Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1930-05-01 · Heft 5 (Mai 1930) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1930
Issue
Heft 5 (Mai 1930)
Date
1930-05-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2571117-2571168-2571173--464-2571797
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

39 Das „zersetzende “Judentum. Nach Behauptungen des thüringischen Ministers Frick und seiner Parteigenossen soll das Judentum auf seine Umwelt „zersetzend“ wirken. Wir veröffentlichen im Folgenden eine Reihe Von Stimmen aus jüdischem und christlichem Lager, die beweisen, dass der Geist des Judentums aufbauend und kulturfördernd ist. Wir bringen ferner eine Anzahl überzeugender Beispiele dafüri welche Kreise augenblicklich in Wahrheit die deutsche Kultur in Schrift und Bild zersetzend beeinflussen. Die Schriftleitung. Professor Dr.Erik Nölting (Frankfurt a.M.) über des „Judentums schöpferische Leistung Wo gibt es in unserer Kultur ein Aufbauelement, das an positiver Kraft der Bibel zu vergleichen wäre, von der die mächtigsten Impulse in unser gesamtes ethisches, künstlerisches und materielles Leben fließen. Ist nicht der prophetische Geist, die spezifische Erscheinungsform des jüdischen Geistes, der am meisten aufbauende, vielleicht die positivste aller überhaupt denkbaren Geisteshaltungen? Die starken moralisches Energien, von denen die jüdische Prophetie immer gespeist war, bedeuten gegenüber der durch ihren Ursprung aus der Antike vorwiegend ästhetisch gerichteten westeuropäischen Kultur - einen wertvollen Ausgleich. Gerade weil die technisch-zivilisatorischen Tendenzen bei uns allezeit zu sehr in den Vordergrund zu rücken drohen, ist die Betonung der Notwendigkeit moralischer Persönlichkeitskultur doppelt geboten, damit nicht auch unsere Kultur, gleich der antiken, unter dein Mangel an ethischem Gehalt zusammenbricht. Semitischer Sittlichkeitswille, der mit zäher Beharrung und Unbestechlichkeit allem gleißnerischen Prunk einer äußeren Sachkultur gegenüber immer wieder die alte Gewissensfrage nach deM seelischen Gehalt aufwarf, ist hervorragend berufen, zu verhüten, daß das stolzragende Haus unserer Kultur zu einen: „Seufzerbau" mit äußerer Prunkfassade wird, was doch wohl den äußersten Gegenpol einer „destruktiven Geschichtswirkung" bedeuten dürfte. Weltbeglückung, Völkerverständigung und soziale Gerechtigkeit, die alten Leitideale der jüdischen Propheten, erscheinen stärker denn je als die Werte, die dem heute in . schwerer Krisis sich windenden Europa in erster Linie zugeführt werden müssen. Will man nicht den Wortsinn verkehren, will man nicht Heilung und Aufrichtung Vergiftung und Zersetzung nennen, so bricht der gegen das Judentum erhobene Vorwurf in sich zusammen. Zumindest seine Grundtendenz ist das Gegenteil von Zersetzung, ist durchaus positiv und aufbauend gerichtet. Dem entsprechen auch vollauf die aktiven Kulturbeiträge, auf die das Judentum, herausgefordert durch verleumderische Anschuldigung, in seiner reichen Verteidignngsliteratur mannigfach verwiesen hat und die hier deshalb nicht nacherzählt zu werden brauchen. Man bemängelte den Anteil des jüdischen Elements am bürgerlichen Leben, und das Judentum wartete mit Namen auf, die unsere besten politischparlamentarischen Traditionen verkörpern; man belegte die Teilnahme der Juden an unserem wissenschaftlichen, philosophischen und künstlerischen Leben (einschließlich der Musik!) mit Namen von unbestrittener Geltung. Man wies ihre Bedeutung für unser technisch-wirtschaftliches Leben nach. Kein Lebensgebiet, auf dem sie nicht die ihnen gemäß ihrer Volkszahl prozentmäßig zufallende Leistungsverpflichtung um ein Vielfaches überschritten. Aus den Sphäre:: schöpferischer Leistung stieg man hinab in die Zone der Wertvermittlung, Verbreitung und Popularisierung und fand vor einer erstaunlich großen Anzahl deutscher Genies jüdische Schrittmacher, die den Bann der Verkennung und Mißgunst durchbrachen. Wenn aber dennoch gewisse häßliche Erscheinungen an der Außenfläche des Judentums übrig bleiben, die zu überschminken kein Anlaß vorliegt, so sei für eine gerechte Kritik zum Schluß noch auf zwei Umstände verwiesen. Genau so, wie wir alle unsympathischen Eigenschaften des Judentums lieblos zu übersteigern und grell zu belichten