Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 5 (Mai 1930)
- Date
- 1930-05-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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40 des Amor dei inlellectualis eher wie eine ernste, Prophetenhafte Erscheinung. Aber die Kritik all biblischen ltvfuubcn und ein dem biblischen Gottesbegriss, die er übte, wurde vom autochthvnen 'Judentum allerdings als fremder, zersetzender Tropfen im jüdischen Blut empfunden; seme Gemeinde schleuderte den Bannstrahl gegen ihn; und noch Moses Mendelssohns fromme Seele, so energisch er auch die Kampfmittel des 17. Jahrhunderts verwarf, schauderte bei dem Gedanken, Freund Lessing könne etwa heimlich Spinozist gewesen sein. So bestätigt es sich auch hier: nicht aus dem Judentum dringt der Geist der Kritik in die Umwelt, sondern umgekehrt aus der Umwelt ins Judentum. Das ganze Vierteljahrtausend zwischen Reformation und Revolution, in welchem der hellenistische Geist seinen Siegeszug durch Europa fortsetzte, zerstörend und aufbauend zugleich in Wissenschaft und Religion, Levensgesühl und künstlerischem Schaffen, es ist von jüdischem Einfluß völlig unberührt; jene Zeit ist vielleicht die unschöpserischste in der gesamten Entwicklung des Judentums gewesen. Als gegen Ende des 18. Jahrhunderts die Oeffnung der Ghettotore begann, fühlte sich der Jude in seinem Ghetto mit der Vergangenheit fester als je verknüpft; dagegen schallte die Welt wider von den Schlagworten des „zersetzenden Geistes": Voltaire führte seine zerschmetternden Schläge gegen öie „infame" Kirche,. Lamettrie gegen jede idealistische Welt- und Lebensauffassung, Rousseau gegen alles geschichtlich Gewordene; und die Durchflhrung einer ungeschichtlichen und unchristlichen Lebensgestaltung durch die französische Revolution fand in Deutschland, dem von jüdischem influß völlig unberührten Deutschland, mächtigen Widerhall; nicht Juden waren die ersten, die der neuen Botschaft zujubelten „von der begeisternden Freiheit und von der löblichen Gleichheit". Mit der Wirkung der Revolution zog zugleich der demokratische Gedanke und der Glaube an die Menschenrechte in Mitteleuropa ein. Beides hat man auf jüdischen Einfluß zurttckführen wollen; aber ganz gleich viel, ob man in der Einführung dieser Ideen ein Verdienst oder einen Vorwurf sieht, die Geschichte lehrt, daß das Judentum daran unbeteiligt ist, also das Lob oder den Tadel gleich wenig verdient. Das Bestreben nach Aufhebung der Standesunterschiede, nach Ueberbrückung alles dessen, was Völker und Konfessionen scheidet, gehört?u den Merkmalen der Aufklärung des 18. Jahrhunderts, insbesondere der deutschen Aufklärung, derdn Ideen der einzige Jude, der tark von ihr ergriffen wurde, Moses Mendelssohn, zwar zu formschönem Ausdruck gebracht, aber höchstens auf dem Gebiete der Aesthetik elbständig weitergesührt hat; nicht nur sein Freund Lessing lehrt im Nathan die Vertreter der verschiedenen Bekennnisse einander als Verwandte Umarmen: in Don Carlos nennen Königssohn und Untertan einander Brüder, in Iphigenie hören Scythe und Hellene die Stimme der Menschlichkeit. Ueberdies wirkt in der Rechts- und Staatsphilosophie einerseits die griechische (genauer gesprochen platonisch-stoische) Idee des Naturtechts nach, anderseits der Puritanismus, der in Amerika zuerst jene Menschenrechte verkündet hat, die in Frankreich Widerhall fanden" Es steht jedem frei, Hugo Grotius oder den Puritanismus und womöglich die gesamte deutsche Aufklärung nebst unseren Klassikern als durch und durch undeutsch und „jüdisch" zu bezeichnen; ich würde mich als Jude solcher Gemeinschaft nicht im mindesten schämen; aber eines steht völlig E: die Ideen der D e m o k r a t i e und der M e n s ch e n r e ch t e hätten nicht minder gewiß ihren Einzug in Deutschland gehalten, nn nie ein Jude den Boden Europas betreten hätte. Für Deutschlands Zukunft ■ „Das Testament eines jüdischen Studenten“. Der Student Maximilian Spaeth in München ist Mitglied und im Vorstand eines geselligen Unterhaltungsklubs. Der junge Mann hat sich 1914 kriegsfreiwillig gemeldet und ist