Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 4 (April 1930)
- Date
- 1930-04-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Jud Süss Von Professor Dr. Walter Goetz (Leipzig) Seit Hauffs Erzählung ist Jud Süß der Welt als Frnanzgenie und Abenteurer bekannt. Auch itt den Geschichtswerken spielt er keine andere Rolle: er hatte es. sich selber znzuschreiben, daß er schließlich als'Opfer seiner gewagten Unternehmungen im Jahre 1737 von einem württembergischen Staatsgerichtshof zum Tode verurteilt und gehängt wurde. Das Buch von S e l m a S t e r n „Jud Süß. Ein Beitrag zur deutschen und zur jüdischen Geschichte" (Akademie-Verlag, Berlin 1929) sucht Bresche in diese Auffassung zu legen. Und da es zum ersten Male das bisher unbenutzte Material der Archive vollständig heranzieht, so hat es einen weiten Vorsprung vor allem früher Geschriebenen: es steht auf dem festen Boden der Tatsachen. Es ist ein wirkliches Verdienst, daß die Verfasserin das gesamte Material des württembergischen Staatsarchivs und dann der Archive in Darmstadt, Karlsruhe, Koblenz und Frankfurt a, M. herangezogen hat — es sind darunter Privatbriefe, die in die wahre Natur des so schwer Beschuldigten einen Einblick gestatten. Als ein „Held" ist er von der Verfasserin deshalb noch nicht geschildert worden; sie hält sich durchaus im Bereiche eines objektiven wissenschaftlichen Urteils, aber anders als zuvor erscheint hier doch sein Bild, und offenbar gerechter, als es früher gezeichnet worden ist. Die Tatsachen sind folgende: Die meisten Fürsten des absolutistischen Zeitalters nahmen sich, da ihre Geldmittel fast niemals für ihre vielseitigen persönlichen Bedürfnisse ausreichten, einen „Leibjuden", d. h. einen geschickten Verwalter ihrer brüchigen Finanzen. So tat es auch Karl Alexander von Württemberg 1732, als er noch Prinz war, und ebenso seine stets gekdbedürftige und stets juwelenfreudige Gattin, eine geborene Prinzessin von Thurn und Taxis, um derentwillen der Prinz — damals noch ohne Aussicht auf die Nachfolge in Württemberg, zum katholischen Glauben übergetreten war. Diese Leibjuden wurden mit Titeln wie Agenten oder Faktoren versehen, und sie hatten die Verpflichtung, Geld zu beschaffen und die Wünsche ihrer Auftraggeber nach kostbaren Steinen, Kleidern und allen möglichen anderen Dingen zu befriedigen. Sie besaßen zumeist sehr viel weitere Beziehungen als ihre christlichen Konkurrenten — sie vermochten deshalb fast alle Wünsche ihrer fürstlichen Auftraggeber zu befriedigen. Nimmt man übrigens alle diese Leibjuden des 18. Jahrhunderts in ihrer besonderen Stellung und mit ihrem Reichtum, so muß man sich über eins wundern: die Theorie von der zunehmenden Ausplünderung der Deutschen durch die Juden müßte sich doch darin Zeigen, daß alle jene damals entstandenen großen Vermögen heute noch vorhanden wärm, aber ganz wenige der damals aufflelgenden jüdischen Namen find in ihrer Stellung geblieben. Ihr Reichtum ist offenbar vergangen, ihre Familien sind — wahrscheinlich gerade als Opfer ihres Reichtums — verschwunden. Es vollzieht sich also hier dasselbe volkswirtschaftliche Gesetz wie überall: Der Reichtum ist keine Dauererscheinung, weder bei Christen noch bei Juden, rmd alles Gewonnene zergeht eines Tages wieder. Eine weitere Beobachtung ergibt sich: diese Leibjudon des absolutistischen Fürstentums konnten offenbar durch niemand anders ersetzt werden, nur sie waren imstande, in den: Wirrwarr der fürstlichen Finanzen, den