Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 5 (Mai 1930)
- Date
- 1930-05-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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3$ Der Haß-Professor. AuS einem vergessenen Aufsatz von Dr. H. K. Günther. In einem Aufsatz Dr. H. K. Günthers in „Deutschlands Erneuerung", Jahrgang 1921, heißt es: „Was hat uns Deutsche denn so unbegreiflich gemacht vor den fremden Völkern? Was hat uns denn geradezu verächtlich gemacht und macht uns täglich noch verächtlich? — Daß wir nicht hassen können! Daß es immer noch Leute unter uns gibt, denen das Wort Menschenliebe nicht ein Ekel ist, daß immer noch Schwächlinge unter uns leben, die sich aus Ohnmacht an Betrachten und Verstehen halten, aus Dürftigkeit der Seele an irgendeine Menschengüte glauben, statt, daß sie das Eine üben, an dem für uns allein noch Ehre ist: den Haß!" Für die Schüler der Haß durch Gebete, für die Studenten der Haß durch die „Wissenschaft": Das sind wahrlich geeignete Mittel zum deutschen Wiederaufstieg! nachbiblische Judentum in seiner geschichtlichen Entwicklung, seinem Schicksal, seinen: Wesen, seinen individuellen Leistungen zwei so erlauchten Vertretern dieses Geistes, wie Goethe und Herder, nicht verschlossen bleiben. Beiden ist das jüdische Problem schon früh zum Bewußtsein gekommen: dem einen, als fern empfänglicher Knabensinn alle Schrecknisse des Ghetto aus der Judengasse seiner Vaterstadt Frankfurt in sich aufnahm; dem anderen, als er, aus dem bibelfesten Elternhause ins Leben hinaustretend, die Anfänge der Menschheitsgeschichte in der mosaischen Ueberlieferung zu erkennen glaubte. Kein Zweifel; Goethe sowohl als Herder waren noch in den Anschauungen ihrer Zeit befangen, die den Juden als nationale und soziale Ausnahmeerscheinung betrachtete und ihn, den Angehörigen eines fremden und heimatlosen Volkes, selbst in dem Weimar der freigesinnten Herzogin Anna Amalia unter . besondere, nur wenig gelockerte Gesetzesvorschriften stellte; aber ebenso kein Zweifel, daß manche ihrer abschätzigen Aeußerungen — die der Nassenspezialist H. St. Chamberlain für Goethe mit innigem Behagen zusammengestellt hat — nur aus solchen traditionellen Anschauungen zu verstehen sind. Es gibt keine innere Verbindung zwischen der klassischen Lebensform, wie sie sich am reinsten in Goethes „Iphigenie" und Herders „Briefen zur Beförderung der Humanität" ausprägi und einer Betrachtungsweise, die den sittlichgeistigen Wert eines Menschen leugnet, weil er einer bestimmten Stammes- oder Religionsgemeinschaft angehört. Herder selbst war sich einer solchen, aller Toleranz hohnsprechenden Ungerechtigkeit vollauf bewußt, als er gestand: „Von Kindheit auf ist mir nichts abscheulicher gewesen als Verfolgungen und Beschimpfungen eines Menschen über seine Religion" und ebenso, als er, die Allgemeingültigkeit alles geistig Bedeutenden hervorhebend, die gewichtige Frage stellte: „Wer denkt bei Spinozas, Mendelssohns, Herz' philosophischen Schriften daran, daß sie von einem Juden geschrieben wurden?" Aber der geistige Reformator des Menschengeschlechts wurde auch zu einem beredten Vorkämpfer der Judenemauzipation, indem er sich vor allem für eine gemeinsame, „nach einerlei Grundsätzen der Moral und Wissenschaft" geleitete Erziehung von Juden- und Christenkinderu einsetzte mit dem Ziel, die Juden als gleichberechtigte „Mitbewohner gebildeter Völker" an der Gesamtkultur der Menschheit aktiv teilnehmen zu lassen. Und als ob er vorahnend in konnnende Dinge eingegriffen hätte: er verlangte, die Juden sollten die „alten Nationalvorurteile" ablegen und „ihren geistigen Tempel nicht auf ben nackten Bergen Palästinas errichten"; ihr Palästina sei überall dort, „wo sie leben und edel wirken".- So wies Herder den Juden seiner Zeit den Weg, auf dem sie ihre Menschenwürde behaupten und zu nützlichen und geachteten Mitgliedern der Gesellschaft werden könnten: er brauchte ihnen nur den bedeutendsten ihrer Glaubensgenossen, Moses Mendelssohn, den er nach seinen eigenen Worten von Herzen hochschätzte, als Idealbild vorzuhalten, um sie der Erfüllung ihrer hohen Aufgabe entgegenzuführen. Und auch Goethe, der große Erwecker und Flammenträger, konnte in seiner Kulturmission vor den Juden nicht haltmachen. Es erscheint nicht notwendig, an dieser Stelle den ganzen Fragenkomplex noch einmal aufzurollen, da das Thema „Goethe und die Juden" erst neuerdings von Heinrich Teweles, sodann auch von Julius B a b (in einer aufschlußreichen und klug abwägenden kleinen Schrift) behandelt worden ist. Nur soviel sei bemerkt: Goethes