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Central-Verein-Zeitung · 1930-09-01 · Heft 9 (September 1930) · page 8

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1930
Issue
Heft 9 (September 1930)
Date
1930-09-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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öS Protestanten, Katholiken un- ^uöen von tdberstu-ienrat Friedrich Schülen, Aör-lingen Es gibt wackere Leute, die glauben, daß der Antisemitismus bloß auS aufgelegter Dummheit' oder Bosheit der Menschen entspringe. Das ist falsch. Oder es ist nur soviel daran richtig, daß der Mensch irgendwie und an irgendeiner Stelle seines Wesens nicht klug und nicht gut fein muß, um in den antisemitischen Strom einzutauchen, sich von ihm mitführen zu lassen. Die eigentlichen Wurzeln des Judenhasses jedoch sind von so naturhafter Art, daß vor ihnen die Scheidung von gut und böse ihren Sinn verliert. Die Abneigung von Protestanten und Katholiken gegen die Juden (übrigens ist der Antisemitisnms eine weit mehr protestantische als katholische Sache) ist in Wurzel und Wesen ja nichts anderes als die Abneigung der Protestanten und Katholiken gegeneinander, wie heftig auch die Gleichsetzung von antisemitischer Seite bestritten werden mag. Man leugnet ja wohl auch ab, daß allgemein eine Abneigung zwischen Katholiken und Protestanten vor- "1 Händen sei. Und doch ist immer wieder die Tatsache zu beobachten: Es braucht ein Protestant noch gar nicht einmal kirchlich gesinnt zu sein, . er braucht nicht engherzig und zum Fanatismus veranlagt zu sein: das Wissen darum, daß der andere katholisch ist, auch wenn diesem anderen ebenfalls die ausgesprochene Kirchlichkeit und der Fanatismus fehlt, ruft im Herzen des Protestanten — man möchte sagen: ganz selbstverständlich — ein gewisses Gefühl der Fremdheit, des Gegensatzes, der Abneigung hervor. Ja, der Protestant wirft, auch wenn das nicht in der Oeffentlichkeit geschieht, ganz allgemein dem Katholiken eine Neigung zur Falschheit vor. Dem Katholiken geht es mit dem Protestanten ganz ähnlich. Und wenn es gar so ist, daß der eine dem anderen seine Konfesstonszugehörigkeit ohne weiteres am Gesichte abfieht, dann ist das Gefühl des Gegensatzes und der Abneigung erst recht da.*) Und damit handelt es sich dann, gewissen Gedankerrgängen zufolge, zwischen Protestanten und Katholiken nicht mehr um bloße Verschiedenheit des Bekenntnisses, sondern um eine Art Rafsenverschiedenheit. Ganz gleich, ob man bei der Scheidung der Protestanten und Katholiken in Deutschmnd bzw. inder Welt von vornherein einen Rassengegensah wirksam glaubt oder ob man aus der Scheidung der Bekenntnisse allmählich eine Rassenscheidung erwachsen steht. Was in dem Christen bzw. Antisemiten gegenüber dem Juden vorgeht, das ist grundsätzlich und wesentlich nichts anderes, es sind die gleichen Regungen; wie zwischen Protestant - und Katholik. Die Ausprägung des Unterschiedes 'm der Gesichtsbildung, im Körperlich- Rassischen, ist dort größer und allgemeiner als hier. Wäre aber das Wissen um die Religions-- und Sittenverschiedenhett, um die Zugehörigkeit zu einer anderen Religions- und Sittengemeinschaft nicht da, die sichtbare körperliche Verschiedenheit würde kaum eine Wirkung auf die Gemüter haben. Wie viele Menschen gibt es bei *) Wir haben unseren Mitarbeiter Dr. Müller- Elaudius um Stellungnahme zu dieser Behauptung Dr. Schülens von dem Gefühl des Gegensatzes zwischen Protestanten und Katholiken gebeten. Herr Dr. Müll L r - E 1 audius schreibt uns: „Es ist nichts weiter als «ine Erscheinung dev psychologischen Grundgesetzlichkeit, daß Berufe den Menschen,, seine Züge, seine Haltung, seinen Gang irgendwie prägen, — und zwar um so mehr, je mehr die Berufsausübung dem Wesen des Menschen entspricht. Der Geistliche — der Richter — der Generaldirektor — der