kein Minister zu meistern . vermochte, - Ordnung zu bringen. Oder war es etwa nur die skrupellose Gewandtheit dieser Juden, das Geld herberzuschasfen, wo immer es zu haben war, ohne Rückficht aus Volk und Staat? Es scheint mir ein besonderes Verdienst des vorliegenden Buches über Jud Süß zu sein, daß es einmal auf das genaueste und aktenmäßig in die finanzielle!: Maßnahmen eines dieser Leibjuden hineinsehen läßt. Nur müßte es auch für andere noch in gleicher Weise geschehen. Für Jud Süß wird aber fortan feststehen, daß seine gesamte Tätigkeit auf eine Ordnung der württembergischen Skaatssinanzen, aus die Rationalisierung eines unerträglichen Systeins, hinausging. Statt Bedrückungen muß man Steuererleichterungen feststellm, seit er zu einer Art von Alleinherrschaft im Lande kam. Während die württembergischen Minister jeden Ueberblick über die Staatsfinanzon bei einem unbrauchbar gewordenen System ttnfc infolge ständiger Vermischungvon herzoglicher Privatkasse und Staatskasse verloren hatten, und zu einer Reform weder befähigt noch gewillt waren, hat Jud Süß in den drei Jahren seiner Tätigkeit Veränderungen durchgeführt, die bei längerer Dauer zur Gesundung der württembergischen Finanzen, zum Aufbau eines Zeitgemäßen Einnahme- und Ausgabesystenrs hätten führen können. Jud Süß begriff die Kernfrage: die Umgestaltung des Systems, während die andern nur hier und dort zu ändern suchten. Bei dem vollkommenen Vertrauen Karl Alexanders zu Jud Süß erlangte dieser entscheidenden Einfluß auf die finanziellen Gebiete der Staatsverwaltung, und es wird sich nicht leugnen lassen, daß seine Vorschläge zur Hebung der Industrie — durchaus nach den Gedawkengängen des Merkantilismus —, zur Errichtung von Staatsmonopolen, zur Einführung einer Staatskotterre, .und vor allem zur Errichtung einer württembergischen Staatsbank das Finanzwesen des Herzogtums auf eine neue und gesicherte Grundlage gestellt hätten. Bei der Einführung neuer direkter Steuern war Jud Süß nicht überall der Erfüider, aber er galt in allem als der Berater des Herzogs, und so wurde der Versuch einer allgemeinen Einkommensteuer, der regelmäßige Gehaltsabzug und anderes aus ihn allem, geschoben. Gegenüber einem zersplitterten und durchaus ungerecht die Lasten verteilenden Steuersystem, wie es Württemberg, damals befaß, waren freilich alle diese neuen Versuche Verbesserungen, und die Akten geben keinen Anhaltspunkt dafür, daß Jud Süß sich dabei habe persönlich bereichern wollen — hier galt seine Fürsorge allein den Finanzen des Landes und des Herzogs, und es blieben für ihn, der von sehr vielen Seiten in Anspruch genommen wurde, noch genug Möglichkeiten, sich in der privaten Geldvermittlung. und -Verwaltung und im Warenverkehr reelle Einkünfte zu sichern. Das Finanzshstem des Landes ist von Jud Süß nicht nur nicht geschädigt, sondern vielmehr gebessert worden. Wenn sich auf ihn in der kurzen Negierungszeit Karl Alexanders (1733—1737) der Haß konzentrierte, so lagen gariz andere Gründe dafür vor. Karl Alexander kam als katholischer Herzog im streng evangelischen Württemberg zur Regierung, und so stand ihm von Anfang an das tiefste Mißtrauen gegenüber. In der Tat hat er trotz der zugunsten der evangelischen Lehre ausgestellten „Neligionsaverfalren" die Absicht verfolgt, das Land dem Katholizismus zu öffnen. Mit den Ständen des Landes kam er von Anfang an in Konflikte, da er das Joch dieser Mitregierung gu beseitigen versuchte. Aber nichts stand im Lände höher als das protestantische Element und das ständische Recht. Me Stände ,**.