Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 9 (September 1930)
- Date
- 1930-09-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdische Soldat Erinnerungen aus großer Zeit Nachstehenden Aussah geben wir mit gütiger Erlaubnis des Verfassers sowie des Herausgebers des „Jitticher Soniitagsblatts", in dessen' Ausgabe vom 6. Juli d. I. der Artikel erschien, an dieser Stelle wieder. Die Schristleitung. Es war in dem gewaltigen Ringen um die eiserne Festung Verdun. Jenes Kampfgelände, welches eine der größten Truppenkonzentrationen des großen Weltkrieges gesehen hat. Hier reihten sich Regimenter an Regimenter und ballten sich zu Armeen, mit dem Ziel, das Tor zu sprengen, welches den deutschen Truppen den Weg sreilegen sollte, um von dort die französische Front aufzurotten. Das Schicksal hatte es anders bestimmt. Die französische Zähigkeit und Tapferkeit ließ das Ziel nicht erreichen. Tausende und aber Tausende sanken todeswund nieder auf blutiger Wahlstatt. Solange Weltgeschichte berichten kann, so lange wird die Nachwelt staunen und trauern über ihre Söhne, die in diesem gigantischen Heldenkampfe verbluteten. Unser Regiment befand sich in der damals viel genannten Woevre-Ebene, welche als Vorgelände der großen Kampfhandlungen zu betrachten ist. Die günstige Lage, die wir schon längere Zeit in den stark ausgebauten Stellungen in ne hatten, war jetzt mit einem Schlage dahin. Ter Befehl hieß: Vorrücken auf der ganzen Linie! Es war eine naßkalte Februarnacht, als wir die geschützten Stellungen verließen und in das freie Gelände traten, welches die Franzosen bis vor wenigen Tagen noch im Besitze hatten. Wolfsgruben, spanische Reiter, mit Wasser angesüllte Granatlöcher, Stacheldraht in-, über- und durcheinander. Dazwischen uniformierte Skelette französischer Soldaten aus früheren Kämpfen, denen die brennende Sonne und der beißende Frost das Fleisch aus den Gesichtern verzehrt hatte. Unheimlich grinsten uns die gebleichten Schädel an, und es war, als stände darauf geschrieben: Momento möri! Leuchtraketen stiegen auf von hüben und drüben. In den Stacheldrahtverhauen knipsten die Scheren, um Wege zu bahnen. Unsere Artillerie bestrich oas Vorgelände. Feuerschein und Brandgeruch brennender Dörfer gaben der Nacht ein schauerliches Gepräge. In gedehnten Schützenlinien kanten wir einem Dorfe näher, welches still und ruhig vor uns lag. Die Franzosen waren abgezogen, denn von weither hörte man in den Augenblicken, wenn keine Granaten irgendwo in dem vor uns liegenden Gelände krepierten, das Rasseln der Fahrzeuge. Seitengewehr Pflanzt auf! Und hinein ging es durch menschenleere Straßen mit zerschossenen Häusern und bedenklich überhängenden Giebelmauern, weiter, immer weiter. Der Morgen dämmert schon, als wir eine größere Ortschaft vor uns sahen. Das Rattern der Maschinengewehre auf beiden Seiten setzte ein. In breiter Front kamen wir sprungweise näher, von Granaten und Kleingewehrfeuer eingehüllt. Hartnäckig wurde um den Ort gekämpft, denn die Franzosen saßen fest. Von unserer Seite kamen Verstärkungen heran. Endlich wich der Feind der Uebermacht. Die Sanitäter trugen im aufopfernden Beruf die Verwundeten zusammen. Wehrufe und Stöhnen ringsumher. Müde und abgespannt suchten wir die zum größten Teil verlassenen Wohnungen der Ortschaft auf, denn wir sollten nähere Befehle abwarten. Unser Zugführer, Leutnant B., trat an mich heran und sagte, wir sollten zu zwei Mann die verlassene Grabenstellung aufsuchen, um eine