Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 9 (September 1930)
- Date
- 1930-09-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Wer entsittlicht das deiMe Bell? Eine Antwort an den .Völkischen Neobachtor" In Nr. 20 der „C. V.-Zeitung" hatte Dr. Ludwig Holländer, der Direktor des Centralvereins, dem Minister Frick, auf dessen Behauptung hin/daß „die Entsittlichung des deutschen Volkes von rassefremden Elementen, nämlich den Juden, ausgehe", den Vorwurf der Verleumdung gemacht, falls Frick nicht Beweise für seine Behauptung erbringe. Frick hat geschwiegen. Für ihn springt nun der „Völkische Beobachter" ein, indem er in der Nummer vom 10./11. August sogenanntes Beweismaterial für „die Entsittlichung des deutschen Volkes durch das Judentum" veröffentlicht und diese Veröffentlichung ausdrücklich als eine Antwort an die „C. V.-Zeitung" kennzeichnet, der er sein Material zum honorarfreien Abdruck zur Verfügung stellt. Trotz der verlockenden Aussicht auf die billige Mitarbeit des „Völkischen Beobachters" können wir dem Wunsche des nationalsozialistischen Blattes aus Rücksicht auf unseren beschränkten Raum nicht Nachkommen. Aber den Inhalt seiner Anklagen wollen wir gewissenhaft wiedergeben, wobei nur uns nur gestatten, eine Umgruppierung der einzelnen Punkte vorzunehmen. Nr. 1. Ungarn wurde der — wirklich oder angeblich — jüdische Landesverräter Baron Ludwig H a t v a n y wegen Beschimpfung des Landes zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt. Gegen dieses Urteil protestierte eine Anzahl von Gelehrten und Schriftstellern, darunter auch die „Juden" Gerhart Hauptmann, Thomas und Heinrich Mann, Fritz von Unruh, Linelair Lewis. Das Urteil wie auch die Motive des Protestes stehen hier nicht zur Diskussion. Wohl aber drängt sich uns die Frage auf, was diese ungarische Angelegenheit und der Protest jüdischer und nichtjüdischer deutscher Intellektuellen mit der deutschen Sittlichkeit oder Unstttlichkeit zu tun haben soll. Nr. 8. Im Jahre 1927 hat das Berliner „12 Uhr-Blatt" einen kurzen Artikel über den Rückgang im Berliner Straßenbuchhandel veröffentlicht und dabei objektiv berichtend festgestellt, daß nur noch der Handel mit pornographischer Literatur das Geschäft rentabel mache. Der Verfasser heißt — nebenbei bemerkt — Max Lenz. — Wie dev „Völkische Beobachter" zwischen diesem Artikel und „einer Volkserziehung durch die heute herrschende Demokratie" vom Judentum ganz zu schweigen, einen Zusammenhang festzustellen vermag, dürfte sein Geheimnis fern und bleiben. Nr. 3. Das „Berliner Tageblatt" wandte sich.in seiner konsequenten Gegnerschaft gegen die Todesstrafe s. Z. auch gegen die Hinrichtung des mehrfachen Mörders Böttcher. — Die Frage, ob die Todesstrafe beibehalten oder abgeschasft werden soll, beschäftigt heute die ganze Kulturmenschheit, ohne Rücksicht auf Religion, Nation und Rasse, ohne daß außerhalb der Redaktion des „Völkischen Beobachters" bis dahin jemand auf den Gedanken gekommen wäre, eine. Sittlichkeitsfrage daraus zu machen. Nr. 4. Der amerikanische Jude Jacobsohn vertritt in der Erklärung des Phänomens „Genie" den Standpunkt Lombrosos, daß Genie und Verbrechertum aus verwandten Dispositionen stammen. — Die Wissenschaft des „Völkischen Beobachters" sieht in dieser „Schulchan Aruch-Philosophie" auch einen Versuch zur E n t s i t t l i ch u n g d e s d e u t s ch e n Volkes. Nr. 5. Im Jahre 1927 bedauert es die sozialdemokratische Mannheimer „Volksstimme", daß