im Felde mit den verschiedenen Kreuzen dekoriert worden. Guter Bürger, meldete er sich während der Räteherrschaft noch einmal freiwillig, um „München zu befreien". Dennoch mußte er es erleben, daß Anfang Dezember in seinem lustigen Brüderklub der Antrag gestellt wurde, wonach künftighin nur Mitglieder ausgenommen werden dürfen, die „nach bestem Wissen und Gewissen versichern können, daß sie deutscher Abstammung sind und unter ihren Vorfahren sich insbesondere keine solchen jüdischen Blutes befinden." Ferner sollte darüber entschieden werden, ob die gründenden Mitglieder, sofern sie Juden wären, in der Gesellschaft verbleiben dürften. Das Vorstandsmitglied Maximilian Spaeth meldet sich bei der Beratung des Antrages — der Programmdebatte sollte ein Konzert folgen — zum Wort, er hatte ja nicht nur unter den Vorfahren, er hatte in den eigenen Adern jüdisches Blut. Der Vorsitzende läßt ihn nicht sprechen, sondern fragt die Versammlung, ob sie Spaeth hören wolle. Die geselligen Klubbrüder stimmen dagegen. Nach längerem Verhandeln erhält Spaeth doch das Wort. Er beginnt seine Rede, aber da hat ein auf deutsche Vorfahren besonders bedachter Klubbruder den lustigen Einfall, der Musikkapelle heimlich einen Wink zu geben. Spaeth redet, die Kapelle spielt. Da entfernt sich der Student aus dem Zimmer, begibt sich in einen Nebenraum und schießt sich tot. Jetzt hört die Musik auf. Maximilian Spaeth ist mit geladenem Revolver in seinen geselligen Klub gegangen. Er wußte, daß dort darüber beraten wurde, ob Juden als Deutsche anzusehen sind. Er war entschlossen zu sterben, wenn die Antwort seiner Freunde verneinend ausfallen sollte. Maximilian Spaeth verfaßte vorher, am 1. Dezember 1918, sein Testament: „Als Deutschem von Geburt, Denkart, Gefühl und Erziehung ist es mir in die Seele hinein schmerzlich geworden zu sehen, welch unheilvolle Entwicklung das geistige Werden meiner Volksgenossen genommen hat und noch weiter nimmt. Ich zweifle daran, in absehbarer Zeit selbst noch Zeuge und Mitwirkender der nationalen Wiedergeburt sein zu dürfen. Gewissenlosigkeit, Verblendung, Selbstsucht, Haß und Rache verdunkeln das klare Vorstellungsvermögen meiner Mitbürger und machen es unmöglich, gemeinsam den geraden Weg, der zu neuem Aufblühen der deutschen Nation führt, zu begehen. Teils die allgemeine, traurige Erwägung, daß es einem innerlich anständig denkenden, reinlich empfindenden Menschen unmöglich ist, in Gemeinschaft mit so aller Ehre baren Zeitgenossen die Lust des Tages zu atmen, teils der besondere Fall von Ungerechtigkeit und Ehrabschneiderei, den ein mir bis jetzt eng verbundener Kreis von Menschen konstatiert, zwingt mich, allem Irdischen zu entsagen. Da es für mich zurzeit kerne Möglichkeit gibt, auf dem kavaliermäßigen Wege mit der Waffe in der Hand meine niedergetretene, vor allen Freunden bloßgestellte Ehre zu reinigen, da militärischerseits die Ehrengerichte nicht mehr existieren, akademische Korporationen mir als Juden nicht Waffenschutz geben, kurzweg mir das Recht der Satisfaktion nicht Zugebilligt wird, wird jeder anständige Mensch es für begreiflich finden und mich nicht für irrsinnig erklären, wenn ich den einzigen Weg nehme, der mir offen steht. Zum Verbrecher will ich nicht werden, niedriger Rachsucht will ich nicht nachgeben. So bleibt für mich nur das eine: D u r ch m e i n e n T o d a n e r k a n n t z u w i s s e n, daß ei »Deutscher jüdischer Geburt, der sein ganzes Leben nur den hohen Idealen besten Menschen- und Volkstums nach ge strebt zu haben glaubt, trotz alle r s einer Laste r und Fehler, auch ei n Mensch von Ehre und A n st a n d s e i n k a n n. Es ist mein glühendster Wunsch, den ich mit ins Grad nehmen will, daß Deutschland und sein armes verblendetes Volk eines Tages frei von allen Binden, die ihm jetzt die Sehkraft feiner Angen verhüllten, aufs neue und für immer zu Macht und Blüte gelangen möge, besser an Art wie dievergangene,unvergänglich anDaner undWert. gez. Maximilian Spaeth." Eines ist, was nützt: die Klarheit; eines ist, was besteht: die Wahrheit; eines ist, was besänftigt: die Liebe.