Mappe mit wichtigen Papieren, die dort zurückgeblieben war, abzuholen. .Hier würden wir wohl vorläufig bleiben, wenn nicht, dann sollten wir unverzüglich das Regiment wieder aufsuchen. Also zurück. In dem Gelände lagen die Toten starr und stumm. Man trug sie in Zeltbahnen zusammen, um irgendwo bestattet zu werden. Wir suchten hier und dort nach Freunden oder Bekannten, fanden nur einen. Merkwürdig, die Toten glichen sich fast alle und sind nicht leicht mehr zu erkennen. Wir mochten zwei Stunden weit gegangen sein, als plötzlich einige Granaten in unmittelbarer Nähe einschlugen. War es auf die anfahrenden Munitionskolonnen abgesehen, die in langer Kette sich vorwärtsschoben und jedenfalls durch Flieger verraten waren? Wir stampften weiter durch Schlamm und Morast, unserem Ziele zu. Das Feuer wurde stärker und nun suchten wir in einem vor uns liegenden tiefen Hohlweg Deckung. Eine kleine Abteilung bayerischer Infanterie mit einem Offizier befand sich schon in der Schlucht. Ich meldete dem Offizier meinen empfangenen Befehl. „Wenn euch inzwischen die Granaten nicht die Ohren vom Kopfe gerissen haben, dann kann euer Vorhaben ja gelingen!" meinte er lachend. Wir legten lins zu den anderen längs einer zienilich steil abfallenden Wand, welche mit allerhand Gestrüpp bewachsen war. In einer ausgefahrenen Wagenspur lag ein blutjunger toter Soldat, fast noch ein Kind. Eine ausfallende Leichenblässe bedeckte das schmale Gesicht, welches unter deni schweren Stahlhelm verschwand. Sein Soldblich, welches er in einer Tasche stecken hatte, lautete auf Musketier Johann Kader. Ein Waisenhauszögling war es, ein armer Schelln, der, nicht von elterlicher Liebe betreut,ins Feld gezogen war. von nieniand belveint lind betrauert wurde. Ein junger, kraushaariger starker Bursche bot mir ein kleines Stück Schokolade und eine Zigarette an, was ich dankbar annahm. Ter Gesichtstyp des jungen Soldaten verriet den Juden. Nach einigem Hinlind Herfragen sagte er mir, daß er Israelit sei und sich herzlich freue, seine Schwester bald wiederzusehen, die als Krankenpflegerin in einem Lazarett in der Nähe tätig sei. Nun zog er eine Mundharmonika aus der Tasche und entlockte ihr lustige Weisen, daß es llns hätte fröhlich stimmen können, wenn die Situation nicht gerade so furchtbar ernst gewesen lväre, denn das Feuer verstärkte sich gewaltig. Die Franzosen vermuteten lvahrscheinlich das Nachschieben von Trllppen. Glücklicherweise lag das Feuer abseits der Chaussee, sonst Hütte es in den dahinjagenden Munrtionskolonnen furchtbare Verheerlmgen angerichtet. Jedenfalls lag eine Falschmeldung französischer Flieger vor. Zirka 500 bis 600 Meter vor uns lagen mehrere Häuser an einem Hang, die scheinbarbewohnt waren. Da — eine Granate schlug vor die Häuserfront ein. Wie eilt Mückenschwarm wirbelten die Dachziegel durch die Luft. Zwei Soldaten stürzten ins Freie und fielen nach kurzem Laufe 31t Boden. Waren sie getroffen? Wir konnten es nicht sagen. Der jüdische Soldat neben mir sprang auf mit dem Rufe: „Herr Leutnant, ich versuche, die Armen aus dem Feuer herauszuholen!" — „Mensch, bist du verrückt geworden?" schrie ihn der Offizier -an. „In diesem Höllenfeuer, wo kein Mauseschwanz durchkommt!" Ein Sprung an der steilen Wand herauf, und schon war er int freien Gelände. Spannend verfolgten wir diese Szene. Jetzt bückte er sich zu den Dr. Karl Vossler (Geh. Rat u. Univ.-Prof., München): „Für mich als Nichtjuden hat die Juden frage nur die eine Beunruhigung: Wie werden wir die Schande des Antisemitismus los?