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Central-Verein-Zeitung · 1930-09-01 · Heft 9 (September 1930) · page 6

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1930
Issue
Heft 9 (September 1930)
Date
1930-09-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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-H Uellnerhabenrotetzaare In der „Deutschen Allgemeilien Zeitung" vom 24. August wendet sich Dr. Friedrich Lauge in einem Aufsatz „Wir Reichsdeutsche bitten..." gegen die Verallgemeinerungssucht, die das Verhältnis ' -zwischen Oesterreicheru und Reichsdeutschen trübt. Dr. Lange schreibt unter anderem: „Werft, liebe Volksgenossen von Donau, Drau und Inn, uns nicht alle in einen Topf! . . . Es gibt keinen Normaltyp des Oesterreichers (bei 6,5 Millionen) und ebensowenig einen Normaltyp des Reichsdeutschen (bei 65 Millionen). Wenn einem von euch ein Mann in Adorf oder ein junges Mädchen in Ihausen etwas Schnippisches oder etwas Verletzendes sagt, so rügt es — aber ihr könnt doch bei ruhiger Neberlegung selbst kaum sagen, daß danach die 65 Millionen Volksgenossen beurteilt werden dürfen! Ihr kennt doch die Geschichte von dem englischen Reisenden, der im Kaffeehaus am Kärntnerring von einem Kellner mit roten Haaren bedient wurde und in England schrieb: ,Jn Oesterreich haben die Kellner rote Haare...* '' .... Falsche Verallgemeinerungen trüben unseren Brüdern und Schwestern in Oesterreich häufig den Blick für das im Reich Geleistete." Dieses Beispiel läßt sich ohne weiteres auch gegen die judenfeinduchen Verallgemeinerungsmethoden ausnutzen! die jüdischen Mitschüler uns minderwertig erschienen wären, das gab's einfach nicht. Erst von außen wurde der unselige Zwiespalt von heute in die Jugend getragen, erst von außen ihr die Unbefangenheit genommen, erst von außen wurden Scheidewände aufgerichtet, die sie trieben, Gegensätze zu schaffen, nicht aber Gemeinschaftlichkeit zu suchen. Es wäre eine dankbare Aufgabe, zu untersuchen, wie weit die heutigen Zersetzungserscheinungen sich auch bei Gruppen finden, die sich dem Sport und ernsthafter unpolitischer Gemeinsamkeit ergeben. Wo ist heute jene jugendliche Unbefangenheit, die in jedem nur den deutschen Bruder sieht? Wie erstaunlich ist es, daß Perser, Türken und Afghanen, die deutsche Schulen besuchen, von gewissen Mitschülern vorurteilsloser betrachtet werden als jüdische deutsche Schüler, und wie ist es denkbar, daß z. B. in einer P o t s d a m e r höheren Schule eine Jüdin vier Jahre die oberen Klassen besuchen konnte, ohnedaßeinzelneihrerMitschüler, die neben ihr saßen, auch nur ein Wort mit ihr gewechselt hätten? All das ist nur erklärlich daraus, daß gewisse Eltern und Außenstehende in der Jugend die geeigneten Objekte sahen, um natürliche Leidenschaftlichkeit ganz zum Ueberkochen zu bringen. Man hat früher als Lehrer und Leiter der verschiedensten Schularten niemals Verfallserscheinungen beobachten können, wie sie heute sich Zeigen, Die Schule war früher für die Jugend gemeinsames Schicksal, vielleicht, zu sehr abgesondert und den soziologischen Beziehungen nicht Rechnung tragend; jetzt ist sie oft genug der Tummelplatz zersetzender Bestrebungen geworden, die von politischen Parteidesperados aufgestachelt als Fiktion vaterländischer Gesinnung unter Vereins- und Parteiabzeichen nichts als Differenzierungen schaffen. Niemand schalt früher