gewohnt sind, wenn wir ohne Bedenken die Verfehlungen des einzelnen der Gesamtheit zuschreiben, während wir jede edle Tat und Gesinnung als Ausnahme von der Regel verbuchen, pflegen wir uns bei einer Selbstverglerchung mit dem Judentum in höchst eigentümlicher Weise zu stilisieren und in Positur zu setzen. Wir legen, vielfach unbewußt, unserem Vergleich ein Deutschland zugrunde, das in Wirklichkeit feit mindestens hundert Jahren nicht mehr existiert, ein Deutschland der „Buchen und Linden" und der Postkutsche, ein harmlos, selbstzufriedenes Land im Stile des Freiherrn v. Eichendorff, in dem dann der verstandeskühle, zynische und vielgewandte Jude allerdings ein leichtes Spiel hat und wie ein Hecht im Karpfenteich wüten kann. In Wirklichkeit sind wir gar nicht mehr so sentimental verträumte Caspar-Hauser-Gestalten, sind längst zu einer nüchernen, überaus rationellen Auffassung aller Lebensverhältnisse erzogen, sind der Psychologie des alten Ackerbürger- und Stände-Staates in der Treibhausluft der kapitalistischen Wirtschaft seit einer Reihe von Jahren entwachsen, haben längst mit den Wölfen der Welt heulen gelernt und nur zu oft ihre Lehrmeister darin abgegeben. Dieses altjüngferliche Sichspreizen mit einer längst verlorenen Unschuld ist widerwärtig, ist unsere Art von Kant, die wir uns abgewöhnen sollten, auch wenn der Antisemitismus eine gern verwandte Waffe aus seinen: Arsenal dabei preisgeben muß. Das andere aber ist das: wo noch nach diesen Abzügen spezifisch jüdische Eigenschaften von unangenehmer Art Zurückbleiben — das Repertoire wird freilich gegenüber den Aufstellungen aus antisemitischen Handbüchern für den Wahlkampf arg zusammengeschrumpft sein —, da ist das historische Moment in Rechnung zu stellen. Das Judentum arbeitet ja kaum hundert Jahre im Licht der Freiheit, es durchlebt ja erst die ersten Dezennien seines europäischen Miterlebens, es war zu lange der „Prügelknabe des Mittelalters" (Cahn), es hat einen tausendjährigen Ghettokerker hinter sich, daß es wirklich kein Wunder ist, wenn es die Striemen seiner Wunden noch nicht völlig los wurde. Die immer noch nicht restlos vollzogene, auch heute noch unvollkommene Emanzipation meldet sich hier, sie treibt noch heute den Juden, den sie Jahrhunderte lang auf „ehrlosen Handel mit Plunder und Zinsscheinen" verwies, in Berufe und Stellungnahinen hinein, die er bei wirklicher Freiheit niemals aufgesucht hätte, in denen er noch heute aus einem gewissen Ressentiment heraus reagiert, was sich dann leicht als „Zersetzung" ausnimmt. Es versteht sich von selbst, daß solche Zersetzungssymptome nicht ein Grund sind zum Zurück in kannibalische Pogrominstinkte, sondern nur einen Antrieb vorwärts bedeuten auf dem Wege der Entfaltung von Humanität und menschlicher Gleichachtung. Professor I. Heinemann (Breslau) an „die Ehrlichen unter den Anklägern“. Als int 15. und 16. Jahrhundert der kühne Geist griechischer Wissenschaft auslebte und alles geschichtlich Gewordene an den Maßstäben der Vernunft und der Menschlichkeit maß, als Erasmus die Lehrer heidnischer Humanität neben die christlichen Heiligen stellte, Lorenzo Valla an die heiligen Urkunden die Sonde der Kritik legte und in Männern wie Ulrich von Hutten ein Kraft- und Lebensgefühl aufjubelte, das der christlichen Demut spottete — wie mächtig hätte da der neue Geist das Judentum ergreifen müssen, wenn die Neigung zur Kritik und zur geschichtslosen Negation ihm im Blute läge! Aber was geschieht? Die Funken, die ins Ghetto herüberdringen, fallen fast sämtlich auf Steinboden. Eigentlich nur an einer Stelle leuchtet ein heller Brand auf: Spinoza. .Spinoza ist der erste Jude, der vom kritischen Geiste des Hellenentums voll ergriffen und dadurch der Stimme seines jüdischen Blutes, der Ueberlieferung seiner jüdischen Lehre entfremdet wurde. Ganz deutlich gehört er nicht mit den Männern zusammen, die damals Talmud oder Sohar lehrten, sondern mit den Meistern der neu erwachten Philosophie und Philologie. Ich möchte wahrlich nicht dahin mißverstanden werden, als wollte ich den Lehrer Goethes und Schleiermachers unter die zersetzenden Geister rechnen. Im Kreise der Seinen, nebe:: Descartes' Verstandesklarheit und Montaignes keckem Lebensgefühl, wirkt der Denker

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.