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Central-Verein-Zeitung · 1930-06-01 · Heft 6 (Juni 1930) · page 2

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1930
Issue
Heft 6 (Juni 1930)
Date
1930-06-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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46 seinen Stammesgenossen Gutes erweist, daß er nur für sie Mitgefühl Kat. Wo die Leiden des Krieges ebenso das jüdische wie das christliche Haus trafen, da erzählt man von Kriegsgewinn und Schiebertum der Juden. Darf man sich da über die Früchte der Judenhetze in solchen Gegenden wundern, in denen man jüdisches Leben gar nicht kennt? Wo einst Eintracht herrschte, da bewrrft man in der Nacht ein jüdisches Haus mit Strasiene. Wo einst der Jude auf dem Schuster- , im Stall öder auf dem Felde keine Seltenheit war, da spricht man jetzt von angeborener Arbeitsscheu und reiner Handelsveranlagung. In anderen Dörfern zwingt man Gemeinderäte mit Gewalt, in die Nationalsozialistische Partei einzutreten. Widrigenfalls droht man, sie nicht wiederzuwählen. Einst herrschte in den Sitzungen der Gemeindevertreter Einigkeit — heute ereifern sich die Hitler-Leute mit Schlagworten und wollen an verkehrtester Stelle mit ihren aufgeschnappten Neumaßnahmen beginnen. Unruhe und Erregung sind auch hier ein- Cen. An Türen, Scheunen, Ställen, an „ n und Schulen prangt das Hakenkreuz. Schulkinder singen Spottlieder gegen die Juden. was ist wahrhaftes Christentum! Zumal aus diesen schmerzlichen Eindrücken, aus der lebendigen Anschauung der zersetzenden und verheerenden Wirkungen nationalsozialistisch - antisemitischer Propaganda heraus bm ich gerne der Einladung gefolgt, in diesem Kreise und an dieser Stätte zu sprechen. Es ließe sich zwar denken, dah die Arbeit an dieser Stätte entsprechend dem veränderten Milieu in den Einzelheiten ein etwas anderes Gesicht trägt; dem Geist und Wesen nach werden wohl Saat wie Frucht die gleichen sem oder drohen erst, die gleichen zu werden. Gerade wir Protestanten pochen ja wohl auf die Freiheit unseres Gewissens und wehren uns gegen Beeinflussungen unserer persönlichen Entscheidung. Aber wenn wir uns anderseits sachlichen und objektiven Denkens rühmen, so darf ich ja wohl um Gehör bitten, wenn ich durch meine Ausführungen die Augen öffnen möchte für das, was bedroht und gefährdet ist, was uns die Frage zu einer keineswegs gleichgültigen, sondern bedeutsamen macht. Mein Thema: „Protestant und Judenhetze" besagt, daß die Punkte herausgegriffen werden sollen, die evangelische Christen angehen. Wir sehen die Gesinnung, aus der alle .Einzelhandlungen fließen, als ersten Maßstab der Beurteilung und Bewertung an. Darum möchte ich mit Gesichtspunkten aus ihrem Bereiche beginnen. Aber noch bedeutsamer muß uns eine Bewegung werden, wenn sie direkt und bewußt in das Gebiet unseres Christentums eingreift. So sind Gesinnung, Sozialgefühl und Glaube die drei Bereiche, in denen meine Ausführungen nacheinander sich bewegen weroen. Ein erster heiliger Wert des Charakters ist gewiß die Wahrheit. Die literarischen Machwerke des Antisemitismus entwerfen nun eine Geschichte und Vorgeschichte des Judentums, die von Lüge und Gemeinheit der Ersindungskunst nur so strotzt. Von den Werdesaktoren in der Geschichte eines Volkes, ja von der Methodik historischen Erfassens überhaupt, auch von der Gleichartigkeit der verschiedenen Völker und Nassen auf der jeweilig gleichen Kulturhöhe hat man wenig Ahnung. Darum können wir es nur bedauern, daß ein Gelehrter von Ruf wie Friedrich Delitzsch in seiner „Großen Täuschung", fern so reiches Forscherleben als Asihriologe selt'am absthließend, einer - Propagandaliteratur und Journalistik Waffen in die Hand gibt. In der wissenschaftlichen Welt genießt freilich