Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 9 (September 1930)
- Date
- 1930-09-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2571117-2571168-2571176--489-2571825- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
[ttitral l?rein Blätter fiirdetitffhfum und jtttetttitm, Monatsamgabe September 'Hryandes tentralVereiusdeutfeker^ Etaatsdüryer Möifeken Maudens e.V. ^sikunH clsLHu6sntums Wir Offiziere Ser alten Mrmee Ein Settrag zum Problem -er Verallgemeinerung von Max Srunzlow, Oberstleutnant a. v. ten. Wir hatten es nie anders gehört — die Vorgesetzten betonten immer nur diese Auffassung, die Kameraden beteten sie nach und keinem von uns wäre auch nur der Gedanke gekommen, einen Juden in unsere nach außen hin so abgeschlossenen militärischen Kreise ohne weiteres auszunehmen. Aus der Geschichte wußten wir wohl, daß Preußen 1809 den Juden die Gleichberechtigung mit den christlichen Bürgern gewährt hatte, wußten, daß sie in den Befreiungskriegen voll und ganz ihren Mann ge - standen hatten und erzählten den Rekruten mit einem gewissen Stolz, daß eine Reihe von Juden es bis zum Offizier, einer sogar bis zum Major gebracht hatte. Dies irgendwie aber der jüdischen Allgemeinheit anzurechnen, fiel uns nicht ein. Daß viele Offiziere Jüdinnen als Frauen wählten, wurde mit dem Mantel der Kameradschaft und Liebe zugedeckt, zumal, da diese Jüdinnen ihre Abstammung fast durchweg zu leugnen ängstlich bemüht waren. Gesellschaftlicher Verkehr mit Juden war eine Seltenheit. War ausnahmsweise ein Jude oder ein jüdisches Ehepaar in unsere abgeschlossene Gesellschaft ausgenommen, dann verschwieg man ihre Herkunft, behandelte sie aber als durchaus gleichberechtigt und ebenbürtig. Trotz allem gab es aber keinen eigentlichen licher als der Papst sein und schwatzte alles nach, was gewissenlose Führer gegen die Juden vorbrachten. Wenn ein so kluger Mann, wie der General von Wriesberg, in öffentlicher Versammlung Walther Rathenaus Worte von den „dreihundert Männern, die die Welt regierten", auf die Juden anwendete> wenn leider viele alte Offiziere die „Weisen von Zion" als stärkstes Beweismittel für die Gefährlichkeit der Juden noch heute bezeichnen, wenn den jüdischen Soldaten ihre - Blutopfer von 12 000 Mann trotz amtlicher Nachweise bestritten werden, dann steht man die hohle Geistesrrchtung dieser Antisemiten. Allerdings muß betont werden, daß die nach der Revolution so vielfach und leider auch von dem oder jenem Juden in Wort und Schrift erfolgten ekelhaften und, auf. die Allgemeinheit angewendet,, erlogenen Verleumdungen der Offiziere des alten Heeres Entrüstung und Haß gegen diese Angreifers äusgelöscht hatten. Die Folge war bei uns eine sehr erklärliche Neigung, im antisemitischen Fahrwasser zu segeln und alles Schlechte, was einem Juden nachgesagt werden konnte, zu verallgemeinern. Dieser Psychose haben nur wenige von uns widerstanden. .. Wo es aber der Fall war, da regte sich das uns allen stets hoch angerechnete Gerechtigkeitsgefühl. Wir, diese wenigen, bedauerten von Herzen, daß einerseits nicht schon langst einmal von jüdi- AUS DEM INHALT: Wer entsittlicht das deutsche Volk? Seite 62. Oberstudiendirektor Dr. K. Müller (Potsdam) : Die; Problematik der heutigen Jugend, Seite 6SL - W. Inden: Der jüdische Soldat, Seite 67. — Oberstudienrat Friedrich Schülen (Nördlingen); Protestanten, Katholiken und Juden. Seite 68. Wenn man einen Fehler