Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 9 (September 1930)
- Date
- 1930-09-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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firn -em Wahlkampf Roch, Rübe, Münchmeper usw. So soll ihre Keichslagsfraktion nussehen I Der „Völkische Beobachter" gibt in seiner Ausgabe vom 24. bis 26. August 1930 unter der pompösen Ueberschrift: „Die ReichStagskandrdaten des kommenden Deutschlands" die nationalsozialistischen Kandidatenlisten verschiedener Wahlkreise bekannt. So führt in Ostpreußen der wiederholt vorbestrafte Gauleiter Erich Koch die Liste, ern früherer .Eisenbahnbeamter, der am 30. August 1928 von der Neichsbahndirektion Elberfeld wegen unerlaubter Dienstentferuung, fortgesetzten Ungehorsams und schwerster Beleidigung und Herabwürdigung eines Amtsvorstandes entlasten wurde. Für den Wahlkreis Frankfurt a. d. O. kandidiert der preußische Landtagsabgeordnete K u b e. Er hat eine bewegte politische Laufbahn hinter sich. Während des Krieges war er bei den Deutschkonfervat i v e n, dann bei den D e u t s ch nationalen. den D e u t s ch v ö l k i s ch e n, der Nationalsozialistischen Freiheitsbewegung, der Deutsch sozialen Partei Knüppel-Kunzes und den Völkischsozialen. Obwohl Hitler selbst in „Mein Kampf" auf Seite 68 erklärt, daß ein Führer, der die Plattform seiner allgemeinen Weltanschauung verläßt, aus Anstandsgründen „der öffentlichen Ausübung einer weiteren politrschen Tätigkeit entsagen müßte", spielt Kube seit etwa zwei Jahren in der NSDAP, eine führende Nolle. Dabei hat' er kurz vor seinem Uebertritt zur Partei einen erbitterten Kamps gegen die Nationalsozialisten geführt. Die Plakate seiner Versammlungen trugen damals den Vermerk: „Juden und Nationalsozialisten ist der Zutritt verboten." Auch hat sich Kube in einem Brief an den Berliner Polizeipräsidenten vom 13. September 1926 über das nationalsozialistische Rowdytum beschwert. Für Berlin und Potsdam II führen Goebbels und Go eh ring die Liste, dann folgen Z)r. L o e p e l m a n n und Dr. Fabricius, zwei Beamte, die wegen ihrer hemmungslosen nationalsozialistischen Agitation den Dienst quittieren mußten. Im Wahlkreis Halle-Merseburg folgt an zweiter Stelle auf den Abgeordneten S t ö h r der Gauleiter Hinkte r. Dieser wurde wegen geistiger Unzurechnungsfähigkeit aus dem Staatsdien st entlassen. Kreise seiner eigenen Partei haben gegen ihn in Frey bürg a. d. Unstrut ein Flugblatt verbreitet. Darin wird Hinkler vorgeworfen, daß er zwar anderen den Grundsatz „Gemeinnutz geht vor Eigennutz" predige, selbst aber nicht danach handle. In Hessen-Darmstadt endlich steht Herr M ü n ch m e y e r an der Spitze, er läßt sich auch im „Völkischen Beobachter" wieder zu Unrecht als Pfarrer bezeichnen, obwohl das evangelisch-lutherische Lande 8 k i rch e n a m t. wie erinnerlich, im Februar 1929 feststellte, daß er kein Recht znr Führung dieses Titels mehr habe. Das Schöffengericht Emden stellte über Münchmeyer fest: 1. Er habe sich wiederholt an Frauen herangemacht und „tttftffe es sich gefallen lasten, daß er als falscher Priester bezeichnet werde". 2. Er habe sich wider besteres Misten als Arzt ,„rd Jurist auSgegebeu, obwohl er nie Jnra oder Medizin studiert habe. „Das sei eines Geistliäieir durchaus unwürdig." 3. Er habe verwerflitl)eu Terror gegen seine eigenen Pfarrkinder anSgettbt. 