Rittmeister — irr wem stellen sich nicht beim Lesen dieser Worte alsbald ganz bestimmte, abgegrenzte, aus der Erfahrung stammende Vorstellungen ein?i Nicht minder stark kann die prägende Kraft der Konfession sein. Konfessionen stnd ja nicht gufallsgebild^. sondern ste sind Symbole tiefer psychischer und historischer Differenzierungen. Der Seelenkenner kann deshalb vekmntllch sehr oft intuitiv und zutreffend in einer Vielheit von Menschen das spezifisch katholische Gesicht wie das spezifisch protestan. tische Gesicht bezeichnen." Die Schriftleitung. uns, die ausgesprochen mongolischen Typus zeigen. Niemand hat grundsätzlich und allgemein gegen sie eine Abneigung. Sobald sie aber eine von ims abgeschiedene Sitten- und Religionsgemeinschaft bilden würden, wäre auch die Abneigung ünd vielleicht der Haß da. Und es träte auch ihnen gegenüber (wie heute gegenüber den Juden) die menschliche Neigung in Wirksamkeit, daß man Züge, die an einzelilen Mitgliedern der anderen Gemeinschaft aufsallen, schnellfertig verallgemeinert und sie zu für die ganze Gemeinschaft charakteristischen Merkmalen erhebt. — Wenn die Dinge anders lägen, wie würden es dann antisemitische Kreise ertragen, daß unter ihnen nicht selten ansgesprochen jüdische Gesichter und Gestalten als antisemitische Agitatoren anstreten? Alle Welt würde sich dieser Agitatoren schämen, wenn wirklich die physisch - rassenmäsiige Verschiedenheit zwischen Juden und Christen den Antisemitismus vestimmen würde. Trotz aller grundsätzlichen Gleichheit ist freilich die Abneigung gegen die Juden stärker und bedeutungsvoller als die gegenseitige Abneigung von Protestanten und Katholiken. Warum ist sie das? Einer der Gründe dafür tst in dem Gesagten schon angegeben. Nicht wenig macht auch der Umstand aus, daß durch die geschichtliche Entwicklung bei uns die Juden wirtschaftlich, gesellschaftlich, politisch in eine Sonderstellung hineingedrängt worden sind, die allerlei Angriffspunkte bietet. Das Angreifbarste dabei wäre freilich der Umstand, daß die Söhne derer, welche die Entwicklung bewirkt und die Hineindrängung vorgenommen haben, nicht ihre eigenen Väter, sondern diejenigen verurteilen, welche der Hineindrängung unterliegen mußten. Der wichtigste Grund aber ist der menschliche Wille, der die eine 'Abneigung kleinschweigt und die andere großschwätzt. Der Zwischen Protestanten und Katholiken bestehenden Abneigung wird sich der einzelne oft gar nicht bewußt. Sie wird ihm durch keine öffentliche Propaganda ins Bewußtsein gehämmert oder gar zur Pflicht gemacht. Man muß sich vielmehr fast genieren, uur so viel von ihr zu reden, als hier geredet wird. Infolgedessen bleibt sie eine schwache Regung, die das Verhältnis zwischen dem einzelnen Katholiken und Protestanten gar nicht wesentlich bestimmt, sondern von anderen Regungen dauernd zur Seite gedrängt und überdeckt wird. Woher aber kommt der Wille, die Abneigung Zwischen Protestant und Katholik kleinzuschweigen? Er stammt sozusagen vom Dreißigjährigen Krieg her. Er stammt daher, daß wir in recht nachdrücklicher und schmerzhafter Weise die Erfahrung gemacht haben: die andere Religions- Partei ist eine Macht, die wir achten und mit der wir in Frieden leben müssen, wenn wir nicht unser eigenes Leben und unsere eigene Wohlfahrt zerstören wollen. — Von den Juden aber kommt bei uns nur einer auf hundert Christen. Die stnd also keine Macht. Wo aber die „Realpolitik" keine Macht sieht, da braucht sie auch kerne Achtung vor dem Persönlichkeitsrechte der anderen zu haben. Eine kleim Minderheit kann man ruhig malträtieren. Von so einer Minderheit ist's überhaupt schon eure unerlaubte Anmaßung, anders fern zu wollen als wir; die müßten sich einfach der Mehrheit fügen. Denn die Mehrheit hat das Rechts wenigstens wenn wir dabei sind. Sonst ist sie freilich der Unsinn. Und insbesondere