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Central-Verein-Zeitung · 1930-05-01 · Heft 5 (Mai 1930) · page 10

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1930
Issue
Heft 5 (Mai 1930)
Date
1930-05-01
Page
– (sequence 10)
Language
German
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42 Vorübergeht, und lächelt in sich hinein: „Die Sachen kennen Sie auch, Herr Doktor?" „Warum — auch?" Und nun erzählt er: „Ich dachte, Sie hätten so eine ähnliche Erinnerung daran wie ich. Von der Schulzeit her. So in der Tertia, wenn die große Neugier aufwacht und die Jungen vor jeder Postkarte grinsen, auf der ein nackter Arm zu sehen ist, da sind sie ,scharf' auf jedes zotige Stück Papier. Es wird verschlungen. Man ffthlt sich dann so recht männlich und abenteuerlich. Aber man muß verflucht vorsichtig sein, denn wenn man mit oieser abenteuerlichen Lektüre erwischt wird, e'8 einem übel. Deswegen war bei uns der ^e Paul ein begehrter Mann. Der brachte zuweilen von Hause den „Stürmer" oder ähnliches mit. ,Hallo! Heute habe ich wieder eme saftige Sachet sagte er dann. ,Knorke? Dann wurden die Artikel mit sexuellem Inhalt rauseitten und in Umlauf gesetzt. Zuweilen vier zusammen, jeder fünf Pfennig, und man suchte sich eine »saftige* Nummer am Zeitungsstand aus.". Genug davon. Wir rechten nicht mit dieser Art der völkischen Presse. Sie weiß, was sie tut, wo das Geschäft liegt. Nicht ihr legen wir die Frage vor. Was ist denn nun eigentlich „zersetzend": das Judentum oder der unter dem Deckmantel der „völkischen Erlösung" in Haus und Hof, an jung und alt lüstern herangeschleppte Schund und Schmutz? Die völkischen Blättchenredakteure werden die Augen aufschlagen und entrüstet rufen: „Diese Frage ziemt sich nicht. Die echte deutsche Wahrhaftigkeit nimmt eben kein Blatt vor den Mund . . . Sie ist treu und offen." Worauf zu erwidern wäre, daß es in sexuellen Dingen nur dem echten seelischen Takt möglich ist, Wahrheit und Schamlosigkeit zu unterscheiden. Und daß die antisemitische Wahrheit — eben jene Sorte von moralischer Aufklärung ist, die dieselben Zeitungen, die uns jetzt damit überfluten, mit heiligem Zorn als verlogenes Geschäft bekämpften, solange dies Geschäft von anderen, insbesondere vom Film gemacht wurde. Wir rufen nicht nach dem Zensor. Nicht nach einem neuen Schund- und Schmutzgesetz. Aber was nottut, ist dies, daß die anständige Presie jeder Richtung sich dieses Schandflecks am deutschen Pressewesen erinnere. Und sich erinnere, daß hier mit der Journalistenehre ein skrupelloses Spiel getrieben wird. Es gibt keine ärgere Heuchelei, als Heuchelei aus Geschäftsgründen. Es isteineSchande, daß dieantiemitische Hetzpresse unwiderprochen ihre obszöne Heuchelei bis an die deutschen Jungen herantragen darf. Man Prüfe, sammle, sehe — und widerspreche. In allen Lagern des deutschen Schrifttums. in dem man sich jenes Treibens schämt." Ueberschriften aus völkischen Zeitungen Blulrnorv von Dobrzyn. Die geschächlete Lucie Tomanow. („D e r S t ü r - m e r", Nr. 51, Dezember 1927.) — Der Mord im Schwarwald. (Entblößt, beraubt und geschächtet.) („Der Stürmer", Nr. 27, Juli 1928.) — Der Vater heiratet seine Tochter und der Bruder seine Schwester. (So etwas ist nnr bei Inden möglich.) („Der Stürmer", Nr. 35, August 1928.) — Der Judenfluch über Schillers Gebeine. („D e u t f ch e W o ch e n s ch a u", Nr. 33, August 1928.) — Ostjude Lipper und seine 30 Dienstmädchen. („Der Stürmer", Nr. 24, Juni 1928.) — Jüdische Sexual- Verbrecher und ihr Bertetdignngsshstem. („Der Stürmer", Nr. 24, Juni 1928.) — Jüdische Tierschinderei. („D e r St Nr- IN e r", Nr. 24, Juni 1928.) — De* Weizen der Bankjuden bliiht. („D e r S t ü r m e r", Nr. 25, Juni 1928.) — Der Judeneid. (Die große Lumperei.) („Der Stürmer", Nr. 26, Juni 1928.) — Der Jude Schnitzer und der Blntmord im Schwarzwald. („D erstürme r", Nr. 34, August 1928.) — Das Sektgelage des Juden Bernheim. (Blonde deutsche Angestellte werden betrunken gemacht.) („Der Stürmer", Nr. 34, August 1928.) — Jude — Arzt — Mädchenschänder. Die Leporelloliste des jüdischen Wüstlings. („Der Stürmer", Nr. 26, Juni 1928.) — Die Schandtaten des Juden Wassermann. („Der Stürmer", Nr. 22, Mai 1928.) — Der totgefahrene Nichtjude. (Wie Jud' Adler aus Gnvdstadt den jungen Berkmann un«S Leben brachte.) („Der