*,* p«. «.tytuiiu um numiiuu»/u|i (uu:wt, — yeuuu 31 hatten in Württemberg die Mitregierung zu behaupten vermocht; sie übten sie durchaus zu ihren Gunsten aus, und jede Aenderung stieß sich an der zähen Beharrlichkeit der bevorrechteten Stände — befreit von jeder direkter: Steuer, galt ihnen ein Eingriff in dieses Vorrecht als besonders unerhört. Und deshalb warf sich ihr Haß auf Jud Süß, den man als die Ursache aller Veränderungen ansah. Die Minister und geheimen Räte des Herzogs aber fühlten sich ausgeschaktet — der Jude hatte den brr weitem größeren Einfluß beim Herzog, und er griff mit seinen Reformen in ihre Gewohnheiten und Einflußsphären ein —, auch hier war Grund genug zum Hasse da, besonders wenn die übliche Vetternwirtschaft durch Einsetzung geeigneterer Elemente durchbrochen wurde. Das persönliche Leben von Jud Süß gab allerdings genug Anlaß, ihn anzufeinden. Er führte ein Leben großen Stils, wie sein zunehmender Reichtum es ihm gestattete; schlimmer aber war noch, daß sich ihm, der zu einem eleganten Hofmann geworden war, die Frauen in die Arme warfen — vom Bauernmädchen bis zu den Hofdamen soll er eine unbeschränkte Auswahl von Anbeterinnen und von- Geliebten besessen haben. Was matt dem Fürsten gestattete, sah 'man dem Juden nicht nach — die noch streng protestantische öffentliche Meinung Württembergs war in tiefer Entrüstung über diese Freiheiten des Landfremden. So war es klar, daß Jud Süß mit Herzog Karl Alexander stand und fiel: als dieser unvermutet schon im März 1737. starb, war auch das Schicksal von- Jud- Süß entschieden. Er wurde noch in der Nacht nach des Herzogs Tode verhaftet, und der Prozeße der gegen ihn eingeleitet wurde und bei dem seine persönlichen Feinde aus dem Kreise der Geheimräte seine Richter waren, endete mit der Ver- Lesen Sie: Dr« Paul Rieger „Vom Heimatsrecht der deutschen Judenu und Prof. Dr. Jul. Goldstein „Deutsche Volksidee und deutsch-völkische Idee“. Diese Bücher werden an die Leser der Monatsausgabe kostenlos ausgeliehen. Interessenten wollen ihre Adresse an das Bureau, des Central-V er eins, Berlin SW 68, Lindenstrasse 13, richten. urteilung zum Tode durch den Strang. Niemals hat Jud Süß an ein solches Urteil gedacht; als es trotzdem dazu kam, ist er tapfer in den Tod gegangen, sich zuletzt wieder zum Glauben seiner Väter bekennend, zu dem er jahrelang kein Verhältnis gehabt hatte. Die Verfasserin dieses Buches legt uns die Verhandlungen des Gerichtshofs nach den Akten vor; was man agen Jud Süß an Beschuldigungen vorbrachte, war Haarspalterei und Nebertreibung — daß er Hochverrat getrieben und die Verfassung habe stürzen wollen war in keiner Weise festzustellen, noch weniger, daß er sich auf Kosten des Landes bereichert habe. Cs läßt sich nicht leugnen: die Vollstreckung des Todesurteils an Jud Süß war ein Justizmord-. Dieses Ergebnis hat die Verfasserin nicht einwandfrei bewiesen. Jud Süß war keine unanfechtbare Persönlichkeit, aber er fiel als ein Opfer des Hasses, den. das Regiment des katholischen Herzogs Karl Alexander ebenso ausgelöst hatte wie die finanzielle Ueberlegenheit des Juden gegenüber einem schwerfälligen und veralteten Verwaltungssystem. Das Buch ist warm zu empfehlen; denn es liest sich gut und bringt ein Material zur Geschichte des Abfolutismus, das wert über die Person des Jud Süß hinaus von Bedeutung ist. Beide Berlin sw iw. Bruck von Rüdolf Mosse.