Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 6 (Juni 1930)
- Date
- 1930-06-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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[««trat l?reln »4-T4- Blätter für ^eutfektum und Judentum. Monatsausgabe Juni Bryan öes Centml-Vminstautfcher/ ötaatsbüryerMötfellen Naudens e.V. ^Utzer^eins 2siiunH clss ^u6snturns Gefinnung, Sozialgefühl unü Glaube. von Pfarrer Vr. flöolf Wendel. Pfarrer Dr. Adolf Wendel stellt uns liebenswürdigerweise das Manuskript eines Vortrages „Protestant und Judenhetze" zur Verfügung, den er kürzlich gehalten hat. Wir veröffentlichen das umfangreiche Manuskript in der Hoffnung, daß eine Widerlegung der völkischen judengegnerischen Behauptungen aus so berufenem Munde dazu beitragen wird, viele Mitläufer im völkischen Lager zur Ueberlegung und zur Besinnung anzuregen. Die Eroberung -es Dorfes. Der nach Erkenntnis auf irgendeinem Gebiete des Wissens Trachtende wird ein Sympathieverhältnis zum Gegenstände seines Forschend gewinnen. So darf auch ich bekennen, daß vom Arbeitsgebiet der israelitischjüdischen Religionswissenschaft her ein Interesse für die Geschicke dieses Volkes nach seiner klassischen Zeit, ja, bis zu dem unserer Volksgenossen in der Gegenwart bei mir wach wurde. Ueber die literarischen Machwerke des Antisemitismus, sodann durch Bilder von jüdischer Aechtung im Gesellschaftsleben in Befremden und Empörung versetzt, war ich bestrebt, sowohl in Verkehr, Predigt und Unterricht auf den Widerspruch solchen Gebabrens gegen christliches Empfinden hinzuwersen, als auch praktisch uno theoretischliterarisch der Wahrheit zu dienen. Als ich t»ann, itm eben meines wissenschaftlichen Interesses willen, das reichflutende öffentliche Leben gegen die Ruhe eines stillen und abgelegenen .Vogelsbergdorfes eintauschte, da bangte mir vor der Kluft, dre sich zwischen theoretischem und praktischem Arbeitsfeld ergeben würde. Jöh glaubte nicht, daß ,ch dort jemals Gelegenheit haben möchte, auch nur in allgemeiner Form eine praktische Abwehrhaltung gegen völkische Judenhetze zu betätigen oder zu pflegen. Ich hatte nicht daran gedacht, daß die nationalsozialistische Propaganda auch diese Gegenden aufsuchen würde. Sie tat es bald, vielleicht gerade deswegen, weil sie es hier gleichsam mit politischem Brachland zu tun hatte, auf das von allen Parteien bisher wenig oder keine Liebesmühe verwandt worden war. Bereits vor der ersten Versammlung war in unserem Dorfe im kleinen vorgearbeitet worden. Durch Ausmalung der — freilich nicht gerade unbekannten — Notlage unseres Volkes und besonders der Landwirtschaft, deren Vertreter oen größeren Teil der Vortragsbesucher ausmachten, durch stark aufgetragene Verheißungen und einige Erinnerungen an die herrliche Militärzeit wurden viele Herzen gewonnen. Geschickt wurde das Jüdenproblem eben nur gestreift. Gerade zu diesem Thema griff ich dann, als erster und einziger Diskussionsredner, ein. Als ich dem verhehlten Wege der Gewalt, des Bruderkampfes und des Völkerkrieges das christliche Ziel der Volksversöhnung und Völkerversöhnung entgegenstellte, da blickte mich wohl mancher recht erstaunt an, bei anderen mochte ich den Eindrua eines recht Weltunkundigen erregt haben. Aber es trafen mich auch Spottworte und sonderbare Zurufe aus leidenschaftlich erregten Gesichtern. Ich kannte unsere Dorfbewohner fast nicht wieder. Daß trotzdem keine Ortsgruppe gegründet wurde, darf ich allerdings nicht auf das Konto meiner Worte setzen. Ich muß vielmehr bescheiden den Erfolg der Tatsache zuweisen, daß eine Sammlung für die Kosten des Abends angekttndigt wurde. Damit war mir ein recht sicher wirkender