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Central-Verein-Zeitung · 1930-04-01 · Heft 4 (April 1930) · page 8

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1930
Issue
Heft 4 (April 1930)
Date
1930-04-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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L-liseve deutsche Heimat. Rosy Bodenheimer, Beitrag zur Geschichte -er Juden in Oberhessen von ihrer frühesten Erwähnung bis zu ihrer Emanzipation. Gietzener I. D. 1V30. Dieses Schriftchen, mit welchem Frau Nosy Bodenheimen die Würde eines vr. phil. in Gießen erworben hat, darf auf das Interesse der Leser dieser Zeitung Anspruch machen. Gestützt auf eine gute Kenntnis der Quellen, als welche vornehmlich die sogenannten „Memorbttcher" der Synagogen in Betracht kommen, und unter Benutzung der wissenschaftlichen Literatur, gibt die Verfasserin eine gutgeschriebene Skizze der Geschichte der Juden in Oberhessen. Diese Geschichte ist angefüllt mit denselben Leiden und Schicksalen, die überall das Los der Juden in Deutschland waren. In ruhiger, sachlicher und unparteiischer Weise hat Frau Vodenheimer ihr Thema behandelt, um so wuchtiger wirkt die Anklage, die sich unmittelbar aus der bloßen Darstellung der Tatsachen gegen Ritter, Fürsten usw. ergibt. Aus dem Inhalt der Schrift sei hier' nur folgendes mitgeteilt: „In Münzenberg gab es bereits in der zweiten Hälfte des zwölften Jahrhunderts eine jüdische Gemeinde. Im Jahre 1188, so berichtet Elsässer von Worms, müssen die Juden von Münzenberg unter Zurücklassung ihrer Thorarollen und Pfänder fliehen. Eine christliche Frau war an einem Platze, an dem Juden wohnten, in einen Brunnen gefallen. Man hatte die Juden beschuldigt, die Frau in den Brunnen gestürzt zu haben." Es war natürlich gehässige Verleumdung. Der Fall ist typisch. Für 1349 sind Judenverfolgungen in Gießen, Homburg v. d. H. und Butzbach nachweisbar. Im selben Jahre wurde sie aus Friedberg ^vertrieben, das Judenbad, die Judenschule, Häuser und Hof verkaufte der Landesherr. Aehnliche Berichte liegen aus G r ü n b e r g vor, vom Jahre 1337. Solche Verfolgungen kehren nun im Lauf der Zeiten immer wieder. Zum Beispiel gab Philipp der Großmütige 1524 den Befehl zur Vertreibung der Juden aus Hessen. Die Juden sollten hier, wie so oft, als Ableiter des Völkszornes dienen: Philipp wollte damit die Erregung der Bauernunruhen Niederschlagen. Freilich mußte er den Befehl schon 1532 zurücknehmen. Es waren besonders die lutherischen Theologen an-seinem Hose, die den Judenhaß schürten. Ihr Einfluß zeigte sich auch in der „Judenordnung" vom Jahre 1539. Wenn man liest, welch unwürdigen Beschränkungen und Vexationen die Juden hier unterworfen werden, steigt einem die Schamröte ins Gesicht. Besonders kränkend waren Bestimmungen, welche die Juden zwangen, christlichen Gottesdiensten beizuwohnen. . ' Während des Dreißigjährigen Krieges schiebt man den Juden die Verantwortung für alles Unheil der Zeit zu: die Verschlechterung der Münze, die Verteuerung der Wohnung, des Fleisches, des Holzes usw. Erst das Zeitalter der Aufklärung brachte einige Erleichterungen. Jedoch wurde z. B. der Leibzoll erst 1805 aufgehoben, und erst seit 1820 konnten die Juden unter gewissen Bedingungen hessische Staatsbürger werden. Genug! Wer den Inhalt der Dissertation auf sich wirken läßt, kann an einem Beispiel sehen, wie hart der Weg