Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 6 (Juni 1930)
- Date
- 1930-06-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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. . A 4$ Es wird kaum Erfolg haben, wenn die beiden Kirchen nach einem Mehr oder Weniger von Schuld in ihrem jeweiligen Lager fragen. Die Protestantische ebenso wie die katholische Kirche haben sehr wenig zur Befreiung des Judentums aus seinen Ketten und aus seinem unwürdigen Sklavenleben getan. Evangelischer Charakter weiß sich aber schuldverbunden mit dem Volk, ja m:t der Vergangenheit. Das waren unsere Väter,' die so handelte!: an der Juden Väter! Staat, Kirche und Gesellschaft hat den Juden herabgewürdigt. Erst den: bekehrten Juden wollte die altprotestantische Kirche behilflich sein. Noch in: Jahre 1644 hat der lutherische Hamburger Kirchensenior Müller gefordert, die Juden müßten zur allgemeinen Kennzeichnung einen gelben Lappen auf ihrem Kleid tragen; sie dürften keinen Landbesitz, ja kein eigenes Gotteshaus haben. Drei theologische Fakultäten stellten sich auf Müllers Seite und unterstützten ihn. Ja, noch vor 60 Jahren hat der Hofprediger Adolf Stöcker dem Antisemitismus gehuldigt und unbesehen die alten Waffen wieder verwandt. Wie hat man den Dank vergessen gegen das Volk, dessen Religion M u t t e r b o d e n und Ausgangsort für die unsrige ward! Als Muhammed sah, daß sein Sieg fortschritt und als er dann seine Macht konsolidierte, räumte er den „Leuten des Buches", wie er Juden und Christen nannte, eine bevorzugte Stellung in den eroberten Machtgebieten ein. Er hatte nicht vergessen, wie viel er ihnen verdankte. Das war derselbe Prophet, von dem man im allgemeinen nur weiß, daß er Feuer und Schwert zu Ausbreitungswerkzeugen machte. Unser Meister bat doch klar gesagt, daß er nicht gekommen sei, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen, sondern zu erfüllen. Der Weltmisstonar Paulus hat, wenn möglich, auf seinen Reisen zuerst die Judengemeinde besucht. Luther bekennt:;,Die Synagoge hat die Erstgeburt. Denn aus ihr ist Christus gekommen, die Apostel und das Wort, und nicht aus den Heiden!" Wo bleibt also unser Pietätsbewußtsein? Wahrheit, Gerechtigkeit, Schuldgefühl und Dankbarkeit, sie liegen alle beschlossen in der einen christlichen. Grundforderung, der einzigen, die Jesus für die Gesinnung gegeben hat, Liebe. Liebe duldet n:cht Unwahrheit, duldet nicht Ungerechtigkeit, Liebe vergißt nicht Schuld, vergißt nicht Dank. Wer fein Vaterland lieb hat. . . Würdigen wir nun die Judenhetze unter dem Lichte unserer Sozialethik. Dürfen Judenhaß und Judenbefehdung in unserer christlichen Stellung zur menschlichen Gemeinschaft als erlaubt und berechtigt gelten? Hitler und seine Gefolgschaft versuchen die Bekän:pfung des Judentums als natürliches Ergebnis rechter Liebe zum Vaterland hinzustellen. Es braucht nicht erst gesagt Zu werden, daß uns das Ergehen und Erleben unseres Volkes nicht gleichgültig ist. Rechte Liebe zum Volk muß uns zu tätigen Kämpfern ge.gen Ungerechtigke:t, zumal gegen Ausbeutung und Herrschaft weniger gegenüber vielen auf den Plan rufen. In den großen Kirchenversammlungen, also an übergeordnetster Stelle, ist dieser Sozialwille des Christentums deutlich Kn: Ausdruck gekommen. Aber von diesem Begreifen und Helfenwollen ist es doch noch ein weiter Weg zu Jenem Fanatismus,^ eine Volksgruppe als Alleinschuldner zeichnen und brandmarken möchte. Gewiß müssen wir die Herrschaft der Sache über die Seele, des Geldes über den Menschen, mit einem Wort des Kapitalismus, zu brechen versuchen. Wir kennen die Notwendigkeit einer Durchdringung des Volkslebens mit einer christlichen Mirtschastsethik, so unüberbrückbar diese beiden Reiche auch zu sein scheinen. Wir wissen nur zu gut, daß der Geist des Maschinen- und