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Central-Verein-Zeitung · 1930-04-01 · Heft 4 (April 1930) · page 6

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1930
Issue
Heft 4 (April 1930)
Date
1930-04-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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^0 LS Jahre Schwesternöienst Ein Geöenkblatt von Gustav Zelömann (Stuttgart). Wenn man die Bedeutung irgendeines Teiles der Volksgemeinschaft für den Gesamtstaat danach bemißt, ob und welche uneigennützigen Leistungen dieser Volksteil aufzuweisen hat, dann ist die Allgemeinheit besonders wenig geneigt, uns Juden solche Leistungen zuzugestehen. Aber es gibt einige Arbeitsgebiete, bei welchen der Gemeinnützen ,so sehr das Eigeninteresse überwiegt, daß jedermann gern diese Tatsache anerkennt. Uno eines dieser Gebiete ist die öffentliche Krankenpflege. Am 1. April 1930 werden es 25 Jahre, daß das Jüdische S ch w e st e r n h e i m Stuttgart seinen Betrieb mit drei Schwestern ausgenommen hat, und im Verlaus des seither verflossenen Vierteljahrhunderts ist die Arbeit der inzwischen auf zwölf angewachsenen Schwestern unzähligen Juden und Christen zugute gekommen. Die Gründung des Vereins Jüdisches Schwesternheim, die auf den September 1900 zurückgeht, stieß ursprünglich auf sehr große Widerstände. Man sprach von künstlichen Mauern, die zwischen Juden und Christen aufgerichtet würden, und man erklärte, daß die christlichen Schwesternverbände vollauf genügten und auch bereit wären, die jüdischen Kranken zu pflegen. Aber man übersah dabei vollkommen, daß gleichartige Arbeit nicht trennt, sondern verbindet, und daß eine Dienstleistung wie die Krankenpflege nicht mit Geld bezahlt werden, sondern nur durch die Leistung der gleichen Liebesdienste erwidert werden kann. Man erklärte auch die jüdischen Mädchen als ungeeignet für den Pflegeberuf, aber die Vereine jüdischer Schwestern, welche seit bald vierzig Jahren in ganz Deutschland bestehen, haben das Gegenteil bewiesen. Wie die Schwierigkeiten der Gewinnung geeigneter Menschen in Stuttgart nur schrittweiseüberwunden werden konnten, das wurde seinerzeit im ersten Jahresbericht des Schwesternheims erzählt. Heute kann man es gar nicht mehr begreifen, daß es jahrelang dauerte, bis die ersten brauchbaren Schülerinnen gewonnen wurden. Auch in späteren Jahren hat der Verein diese Schwierigkeiten nie ganz überwinden können, weil ihm ein eigenes Krankenhaus fehlt. Aber in bezug auf die Verwendung der Schwestern ist Stuttgart von Anfang an seine eigenen und, wie^man heute wohl sagen kann, richtigen Wege gegangen. Den Schwestern ist es verboten, im Hause des Kranken zu essen. Das enthebt in den kleinen und mittleren Familien die Hausfrau der oft drückenden Sorge um die Verpflegung der Pflegerin und verschafft der Pflegerin, eine ungestörte Essenspause auch bei Schwerkranken. Keine Schwester soll länger als vier Wochen bei einem Kranken bleiben. Das verhindert die Monopolisierung der besonders tüchtigen Schwestern durch begüterte Kranke und verbürgt den Schwestern auch in den schwersten Pfleger: die Ablösung nach einer im voraus bekannten Zeit. Kein Gepflegter erhält eine Rechnung. Das erlaubt auch dem Armen und wenig mit Glücksgütern Gesegneten, in Krankheitsfällen ohne langes Besinnen eine Schwester zu verlangen, und gibt den Schwestern eine vom Kranken unabhängige Stellung. Die aufgeführten Grundsätze waren nicht leicht durchzusetzen, denn sie stehen im Gegensatz zu den Wünschen des einzelnen Kranken, seiner Familie und seiner Aerzte. Wer einen Schwesternverein als ein Geschüftsunternehmen betrachtet, der wird mit Recht sagen, daß sie auch ganz und gar nicht kaufmännisch gedacht sind. Aber das ist ja gerade der springende Punkt: ein Schwesternheim soll und darf kein Geschäftsunternehmen sein; der leitende Gedanke muß der soziale sein, uiib die Kunst der Leitung besteht darin, die oft einander widerstrebenden Interessen des einzelnen Kranken und der Gesamtheit auszugleichen. In den fünfundzwanzig Jahren seines Bestehens hat das Jüdische Schwesternheim Stuttgart über 49 300 Krankenbesuche, beinahe 37 000 Pflegetage in ganz Württemberg und 14 370 Pflegetage im Heeresdienst geleistet, alles das ohne Ansehung der Konfession oder des Vermögens. Die Arbeit der Schwestern im Frieden ist vorwiegend den jüdischen Einwohnern zugute'gekommen, aber