auf das „Alte Testament", wenn auch oft seine überstarke Betonung int. Unterricht als Theologenvorliebe betrachtet würde. Heute gehört es fast zum guten Ton, es zu schmähen, weil es zu viel von. den „ollen Juden" berichtet. Die Jugend überließ die Auseinandersetzung mit dem Erlernten der Nachschulzeit — es hätte anders sein können —, heute aber hat man jugendlicher Kritik das Feld fast bis zmn Uebermatz überlassen. Am schlimmsten jedoch: Mau macht die heutige Jugend glauben, die Welt sei früher viel schöner gewesen; man zwingt sie, die in ihrer jugendlichen Zukuuftsfreudigkeit ohnehin in die Zukunft drängt, in Verehrungen hinein, die ihre Maßstübe lediglich aus dem Gestern nehmen. Und inan lehrt sie — welch seelischer Widerspruch! das Heute ebenso abzulehnen!vie das Morgen, das sich darauf aufbaut. Diese Jugend voll ätzender Kritik schwört kritiklos und blind auf die Worte ihrer Hetzer. Sie wird von ihren Führern mit Gefühlen berauscht, so daß sie nichts klar und richtig erkennen kann. Aus den Großtaten jugendlicher Kriegsteilnehmer leitet sie das Recht ab, nun selber eigene Forderungen gegen einsichtige Staatspolitik stellen zu können. Sie, die noch Säuglinge w'aren, als das furchtbare Geschehen jene hinwegraffte, halten sich für berechtigt, die Gefallenen zu Schwurzeugen für die Berechtigung ihrer unreifen Ansichten zu beschwören. Die herrschende Helden Verehrung n i m m t alle M a ß st ä b e nur aus der Vergangenhei t. Dieser Jugend ist der heutige Staat nichts, weil sie nicht erkennen, daß er anders sein muß als der frühere, und daß Gewalt nur wieder Gewalt gebären kann. Noch keine Zeit Deutschlands kannte eine solche Roheit, keine eine solche Verhöhnung verehrungswürdiger Stätten und Einrichtungen: Grabmalsschändung, Tempelbeschmützen ist Selbstverständlichkeit. Wer den Maßstab für den Wert aller Erziehung darin sieht, wie sich jeinand zu Andersdenkenden verhält, steht beschämt und betrübt vor diesen Erscheinungen. In dem Auftreten dieser Jugend ist die Forderung der Weimarer Verfassung nach der Betätigung in staatsbürgerlicher Gesinnung fast zmn Gegenteil geworden: Verletzung religiöser Empfindungen ist an der Tagesordnung. Man steht aber nicht mutig zu seiner Tat, sondern deckt sich feige hinter leeren Ausflüchten, wenn die Strafe droht. Man wälzt die Schuld fürangeblich unerträgliche Zustände im Staat aus die Alten, die versagt haben sollen, und behauptet z. B., es sei zur Zeit nach den Freiheitskriegen bei den Jnhnschen Turnern ebenso gewesen. Mit Nichten! Damals handelte es sich nicht um Schuljugend, sondern um Männer, die im Freiheitskampf gestanden hatten. Die völkische Jugend unserer Schulen und Hochschulen wird von gewissenlosen Hetzern geradezu auf Abwege getrieben, die sie — wir haben Beispiele genug — in ihrem Leben scheitern lassen. Den völkischen Schülerbünden hat das Schwanken der Unterrichtsbehörden, man möchte fast sagen, sogar noch die Wege geebnet. Es ist die ungeheure Tragik dieser Jugend, daß sie keinen richtigen Helfer und Leiter hat. Sie versteht die Freiheit nicht, die ihr zu teil geworden ist. Sie verkennt die Größe der Leistungen des neuen Staates in gehässiger absichtlicher Verkleinerungssucht, sie will die ethischen Werte unserer Verfassung nicht gelten lassen. Der Neu-Ausstieg unseres Volkes ist ihnen nichts. Und die Männer, die. ihn schufen, sind ihnen als ..Undeutsche" verhaßt. Es