfüllten. 1. Der kurhessische Hoffaktor und Vorsteher der israelitischen Gemeinde Hanau David Köbenstern (1784—1886). Die schweren Niederlagen der Franzosen in Rußland, die Vorgänge im Norden, die bedeutungsvollen Regungen in Preußen weckten auch bei der Hanauer Bevölkerung allerlei Hoffnungen auf baldige Befreiung von dem sie schwer drückenden napoleonischen Joche. Am 16. Dezember 1812, morgens Zwischen 11 und 12 Uhr. langte Napoleon inkognito als Herzog von Piacenza in Begleitung des Großstallmeisters Coullaincourt vor dem Gasth o f „Z u m R i e s e n" an und nahm dort Quartier. Es wurde allmählich zur Gewißheit, daß der unüberwindlich scheinende Feldherr Napoleon Bonaparte, Kaiser der Franzosen, geschlagen war, und die Freude darüber unter der Hanauer Bevölkerung, wenn sie sich auch nicht öffentlich zeigen durfte, war sehr groß. Es war jedoch nicht zu vermeiden, daß mitunter in Hanau garnisonierende französische Offiziere, die sich teilweise sehr anmaßend benahmen, mit Zivilisten in Streit gerieten und verprügelt wurden und diese Streitigkeiten mitunter zu blutigen Exzessen ausarteten; so wurde in Niederdorfelden ein französischer Soldat erschlagen. Infolge dieser Vorfälle erschienen am 21. Januar 1813, abends 7 Uhr, unverhofft 150 Soldaten des Fürstprimas Karl von Dalberg und bezogen statt der Bürger am folgenden Tage die Wachen; diesen folgten am 2. Februar von der Garnison Mainz zwei Bataillone mit 1400 Mann und am 9. Februar nochmals 300 Mann. Letztere besetzten die Tore und wehrten den Hanauer Bürgern den Ausgang aus der Stadt, nur die Landleute blieben unbehelligt. Jetzt ließ der Präfekt von der Tann folgende hiesige Bürger in seine Wohnung rufend: Rentier Wunderly, „Zum Brrnbaum" (Paradeplatz 17); Kaufmann Joh. Hch. Deibel, „Zum weißen Löwen" (Paradeplatz 9); Goldwarensabrikant Toussaint, „Zur goldenen Lilie" (Langgasse 49); Gasthalter Sebald Fr. Ebermayer, „Gasthaus zum Riesen"; Hoffaktor David Löbenstern, „Zur weißen Kanne" (Judengasse 33); Lederhändler Joh. Peter Hauchar, „Das neue Haus" (Frankfurter Straße 16). Als diese würdigen und angesehenen Bürger erschienen wärest, wurde ihnen eröffnet, daß sie verhaftet seien und aus hohen Befehl durch die zuletzt angekommenen 300 französischen Soldaten als Geiseln nach Frankfurt gebracht würden. Um einen recht gefährlichen Eindruck auf diese ehreüwerten Bürger zu machen, war im Vorhof eine verstärkte Wache aufgestellt und die Verhandlungsräume waren mit französischen Gendarmen und vielen anderen Vertretern der „grande nation“ angesüllt. Nachdem die genannten Bürger auf diese Art gewaltsam von ihren Familien getrennt waren, mußten sie in des Präfekten Behausung die Nacht zubringen und wurden am anderen Tag gegen 9 Uhr aufgesordert, in die bereitstehenden Wagen einzusteigen, um abtransportiert zu werden. Der Transport geschah folgendermaßen: In jeder Kutsche saßen neben zwei Geiseln ein Gendarmerie- Offizier, und rechts und links eskortierten berittene Gendarmen. 2tenj3uö eröffneten 209 französische Soldaten und 200 schlossen ihn, i) Ls war das Haus Steingasse 4, heute Franz Drosch Söhne, früher Besitz des Hairauischen Geheimrats und Regierungspräsidenten Freiherrn von Edelsholm. alle „bayonet au canon“ (üufgepflanzt) und scharf geladen. Die Glocken läuteten gerade zur Kirche, als sich der Zug unter Trommelschlag und Waffengeklirr in Bewegung setzte! Nicht nur die Familienangehörigen, die ungewiß über das. Schicksal ihrer Lieben weinend und klagend Abschied nahmen, sondern, zahlreiche Bürger, die sich der Tränen nicht erwehren konnten, hatten sich auf demParadePlatz versammelt, um durch ihre Anwesenheit deu scheidenden Mitbürgern ihr Mitgefühl zu bezeugen. Die Hanauer Geiseln wurden zunächst nach Frankfurt, der Hauptstadt des Großherzogtums Frankfurt, in den „Weißen Schwan" gebracht. Drei Gerichtschöffen aus Niederdorfelden waren zur selben Zeit ebenfalls als Geiseln in den „Weidenhof" eingeliefert worden. Kurze Zelt danach wurden sie nach der F e st u n g Mainz abgeführt und dort bei dem Verhör mit Erschießen bedroht. Da diese sich in keiner Weise einschüchtern ließen und.die Franzosen mit ihren harmlosen Aussagen nichts anzufangen wußten, drohte man ihnen Zuletzt, sie nach der Festung Grenoble abführen zu lassen; allein sie blieben standhaft und erklärten einmütig, von