4. Er habe unter der lächerlichen Ausrede, eine Narbe am Körper eines Mädchens kontrollieren zu wollen, unsittliche Berührungen vorgenommen. 5. Er fei „nach Art alter Klatschweiber" hernmgegangen, um eine einwandfreie deutsche Familie zu verleumden. Münchmeyer ist infolge seiner hetzerischen und verleumderischen Agitation — wie auch in diesen Blättern gemeldet wurde — wiederholt vorbest rast. * Die ersten zwölf Plätze auf der Neichsliste uehnien die bisherigen nationalsozialistischen Nerchstagsabgeordneten ein; dann kommt der Chefredakteur des „Völkischen Beobachters" Rosenberg. An ihn richtete der zukünftige Fraktionskollege Go eh ring im „Nationalen Sozialist" vom 10. 8. 1930 die Frage: „Der Kerl soll nur endlich sagen, was er während des Krieges in Paris gemacht hat?" Außerdem teilt die jungdeutsche Monatsschrift „Der Meister" (Heft 7 vorn April 1930) auf Seite 311 mit, daß Rosenberg dreimal den Kriegsdienst verweigert habe. Nur zwei Arbeiterkandidaten sind auf der nationalsozialistischen Reichswahlliste ausgestellt, der eine an 19., der andere an 28. Stelle. Dafür kandidieren der Fememörder Heines und der durch seine pornographische Hetzschrift „Judengier und deutsche Frauenehre" bekannte nationalsozialistische Agitator Gengler, ferner der frühere nationalsozialistische Reichstagsabgeordnete Dietrich, den das Koburger Amtsgericht am 1. Mai d. I. wegen Verleumdung zu 400 Reichsmark Geldstrafe verurteilte. Dietrich hatte ein gehässiges und mit Unwahrheiten gespicktes Flugblatt gegen die Koburger Sozialdemokratie herausgegeben. Zur Rechenschaft gezogen, leugnete er so lange, bis er durch Vorlegung des von ihm handschristlich hergestellten Flugblattentwurfs überführt wurde. In der Urteilsbegründung stellte das Gericht u. a. fest, Dietrich habe bewußt unwahre und verletzende Behauptungen veröffentlicht, seine Kampfesweise sei niedrig, schmutzig und abstoßend. Dietrich hat übrigens eine lange Vorstrafenliste aufzuweisen. Auch unter den bisherigen und wieder ausgestellten Reichstagsabgeordneten der NSDAP, sind manche in der letzten Zeit in peinliche Affären verwickelt worden. So läßt sich Dr. Goebbels von dem früheren nationalsozialistischen Schriftleiter M off akowsky öffentlich als „abgefeimter Lügner" bezeichnen, ohne sich deswegen zur Wehr zu setzen. Der nationalsozialistische Neichstagskandidat S t o e h r war es, der durch seinen unbegründeten Einspruch gegen die Vornahme der dritten Lesung im Oktober 1927 die Erledigung einer Vorlage über bessere Unterstützung der Saar-Rentner verhinderte und somit dafür verantwortlich ist, daß die Saar-Rentner monatelang auf die ihnen zugedachten Beihilfen warten mußten. Gregor Straffer mußte erst in den letzten Tagen wieder die Hemmungslosigkeit seiner Agitation mit drei Monaten Gefängnis und 1400 ReichsmarkGeldstrafe büßen, wahrend er im Januar dieses Jahres in zwei Prozessen zu sechs Monaten Gefängnis und 600 Reichsmark Geldstrafe verurteilt wurde. Seine Klage gegen das „Berliner Tageblatt", das ihn als Demagogen bezeichnet, hatte, blieb erfolglos. Graf Reventl.ow, der an neunter Stelle der Reichsliste erscheint, wurde von Adolf Hitler in seiner Unterredung mit Dr. Otto Straffer am 31. Mar dieses Jahres als „alte r Nt a n n und h o f f n u n g s l o s e r Fall" bezeichnet, wofür dieser sich revanchierte, indem er seinen Herrn und Meister als „politischen Jules Verne" kenn» zeichnete. Trotz