auch viele Christen haben sie in Anspruch genommen, und gerade die unentgeltlichen Pflegen sind in einem nicht unerheblichen Teil der Fälle unseren christlichen Mitbürgern geleistet worden. Im Krieg ist die weit überwiegende Zahl aller Pflegen christlichen Soldaten zuteil geworden. Im Breisacher Lazarett der jüdischen Schwestern wurde die offene Wundbehandlung mit glänzendem Erfolg systematisch durchgeftthrt. In Jnor arbeiteten die Stuttgarter Schwestern in aufreibender Seuchenpflege. In Siebenbürgen und Rumänien pflegten sie unter den denkbar schwersten Verhältnissen, und in Belgien machten sie schließlich die Entbehrungen und Nöte des ausgehenden Krieges durch. Während die große Mehrzahl der Vereinsschwestern fast den ganzen Krieg über auf dem Kriegsschauplatz weilte, räumten die in Stuttgart zurückgebliebenen ihr schönes Haus vollkommen den Verwundeten ein, die es bis Ende April 1919 besetzt hielten. Im Lazarett des Jüdischen Schwesternheims Stuttgart gab es keine konfessionellen Unterschiede. Mannschaften und Offiziere wohnten gleich gern in diesem Haus, dessen sonnige Lage zusammen mit liebevoller Pflege Verwundeten und Kranken zum Segen gereichten. Es mag sein, daß all das von der Oeffentlichkeit schnell und gründlich vergessen wird, und daß derjenige falsch rechnet, der meint, man könne mit solchen Beweisen auch nur einen kleinen Teil der Judengegner bekehren. Aber die Arbeit der Schwestern wurde und wird nicht uw des Dankes willen geleistet; es genügt auch nicht, wenn man, wie dies manchmal und sogar von maßgebender Seite geschieht, von dem ethisch--charitativen Charakter der jüdischen Schwesternvereine spricht und von den Schwestern nur ein allgemeines Bewußtsein ihrer Verpflichtungen gegenüber der Oeffentlichkeit fordert. Das Leitmotiv ist und bleibt der Kiddusch h a s ch e m, die Heiligung Gottes, und zwar in dem ausgesprochen jüdischen Sinn, daß diese Heiligung zu erfolgen hat durch und in der täglichen Arbeit, durch gewissenhafte Erfüllung aller Pflichten, durch eine schlichte Lebensführung im Sinn unserer Väter und durch Werke der Nächstenliebe an allen Menschen. Möge das Jüdische Schwesternheim Stuttgart auch nach weiteren fünfundzwanzig Jahren darauf Hinweisen können, daß seine Schwestern unter diesem Stern gearbeitet haben! (Fortsetzung von Seite 28.) Baumann mber errechnet — auf Grund von angeblichen, aber tatsächlich umgedichteten Mitteilungen derselben Zeitung vom 10. Mai 1917 — einen Gesamtverlust von rund 4700, also 1127 Verluste weniger als die von ihm angeblich benutzte Quelle. — Am 19. November 1918 starb der Herausgeber und Schriftleiter der „Jüdischen Volkszeitung", Dr. Louis Neustadt, in Breslau, und infolgedessen sind weitere Veröffentlichungen unterblieben. Wäre dem Genannten eine längere Lebensfrist vergönnt gewesen,. so hätte er sicherlich die Veröffentlichung seiner Verlustlisten auf Grund von 'Mitteilungen aus seinem Leserkreise fortgesetzt und eine noch höhere Endziffer erreicht. Die Behauptung des Herr:: Major a. D.: „So ergibt eine genalle Berechnung einen Gesamtverlust von rund 4 7 0 0" („und das i st hoch g e r e ch n e t" nach b e nt Wortlaut seines Artikels vom 26. November 1 9 2 7) e r w e i st sich sonach durch Aussage des von i h nt selbst angeführten Kronzeugen als Unwahrheit! So hat der Herr Major sich gestellt! Er hat sich — wie anzunehmen ist, von Haß geblendet — auf den Boden einer durch Quellenf ä l s ch u n g entstandenen Parteilegende gestellt und auf demselben ein Phantasiegebäude von Zahlen aufgerichtet, das mm durch einen unanfechtbaren Nachweis des Tatsachenbestandes zusammengebrochen und hinabgesunken ist in das Nichts, aus dem es aufgetaucht ist. Und ein solcher Unwahrsager wagt es am Schlüsse seines Schmäartikels fettgedruckt zu erklären: „Es ist zahlenmäßig (!) erwiesen, daß die wehrpflichtigen Juden im Weltkriege das deiltsche Volk schmählich im Stich gelassen haben und sich mit wenigen Ausnahmen schamlos gedrückt haben. Allein schon deswegen haben die Juden in Deutschland das Heimatrecht für immer ■ verloren." Darauf müssen wir ihm erwidern: Baumünner, die sich durch Verbreitung von ehrschänderischen Unwahrheiten über ihre toten Kameraden als Umsturzmänner betätigen, hatten nie ein Heimatrecht im Reiche des deutschen Geistes. vr. A. Eckstein, Rabbiner i. R. (Bamberg).

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