hat die Minderheit kein Recht, irgendwie durch Verstand und Rührigkeit aufzufallen. Das stört die Gemütlichkeit, wie jHer weiß. Und eine solche Störung kann man, wenn man die mehreren Fäuste hat, durch Gewaltmaßregeln schon beseitigen. Ob das freilich etwas hilft, wenn man auf» zeigt) welch unritterlichen Instinkten der Antisemitismus großenteils seine Stärke verdankt? — Ach, es hilft wohl auch nicht mehr, als wenn man darauf hinweist, wie schreiend ungerecht das ist, so zu tun, als sei nun einfach der Jude ein übler Mensch und im Vergleich mit ihm der Christ ein besserer Mensch. Was ist das v o n u n 8 C h r isien für erne § Ynische Ueberhebung! Wo es unter uns Christen doch, wie es jede Kriminalstatistik ausweist, genug üble und übelste Menschen gibt, so übel als nur irgendein Jude sein kann! Es läßt sich mit Tatsachen und Gründen überhaupt so wenig ausrrchten. Die meisten Urteile in inenschlichen Angelegenheiten sind ja gar nicht auf Tatsachen und Gründen ausgebaut, sondern stnd prälogisch, gefühlsmäßig entstanden. Und die Logik wird erst Hinlennach bemüht, um das bereits festgelegte Urteil zu rechtfertigen. — Es ist ja an sich durchaus natürlich, daß unsere Urteile gerade über menschliche Angelegenheiten meist aus Gefühl und Instinkt herauswachsen. Leben — das heißt: immer wieder genötigt sein, sich sofort Urteile zu biwen und pwktifchö Ent-< schlösse und Handlungen darauf, zu bauen,'ohne daß man vorher, Zeit und Raum hätte, genaue Beobachtungen und logische Ueberleguugeu anzustellen. Aber das Gefühlsurteil hat nur solange ein Geltungsrecht, als seinGefühlsgrund und sein Jnstinktgrund rein sind, d. h. ungetrübt von Gehässigkeit, Habsucht, Eitelkeit, von Gewohnheit und Herzenstragheit, von Mangel an Erfahrung und Verstandesschärfe. Die meisten unserer Gefühlsurterle aber wachsen aus keinem genügend reinen Grund. Sie find getrübt von der Mangelhaftigkeit alles Menschentums, von der unser keiner völlig frei ist. Sie müssen eben darum immer wieder geprüft und korrigiert werden an aufstoßenden Tatsachen und logischen Schlußfolgerungen. Die woraNsche MH igfeit und Bereitschaft zu fplcher Korrektur ist das, was den anständige« Menschen ansmacht. Sie ist ein Stück Selbstverleugnung, ein Stück Askese, Anteror-- nnng der eigenen Begierden unter das Gebot der Wahrhaftiük^it nnd seelischen Reinheit. So viel Selbsterkenntnis und Demut müßte jeder haben, daß er von der eigenen Mangelhaftigkeit, von der eigenen Erbfündigkeit weiß und eben darum in; fernem Handeln die Pflicht anerkennt.^ an ausstoßenden Tatsachen und logischen Schlußfolgerungen nicht vorüberzulausen, sondern in ganz redlichem Benrühen sich erst mit ihnen auseinanderzusetzen, bevor er den Weg seines Gefühlsurteils weitergeht. Und man müßte, wenn man ein C h r i st fein will, so viel Achtung vor der unsterblichen Seele des anderen — man müßte, wenn man ein Deutscher fein will, so viel Achtung vor der Seele desVolksgenvsfen haben, daß einem die Bereitschaft dazu leicht fiele. Und doch redet man gerade da, wo die Abneigung gegen die .Juden zum ungerechten mrd törichten Haß großgeschwätzt wird, besonders viel von christlichen wie von nationalen Idealen. — Ich gestehe: immer wieder, wo die Menschen so laut und leidenschaftlich von solchen Idealen reden, verfalle ich der Versuchung, zu glauben, sie müßten das doch auch wirklich meinen, was sie sagen, und ich kann mich einfach nicht darin zurechtsinden, daß es ihnen tatsächlich und öffenbar m ihrem handelnden Leben damit gar nicht ernst ist. Verlag: Eentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens e. V., Berlin SW 68, Lindenstr. 13. Hauptfchriftletter: Dr. Ludwig Holländer. Verantwortlich : Dr. M a r g a r e t e E.b e l h e i m. Beide Berlin SW 68, — Druck: Rudolf Mo sse, . Berlin SW 100..

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