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Central-Verein-Zeitung · 1930-06-01 · Heft 6 (Juni 1930) · page 3

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1930
Issue
Heft 6 (Juni 1930)
Date
1930-06-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Es geht um Deutfthlanö. Nur die Zör-eruns wahren flufbauwillens unö echter Nationalehre können uns retten Lassen wir.beiseite, was an den Frickschen Schulgebeten nach Ursprung, Tendenz, Gehalt mit dem Antisemitismus zu tun hat. Lassen wir es vollkommen beiseite und nehmen wir sogar an, kein Wort habe mit dem Antisemitismus zu tun. Diese merkwürdigen Gebetsformulare nennen den Juden nie, und wenn sie ihn dennoch meinen, so sind sie Gegenteile germanischer Gottesauffassung und Gottesanbetung: die Germanen haben ehrlich gebetet. Sie haben vor Gottes Ohr genannt und nicht zweideutig umschrieben, was sie meinten. Aber wir sehen ganz davon ab, was zwischen den Zeilen gemeint ist. Wir lesen sie ohne Hintergedanken, ganz unparteiisch mit den Augen des gesunden deutschen Menschen — und dann erst steigt uns das Blut in den Kopf. Vor Scham. Und vor Zorn. Es ist aber der Zorn, den wir fühlen, wenn ein Mensch die Ehre der Nation schändet. Die Scham, die uns quält, wenn Menschen, die Schmachvolles tun, sich obendrein überlaut als Repräsentanten des deutschen Volkstums anpreisen. Drei von den fünf Gebeten flehen um Befreiung von Betrug und Verrat. Welche Anklage liegt in diesem Anruf! Welche S e l b st - anklage! Welches Eingeständnis vom tiefsten sittlichen Elend des Volkstums, das da verzweifelt vor Gott jammert über Betrug und Verrat, der es „zerriß und vernichtete", und die Strafe von Gott dafür herabfleht. Welch ein unseliges Bild soll da in die ratlosen Seelen der Kinder gepflanzt werden — welch ein Minderwertigkeitsgefühl von der deutschen Nation und dem deutschen Volkstum, das hilflos, kraftlos, ohne Aufgebot der Gegenenergien, die in jedem gesunden Volkstum naturnotwendig hervorbrechen und den Volkskörper von denen befreien, die Betrug und Verrat üben wollten, sich verraten und betrügen läßt wie ein schwachsinniger Greis!! Eine Nation, die vor Gott hintritt und jammert: „Ich weiß, daß Gottlosigkeit und Vaterlandsverrat unser Volk zerriß und vernichtete", hat nur die Entscheidung zwischen diesen beiden Möglichkeiten. Entweder: sie ist so müde, abgebraucht, abgestumpft, instinkt- und intelligenzlos, daß sie sich jahrzehntelang widerstandslos und erfolgreich betrügen läßt — oder: die Betrüger und Verräter haben eine solche Majorität in ihr, daß sie ihnen hoffnungslos' unterliegen mußte. Beides ist gleich unwahr — gleich irrsinnig. Aber dann soll der deutsche Mensch die dritte, die gesunde, die einzig ehrenhafte Entscheidung treffen: Er soll millionenfach aufstehen und es sich verbitten, daß so jämmerliche Ohnmachtslaute, so würdelose Schändungen des deutschen Namens Kindern in den Mund gelegt werden. Das sind nicht Gebete. Das sind hysterische Geißlerschreie. Wer sie Kindern zuraunt, macht sie zu Krüppeln der Seele und des Geistes. Er macht sie zu Psychopathen, zu Verirrten und Geduckten, die nicht mit selbstsicherer Würde ihrer Kraft bewußt sind, sondern immer Verräter und Betrüger wittern — immer auf der Linie der Angst leben. Gesundes Volkstum ist der unverstegliche Quell nationaler Würde, die nicht an Utopien sich berauscht, die sich nicht einschüchtern läßt, die nicht Gespenster fürchtet, sondern die aufrechte Haltung ist, das stolze Bewußtsein der Unbrechbarkeit in jedem Schicksalssturm, Bewußtsein des Widerstandes und der Energie, die niemand betrüget konnte, die niemand verraten kann. „Ich weih, daß Gottlosigkeit und Vaterlandsverrat unser Volk zerriß und vernichtete", so sollen Kinder sprechen. So will es das vierte der Frickschen Schulgebete. Vernichtete! Wer hat vor diesem thüringischen Ministerialdekret das deutsche Volk so satanisch beleidigt?! Wo gibt es noch eine Nation, die auch nur einen Landschulmeister geduldet hätte, der die Kinder seines Dorfes mit dem Gift impfte: Wir. gehören einem vernichteten Volke an, einem Zugrunde gegangenen Volk also, einem hoffnungslosen Volkstrümmer, denn mehr ist ein „vernichtetes" Volk auf keinen Fall. Es gibt kein Wort in unserer Sprache, das dies Verbrechen an deutschen Kindern, deutschen Seelen, deutschem Zukunftswillen bezeichnet. Vielleicht, weil es nie zuvor begangen worden ist. Es ist nicht Landesverrat, es ist Schlimmeres: es ist Na tionalverrat. VerratanderVolkskraft. Verrat am