der Juden^in der ^Geschichte Deutschlands war; die Wurzeln des modernen Antisemitismus werden bloßgelegt. Und um so höher steigt.die Achtung und Bewunderung für unsere jüdischen Mitbürger, die nicht nur in allen Verfolgungen treu an der Religion ihrer Väter festgehalten haben, sondern, allen Leiden zum Trotz, sich immer als gute Deutsche bewährt haben. — Die Arbeit von Rofy Vodenheimer ist in jeder Hinsicht lehrreich und verdienstlich.?rok. vr. W. Kinkel, Giessen. Adolf Kover, Rheinische Judeudoktoren, vornehmlich des 17. nnd 18. Jahrhunderts. Sonderdruck ans der Festschrift znm 75jöhrigeu Bestehen des jüdisch-theologischen Seminars Fräukelscher Stiftung, II. Band. Gemeinderabbiner Dr. Kober (Köln) liefert in der. vorliegenden Schrift nicht nur einen weiteren Beitrag zu der bereits ziemlich umfangreichen Literatur über die jüdischen Aerzte, sondern darüber hinaus eine wertvolle Stadie über die kulturellen und soziologischen Verhältnisse innerhalb der rheini- . Der Talmud enthält — neben den religionsgesetzlichen Untersuchungen — sehr viele Anekdoten aus dem täglichen Leben, Lebensweisheiten in Form einfacher Legenden, kurz Erzählungen, wie sie der einfache Mann liebt und wie sie auch aus dem deutschen Mittelalter in Chroniken und Schwankbüchern erhalten sind. Für die Lebensauffassung eines Kulturkreises sind diese aus dem Volke entstandenen und von Mund - zu Mund verbreiteten Anekdoten sehr charakteristisch,—'geben sie doch oft ein lebendiges .Bild der Anschauungen, die in der Zeit ihrer Entstehung herrschend waren. Eine Reihe solcher Erzählungen aus dem deutschen Mittelalter haben genaue Parallelen in dem um fast ein Jahrtausend früheren talnmdischen Schrifttum, ohne daß ein ursächlicher Zusammenhang nachgewiesen oder zu vermuten ist. Diese Uebereinstimmung läßt erkennen, daß die talmudischen Anschauungen über wichtige Fragen des Lebens den entsprechenden deutschen nahestehen; — diese Volksliteratur -zeigt, daß die Stellung der Frau im Judentum leine andere war als bei den mittelalterlichen Deutschen. Dies ist besonders interessant, weil vielfach behauptet wird, die Frau werde im jüdischen ^Schrifttum „herabgewürdigt". An zwei Beispielen, die von Frauen handeln, soll diese Nebereinstimmung gezeigt werden. Das Motiv, das der berühmten Erzählung von den „treuen Weibern zu Weinsberg" Zugrundeliegt, ist bereits im Talmud zu finden. Als der deutsche König Konrad III. im Jahre 1140 die Stadt Weinsberg erobert hatte, schenkte er, so erzählt die Sage, den Frauen das Leben und erlaubte ihnen, mitzunehmen, was sie tragen könnten. Die Frauen trugen dann ihre Männer aus der Stadt hinaus, weil diese ihnen das liebste wären. (Vgl. Bernheim „Die Sage von den treuen. Weibern zu Weinsberg" in „Forschungen zur deutschen Geschichte", Band 15, 1875). — Der babylonische Talmud (Traktat Pesachim 17) erzählt von einem Ehepaar aus Sido, das zehn Jahre in glücklicher Ehe lebte, aber keine Kinder hatte. Gemäß der damaligen Anschauung wollten sie sich aus diesem Grunde trennen, und sie gingen zu dem berühmten Gelehrten Simon ben Jochai, um die Ehescheidung zu beantragen. Dieser riet ihnen, vor der Scheidung ein Abschiedsfest zu feiern, — genau schell Judengemeinden. Trotz der außerordentlichen Schwierigkeiten, die der ärztlichen Tätigkeit der Juden durch judenseindliche Gesetzgebung und Praxis, oft aber auch durch jüdischen Konkurrenzneid