sein Pamphlet recht wenig Ansehen. Wir können es wiederum nur beklagen und müssen es auf die Rechnung einer mangelhaften wissevschaftlichen Erziehung auf der Universität setzen, daß manche Pfarrer unserer Kirche so wenig Sinn für Wahrheit mitbringen, daß sie, in solch bescheidenem Maße „Theologen", das Truggebäude germanischen Christentums gegenüber dem geschichtlich gewordenen nmschwärmend verteidigen können. Es spräche Ja dem v r o t e st a n t i s ch e n Prinzip d?r freien, unvoreingenommenen und rücksichtslos nur n a ch Wahrheit st r e b e n d e n Forschung hohn, wenn sie sich Nachweisen lassen müßte, daß sie nicht längst das gefunden hätte, was politrscher Rigorismus entdeckt zu haben meint, zumal dieser ohne jedes elementare wissenschaftliche Rüstzeug arbeitet. Ein Beweis für die Leichtgläubigkeit unseres Volkes ist die Aufnahme der völlig unbewiesenen Behauptung, die „Oberleitung" des Judentums — deren Existenz erst wiederum nachzuweisen wäre — habe mit den Siegerstaaten in Verbindung gestanden und Weltkrieg und Niedergang Deutschlands gewollt. Wenn man mit der Behauptung, das Judentum habe eine niedrige Moral, eine so reiche Hörerschar finden kann, so ist das wieder eitt Zeichen dafür, daß wirkliche Bildung leider immer noch nicht in genügendem Maße in unser Volk kommt. Eine so warmherzige und feine Forschergestalt wie Gerhard Kittel hat i n n e u e st e r Z e i t ö s f e n t l i ch b e k a n n t, daß n i ch t e i n e i n z r g e s s i t t l i ch e s Gebot Jesu da i st, das nicht i r g e n d w o i m jüdischen Schrifttum zu fi n den wäre. Auch das große Lebenswerk Paul Billerbecks gibt hier reichlich Anschauungsmaterial für den, der sehen will. Wie oft ist nachgewiesen worden, daß es sich bei dem von ehrfürchtigem Bußernst getragenen K o l - nidre-Gebet anr Versöhnungstag, dessen Melodie schon den Nichtjuden packen muß, nicht um Billigung von Meineiden handelt. Es mutet geradezu märchenhaft an, daß Belehrungen über den Ritualmord der Juden heute, im 20. Jahrhundert, noch Hörer finden. Wenn das kriegerische alte Israel an der eroberten Stadt den Bann vollzog, d. h. alles Männliche oder gar alle Bewohner ausrottete, so war das ein Stück der Grausamkeit antiker, zumal orientalischer Religionen überhaupt. Die Zeremonien der Germanen, ihre Gefangenen an den Pfahl zu hängen oder ihre Gedärme gar um den heiligen Baum zu wickeln, standen auf der gleichen Linie. Dabei kennt man die niedrigen Motive, die vom Mittelalter bis zur Neuzeit zur Verdächtigung des Nitualmordes führten. Manchem Fürsten und mancher Gemeinde gab der „Ritualmordprozeß" die Handhabe, an dem Besitz des Verurteilten ihre Habgier zu befriedigen. Manche Mutter hatte hierdurch eine Möglichkeit, ihr uneheliches Kind zu beseitigen und den Verdacht des Kindesmordes von sich abzulenken. Schon durch Luther, also vor 400 Jahren, ist die Anschuldigung des Nitualmordes ein „Narrenkram" genannt worden. Doch können solche Behauptungen immernoch ausgestellt werden, wie der jüngste Nürnberger Prozeß zeigt. Wenn man dann einsehen muß, daß Behauptungen gar nicht zu halten sind, dann tritt inan jenen schlauen Rückzug der Erklärung an: Wir meinen die Juden ja nicht allgemein, sondern eine bestimmte Sekte. Von ihr pflegt man aber wiederum nur aus seine Phantasie Kenntnis zu haben. Das ist doch wohl feige Flucht von dem Forum der Wahrheit. Darum darf ich evangelische Wahrhaftigkeit auf den Plan rufen. Mit dem Prinzip der Wahrheit hängt das der Gerechtigkeit zusammen. Gerechtigkeit verlangt zunächst, daß mit gleichen Maßstäben gemessen und mit gleichen Gewichten gewogen wird. Der Zustand der sexuellen Moral in Deutschland etwa wird jedenr, der sein Volk lieb hat, schmerzlich sein. Geht es aber wirklich an, für ihre Auswirkung im Leben, Buch