Volkstum. Die Menschen, die in namenloser Verwirrung, der Herzen und Hirne diese Minderwertigkeitsgefühle in die Kinder säen wollen, nennen bekanntlich die Weimarer Reichsverfassuckg gern den großen Verrat an der deutschen Tradition. Es wäre deshalb gut, wenn die verantwortlichen Führer des deutschen Schullebens eingehend den Geist der Schulgebete mit dem Geist der Verfassung vergleichen wollten. Der Artikel 148 macht bekanntlich zur Pflicht, daß in allen Schulen u. a. „persönliche und berufliche Tüchtigkeit im Geiste des deutschen Volkstums" zu erstreben ist. Jeder Studierende der Psychologie im ersten Semester weiß, daß die Grundlage der persönlichen Tüchtigkeit ein wohl ausgewogenes Selbstvertrauen ist, und daß die Suggestion: „Glied eines vernichteten Volkes" ein verantwortungsloses Annagen dieser Grundlage ist. Und man braucht nicht Nationalist, sondern ganz einfach ein sehender Mensch zu sein, um zu wissen, daß der Geist der Schulgebete, der Geist der „Niedergangsgesühle", den sie ausströmen, der schlechtsinnige Feind des Geistes unseres Volkstums ist, der ein wagender, furchtloser, fruchtbarer Geist gewesen ist — im Unglück wie im Glück. Er hat alles Unglück überwunden, weil er sich nicht als betrogen, verraten, vernichtet fühlte, sondern: als zeugungsfähig, als Dennoch-Geist, der sich selber vertraute, wie jeder gesunde Deutsche ihm heute noch vertraut. . Der Artikel 148 ist Ausdruck unent - st e l l te n n a t i o n a l e n P f l i ch t b e w u ß tf e i n s. Er erhebt die elementare Forderung der nationalen Bildung. Das Bildungsministerium des Landes Thüringen verletzt sie. Darf es sie w i d e r s p r u ch s l o s verletzen? ' Artikel 120 bestimmt: „Die Erziehung des Nachwuchses zur leiblichen, seelischen und gesellschaftlichen Tüchtigkeit ist oberste Pflicht und natürliches Recht der Eltern, über deren Betätigung die staatliche Gemeinschaft wacht." Darf der Geist der Frickschen Schulgebete auch nur den Versuch machen, mit seinen Dekadenzsuggestionen diese oberste Pflicht und dieses natürliche Recht der Eltern zu durchkreuzen? Die staatliche Gemeinschaft soll über die Erziehung zur seelischen Tüchtigkeit wachen — welche staatliche Gemeinschaft wacht darüber, daß dieser Erziehung nicht durch das elementare Untüchtigkeitsgefühl: das Gefühl volkheitlicher Nichtigkeit schlechthin, entgegengewirkt wird? Dieser Tage fragte mich ein junger Engländer, Student, nach den Frickschen Schulgebeten. Er habe über sie gelesen, nie aber ihren ganzen Text. Es sei ihm nicht ganz verständlich, wie Gebete, das Stillste, Verborgenste und Privateste des Menschen, so viel öffentliches Aufsehen bereiten könnten. Ich ließ ihn den Text lesen, fragte, was man in England zu jenem Satz vom vernichteten Volk sagen würde. Er überlegte einen Augenblick; und dann nüchtern, kühl, bestimmt: „Wenn das ein Gentleman sagte, würde man ihn aus dem Klub weisen und ihn nicht mehr kennen. Wenn er kein Gentleman ist, wird ihm jeder Engländer den Rücken kehren und ihn behandeln, als wäre er nie dagewesen — aber es gibt keinen Engländer, der so etwas sagt." In diesen kühlen Worten ist mehr nationale Würde, Trotz, Bewußtsein der Lebenskraft als im gesamten überhitzten Pathos der völkischen Literatur; denn nationale Würde jammert nicht, beweist sich nicht mit literarischen Argumenten, sondern sie ist die selbstverständliche Grundhaltung des Menschen, die nur ungern mit Worten sich befaßt. Die Schulgebete von Weimar sind ein Symptom, das zur Zeit kam, wenn es den deutschen Menschen" sehend macht. Deutsche, Politiker, Juristen, Erzieher, wacht auf aus allzu langer Lethargie. Vergeßt nicht, die seelischen Grundenergien des Volkes und der Jungen zumal gegen ihre Verderber zu schützen — die seelischen Grundenergien, ohne die eure Politik, eure Rechtstheorien, eure pädagogischen Systeme — leere Spiele bleiben. Schützt den nationalen Gehalt der Reichsverfassnng gegen den Frevel an gesnnden Kinderseelen! Der Centralverein soll darum mit seinen Kundgebungen nicht allein bleiben. Was in Thüringen geschieht, ist vielleicht Ausfluß des Antisemitismus; im Ziel ist es gegen den Pulsschlag der geistigen Gesundheit unseres Volkstums überhaupt gerichtet. Alle deutschen Menschen und Bünde, denen Anfbanwille nnd Nationalehre mehr sind als Schlagworte, alle die sie psychologisch nnd biologisch begreifen, sind bernsen nnd verpflichtet, offen beim Namen zn nennen, was in Weimar geschieht. vr. MUsr-eiauäLus.

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