infolge der Aufhebung der bestehenden Kontrollbestimmungen die ,-honorigen" Bordellwirte ohne Entschädigung um Beruf und Brot gebracht worden seien. Wenn der „Völkische Beobachter" diese Auslassung, deren Nichtigkeit wir ohne nähere Angaben nicht nachprüfen können, kurzerhand einem „hebräischen Schmock" in die Feder schiebt, dann hätte man wenigstens erwarten dürfen, daß er dessen Namen nennt. Nr. 6. Die „Jüdische Pressezentrale Zürich" lobt die jüdische Tänzerin Valeska Gert in geschmacklosreißerischer Weise über den grünen Klee. Aus einer derartigen Entgleisung schließt der „Völkische Beobachter" in der üblichen Verallgemeinerungssucht auf einen sittlichen Tiefstand des Blattes. Dabei wird es sicherlich in Deutschland außer in der Redaktion des „Völkischen Beobachters" und einiger jüdischreligiöser Blätter wohl kaum gelesen, es dürfte also mtd) keine Gefahr für die „deutsche Sittlichkeit" bedeuten! Nr. 7. Nach demselben Pressebüro soll in Amerika eine jüdische Ueberwachung der Filmproduktion gegen antisemitische Filme eingerichtet worden sein. — Zugegeben, daß eine solche Einrichtung ein Stein des Anstoßes für nationalsozialistische Blätter sein muß. Aber was hat sie mit der deutschen Unsittlichkeit zu tun? Höchstens kann sie doch dahin wirken, auch die deutschen Kinobesucher vor der ganz gewiß auch im Sinne der christlichen Religion unsittlichen Vergiftung mit Judenhaß zu bewahren. Nr. 8. In der Oomeckie der Odamps Elys^es in Paris wurde unter Leitung eines Mrster Cohn der Christus-Film „König der Könige" gegeben. Großes gesellschaftliches Ereignis. Anwesenheit des diplomatisches Korps. Blasphemie? Das mag der „Völkische Beobachter" mit dem unseres Wissens judenreinen diplomatischen Korps in Paris ausmachen. Wir fragen nur: W i e k o m m t d a s deutsche Volk in die Champs Elysees? Der Bericht schließt mit den Worten: „Aber: die Juden klatschen Beifall bei der Kreuzigung." Bisher war nur vom diplomatischen Korps die Rede. Und noch etwas anderes fällt auf. Eine Spalte vorher schreibt derselbe Beobachter, daß die jüdische Frlmaufsicht in Amerika im Anschluß an die jüdischen Proteste gegen eben diesen Film eingerichtet worden sei! Da scheint oer Beobachter nicht scharf genug beobachtet zu haben; denn es rst nicht anzunehmen, daß die Juden in Paris einen Film beklatschen, den die Juden in Amerika als antisemitisch bekämpfen. Nr. 9. Im Jahre 1917 hat Ernst Toller im „Berliner Tageblatt" ein Feuilleton „Die Angst der Kreatur" geschrieben, in dem er im wesentlichen das Erschauern auch „des tapferen Menschen vor den elementaren Gewalten", also auch vor dem Tode, als etwas ganz Natürliches zu beweisen sucht. — Ob dabei jede Redewendung geschmackvoll ist, kann bezweifelt werden. Wenn aber nun der „Völkische Beobachter" die Auslassungen Tollers als ein „köstliches syrisches Selbstbekenntnis" bezeichnet — „syrisch" wirkt neuartig und daher besser als das abgegriffene „jüdisch" —, dann hat er wohl vergessen, daß auch Herr Hitler an )enein denkwürdigen Tag im November 1923 die Deckung auf dem Erdboden einem eventuellen Heldenlied im „Völkischen Beobachter" vorgezogen hat. Daß außerdem der deutscheste der deutschen Dramatiker, Heinrich von K l e i st, schon vor mehr als hundert Jahren dieselbe „Angst der Kreatur vor den elementaren Gewalten" an einem reinblütigen Germanenprinzen, dem Prinzen von Homburg, als menschliche Schwäche dargestellt hat hat der „Völkische Beobachter" natürlich nicht