Stürmer", Nr. 22, Mai 1928.) — Das Kind im Keller. (Ein geheimnisvolles Sittlichkeitsverbrechen zu Breslau.) („D e r S t ü r in e r", Nr. 22, Mai 1928.) — Jüdische Aerzte. (Massenvergistungen durch Chromonalkuren.) („Der Stürmer", Nr. 11, März 1928.) — Die jüdische Weltpest. („Der Stürmer", Nr. 11, März 1928.) — Christusmörder in Schwandorf. („Der Stürmer", Nr. 15, April 1928.) — Das aussätzige Geschlecht. („Der Stürmer", Nr. 10, März 1928.) — Der jüdische Milliardenbetrug. („Ber. liner Arbeiterzeitung", Nr. 31, 6. August 1928.) — De« Judensaustall. („Der Stürmer", Nr. 49, Dezember 1929.) — Von der Jüdische« Journaille in den Tod gejagt. („Der Eisenhammer", Nr. 31a, August 1929.) Der Erfurter Iuöeneiö. Die „Thüringer Allgemeine Zeitung" brachte kürzlich folgende Ausführungen: Wann die Juden zuerst in Erfurt ihren Wohnsitz genommen haben, ist bei dem Mangel an sicheren Nachrichten nicht genau zu bestimmen. Erst in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts treten sie in das Licht der Geschichte? ein aus dem Jahre 1137 stammender Leichenstein und ein im Jahre 1142 geschriebenes jüdisches Gebetbuch sind die ersten geschichtlichen Zellgen für das Vorhandensein einer jüdischen Gemeinde. Wenige Jahrzehnte später müssen die Erfurter Juden schon eine ziemliche Bedeutung gehabt haben, wie aus einer Urkunde, die im Provinzialarchiv in Magdeburg aufbewahrt wird, ei> sichtlich ist. Diese dem Bischof Konrad I. gegebene Eidesformel, der sogenannte Judeneiv, hat folgenden Wortlaut: „Des dich dirre sculdegit des bistur unschuldic. So dir got helfe. Der got, der himel unde erdin gescuf. loub. blumen unde gras, des davore nie was. Unde ob du Unrechte sweris, daz dich die erde uirslinde. di datan unde abiron uirslant. unde ob du Unrechte sweris, daz dich di muselsucht biste, die naamannen liz. unde iezi besinnt, unde ob du Unrechte sweris, daz dich die e uirtilge, di got moysy gab. in dem berge synay, di got selbi screib mit sinen uingern an der steinir tabelen. unde ob du Unrechte sweris, daz dich uellin alle die scrift, di gescriben sind an den uunf buchen Moysy. Dit ist der Juden heit, den die Biscof Cuonrat dirre stat gegebin hat.“ Diese letzten Worte llehmen Bezug auf Erfurt, denn die Urkunde ist mittels seidener Schnüre mit dem Erfurter Stadtstegel versehen. Dasselbe zeigt den Bischof Martin als Schutzpatron der Stadt unter einem mit Türmen gezierten Portal in sitzender Stel- . lung. Zu beiden Seiten desselben stehen die Worte: Scs. Martinus. Um das Ganze läuft die bekannte Inschrift: „Erfordia fidelis est filia Moguntinae.“ Die Urkunde selbst trägt kein Datumzeichen, doch läßt sich die Zeit ihrer Abfassung bestimmen. Der erwähnte Bischof Konrad kommt 1160 zur Regierung, 1163/64 restauriert er die Stadtmauern. Weil er es mit Papst Alexander III. hielt, mußte er xron der politischen Schaubühne zurücktreten. Erst 1183 durfte er in sein Land wieder zurückkehren, aus dem ihn Kaiser Friedrich I. vertrieben hatte. Drei Jahre später mußte er ganz resignieren. Die Urkunde ist also innerhalb dieses Zeitraumes abgefaßt. Das Denkmal ist insofern von großer Wichtigkeit, als es zu den wenigen erstmalig vom 11. Jahrhundert ab begegnenden Urkunden in deutscher.Sprache gehört. Und das ist als ein Fortschritt zur Anerkennung deutscher Rede zu betrachten für eine Zeit, in der deutsche Prosa schlechthin als gebmrsch (bäurisch) bezeichnet wurde. Die Schriftsteller jener. Zeit waren der Ueberzeugung, die einzig vornehme Literatursprache sei der Vers. Der ungebundenen Rede bediente man sich nur in den durchaus nötigen Fällen, also zu ' unmittelbar nützlichen Zwecken. Selbst bei Werken, die durch Inhalt und Absicht die dichterische Form ausschlossen, wie bei den Rechtsbüchern, griff man, wenigstens in den Vorreden und Schlußworten, meist zur Versform, so z. B. beim „Sachsenspiegel". Nicht einmal an den Privaturkunden konnte sich die Prosa zu edler Form entwickeln, weil man sich da mit Vorliebe des Lateinischen bediente. Insofern ist die Tatsache der deutschen Abfassung von Urkunden ein gewaltiger Fortschritt zur Entwicklung der Prosa, und darum hat der „Erfurter Judeneid'" als ältestes deutsches Denkmal Erfurts nicht nur rein lokalgeschichtliche, sondern auch literarhistorische Bedeutung.

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