soll einmal ausgesprochen werden, daß an diesen Zuständen der neue Staat jum Teil selb st die Schuld trug. Er überließ die Jugend sich selbst; man bastelte an der alten Erziehung etwas herum, faud aber für den neuen Staatsgedanken keine der Jugend konformen Wege; man übersah, daß man gegen einen überalterten Patriotismus anzukämpfen hätte und daß die Jugeud hinausgeftthrt werden mußte, — genau wie der neue Mensch uuserer Zeit — über das National-Enge. Die Jugend versteht nicht die wirtschaftlich-internationalen Bestimmtheiten, die ins Allgemein- Menschliche hineindrüngen; sie denkt nur innerhalb der Grenzen und Stände des eigenen Volkes. Das Zeitalter der Aetherwellen reißt alle die Völker zueinander. Der schwerste Kampf der Jugend von heute richtet sich gegen die kommende neue Zeit, weil sie nicht begreift, daß in der enger gewordenen Welt das von ihr verehrte Alte unrettbar verloren ist, wenn es nicht —- soweit wertvoll — auch der Grundstein des Neuen sein soll. Besonders die staatsfeindlichen Parteien haben sich an diese Jugend herangemacht mit der Begründung, daß die jungen Leute im Alter von 20 Jahren doch für ihr Wahlrecht durch politische Beeinflussung vorbereitet werden müßten... so begründete erst kürzlich ein Staatsanwalt das Verhalten völkischer Führer. Ohne irgendwelche Sicherheiten gegen Ueberschreitungen. der Verhetzungen sind sie den Demagogen ausgeliefert; der Staat übersah, daß keine Demokratie gedeihen kann, wenn sie nicht durch einen Tropfen aristokratischer Gesinnung gesalbt wird. Die griechischen Demokratien gingen zugrunde, weil ihre eigenen Anhänger zuletzt jede aristokratische Gesinnung vermiflen ließen. Der heutigen Jugend, besonders der völkischem ist demokratische Staatseinrichtung lediglich daS Recht, sich beliebig ausleben zu dürfen und unbeschränkte Freiheit zu haben. Man kann im Hinblick auf die Auswirkungen dieser Freiheiten wirklich fast fragen, ob das frühe Wahlalter von 20 Jahren als ganz gerechtfertigt bezeichnet werden kann. Der Staat hat es gegeben, ohne in die große „Jugendwüste" (Dörpfeld) die tiefgreifende staatliche Jugendpflege und. die neue Ausbildung der Erwachsenen in Pflichtvolkshochschulen als Sicherheiten für staatsbürgerliche Erziehung seines Staatsvolkes einzubauen. Es wird ernstlich zu prüfen sein, ob nicht hier innenpolitisch zu allererst nachdrücklichst zu Helsen ist, denn schließlich scheitert die Macht jeder Phrase an der größeren Reife des Staatsvolkes. Noch ist die Schule viel zu sehr Unterrichtsanstalt und kaum noch staatsbürgerliche Erziehungsanstalt. In den krampfartigen Erschütterungen unserer heutigen Jugend spiegelt sich die Zer-, rüttung unserer ganzen Zeit und der Erwachsenen. Weil die erwachsene Gegeuwartsgeneration selbst keine innere Geschlossenheit besitzt, hat sie nicht die Kraft, der Jugend Führer und Berater zu sein. Man hat das Wort vergessen „summa ckedetur xuerv reversntia". Weil so - viele Erwachsene selbst keine Ehrfurcht vor Idealen und vor der Art anderer haben, vermögen sie auch nicht, die Kindesnatur zu achten. Möge die deutsche Menschheit wieder zurück^ finden zu der Ehrfurcht, die sie einst vor dem Kinde beseelte. Auch im Volksstaate ist das notwendig. Vergeht es nicht: summa cksdetur puero revsrentia! Daß dies Wort vergesien würde, wurde der Jugend, zur Tragik. “

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