gewußt. Krr.1v. Die „Literarische Welt" bringt eine vielleicht übertriebene Ehrenrettung P i s c a t o r s. Eine Angelegenheit der lite« rarischen Kritik oder auch der politischen Einstellung. Aber seit wann eine Sittlichkeitsfrage? Mit diesen „Fällen" ist die Anklageschrift des „Völkischen Beobachters" allerdings noch nicht erschöpft. Es fehlt auch nicht an peinlichen Dinge::, die auch wir und mit uns sicher viele jüdische und nichtjüdische Leser als nicht geschmackvoll empfinden. Da finden wir: Nr. 1.1, in der Wiener Zeitschrift „Die Bühne" einen Artikel, der in der bekannten lobhudelnden Manier die Neviwgirls und Josephine Baker besingt; Nr. 12, eine herausfordernd geschmacklose Karikatur des „deutschen Gesichts" von Alphons Goldschmidt, aus einem Buch, dessen Titel nicht genannt wird, und Nr. 13 und 14, eine ebenso geschmacklose „Humoreske" von Ignaz Wrobel aus der „Weltbtthne" und eine aufgelegte Cochonnerie aus derselven Zeitschrift Nr. 16. — Endlich die vielumstrittene Oper von Krenek „Jonny spielt aus", über deren Textbuch die Meinungen auch außerhalb der Redaktion des „Völkischen Beobachter" geteilt sind. Aber, was haben die Juden mit all diesen E i n z e l tatsachen zu tun? Werden sie denn nur von Juden geschrieben und sind denn nur Juden die Leser dieser Blätter und Schriften? Zollen denn wirklich alle Juden ihnen Beifall und gefallen sie gar keinem Nichtjuden? Ein Bericht des „Völkischen Beobachters" aus dem Jahre 1927 über eine Nachtrevue, aufgeführt unter der Direktion von Emanuel Taussig in Bremen, ist kein „Anklagefall", weil er nur eine subjektive Ansicht des „Völkischen Beobachters" wiedergibt. Die hier registrierten „Anklagepunkte" find, einer Bemerkung des „Völkischen Beobachters" zufolge, einer 230 Seiten umfassenden Schrift „Der Sumpf" von Alfred Rosenberg entnommen. Man wird im Vertrauen auf den infernalischen Judenhaß des „Völkischen Beobachters" annehmen dürfen, daß er die saftigsten Blüten ausgewählt hat. Und was ist dabei herausgekommen? 15 F ä l l e, von denen zehn entwedernichtsmit dem Judentum oder nichts mit der Sittlichkeit oder mit beiden nichts u tun haben, zusammengeklaubt in halb uropa und aus drei Jahrgängen der Weltgeschichte. Was bleibt, sind fünf Fälle von Geschmacklosigkeit oder Unsauberkeit, die einzelnen Juden zur Last fallen. Wir wollen es dem „Völkischen Beobachter" überlassen, die Sittlichkert desdeutschen Volkesso niedrig e i n z u s ch ä tz e n, daß er sie durch solche „Fälle" gefährdet glauben kann. Es dürste auch der Bescheidenheit des „Völkischen Beobachters" in geistigen Ansprüchen zuzuschreiben sein, daß er Leute wie Krenek, Willi Haas und Ignaz Wrobel als Repräsentanten des Judentums ansieht. W i r sind anspruchsvoller und sehen uns lieber mit Einstein. Freud. Adler, Werfel. Wassermann, 6 tutti quanti in der deutschen Kultur vertreten — wie wir auch niemals i:n „Stürmer", im „Angriff" und anderen nationalsozialistischen „Beobachtern" nach dem Wesen dev deutschen Kultur suchen würden. Alles in allem genommen können wir mit der Anklageschrift des „Völkischen Beobachters", auf deren prinzipielle Seite wir noch einmal zurückkommen werden, zufrieden sein. Sie spricht mehr gegen die Gewissenhaftigkeit und die Einsicht der Nationalsozialisten bei der Er-. Hebung öffentlicher Anklagen als für das uns zur Last gelegte Verbrechen am deutschen Volke. Darum bleibt auch der Vorwurf, den Dr. Holländer gegen Dr. Frick erhoben, hat, in vollem Umfang bestehen!