einer gegen die französische Besatzung gerichteten revolutionären Bewegung nichts zu wissen. Viele einflußreiche Bürger in Mainz verwendeten sich nunmehr nachdrücklichst für die Geiseln aus dem Hanauischen und konnten ihnen zunächst ihr Gefangenenlos erleichtern, auch dürfte das Spenden von vielen „gelben Gesichtern" (Dukaten) ebenfalls ihr Teil hierzu beigetragen haben. . Mitte Mai gelang eS dann endlich, durch Hinterlegung einer Kaution von 100 000 Francs in guten „Wechselbriefen" den Geiseln die langersehnte Freiheit zu verschaffen, und unter großem Jubel der Hanauer Bevölkerung kehrten sie wieder in ihre Heimat zurück. Der ehemalige kurhessische Hofsaktor David Löben st ern wird in den Akten des Vorsteheramts und in dem Memorbuch (Gedächtnisbuch ausgezeichneter verstorbener Männer der israelitischen Gemeinde) als ein vornehmer, angesehener Mann geschildert, der furchtlos und gottergeben die Geschicke seiner Gemeinde in würdiger Weise zu meistern verstand. Er war geboren 1784 zu Hanau als Sohn des sehr geachteten, frommen, wohltätigen und begüterten. Oberhofagenten Löb David Löbenstern und dessen Ehefrau Chayle geborene Kahn. Davon ausgehend, daß selbst ehrlich erworbenes Vermögen kein besonderes Verdienst darstellt, sondern glückliche Verhältnisse durch Gottes Fügung hierbei in beträchtlichem Maße rn den Vordergrund zu setzen seien, hielten sich seine Eltern streng an das altjüdische Gesetz: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst"?) und betrachteten es als ihre vornehmste Wicht, jederzeit Werke der Wohltätigkeit zu üben. In ihrem letzten Willen vermachten sie der israelitischen Gemeinde ein Kapital von Fl. 5000.— mit der Bestimmung, daß aus dessen Zinsen für die kalte Jahreszeit jedes Jahr Holz und Kohlen angekauft und an die Bedürftigen verteilt werden sollten. Die Inflation hat auch in diese Stiftung schwere Lücken gerissen, doch ist sie heute noch, wenn auch in kleinem Maße, in Kraft. David Löbenstern trat in allen Dingen in die Fußtapfen seiner Eltern. Gott hatte auch seiner rechtschaffenen Hände Werk gesegnet und, seinem edlen Charakter entsprechend, spendete er reichlich und gern, wo immer er einen Glaubensgenossen in Not wußte. Am 28. Januar 1834 wurde er von der Kurfürstlichen Regierung zum Mitglied des Vorsteheramtes ernannt und hat während einer 15jährigen pflichttreuen Tätigkeit dieses oft recht mühevolle Ehrenamt in vorbildlicher Weise ausgeübt. Als im Jahre 1845 die baufällig gewordene Synagoge renoviert wurde, spendete er der Gemeinde Fl. 700.— zum Ankauf des benachbarten Gartens. Er starb am 10. März 1856 im 72. Lebensjahre und wurde sehr betrauert. Sein Sohn, der Obergerichtsprocurator vr. jur. I. Löbenstern, war ebenfalls eine angesehene Persönlichkeit, dessen Rat in Rechtssachen sehr begehrt war. Er wohnte bereits in der Neustadt Marktgasse 117 (jetzt „Gasthaus zur Sonne") und ist der Verfasser jener Broschüre von 1831, die damals großes Interesse erweckte und betitelt ist: „Einige Worte über die auch seit der ^Verfassung" unglücklichen Verhältnisse der Israeliten in der Provinz Hanau". In ihr erhebt er schärfsten Protest gegen die ungeheueren Steuern, mit denen eine kurfürstliche Negierung die damals 80 Familien zählende Hanauer Judengemeinde der Verarmung PreiSgab. (Weitere Aufsätze folgen. Hiuderrvurg dankt dem Reichsdund jüdischer Frontsoldaten. Wie alljährlich brachte auch dieses Jahr der R. j. F. dem Reichspräsidenten auS Anlaß feines Geburtstages Glückwünsche dar. Der Reichspräsident dankte durch das folgende handschriftlich Unterzeichnete Schreiben: Der Reichspräsident. Berlin, den 7. Oktober 1930. Sehr geehrte Herren! Für Ihre freundlichen Glückwünsche zu meinem Geburtstage sowie für die Blumenspende, durch die Sie mich aus diesem Anlaß erfreut haben, spreche ich Ihnen meinen aufrichtigen Dank aus. Gleichzeitig darf ich Sie bitten, Ihrer Ortsgruppe Freie Stadt Danzig meinen Dank für ihr freundliches Meingedenken übermitteln zu wollen. Mit kameradschaftlichem Gruß gez.r von Hindenburg. ») 8. Buch Mose, Kap. IS, Vers 34. Verlag: Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen. Glaubens, e. B., Berltn SW 68, Lindenstvaße 19. Hauptschriftletter t. B.: Dr. Alfred W t e n e r. Verantwortlich: Dr. Margarete Edelheim. Beide Berlin SW 68. — Druck: Rudolf Mo sse, Berlin SW 100.