Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1930)
- Date
- 1930-10-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2571117-2571168-2571177--503-2571840- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
74 Mädchenhandel (Sonderbericht für die „C. V.-Zeitung") Warschau, 'den 12. Oktober 1930. Der Achte internationale KongreßzurBekänlpfltngdes Frauen- und Mädchenhandels fand vom 7. bis 10. Oktober in W a r f ch a u statt. Wenn der Kongreß, dem der Schreiber dieser Zeilen als Delegierter einiger jüdischer Organisationen Deutschlands beiwohnte, auch an dieser Stelle Erwähnung findet, so geschieht es, weil der Gegenstand der Beratungen auch vom jüdischen Standpunkt aus sehr große Bedeutung besitzt und weil er in der Sonderarbeit unseres Centralvereins, die der Bekämpfung des Antisemitismus gilt, gleichfalls eine nicht unwichtige Nolle spielt. Der Kongreß legte von einer sehr fleißigen und sehr erfolgreichen Tätigkeit während der vorhergehenden Jahre Zeugnis ab. Im einzelnen wurden an Themen behandelt: „Der Kampf gegen das Zuhälterwestn", „Die Rückführung verschleppter Prostituierter in ihre Heimat", „Auslandsstettungen von Frauen und Mädchen", wobei insbesondere die Verhältnisse der Artistinnen erörtert wurden und auch die Frage eines Mindestalters für Mädchen, die im Auslande in Vergnügungsstätten oder in Gastwirtschaften beschäftigt werden, aufgeworfen wurde. Ferner nahm der Kongreß Berichte über die Schutzmaßnahmen entgegen, welche in ausgedehnten Umfange getroffen worden sind, um atteinreisende Frauen und Mädchen an Bord von Auswanderer- und sonstigen Schiffen vor Gefahren zu bewahren. Auch die Frage des Mädchenhandels in Kolonien, Schutzgebieten und Mandatsländern fand ihre Behandlung, wobei freilich die deutsche Delegation bei der gegenwärtigen politischen Lage sich an den Erörterungen nicht beteiligte. Von großer Wichtigkeit war das letzte Thema, über das das deutsche Nationalkomitee referierte. Es wurden mit vollem Rechte die Möglichkeiten erörtert, ob man nicht den Film mit seiner Macht auf die b r e i t e n V o l k s m a s s e n in den Dien st des Frauenschutzes st eilen könne. Es lag und liegt wohl in der Absicht der Internationalen Vereinigung zur Bekämpfung des Frauen- und Mädchenhandels, sein Augenmerk mehr auf die. juristischen und verwaltungstechnischen Fragen, auf die Möglichkeiten einer Heilung der Schäden zu lenken, die Tatsachen aber zunächst einmal als gegeben hinzunehmen und prophylaktische Maßnahmen weniger zu erörtern. Auch dieser Kongreß vermied es «darum, in die Tiefe der Erscheinungen einzudringen und im Mädchenhandel mit all seinen traurigen Erscheinungen das zu erkennen,' was es tatsächlich ist, nämlich ein soziales Problem! Die Frage des Mädchenhandels im engeren Sinne als eines auch juristisch zu ahndenden Verbrechens und im weiteren Sinne als der Vorschubleistung zur Prostitution im Auslande mutz natürlich anders betrachtet werden, wenn es sich um die Länder des W e st e n s oder um die des Ostens handelt. Im Westen spielen Verführ rung, Leichtsinn, Trägheit und die Lust an einem scheinbar bequemen Leben ihre unendliche Rolle. Gewiß darf auch für den Westen «der Zusammenhang zwischen Prostitution und Wirtschaftslage nicht verkannt werden. Aber bei im allgemeinen einigermaßen normalen Verhältnissen spielen diese nicht die Rolle, die ihnen im Osten zuvommt. Dort bedeuten Mädchenhandel und Prostitution lediglich Folgen der Armut und des Hungers, des Mangels an Erwerbsmöglichkeiten, der Arbeitslosigkeit und der noch in den Kinderschuhen steckenden mangelhaften Sozialfürsorge des Staates und der Wohlfahrtsgemeinden. Und da der Osten zu der Zahl der ins Ausland verschleppten und freiwillig wandernden Mädchen den größten Anteil stellt, muß natürlich das Schwergewicht der Bemühungen allmählich auf diese Auffassung und auf die vorbeugende Arbeit gelegt werden. Die Mädchenhandelsfrage