besprechen will, muß man sich davor hüten, in denselben Fehler zu verfallen. Darum weise ich von vornherein darauf hin, daß es mir fernliegt, aus allgemeingefaßten Bezeichnungen Ausnahmen auszufchließen. — Wohl kaum einer von tausend der alten Offiziere hat jemals darüber nachgedacht, ob der Antisemitismus, wie er zu des ehemaligen Hofpredigers Stöcker Zeiten auftrat, eine Berechtigung hatte, noch haben wir uns selbst untereinander befragt, warum wir eine judenfeindliche Einstellung als selbstverständlich ansahen. Wir kannten ja gar nichts von jüdischen Belangen, von jüdischem Wesen, von jüdischen Schriften, vom Glauben frommer Juden, nichts, asS was wir an dem einzelnen sahen oder was diesen einzelnen unS unsympathisch machte. Aus dem Gebaren des einzelnen folgerten wir ganz selbstverständlich, das sei wieder einmal „echt jüdisch" gewesen — und wußten noch nicht einmal, was in Wahrheit „jüdisch" war. Tatsächlich hat wohl kaum einer von uns die Juden gehaßt, kein einziger sie verfolgt oder sie herabzusetzen versucht. Sie standen uns so weit abseits, daß unsere Gedanken sie höchstens streiften, daß wir gar nicht darauf kamen, sie und ihr Wesen kennen zu wollen, geschweige denn, sie zu verfolgen. WaS uns an einem Juden gegen den Strich ging, übertrugen wir gänzlich gedankenlos auf a l l e; was wir aber Gutes an einem Juden entdeckten, wurde niemals, sei es auch nur für kurze Zeit, der Wischen Allgemeinheit als ein Plus angerechnet. Die Vorfahren, die Eltern, die Geschwister, die Kameraden nebst ihren Frauen, alle waren gegen die Juden eingestellt, alle mißachteten sie sie mehr oder weniger und nie prüfte jemand von uns, ob dieses ungerechte Vorurteil auch nur die kleinste Unterlage hatte. Im Gegensatz hierzu hat jedoch keiner von uns an die Ritualmordmärchen geglaubt und die grausigen Phantasien um kanten und Könitz wurden von uns nur belächelt. So weit dachten wir doch! Ein Jude wurde in die Reihe der Soldaten stets mit Mißtrauen ausgenommen und, wenn er sich als tüchtiger Soldat, als ein ganzer Kerl erwies, stets nur als Ausnahme angesehen. Wenn er militärisch etwas leistete, versagten wir ihm die Anerkennung, selbst die Beförderung nicht; nur daß etwa einer hätte Offizier werden können, das war unS undenkbar. Fragte man oder würde man heute noch nach j>em Grunde dieser eigenartigen Einstellung fragen, so könnten wir diese Frage nicht beantwor¬ Juden h a ß, aber eben auch kein unparteiisches Urteil über Juden. Nicht bösartig verachtete man den Juden, nur gedankenlos. In Düsseldorf ist am Geburtshaus Heinrich Heines eine Gedenktafel. Die zeigten wir einander, dachten aber nur an den Dichter und wußten kaum, daß er Jude von Geburt war. ' Den Antisemitismus als letzten Rettungsanker gegen Verlorenes auszuwerfen, blieb den Deutschnationalen, denen die meisten Offiziere beigetreten waren, Vorbehalten. Nun wollte man aktiv mitmachen. nun wollte man päpstfcher Seite aus den lügnerischen Ehrabschneidern der Mund gestopft würde, > anderseits, daß so wenig Aufklärung in die Reihen der alten Offiziere geleitet wurde. Gelingt dies aber, dann wird der den Begriff „Ehre" über alles stellende alte Offizier sich nicht schämen, jüdische Geschichte, jüdisches Wesen näher kennen lernen zu wollen. Und ist dies erfolgt, dann tritt meiner Ueberzeugung nach ein radikaler Umschwung ein, denn wahre Ehre hat bei uns nre gezaudert, ein begangenes Unrecht einzugestehen.