Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 5 (Mai 1930)
- Date
- 1930-05-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Der „ aufbauende “ Nationalsozialismus. Wir haben soeben gezeigt wie es mit dem „zersetzenden“ Geist des Judentums in Wahrheit bestellt ist. Aus nachstehenden Urteilen, Bildern und Ueberschritten möge der objektive Leser erkennen, mit welchen Mitteln der angeblich „auf bauende, die deutsche Sittlichkeit erneuernde“ Nationalsozialismus gegen die deutsche Kultur wütet. Die Schriftleitung. Nutznießer der Lüsternheit Ein hervorragender christlicher Wiffenschaster schrieb in Nr. 24 der „C. B.-Zelturig" vom 14. Juni 1929; Illustration aus Sondernummer la des „Stürmer“. Illustration cats Sondernummer 2 des „Stürmer“. „Mit einem Gefühl des Grauens muß festgestellt werden, daß die List der Moral mit großem Eifer und rühriger Geschäftstüchtigkeit in einem gewissen Teil der Preffe gezüchtet wird, und zwar unter dem Sohleier des Antisemitismus. Die List der Moral ist ein gutes Geschäft, und gute Geschäfte sind lebensfähig. Was lebensfähig ist, findet immer einen Unterschlupf. Auch die List der Moral fand ihn. Da, wo man sie so eingehend bekämpft und wo man sie als gutes und lebensfähiges Geschäft kennengelernt hatte: in der völkischen Presse. Da blüht sie, da wirbt sie Abonnenten, Käufer, scheinheilig schmunzelnde Leser ... In der Tat: der Antisemitismus ist heute ihr fruchtbarster Sumpfboden. „Ängriff", „Stürmer", „Flamme" und wie sonst die wackeren, mutgeschwellten Namen der papiernen Hetzapostel heißen mögen, sie alle rufen: Fort von der Entartung! Zu reinem Denken, zu keuscher, arischer Gesinnung, der die Scham noch heilig ist! Das ist sehr moralisch. Aber offenbar ist es verlagstechnisch nicht mehr recht fruchtbar. Es hebt nicht den Absatz. Der steigt aber sofort, wenn man auf jene moralische Art doch auch — etwas Pikantes bieten kann. Etwas Erotisches, das man in drei Zentimeter hoher Ueberschrift auf der ersten Seite ankündigt. Damit es in die Augen fällt. Und von dem man dann im Schlußsatz sagen kann: „Pfui! Wir erzählen es euch natürlich nur, damit ihr wißt, wie das Böse aussieht. Um das Schwert des Ritters Georg dagegen zu ziehen. Und da der Arier nur rein denkt, kann das Unreine einzig und allein von Juden kommen. Also ans Werk. Nieder mit den Juden!" Das Geschäft ist gut kalkuliert und leicht zu bewerkstelligen: Man suche nur, und man findet. Irgendwo ist ein Dienstmädchen verschwunden. Es war in einem jüdischen Hause angestellt. Ein objektiver Tatbestand liegt nicht vor. Ausgezeichnet. Man kann verdächtigen, munkeln, pikante Vermutungen ausstellen, die gruseligsadistisch erregenden Schauermärchen vom gefolterten oder gar „geschächteten" blonden Mädchen anbringen, und man hat, was man braucht: eine Ueberschrift, die den hartgesottensten Aufklärungsfilmproduzenten vor Neid zum Platzen bringen muß. Etwa: „Das Drama des Dienstmädchens von Ottensoos. Margarete Hauenstein, die Tochter des Steinbrucharbeiters. Ihre jüdische Dienstherrschaft. Eine viehische Behandlung. Der nächtliche Eindringling. Jüdische Frivolität." („Der Stürmer" 1929, Nr. 11.) Wohlgemerkt: Diese ganze Ueberschrift fett gedruckt. Auf der ersten Seite. Wie sieht die