Fabrikzeitalters ein furchtbarer, seelentötender Dämon ist. Aber er.schwingt nicht nur in den Juden seine Geißel! Nicht das Judentum, sondern die individuelle Prägung in den: betreffenden Menschen ist sein Bundesgenosse. Sind den:: u::ter den Geldn:ä!:nern die Stinnes, die Krupp, die Opel Juden? Noch eins: Es ergäbe:: sich vielleicht interessante Prozentzahlen, wein: mm: eine Statistik der ehemaligen deutsche!: Offiziere bearbeitete, die Vertreter, Reisende, Teilhaber, Aktionäre, also doch Händler geworden sind. Aber der Jude ist das rote Tuch, das man dem verzweifelnden deutschen Volke auch in seiner Wirtschaftsnot vorhält: Auf den stürze dich, dann ist alles gut! Unser Eifer für das Vaterland darf uns nicht.in passiven: Zuseh enver ha rrenlässen, aber, mit einem Paulusbild gesprochen, auch nicht zu Streichen in die Luft anfeuern. Jeder G e l dh er r s ch äf t, jeder Ausbeutung, jeder M e n s ch e n e n t Würdigung, j e d e m Z e r k l ü f t u n g s g e i st, jede u: DünkelundjederBevorrechtung hat unser Kampf zu gelten. Nun halten die Nationalsozialisten aber nicht nur das rote Tuch hin, sie weisen auch einen eindeutigen Weg, wie man rächende Abhilfe schaffen kann: Die Juden, sagen sie, sind Fremde, sie haben nicht als Volksgenossen zu gelten. Es hat bis in die neueste Zeit gedauert, als man endlich die Juden zu Staatsbürgern erhob. Erst die Revolution hat z. B. die Sperre zu höheren Staatsämtern und zur Osfizierslaufbahn aufgehoben. Christlicher B e - r u f u n g s g l a u b e fordert, daß derjenige die 'betreffende Stellung im Leben sowie un Volkskörper einnehmet: soll, der deutlich durch seine Fähigkeiten und durch den Drang seines Gewissens dazu bestimm: ist. Nun soll die Entwicklung wieder zurückgeschraubt, ein Volksteil n:it Gewalt entrechtet werden. Läßt sich das gegenüber Volksgenossen verantworten? Jahrhundertelang haben die Juden unsere Schicksale miterlebt. Ihre Weisen haben in unserer Sprache geschrieben. Dichter und Schrift st eller deutsch gesprochen. Nicht Blut und Herkunft entscheiden, ob ich mich zu einem Volke gehörig weiß, sondern Herzensst i m m e u n d S ch i ck s a l s g e m e i n s ch a f t. Geist und Geschich re sind das Binde - elen:ent. Mit Recht hat der edle und feinsinnige Julius G o l d st e i n der objektive:: die „subjektive Volkstheorie" entgegengehalten. Nun sollen die, welche nur auf religiösem Gebiet ihr Eigenrecht gewahrt wissen wollen, zu Frelnden degradiert werden? Wieder eine kleine Geschichte: Ich kenne einen Juden, der bei der Nachricht vom Einzug der Franzosen in Straßburg die Tränen nicht zurückhalten konnte. Ist es allen deutschen Patrioten so ergangen? Wer seil: Volk lieb hat, muß die ewige Zerrissenheit beklagen. Christen an verantwortlicher Stelle müssen zur Beilegung alter Konflikte, zur Ueberbrückung der vielerlei Gegensätze beitragen. Gerade für das Heranwachsende Geschlecht, für die Jugend, müssen wir auf diesem Gebiet verantwortlich sein. Wenn erst die Saat des Judenhasses aufgehen wird, dann sind wir ja wieder weit, weit vom Volksfrieden entfernt. Welch ein Gift wird in unverantwortlicher Weise unreifen Menschen, ja Schulkindern schon in die Herzen gesät! Totschlägen, Hinauswerfen, Synagogen abbrennen, Geldabnehmen, was sind das für „erzieherische" Imperative! P r i mi t i v e Instinkte werden wachgerufen, der idealsuchenden Jugend wird die Hakenkreuzromantik als Kost geboten! Aber wir haben über den Kreis der Volksg e m e i n s ch a f t hinaus auf den größten, den der M e n s ch e n g e m e i n s ch a f t, bei unserer Prüfung überzugehen. Ein oft verlästertes und bespötteltes Wort bleibt dock zu Recht bestehen: Des Christen Bruder Ist jeder, der Mensckenantlitz trägt. Seine Seele, das unsterbliche Aufnahmeorgan des Göttlichen in ihm, bindet ihn an uns. Diese