Verhältnis zu Juden und Judentum ist wie ein geistiger Austausch, wie ein gegenseitiges Schenken und Empfangen, bei dem es nicht auf die Fülle, sondern auf den Wert der Gaben ankommt. Was Goethe der altbiblischen Kultur schuldig ist, wie sie seine menschlichen Kräfte angeregt, seine dichterische Phantasie beflügelt hat, ist bereits ausgeführt worden; welchen Einfluß jedoch auf das Gesamtbild seiner Weltanschauung der Jude Baruch Spinoza ausübte, mag man im vierzehnten Buch von „Dichtung und Wahrheit" Nachlesen. Anderseits mußte Goethe, genau wie Herder, in den Juden das Gefühl persönlicher und sozialer Selbstachtung wecken, als er sie, unbeschadet der ablehnenden Haltung, die sein konservativer Sinn gegenüber manchen Neuerungen in der Judengesetzgebung bekundete, in den gesellschaftlichen und kulturellen Kreis von Weimar ausnahm und ihr Schaffen mit lebhafter Anteilnahme begleitete. Es genüge, hier die Namen des Malers Moritz Oppenheim, des Dramatikers Michael Beer, des jungen Mediziners David Veit und des seltsam vagabundierenden, polnischlitauischen Philosophen Salomon Maimon zu nennen, der, mit seiner Transzendentalphilosophie zwischen Kant und Fichte in der Mitte stehend, bei Goethe den Wunsch erregte, ihn „in seinem Zirkel" zu sehen. Und, wie wenn die Juden ihrem verständnisvollen Förderer eine besondere Dankesschuld zurückerstatten wollten: sie fingen an, seinen Ruhm in Deutschland laut zu verkünden. Es war RahelLevin — die trotz ihrer späten Taufe im Herzen Jüdin blieb —, die mit ihrem ekstatischen „Ich bet' ihn an! Ich bet' ihn au!" zuerst in die Fanfare der Goethe-Begeisterung stieß itnb für die jeder neue Band Goethe zu einem Fest wurde. Dieser Goethe-Kult wurde daun, wiederum von Juden, in den ruhigen Strom einer wissenschaftlichen Durchforschung des Goetheschen Gesamtwerkes geleitet: an der Spitze der Goethe-Gesellschaft, die zu diesem Zweck gegründet wurde, stand vierzehn Jahre lang der Jude Eduard S i m s o n, der allverehrte Präsident der Deutschen Nationalversanunlung und des erste:: Deutschen Reichstags, und fast alle nennenswerten Goethe-Biographien, von dem tüchtigen, in weit mehr als hunderttausend Exemplaren verbreiteten Werke Albert B i e l s ch o w s k y s angefangen, bis zu F r i e d - r i ch G u n d o l f s großartig gestaltendem Wurf und Emil Ludwigs psychologisch eindringlicher Geschichte eines Menschen, haben Juden zu Verfassern. #. Es ist für einen Angehörigen der älteren Berliner Gerrnanistengeneration, die sich einst um den wahren Statthalter des klassischen Geistes von Weimar, den unvergeßlichen Erich Schmidt, gesammelt hat, besonders schmerzlich, den Blick auf das heutige Weimar zu richten, in dem die Spuren dieses Geistes völlig verwischt erscheinen. „Die uns das Leben gaben, herrliche Gefühle, erstarren in dem irdischen Gewühle" — aus solcher Erstarrung, wie Faust sie einst empfunden, löst sich nur langsam die Erinnerung an jene Zeiten, in denen unter Erich Schmidts imponierender Leitung Juden und Christen dem Weimar Goethes und Herders in einträchtiger Gemeinschaft gehuldigt haben. Nie wurde diese Eintracht etwa durch ein häßliches Wort konfessioneller Gegensätzlichkeit oder gar Mißachtung gestört, ob wir nun in ernster Seminararbeit oder bei heiterem Becherklang zusammensaßen; niemals ließ der Meister seine Schüler auch nur andeutend ahnen, daß der Nathan-Gedanke, dem er, wie kein anderer, in seinem monumentalen Lessingwerke Ausdruck verliehen, nicht auch von seinem Innersten Besitz ergriffen habe. Ja, als er dem ihm befreundeten Berthold Auerbach den Nekrolog schrieb, fand er nur Worte des Abscheus für das widerliche „Hep-Hep-Geschrei", das dem alten Manne die letzten Jahre seines Lebens verkümmert habe, und an dem Beispiel des trefflichen Erzählers wußte er überzeugend nachzuweisen, daß man ein Jude und gleichzeitig ein guter Deutscher sein könne. Eine andere Melodie dringt aus dem Weimar der Gegenwart zu uns herüber. Und als hätte sich in seinen Mauern nie die heitere Tonwelt des strahlenden Götter- und Goethelieblings, des aus jüdischem Stamm entsprossenen Felix Mendelssohn ausgebreitet — die Fricksche Melodie klingt trist und dumpf und möchte den „rassefremden Elementen", den Juden, am l:ebsten zum Grabgeläute werden. Aber Herr Frick möge sich daran erinnern, daß es sein berühmter Amtsvorgänger, der Staats- Minister Goethe, war. der den Juden Energie, Beharrlichkeit, Zähigkeit als hervorstechende Wesenszüge zugesprochen und ihre in die Ewigkeit sortwirkende Lebenskraft mit den Worten bezeugt hat: Sie gehen nicht zugrunde, weil es Individuen sind.