ist ein soziales Problem! Zu lösen ist sie nur durch Erziehungsmaßnahmen und durch Besserung der sozialen Verhältnisse, zu einem kleinen Teile auch durch Ausbau der Fürsorge. Für die Judenmassen des Ostens gilt, was für «die andersgläubige Bevölkerung maßgebend ist, in verstärktem Maße. Und das äußerlich wie innerlich! A e u ß e r l i ch wirkt der aus dem übertriebenen und fanatischen Nationalismus entspringende Judenhaß besonders stark auf die Verschlimmerung * der Wirtschaftslage, indem Juden und Jüdinnen von der Beschäftigung in Handel und Gewerbe und Industrie immer mehr ausgeschlossen werden! Innerlich wirkt aber hemmend das alle, verkehrte Erziehungsideal, das die Mädchen von jeder wirtschaftlichen Betätigung fernhält und sie lediglich aus die Ehe vo.rbereitet, ein Ziel, das bei der sinkenden wirtschaftlichen Konjunktur immer schwerer erreichbar ist. Daher kommt es, daß zu «den Opfern des Atädchenhandels Jüdinnen ein nicht unbeträchtliches Kontingent stellen und daß zu den Verbrechern und Schmarotzern, die aus dem Unglück der bedauernswerten Geschöpfe ihren Vorteil ziehen, auch Juden gehören! Wenn auch gewiß das Geschrei des Antisemitismus den Anteil von Juden und Jüdinnen, von Verführern und Opfern ungebührlich übertreibt, wäre es töricht, wenn man etwa aus apologetischen Gründen offenbare Tatsachen abstreiten wollte! Das Judentum, und damit beginnt das Interesse des C e n t r a l v e r e i n s, hat in Tatkraft und auch mit Erfolg sich stets an der Bekämpfung des Mädchenhandels beteiligt. Den Nationalkomitees der meisten Länder, in denen es jüdische GemeinsHaften gibt, gehören Auden als tätige Mitarbeiter an, und alle jüdischen Organisationen, insbesondere jene, die die Rechte und die Interessen der Frauen vertreten, widmen sich diesem Zweige der Wohllfahrtsarbeit. An der Spitze des internationalen Büros steht der unermüdliche Menschenfreund Claude Montefiore, und im deutschen Nationalkomitee wirkt Fräulein Bertha Pappe n h e i m seit langen Jahren tatkräftig mit. Es bedeutete nicht nur eine persönliche Ehrung für sie, sondern auch eine Anerkennung ihrer Arbeit, wenn das deutsche Nationalkomitee ihr, die an allen acht bisherigen Kongressen teilgenommen hatte, die ehrenvolle Aufgabe übertrug in einem Schlußwort beim Warschauer Kongreß die Wichtigkeit der Aufgabe zu betonen. Die Juden arbeiten aber nicht nur innerhalb der Verbände an ihrer Stelle bei der Unterdrückung der Kulturschande des Mädchenhandels mit. In A r g e n t i n i e n, wo sich der Hauptherd der Krankheit befindet, hat die Judenheit sich auch persönlich sehr scharf gegen alle Glaubensgenossen gewandt, die in irgendeiner Beziehung etwas mit dem Mädchenhandel zu tun haben. Wer irgendeinen Nutzen aus dem Mädchenhandel, aus der Prostitution und aus allem, was damit zusammenhängt, zieht, wird dort von der jüdischen Gesellschaft geächtet. Er darf nicht Mitglied der Gemeinde fern, er darf der Gbe^vra Ladweda nicht angehören. Er wird in keine Synagoge hineingelassen, er kann keinen Verkehr mit Gemeindemitgliedern unterhalten. Zu verschiedenen Malen kam in den Debatten des Warschauer Kongresses dieser Wille aller Völker und aller Konfessionen zu wirklich ernsthaftem, von politischem Beigeschmack freiem Zusammenwirken zum Ausdruck. Wahrhafte Menschlichkeit bewies ihnen einigende Kraft! Auch weiterhin wird die Judenheit aller Länder für ihre, eigene Ehre wie für die der Menschheit wirken, und in allen Kreisen unserer Gemeinschaft sollten die Anregungen, die vom Warschauer Kongreß wieder ausgegangen sind, auf fruchtbaren Boden fallen. Daß darüber hinaus aber das besondere jüdische Problem der Not im Osten mit all ihren traurigen Folgeerscheinungen auch dieses Nebels Grundlage ist, muß klar erkannt werden. Und daß es der Judenheit des Westens und Amerikas möglich sei, zur Linderung der Not, zur Besserung oer sozialen Verhältnisse beizutragen, daß