erwuchsen, haben jüdische Aerzte seit dem 11. Jahrhundert (nachweislich) in rheinischen Städten praktiziert. Neben diplomierten Merzten fehlt es nicht, wie unter den Heilkundigen Überhaupt, an Außenseitern, Kurpfuschern und Betrügern, und der Kamps gegen diese innerhalb der Gemeinden noch im 17. Jahrhundert läßt die inneren Zustände der Gemeinden in nicht allzu rosigem Licht erscheinen. Das ordentliche Studium an den Universitäten war den jüdischen Medizinern nur im Ausland möglich; das Promotionsrecht an .deutschen Universitäten erhielten sie jedoch erst in der ersten Hälste des 18. Jahrhunderts. Als jüdische Gemeindeärzte begegneten sie keinen behördlichen Schwierigkeiten; ihre öffentliche Niederlassung müßten sie sich jedoch vielfach noch gegen Ende des 18. Jahrhunderts erkämpfen. Die jüdischen Aerzte waren für die Christen von ebenso hoher sozialer Bedeutung wie für die Juden, da sie als Aequivalent für die Abgabensreiheit den Armen ohne Unterschied des Glaubens ihre Kunst unentgeltlich zur Verfügung stellten. Urkundliche Beilagen bilden den Abschluß der auch' für den Nichthistoriker sehr wertvollen Schrift. ' 8t. so schön.wie einst bei der Hochzeit; denn sie wollten sich doch ohne Groll und Haß trennen. Das Ehepaar, folgte dem Itate, und bei dem Gastmahle bat der Mann seine Frau, sich das Schönste'und Kostbarste aus dem Hause als Andenken mitzunehmen. Als der Mann, der etwas viel getrunken hatte, eingeschlafen war, brachte ihn die Frau in das Haus ihrer Eltern. Beim Erwachen fragte der Mann erstaunt, wo er sich befände. Die Frau erwiderte, sie habe sich seiner Aufforderung gemäß das Liebste mitgenommen; was könne ihr aber lieber sein als ihr Mann. Von der Anhänglichkeit gerührt, gab der Mann den Vorsatz auf, - sich scheiden zu lassen, unt> Rabbi Simon ben Jochai konnte dem Paar eine weitere gute Ehe wünschen. Beiden Erzählungen liegt dasselbe Motiv von der Schlauheit und Anhänglichkeit - der Frau zugrunde. Bei den Erzählungen, die Frauen betreffen, finden wir auch sonst erstaunliche Parallelen in Talmud und .deutschem Mittelalter. — Der deutsche Dichter und Meistersinger Heinrich zur Meise (1Ä0 bis 1318) erhielt bekanntlich den Beinamen „Frauenlob", weil er in einem Streitlied das Wort „Frau" gegen das Wort „Weib" verteidigte. Zum Dank dafür soll ihm der Ueberlieferung nach die Ehre zuteil geworden sein, daß Frauen seinen Leichnam zur Domkirche begleiteten. Dasselbe wird im Talmud (Traktat Nedarim 66) von Rabbi Jsmael erzählt. Dieser wußte die Vorzüge der Frauen hervorzuheben und machte viele Ehen wieder glücklich. .Selbst an der häßlichsten Frau , fand; er nach dem talmudischen Bericht immer noch etwas'Schönes und sei es nur den schönen Namen. . Auch sorgte er für die Ausstattung und für.den .Schmuck der Bräute. Bei seinem Tode geleiteten alle Frauen und Mädchen der Stadt seine Leiche und klagten um den Tod des Rabbis. Hier hören wir also von einem „Frauenlob" und von dem Trauerzüg der Frauen fast tausend Jahre vor dem entsprechenden deutschen Bericht. S. W. Jaeger. Verlag: Centralverein deutscher Staatsbürger jüd. Glaubens e. V., Berlin SW 68, Lindenstraße 13. Hauptschriftleitev, i. Vr Dr. A l.f r e d Wiener. Verantwortlich: Dr. Margarete Edelheim. ' Beide Berlin SW 68. Drück von Rudolf Mosse, Die Weiber von Weinsberg und ihr kalmudisches Vorbild. /

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