und Bühne das Judentum' allein verantwortlich zu machen? Wer wirklich fromme Juden kennt, der weiß, welch Ö Zucht im Leben der Geschlechter und der e herrscht. In peinlicher Härte greift die talmudische Zuchtordnung gar in die persönlichsten Stücke des Ehelebens ein. Ich darf dazu noch ein kleines Erlebnis anfttgen. ' Vor Jahren erzählte mir unter Tränen ein von mir geschätzter Jude von Artur Dinters „Sünde wider das Blut". Derselbe Mann war alljährlich, wenn Kirchweihe im Dorf war und sich die Pärchen nach dem Tanze in die Judengasse schlichen, streng darauf bedacht, daß ja alle Schlaszunmersenster geschlossen waren, damit seine Kinder nicht die Orgien mitanhörten, die drunten vor dem Hause gefeiert wurden. Es werden kaum jüdische Pärchen gewesen sein! Weiter: wenn im Kultus- oder Frömmigkeitsleben des Judentums Schwächen zu schauen sind, so muß man sich fragen: Gibt es eine Religion, die von ihnen frei zu sein sich rühmen dürfte? Viele der abstoßenden Elemente finden sich doch im antiken Judentum nicht allein, sondern eben auf der jeweiligen Entwicklungsstufe, auf der die Religion stand oder stehen konnte. Gerechtigkeit muß aber auch ernstlich die Frage nach Ursache und Wirkung stellen. Wenn es sonderbar erscheint, daß der Jude großenteils Handel treibt, so muß man wissen, dah es ihm jahrhundertelang verboten war, Bodenbesitz zu haben und somit Ackerbau zu treiben, daß ihm ebenso die Zünfte und mit ihnen das Handwerk verschlossen waren. In Preußen wurde es den Juden erst vor 80 Jahren erlaubt, Gewerbe zu treiben. Der babylonische Amoräer Rab sagt im Talmud, Ackerbau sei besser als Handel. Im Kriege hat die deutsche Heeresleitung 12 000 Ostjuden in den Ruhrbergwerken verwandt. In Rußland ist der Ackerbau von Juden gang und gäbe. In der Türkei ist das Bild des Jüdischen Hafenarbeiters und Lastträgers nichts Seltenes. Findet man rachedurstige Stellen im jüdischen Schrifttum, so gilt zu bedenken, was dieses Volk von seinen Wirtsvölkern seit dem Verlust seiner Heimat schon alles erduldet hat. Die ganze Geschichte des Judentums ist mit Blut geschrieben. So sind die Aussprüche als Spiegelbilder der Drangsal zu begreifen. Um 1800 noch mußte bei uns ein Jude, der <m%’ einem der vielen Kleinstaaten in einen anderen reiste, diejenige Steuer entrichten, die für die Einfuhr von Vieh festgesetzt war. Der Ostjude, dessen Gebaren uns vielleicht nicht gefällt, ist eben das Bild eines Erben jenes unter Druck und Gewalt lebenden Volkes. Gerechtigkeit muß aber auch h i st o r i s ch e Bedingtheiten sehen. Es ist nicht ' mehr als natürlich, daß die eigentümliche Schicksalsgeschichte der Juden sich im Talmud niedergeschlagen hat. Man darf "aber als Verglerchspartner nicht dre Tiefen der israelrtischen Religion den Höhen der christlichen gegenüberstellen. Zudem käme der, der das heutige Judentum nach seinen antiken Schriften beurteilte — trotz des Wissens um die zähe jüdische Kontinuierlichkeit — dem gleich, der das.heutige Deutschtum nach dem Sachsenspiegels beurteilte. Jahwe brauchte auch den Vergleich mit Wotan wirklich nicht zu fürchten. Beim Vergleich mit dem Christentum dürfte es auch nicht zu umgehen sein, daß man die abgehackten Hände und ausgestochenen Augen bei der Christianisierung der Skandinaven und die Hingerichteten Sachsen zur Zeit des christlichen Kaisers Karl, also 300 Jahre nach oem Abschluß des Talmud, als Vergleichs- Position mit einstellte. Insofern nun die Härten und.Bedrückungen der Juden unter Christen geschahen, nenne ich als nächstes Forum der Wertung das Schuldgefühl. Gerade das müßte Christen zurückhalten, in den Chor des Judenhasses em° zustimmen. (Fortsetzung des Aufsatzes Seite 48) f sMrttche lvonüt:Pb?bUött)$W V Speyer a.ftby/

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