sie durch Gründung von Berufsschulen und Erziehungsheimen praktische Berufspolitrk bei den.jüdischen Mädchen des Ostens treiben, ist die Forderung der Zukunft. Felix Goldmann (Leipzig), warum berichtet davon keine völkische Zeitung? Wir behaupten niemals, daß alle Juden bedeutende Menscherr sind. Wir wehren uns aber gegen die Behauptung der völkischen Presse, die das Judentum schlechthin stets für einzelne Untaten einzelner böser Juden verantwortlich macht, die Leistungen menschlich oder sachlich hervorragender Juden aber verschweigt. Wir. bringen deshalb einen Nachruf auf einen jüdischen Wohltäter der Menschheit, den wir der bestimmt von dem Verdacht deS „Verjudetseins" freien „Neuen Zürcher Zeitung" entnehmen. Die Schriftl. Waldemar Haffkine. Von Lausanne kommt die Nachricht, daß Prof. Waldemar Haffkine dort gestorven ist. Die Mitteilung wrrd Hunderttausenden von Herzen ein tiefes Echo erwecken, war doch der große und mutige Gelehrte der Besieger der Cholera. Er wurde im Jahre 1860 in Odessa geboren, wo er das Gymnasium und die Universität absolvierte. Nach dem Doktorat in Medizin uno Naturwissenschaften wirkte er am Zoologischen Institut der Odessaer Universität. Im Jahre 1883 wurde Haffkine unter Moritz Schiff Assistent am Genfer Institut für Physiologie, im folgenden Jahre ging er an das Pasteursche Institut in Paris, wo er sich mit ganz besonderem Eifer dem Studium der Cholera und des Typhus zuwandte. Nach mehrjährigen intensiven Forschungen erfand er ein Jmpfmittel gegen diese Krankheiten, und verbunden mit einer neuen Methode der Einimpfung glaubte er, der todbringenden Krankheit Herr werden zu können. Im Jahre 1892 wütete in Europa, besonders aber in Rußland die Cholera; Haffkine stellte der russischen Regierung seine Dienste zur Verfügung, aber diese wollte lieber, daß ihre Bauern mit einem Gebet für den Zaren in den Tod gingen, als durch Hilfe eines Juden am Leben blieben ... Pasteur war von der Wirkung des Haffkineschen Mittels so überzeugt, daß er den Forscher veranlahte, seine Methode in Französisch-Siam Zu probieren. Als ihm der damalige englische Gesandte in Paris, Lord Dufferin, eine Versuchsstation in Indien offerierte, ging er dahin, um mit Hilfe der indischen Negierung sein Werk in Angriff zu nehmen. So erreichte er als einsamer Arzt Asien, um denKontinent von einer viele Jahrhunderte dauernden Plage zu befreien. Aber die Eingeborenen wollten von diesem weißen Manne, der mit Nadel und Phiole umging, nichts wissen, und so konnte er während eines ganzen Jahres in Bengalen nicht eine einzige Einspritzung anbringen. Dann erhielt er die Zustimmung der Militärkommandanten, alle Züge, die nach Indien abgingen, einer Impfung zu unterziehen, ganze Schulen wurden von ihm behandelt und auf die Resultate hin beobachtet. Die Erkrankungen bei den geimpften Personen reouzierten sich auf ein Zwanzigstel, und mit neuer Energie wurde nach Feststellung des Erfolges gegen die Krankheit vorgegangen. Die eingeborene Bevölkerung zeigte sich freundlicher, und er konnte in der Folge ganze Landstriche, in denen früher die Cholera ununterbrochen die Menschen in Schrecken versetzt hatte, von der Seuche befreien. Im Jahre 1896 kehrte Haffkine nach England zurück, wurde aber schon im folgenden Jahre wieder nach Indien berufen. Die Pest war ausgebrochen. Er kam nach Bombay, machte dort erneut Versuche und stellte auch gegen dieses Weltübel einen Impfstoff her. Angehörige aller Stände drängten zur Behandlung, und tatsächlich sank die Sterblichkeitsziffer bis auf 8 Prozent. Haffkine kehrte 1899 wieder nach Europa zurück und machte seine Schutzimpsuüg.überall bekannt. Nach seiner Methode wurde in Afrika, Ceylon, Sansibar, Hongkong usw. vorgegangen. Haffkine wurde durch ferne Tätigkeit, die er unermüdlich in fernen Ländern und ohne Rücksicht aus die eigene Person vornahm, einer der größten Wohltäter der Menfck'*"üt. L. W.