Menschenart aus, die damit gelockt wird? Wir kennen sie, die Schmunzelnd-Entrüsteten an den Bücherständen, die nicht der völkische Erfer, sondern der „nächtliche Eindringling" interessiert. Das Bild stellt die verleumderische Behauptung auf, dass der Talmud die Juden zur Unsittlichheit gegen christliche Frauen veranlasse. Die Schlangen sollen jüdische Sittlichkeitsverbrecher darstellen, die über die gefesselte christliche Frau her fallen. Das Bild nimmt auf den Nürnberger sogenannten Ritualmord-Prozess Bezug, in dem Streicher und Holz zu mehrmonatlichen Gefängnisstrafen verurteilt wurden. Ersichtlich soll es die Parteilichkeit der Justiz zugunsten der Juden dar stellen. Gewiß, man „vermutet" und erfindet nicht nur. Man studiert die Sittlichkeitsprozesse. Zunächst auf die Geeignetheit des Falles für „aufklärende" Überschriften. Sodann auf die Konfession des Angeklagten. Ist der Angeklagte Arier, so kann man mit dem Fall kein Geschäft machen. Man kann sich nicht entrüsten. Hat man aber einen „Fall" mit guter Gelegenheit zu „vielversprechender" Ueberschrift, in dem ein Jude angeklagt ist, so ist das Geschäft gemacht. Man „muß" sich doch entrüsten. Man „muß" doch dem armen, betörten, deutschen Volke die Gefahren vor Augen halten ... Sittlicher Eifer registriert den Tatbe>tand. Kurz, hart, eisern, knapp. Kein Wort, das zuviel ist und im Unreinen wühlt. Aber eben dies ist der genaue Gegensatz zu dem „moralischen" Stil der völkischen Preffe. Auffällig muß hier das Unreine gebracht werden. Auf der ersten Seite. Dick. Mit Wittern und Wühlen, mit Untermalen und spitzem Anbeuten der frivolen' Einzelheiten. . . Nein, das ist nicht Warnen. Das ist Anlocken. Nicht einmal verhülltes Anlocken mehr. Vor mir liegt ein ganzer Stoß völkischer Blätter, die alle, eins wie das andere, nach derselben Methode auffällig hergerichtet, eins wie das andere sehr lauter Zeuge dieser obszönen Methode, die List der Moral auSnutzen. Es ist mir widerlich, hier Beispiele zu häufen. Jeder kann es selbst mit ein paar Blicken auf den Zeitungskiosk an der nächsten Straßenecke tun. Beredter alS Beispiele spricht dies Erlebnis. Kommt da zu mir ein junger Student. Eben Ostern hat er seine Reifeprüfung bestanden. Auf dem Regal neben meinem Schreibtisch liegt jener Stoß völkischer Zeitungen, die rch mir für diese Zeilen bereitgelegt hatte. Obenauf eine Nummer des „Angriffs". „Sexualorgien am Weihnachtsabend" heißt hier die knallige Ueberschrift des „moralischen" Teiles. Es fehlte für diese Nummer zwar an Material, aber nicht an der geschäftstüchtigen Ueberschrift. So wurde denn der, der sich auf die „Sexualorgien am Weihnachtsabend" stürzte, bitter enttäuscht. Denn unter den Orgien wurde nun — die Aufführung eines Pariser Sittenstttckes im Wallnertheater „gegeißelt" , , . Mein junger Student sieht den Stoß, blättert flüchtig darin, als er daran Illustration aus dem „Stürmer“ Nr. 9 vom Februar 1930. mwszt Wi k>.-' Tanz von Juden mit fast nackten christlichen Frauen auf den Leichnamen Verhungerter. Das Bild enthält den gleichen Hinweis wie das erste und spekuliert, da es im Original mehr als viermal so gross ist, und auf der Titelseite des „Stürmer** erschienen ist, sichtlich auf die Neugier jugendlicher Käufer.