dieser Kontroversen aber steht er heute noch pro korma zu Hitler, wenn er auch nach unwidersprochenen Pressemitteilungen eng mit den Revolutionären Nationalsozialisten zusammenarbeitet. Das wirkt um so wahrscheinlicher, als Neventlow schon seit 1923 wiederholt eine ausgesprochen kommunistenfreundliche Haltung gezeigt hat. An sechster Stelle steht der bisherige Abgeordnete Feder, der in seinem Wahlkreis Chemnitz-Zwickau von der Spitze verdrängt wurde und dort mit dem vierten Listenplatz vorliebnehmen mußte. Seine „Brechung der Zinsknechtschaft" soll allmählich sogar Adolf Hitler zu toll geworden sein. Interessant ist, daß Feder die erste Auflage seines „Manifestes zur Brechung der Zinsknechtschaft" mit den Worten „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!" schloß. In den späteren Auflagen, die aber immer noch die Sozialisierung des Hausbesttzes fordern, hat Feder diesen „marxistischen" Satz weggelassen, wie er überhaupt heute zur Korrektur seiner „Jugendsünden" neigt So hat er ja auch in den neuen Auflagen seines Kommentars zum nationalsozialistischen Programm die Forderung nach Wiedergewinnung Südtirols g e st r i ch e n. Den fünften Platz der Neichsliste nimmt der bisherige Abgeordnete Hauptmann a. - D. G o e r i n g ein. Er ist zwar durch das nationalsozialistische Programm verpflichtet, mit dem Leben für seine politischen Ziele einzustehen, und erklärte noch am Abend des 8. November 1923, vor dem Hitler-Putsch: „Ein Lump, nicht wert, ein Deutscher zu sein, der in diesen Tagen deutscher Abrechnung an sich denkt. Jetzt gilt es zu siegen oder zu sterben." Aber er zog doch vor, am 9. November in einem Auto versteckt über die Grenze 31t flüchten. Bezeichnend ist übrigens, daß die „Arbeiterpartei" in keinem Wahlkreis einen Arbeiter als Spitzenkandidaten aufgestellt hat. In Baden kandidiert überhaupt kein Arbeiter, ebensowenig in den Wahlkreisen Halle-Merseburg, Frankfurt-Oder und L i e g n i h. In den übrigen Wahlkreisen sind Arbeiterkandidaten fast durchweg erst an aussichtslosen Stellen der Liste (5. und 6. Platz) zu finden. Line Lüge, die nicht aurstirbt Für Freitag, den 22. August, lud ein Plakat der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei zu einem Vortrag von Julius Streicher mit dem Thema „Volkszerstörer Alljuda" ein. Die besondere Aufmerksamkeit verdient das Zitat von einem angeblichen Juden Landau, der erklärt habe, daß die Juden aus der Straße totgeschlagen würden, wenn man wüßte, was sie während des Krieges getan hätten. Dieses Zitat beweist die Fälschungstaktik der Nationalsozialistischen Partei. Wie authentisch nachgewiesen wurde, tauchte diese Fälschung im Anschluß an einen Ausspruch des unabhängigen Sozialisten Leo Bernstein aus. Bernstein sagte in einer Berliner Versammlung aus, daß er durch Zufall antisemitisches Agitationsmaterial während der Novemberrevolution zu Gesicht bekommen hätte, dessen Derösfentlichung verhindert worden sei. Märe dieses Material veröffentlicht worden, so wäre es Bernsteins Ansicht nach zu Pogromen gekommen. Es steht also erstens fest, daß die Nationalsozialisten aus Bernstein einen Juden namens Landau gemacht haben. Es steht zweitens fest, daß die Nationalsozialisten antisemitisches Agitattonsmatericst gemäß ihrem Zitat in ein jüdisches Selbstbekenntnis umgefälscht haben. Diese lügenhafte Methode wollten wir zur Kenntnis bringen.