weiteste Bruderschaft hat kein anderer als Christus uns geboten. ES ist deutlich, daß dieser Wert u n g s n: a ß st a b des M e n s ch e n t u n: s, also des Menschen überhaupt, verlorengehen muß, wenn die Rasse — überdies eine so fragwürdige und labile Größe — zun: Unterscheidungsmerkmal wird. Hier setzt timt: Fleisch über Geist, Gesicht über Gesinnung. Das ist eine Beleidigung j e g l i ch e n Menschentums. Hierin liegt eine Verleugnung unserer gesamten Kultur, die aus einer Wertschätzung des Geistig-Seelische:: aufgebaut ist. Ich will nicht behaupten, daß die abscheulichen Grabschändungen auf I u d e n - friedhöfen in direktem Zusammenhang mit nationalsozialistischer Propaganda stehen. Aber eines ist sicher: solche Gemeinheit ist nur eine natürliche Folge davon, daß letzte Menschenwertung fällt. Es gibt wohl kein Stück des Parteikampfes, dessen wir uns so schämen müßten um unseres Volkes willen als dieses Kampfes gegen Gräber. Diese Menschen, die solch feige Taten vollbringen, sind doch auch einst im Christentum unterrichtet worden. Wer so etwas tut, der verleugnet das letzte Solidaritätsgefühl mit Menschen überhaupt. Das ist Sünde wider den Menschen. Um öle „Teufelslehre". Darf ich Sie nun aus diesen beiden Bereichet: des Ausströmens zun: Q u e l l o r t führen, indem ich den Judenhaß zuletzt unter das Licht unseres Christenglaubens bringe. Welche Beziehungen haben Judenhetze und Glaube? Welche Wertung muß von diesem auf jenen fallen? Auch hier können wir schrittweise vom A e u ß e - ren zum Innersten Vordringen. Wie es letzte Bindung in: Menschenbewußtsein gibt, so wird der wahrhaft Fromme ein letztes Solidaritätsgefühl kennen, in dem er sich mit allen Glaubenden verbunden und gegen alle Nichtglaubenden abgegrenzt erlebt.. Vor etwa zehn Jahren hat dieses Zusammengehörigkeitsgefühl sich in der Gründung des „Religiösen M en schihei ts-lBuin des" eine Ausdrücksform in Gestalt einer interreligiösen Arbeitsgemeinschaft ethisch-erzieherischen Wollens ge- * sucht. Daß die jüdische Religion gelästert wird, müßte eigentlich uns Christen aus unserer letzten überreligiösen Bindung heraus auf den Plan rufen. Schmähung einer Religion sollte als Angriff auf die Religion überhaupt empfunden werden. Wenn Artur Dinter sagt, Religion und Rasse sei eins, so steht das im Widerspruch zu unserer christlichen Auffassung, daß Gott in seiner Gnade alle Menschen als seine Kinder ruft. Praktisch müßte diese Dintersche Einstellung jeder Mission die Berechtigung entziehen. Da die Urkunde des Judentums, das Alte Testament, die Hälfte der Bibel ist, handelt es sich bei dem Angriff auf die Judenreligion auch um einen Vorstoß gegen dieBibel. Daß ein solcher tatsächlich vorliegt, beweist die nationalsozialistische Literatur ganz, eindeutig. Gerade wir Protestanten wollen, daß unser Volk die Bibel selber liest. Mit welcher Frivolität hier ehrfurchtslose, unsaubere Hände an der Bibel herumarbeiten, sie geradezu wie eine Sammlung parteipolitischer Zeitungsaufsätze behandeln, in straßenhafrer Sprache zu angeblichem „Verständnis" erziehen wollen, das erfüllt uns nicht nur mit Empörung, sondern mit Absche.u. Ein Meister dieser Literatur ist Jens Jürgens, der den biblischen , Joseph, das Bild des schicksalgeführten Gotteskindes, als den Erpresser der Aeghpter und hierin als Prototyp und Ahnherrn aller jüdischen Ausbeutung begreifen lehrt, der sich erdreistet, Mose, den Uebermittler der herligen zehn Gebote, als Dynamitfabrikanten hinzustellen, der durch Kanonenschüsse aus dem Altar die Leute in seine Gewalt bekam. Ernennt ihn den „größten Betrüger der Weltgeschichte". Die Bibel, so hören wir, erlaubt jede Sünde des Juden, solveit sie gegen Nichtjuden geschieht. Daß man vor bewußter Fälschung nicht zurückschreckt, zeigt die (Schluss des Au satzes Seite 49)