Bundesgenosse erstanden, der unsere Bauersleute aus dem Saal trieb. Gar manchmal schüttelte ich in den nächsten Wochen den Kopf über unsere umgewandelten Leute, nahm wegen der naiven Ausdrucksformen die Sache aber nicht so ernst. Das Gefühl der Befremdung steigerte und erweiterte sich jedoch; es wurde zur Befürchtung, als die neue Lehre im eigenen Dorfe und den Filialen zu keimen begann. In den Wirtschaften, bei Festen, in den Häusern, ja, in den Schulen entluden sich nun die Geschosse aus dem Haß- und Spottrepertoire antisemitischer Hetze. Wo man früher allenfalls einen Zeitungsroman öder aus der Volksbibliothek, vom Lehrer oder Pfarrer entliehene Bücher las, da kursieren jetzt der Hitler-Leute Broschüren und Bücher, zum Teil mit widerlichen und obszönen Bildern. Unser aufnahmefrisches, in keiner Weise blasiertes Volk verschlingt sie geradezu. Stille Leute, alles andere eher denn Agitatornaturen, laufen mit den Hitler-Büchern in die Däuser, lassen sich eine Bibel geben und beweisen aus ihr die Bosheiten der Juden, bis die Gesichter glühen und die vernünftige Hausfrau die Sitzung aufhebt. Ehrenwerte, nüchterne Männer, früher guteKirchgänger, kommen nun über ein Jahr schon nicht mehr z u m Gottesdienst, einfach, weil ich mehrmals über Texte aus dem Alten Testament gepredigt hatte! Hier, wo die Kirche bisher eine ungeschmälerte patriarchalische Achtung genoß, traut man auf einmal dem Pfarrer nicht mehr. Der schwerfällige und sonst so verschlossene Oberhesse versucht mit aufgefangenen Redewendungen Gesinnungsgenossen zu werben, ja, er setzt deswegen seine Arbeit und Scholle hintan; da gilt es aufzuhorchen. Wenn man sich da, wo früher traditionelle Ehrfurcht jeden Zweifel an kirchlicher Ordnung erstickt hätte, offen darüber beschwert, daß im Gottesdienst ein Lied gesungen wurde, welches das Wort „Israel" erwähnte, dann must es sich doch hier um die Wirkung eines nicht zu unterschätzenden Rauschmittels handeln. Das ist die antisemitische Hetze. Ihr Gift ist als sicher erprobt, seine Anwendung in vielen Jahrhunderten geübt. Welche Kraft muß ihm mnewohnen, wenn es jahrhundertelange Bindung durchbricht! In dem einen Dorfe, unter 700 Einwohnern, lebten vor nicht langer Zeit noch etwa 100 Juden. Heute sind es nur noch etwa 25. Sie haben eine Synagoge im Dorf, hatten früher eine eigene Schule und einen eigenen Lehrer. Von Kind auf hat man mit Juden zusammen gelebt, in Jugend und Mannesalter hat man Freud und Leid mit ihnen geteilt, man hatte mannigfache Gelegenheit, das Gebetsleben, die Feste, die religiösen Sitten kennenzulernen, sich ihren Sinn eben von jüdischen Nachbarn und Freunden erklären zu lassen — und man glaubt trotzdem all den Entstellungen. Eigentlich sollte man das nur bei gänzlicher Unkenntnis für möglich halten. Es ist alte und selbstverständliche Sitte, daß Juden auch bei Trauungen und am Weihnachtsabend christliche Lieder im Gesangverein in der Kirche mitsingen. Von jeher gehen die Juden mit den Christen zu ihren Beerdigungen; ja, ich hörte, wie Juden und Christen ihre Gedanken über Texte und Sonntagspredigt austauschten. Wie mancher Bauer weiß davon zu erzählen und muß rühmend anerkennen, daß feinen Vorfahren und ihm selber der jüdische Nachbar aus wirtschaftlicher Not half, damals, als kein Christenfreund mehr aufzutreiben war. In diesem Dorfe, in welchem die Gegenbeweise also auf der Straße liegen, erzählt und glaubt man heute, daß der Jude nur AUS DEM INHALT : Dr. Müller-Claudius: Es geht um Deutschland. S. 47. — Justizrat Bernhard Falk (Köln): Frei ist der Rhein. S. 49. Der Mannesmut des Herrn Streicher. S. SO. — S. W. Jaeger: Die Stellung der Frau im Judentum. S.S1•