“ EWEtMMMMBWBMiWM—HIMIIWWMI——————— beiden nieder, hob den einen vom Boden aus und trug ihn wie eilt Kind aus den Armen bis in unsere Stellung. Schweißtriefend und keuchend nahm er eilten Schluck aus der Feldflasche, und schon war er fort, den anderen zu holen. Ohnmächtig lag der arme'Verwundete in unserer Mitte, ein Granatsplitter hatte ihm das rechte Bein, zerschmettert. Schon bückte sich unser junger Held zu dem andern, da — ein Aufschlag neben der Gruppe. Eine Wolke von Erde und Steineil ging hoch, auf dem Bodenzuckende Körper, und sonderbar, tragische Ironie des Schicksals, urplötzlich verstuntmte das Feuer. Wir liefen nach der Stelle hin. Der andere Soldat lag mit zerschossener Brust tot im Gelände. Und unser Held, wie sah er aus! Ein Granatsplitter war ihm durch die Wangen gefahren, der Zunge und Unterkiefer abgerissen hatte. Ein tiefes Stöhnen und Röcheln drang aus feiner Brust. Vor uns auf den Straßen sausten die Sanitätsautos. Wir gingen mit unserem Schwerverwundeten zu dem Hohlweg zurück, nahmen den anderen Verwundeten von vorhin und trugen beide bis an die Straße. Auf das Winken des Offiziers vielt ein Auto an. Wir versprachen dem Offizier, beide Verwundete an das nächste Lazarett abzuliesern, weil oer Weg uns ohnehin dort vorüberführte. Eine weiße Fahne mit einem roten Kreuz auf einem Gebäude zeigte uns das Lazarett an. Autos kamen, vollgefüllt von Freunden und Feinden, die hier hilflos und stöhnend nebeneinander lagen, deren Augen suchend um Hilfe baten, während von den notdürftig verbundenen Körperteilen das rote, warme Lebensblut durch die Binden sickerte. Wir hoben unsere beiden Verletzten von dem Wagen, als eine große junge Krankenschwester an uns vorüberging. Wie ein elektrischer Schlag traf es mich. Nie hatte ich sie gesehen, und doch wußte ich auf den ersten Augenblick, daß es die Schwester des jüdischen Soldaten war, auf deren Wiedersehen er sich so sehr gefreut hatte. Der Gesichtstyp, die frappante Aehnlichkeit im Körperbau ließen keinen Zweifel mehr. Ich stürzte aus sie zu, doch die Worte, die ich sagen wollte, blieben mir im Halse stecken. Ich hielt sie beim Arme fest und winkte auf die Stelle, wo der Todwunde am Boden lag. Kaum hatte sie den Armen gesehen, da fiel sie mit einem grellen Aufschrei über ihn. „Benno, Benno!" rief sie, „ich bin bei dir, deine Schwester. Benno, sieh mich an, sterbe nicht, ich beschwöre dich, liebster Bruder, sterbe nicht, unsere Mutter stirbt gewiß, wenn du nicht wiederlehrst!" Hatte der Sterbende sie erkannt? Unartikulierte Töne, ein heiseres Gurgeln drang aus seiner Brust. Leichenblässe überzog feine Stirn, ein letztes Beben und Recken, der Tod hatte ihn von seinen schrecklichen Schmerzen erlöst. Ruhig lag er in den Armen seiner schluchzenden Schwester. Ein erschütterndes Bild. Selbst ein ergrauter Stabsarzt, der dabei stand, konnte sich der Tränen nicht erwehren. Die Seele des braven Soldaten aber schwang sich hinauf zu ihrem Schöpfer, von dem sie ausgegangen war, und der Herrreiche ihr die Krone des Lebens, denn wer sein Leben einsetzt für seine Brüder, der wird es erhalten. In den Annalen der Weltgeschichte steht die brave Tat des jüdischen Soldaten nicht eingetragen, aber auf seinem Grabe irgendwo in gallischer Erde Prangt ein unverwelklicher Jmmortellenkranz. Denn die Kränze der Helden sind unverwelkbar und werden einst grünend und blühend hinaufgetragen vor den Thron des Allerhöchsten. W. Inden.